Ist es möglich, Wasser nicht als Feind, sondern als Freund zu sehen? Und welche Maßnahmen können ergriffen werden, damit Rotterdam für die Zukunft vorbereitet ist? In den vergangenen Jahren hat die Stadt eine Reihe wichtiger Schritte unternommen, um diese Fragen zu lösen. Die Stadtverwaltung Rotterdams, die Wasserbehörden

Hollandse Delta, Delfland und Schielend & Krimpenerwaard haben gemeinsam den „Waterplan 2“ erstellt. Das Adaptionsprogramm „Klimasicherheit Rotterdam“ wurde etabliert, die ersten Ergebnisse des Wasserplans sind bereits sichtbar. Rotterdam nutzte die allgegenwärtige Überflutungsgefahr als Chance, eine sichere, wirtschaftlich starke und attraktive Stadt zu schaffen.

Rotterdam entstand an der Rotte, dort wo diese in die Maas mündet. Wasser und Rotterdam sind untrennbar miteinander verbunden. Wasser hat für die Stadtentwicklung von Rotterdam schon immer eine wichtige Rolle gespielt. Die Straßen entlang der Kanäle, die nach Plänen des Architekten Rose entstanden sind, Kralingse Plas und Delfshaven sind gefragte Wohngegenden. Wasser ist auch in wirtschaftlicher Hinsicht für Rotterdam sehr wichtig. Dank der geografischen Lage im Delta zur Nordsee hat sich der Hafen zu einem wichtigen Wirtschaftsmotor in Europa entwickelt. Nun wird immer mehr in Innovation und in die Entwicklung von Know-how im Bereich der Deltatechnologie investiert.

Was das Wasser betrifft, hat die Stadt eine einzigartige Stellung. Rotterdam ist an allen Seiten von Wasser umgeben: vom Meer und von Flüssen; außerdem beeinflussen Regen und Grundwasserstand die Stadt. Zwei Entwicklungen stechen hervor: das höhere Wasserniveau als Ergebnis des steigenden Meeresspiegels und der sich ändernden Abflussmengen der Flüsse; und die Überflutungen aufgrund zunehmender Regenfälle. Bis zum Jahr 2050 muss man mit 800.000 Kubikmeter fertig werden. Die Stadt Rotterdam will ihre Ziele mit der Hilfe von Wasser erreichen. Ihre Mission ist es, eine sichere, attraktive Stadt mit einer starken Wirtschaft zu schaffen. Wasser kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Dabei sind drei Aspekte von Bedeutung:

Rotterdam bleibt geschützt

Rotterdam ist eine der sichersten Städte der Niederlande. Für die Region ist diese Sicherheit sehr wichtig und muss erhalten werden. Rotterdam hat eine Strategie der Adaption gewählt, das heißt, die Stadt passt sich der jeweiligen Situation an. Daher werden derzeit Ressourcen gespart, um später die Wasserabwehr verstärken zu können. Wassermanager, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten arbeiten daran, Deiche als verbindende Elemente einzusetzen: als Parks, als Balkon mit Ausblick über die Maas oder als Fuß- und Radwege. Wird außerhalb der Deiche gebaut, müssen steigende Wasserpegel eingeplant werden. Mit Neuerungen wie schwimmenden Konstruktionen oder Bauten auf Pfählen kann dieser Entwicklung Rechnung getragen werden.

Internationale Stadt des Wasser-Wissens

Im Bereich der Deltatechnologie weist Rotterdam eine einzigartige Konzentration von Wissen und wirtschaftlichen Aktivitäten auf. Die Stadt möchte ihre Rolle als eine Stadt des Wissens stärken. Das Wissen soll weiterentwickelt, kombiniert und geteilt werden. Die Stadt will sich auch als internationales Labor für Experimente im Bereich der Klima-Anpassung profilieren.

Attraktive Wohngebiete

Rotterdam nutzt Wasser, um die Stadt noch attraktiver zu gestalten. Der Waterplan 2 skizziert, wie Rotterdam in zwanzig Jahren aussehen könnte. Die Charakteristika des Wassersystems sowie der urbanen Struktur teilen die Stadt in drei Gebiete. Das erste ist die Stadt am Fluss, die aus den Gebieten außerhalb der Deiche besteht. Das charakteristischste Merkmal ist der Fluss Maas, der Rotterdam Identität verleiht. Die Gebiete am Wasser mit Kop van Zuid, dem Lloyd-Quartier und jenen Gebieten, die Platz für eine dynamische Wohn- und Arbeitsgegend bieten, kennzeichnen die Stadt. Der zweite Bereich ist Rotterdam Nord.

Dort befinden sich viele gefragte Wohn- und Arbeitsviertel. Ziel ist es, existierende Merkmale weiter herauszuarbeiten. Die Kanäle und Drainage- becken sollen wenn möglich ausgedehnt und innovative Lösungen implementiert werden. Im Falle des dritten Gebiets, Rotterdam-Süd, bedarf es außergewöhnlicher Lösungen für außergewöhnliche Probleme. Das Gebiet ist reich an Wasser, das man jedoch besser nutzen könnte. Daher ist eine umfassende Strategie nötig. Ziel ist, die Wasserstruktur von Zuiderpark zu verbessern, neue Wasserwege zu erschließen sowie Rotterdam-Süd mit der Insel IJsselmonde zu verbinden.

Rotterdam – die Stadt des Wassers

Konventionelle Lösungen sind nicht aus-reichend, um diese Ziele zu erreichen. Im dichten Stadtzentrum und in den alten Bezirken ist es nicht möglich, Wasserspeicher auszubauen. Die Kosten sind astronomisch hoch, zudem können existierende Gebäude nicht einfach abgerissen werden. Dort sind Innovationen wie Wasserplätze, grüne Dächer und alternative Formen des Wasserspeicherns für die Entwicklung der Stadt essentiell. Der Wasserplatz ist ein zentraler Punkt, an dem Regenwasser vorübergehend gespeichert werden kann. Nach dem Regen wird das Wasser langsam den Drainagesystemen, dem Oberflächenwasser oder dem Grundwasser zugeführt. Wasserplätze sind die meiste Zeit des Jahres trocken, sobald es aber regnet, ändert sich ihr Erscheinungsbild drastisch.

So kann ein außergewöhnlicher öffentlicher Raum geschaffen werden. Grüne Dächer haben nicht nur den Zweck, Wasser zu speichern, sie isolieren auch, binden Feinstaub und erhöhen den ökologischen Wert einer Stadt. Daher sollten sie großflächig realisiert werden. Bisher ist es in den Niederlanden nicht üblich, begrünte Dächer zu nutzen, um Wasser zurückzuhalten. In Rotterdam kommen etwa 4,6 Millionen Quadratmeter an Dachfläche für die Begrünung in Frage. So können die verschiedenen Wasserprobleme zu einer sicheren, attraktiven und wettbewerbsfähigen Hafenstadt beitragen.

Rotterdam ist jetzt und auch in der Zukunft geschützt. Rotterdam stärkt seine Positionierung als Stadt mit Wissen über Wasser. Wasser wird zur Gestaltung attraktiver Wohngebiete genutzt. Durch praxisbezogene und langfristige Lösungen, konkrete Projekte, Innovation und die intensive Kooperation zwischen Institutionen und Disziplinen wird Rotterdam die Wasser-Stadt der Zukunft.

Erschienen in Garten+Landschaft 11/2008 – Gestalten mit Wasser.

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Floating University: Wissenschaft auf dem Wasser

Seit Anfang Mai hat sich das Regenauffangbecken des ehemaligen Flughafens Tempelhof in ein Labor neuer urbaner Praxis verwandelt. Entworfen vom Architekturkollektiv „raumlaborberlin“, lässt sich hier für fünf Monate die „Floating University Berlin“ nieder und schafft einen Ort der kollektiven Wissensproduktion.

Improvisierte Oase

Alle Fotos: Victoria Tomaschko.

In einer generischen Struktur aus Holz und Baugerüsten bietet die Floating University die nächsten Monate ein vielfältiges Programm für alle Altersstufen. Ein interdisziplinäres Team aus Studierenden und Wissenschaftlern von mehr als 20 internationalen Universitäten, Künstlern, Architekten, Tänzern, Musikern, Nachbarn und lokalen Experten erproben hier neue Formen des gemeinsamen Lernens und der Zusammenkunft.

Durch einen verwunschenen Eingang betritt der Besucher das Gelände der „Floating University Berlin“. Der gemeinschaftliche Campus wird über einen begrünten Treppenturm aus Baugerüsten erschlossen. Dieser soll sich über den Sommer in einen wuchernden „Tomatenwald“ aus mehr als vierzig Tomatensorten transformieren. Schnell wandert der Blick auf den „Japanischen Pavillon“, der über dem Regenauffangbecken zu schweben scheint.

Das Regenauffangbecken stammt bereits aus dem 19. Jahrhundert und ist noch heute in Funktion. Bei starkem Regenfall sammelt sich hier das Wasser, das auf die Dächer des ehemaligen Tempelhofer Flughafengebäudes, das Flugfeld und den anliegenden Columbiadamm fällt. Während sich das Auffangbecken in eine urbane Oase mit reichem Ökosystem verwandelt, fließt das Wasser nach und nach wieder ungefiltert in den Landwehrkanal ab – bereit für den nächsten Regen.

Über einen schmalen Holzsteg gelangt der wagemutige Besucher zu einem weiteren Ensemble experimenteller Baukonstruktion. In einem belebten Laborturm bereitet ein „performatives Filtersystem“ Regenwasser auf. Das aufbereitete Regenwasser versorgt unter anderem eine provisorische Laborküche. Ein paar Meter weiter entdeckt man eine Gruppe Studierender, die bei heißen Temperaturen ihre Füße zur Erfrischung ins kühle Nass halten. Sie haben ihre Vorlesung in das Whirlpool-Auditorium verlegt und lauschen passend zum Thema einem Vortrag über die nachwachsende Stadt.

Ein Labor für stadtpolitische Alternativmodelle

Doch was wären innovative Ideen und alternative Lernkonzepte ohne einen Ort des Diskurses? Die „Floating University Berlin“ bietet eine erfrischende Abwechslung zu verstaubten Konzepten der Wissensproduktion. Das „innerstädtische Offshore-Labor“ ermöglicht es, gemeinsam über die Produktion von Stadt nachzudenken und stadtpolitische Alternativmodelle zu entwickeln: Wie können wir durch angewandte Forschung städtische Routinen hinterfragen? Wie können wir aktuelle urbane Transformationsprozesse gemeinsam denken und gestalten?

Noch bis zum 15. September 2018 lädt die „Floating University Berlin“ im Rahmen der offenen Besucherwochen alle Interessierten ein, an Workshops, Vorträgen, Seminaren, Gespräche, Konzerten und Performances teilzunehmen.

Enthüllung im Schnee

Im Rahmen des diesjährigen Faust Festivals in München enthüllte am Samstag, 17. Februar 2018 die Künstlerin Mia Florentine Weiss zwei Skulpturen. Es ist eine Premiere: Zum ersten Mal stehen Kunstwerke am Münchner Siegestor.

An diesem Samstag schneit es viel, und die in weiss eingehüllten Skulpturen – nördlich und südlich vom Siegestor – scheinen vor einem Vorhang aus Schnee zu stehen. Als die Künstlerin Mia Florentine Weiss die schweren Metallketten durchschneidet, kommen zwei rot-rostige Metallschriftzüge zum Vorschein. Es sind Ambigramme: Je nachdem auf welcher Seite der Skulptur man steht, liest man „Love“ oder „Hate“. Die Begriffe Liebe und Hass beziehen sich nicht nur auf das ambivalente Gefühlschaos in Goethe’s Faust Drama, sondern auch auf den Standort und aktuelle Anlässe. Die Ereignisse, die das Kunstwerk einrahmen sind einerseits das hundertjährige Jubiläum zum Ende des Ersten Weltkrieges und andererseits die Sicherheitskonferenz, die sich am selben Wochenende im Bayrischen Hof in München mit Sicherheits- und Verteidigungspolitik auseinandersetzt.

Luftangriffe während des Zweiten Weltkriegs beschädigten das Siegestor stark. Im Zuge des Wiederaufbaus brachte man oberhalb der Bögen den Schriftzug an „Dem Sieg geweiht vom Krieg zerstört zum Frieden mahnend“. Er bezieht sich nicht nur auf triumphvolle Siege, sondern ebenso auf Leid und Zerstörung, die Kriege hervorbringen. Der Friede soll bewahrt werden. Die Skulpturen von Mia Florentine Weiss nehmen Bezug auf das ambivalente Verhältnis zwischen Frieden und Krieg.

Die Ausrichtung der Skulpturen fasziniert: Sie sind so positioniert, dass der Schriftzug „Hate“ jeweils zum Siegestor hin steht und der Begriff „Love“ von ihm weg. Weiss wollte damit das Tor in Liebe einrahmen, und dem Hass wenig Raum geben.

Eingerostete Liebe oder eingerosteter Hass?

Laut der Künstlerin trifft keines von beiden zu, denn das Material des Kunstwerks bezieht sich nicht auf die Begriffe, sondern auf den Standort der Skulpturen. Die Geschichte des Orts verlangte ihrer Meinung nach ein Material, das auf die Vergänglichkeit eingeht. Der Rost nimmt Bezug auf Zeit, Veränderungen und Abnutzung von Orten. Wie sich die Bedeutung des Siegestor im Laufe der Zeit gewandelt hat, wandelt sich auch das Aussehen der Skulpturen mit den Witterungen.