Wettbewerbsübersicht November 2019 (1/2)

Entwicklung Bieber-Waldhof West, Offenbach, 1. Preis rheinflügel severin, Düsseldorf, mit [f] landschaftsarchitektur, Solingen

Interessiert an aktuellen Wettbewerbsergebnissen der Landschaftsarchitektur, aber kaum Zeit sich diese richtig anzuschauen? In der Wettbewerbsübersicht der G+L informiert Heike Vossen monatlich über die spannendsten Wettbewerbsergebnisse.

Otto Linne Preis 2019, 1. Preis Leonie Kümpers, Matthis Gericke, HafenCity Universität Hamburg

Im städtebaulichen Ideenwettbewerb für ein Neubaugebiet mit rund 600 Wohneinheiten legt die Stadt Offenbach den Fokus auf die Einbindung der ökologisch bedeutsamen Strukturen des Areals. Das Gebiet im Stadtteil Waldhof-West zählt als wertvoller Freiraum, die Neugestaltung soll den nicht zu bebauenden Landschaftsraum der Bieber gestalterisch und funktional integrieren und aufwerten. Der Siegerentwurf sieht ein dichtes Stadtquartier im Westen vor, das sich fächerförmig zum grünen Landschaftsraum öffnet. Zwei Grünfinger greifen tief in das Quartier hinein und verzahnen sich mit diesem. Die Spitze des nördlichen Grünfingers bildet ein zentraler Quartiersplatz mit freiem Blick über den Landschaftsraum – als Schnittstelle zwischen Natur- und Stadtraum vermittelt der Platz zwischen beiden Gegensätzen. Ein Verbund von Wohnhöfen formt die bauliche Grundstruktur und ermöglicht eine Mischung verschiedener Wohntypologien für gemeinschaftliches Wohnen. Das Rückgrat des Quartiers bildet ein zentraler Fuß- und Radweg in Nord-Süd-Richtung. Die öffentlichen Erschließungsflächen sind stark reduziert, Stellplätze bietet eine zentral gelegene Quartiersgarage.

Otto Linne Preis 2019, 1. Preis Annika Schridde, Universität Kassel

Fünf Preisträger gingen aus dem diesjährigen Otto Linne Preis für urbane Landschaftsarchitektur hervor, darunter zwei erste Preise. Der Nachwuchspreis, den die Hamburger Behörde für Umwelt und Energie seit 2009 international auslobt, wird benannt nach dem früheren Hamburger Gartenbaudirektor. Dieser prägte als Gartenreformer vor rund 100 Jahren das soziale Grün der Hansestadt. Auf heute übertragen steht Otto Linne beispielhaft als Namensgeber für einen unkonventionellen und nicht alltäglichen Umgang mit dem Stadtgrün. Unter dem Motto „Wandse wo bist Du?“ sollten die Studierenden und Absolventen Ideen für eine Hamburger Landschaftsachse entlang des Wandse Grünzugs entwickeln.
Leonie Kümpers und Matthis Gericke erhielten den 1. Preis für ihre 28 Aktionen entlang der 14 Kilometer langen Strecke. Mithilfe der Aktionen machen die beiden Architekturstudenten der HafenCity Universität Hamburg auf den Wasserlauf aufmerksam und stärken den Stellenwert des Grünzugs in der öffentlichen Wahrnehmung.

Parco Viarno, Lugano, 1. Preis Westpol Landschaftsarchitekten, Basel, mit Demattè Fontana Architekten, Zürich

Die diesjährige Wettbewerbsaufgabe sieht vor, die von Fritz Schumacher entworfene Grüne Magistrale, den Wandse-Grünzug, neu zu beleben. 21 Arbeiten stellten sich der Aufgabe, die maßstabübergreifendes und prozesshaftes Denken forderte. Der zweite 1. Preis erhält Annika Schridde, Studentin der Landschaftsarchitektur an der Universität Kassel. Ihre Idee orientiert sich an der Graswurzelbewegung „Fridays for futur“, die künftige Nutzer direkt anspricht und zum basisdemokratischen Mitgestalten auffordert. Hier bestimmen nicht die Planer und Politiker über Form, Aussehen und Nutzung, und holen sich hinterher die Bestätigung der Nutzer ein. Mithilfe eines von Schridde ausgeklügelten Fragenquartetts können die Menschen vor Ort den Grünzug nach eigenen Vorstellungen gestalten, die Autorin gibt dabei nur den groben Rahmen vor. Ihr Ziel ist, dass die Anwohner und künftigen Nutzer die Fläche „mit frischer Farbe bemalen“ und so zusätzliches Leben einhauchen.

Lugano soll auf einer Fläche von knapp drei Hektar einen neuen Stadtpark erhalten. Vorgabe des zweistufigen Realisierungswettbewerbs war, die bestehende Villa Viarnetto, der ursprüngliche Sitz der gleichnamigen Klinik, in die neue Parkstruktur zu integrieren. Mit „un giardino per la città“ überzeugten Westpol Landschaftsarchitekten im zweistufigen Realisierungswettbewerb: Als zeitgemäßer Garten bildet der Park eine Metapher für den Wandel eines privaten Wohngartens zu einem öffentlichen Freiraum. Bei dieser Neuinterpretation des Ortes verfolgten die Planer das Ziel, seine wichtigsten historischen Spuren zu erhalten, und vorhandene prägende Elemente herauszuarbeiten. Die Villa bildet den zentralen Fixpunkt, um das sich ein orthogonales System aus Terrassen und Gärten anordnet. Eine großzügige Parklandschaft mit natürlichem Charakter umgibt die kleinteilige Gartenstruktur. Sie integriert den vorhandenen Wald, wandelt diesen zu einem Kastanienwald, und wird von mäandrierenden Wegen durchzogen.

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James Tapscott zeigt in Houston zwei immersive Lichtkunstwerke seiner Arc ZERO-Serie. Die Installation verbindet Wasser, Nebel und Licht zu einer begehbaren Landschaft im öffentlichen Raum. Foto: Studio JT via v2com
James Tapscott zeigt in Houston zwei immersive Lichtkunstwerke seiner Arc ZERO-Serie. Die Installation verbindet Wasser, Nebel und Licht zu einer begehbaren Landschaft im öffentlichen Raum. Foto: Studio JT via v2com

Lichtkunst zwischen Wasser, Raum und Wahrnehmung

Die zeitgenössische Lichtkunst bewegt sich heute weit über klassische Skulptur- oder Objektinstallationen hinaus. Immer häufiger entstehen immersive Landschaften, in denen Licht, Wasser, Nebel und Bewegung zu einem Gesamterlebnis verschmelzen. Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich die aktuelle Arbeit des australischen Land- und Lichtkünstlers James Tapscott, der im City Place The Woodlands in Houston zwei großformatige Werke seiner Arc ZERO-Serie erstmals gemeinsam präsentiert.

Die Installation verbindet Kunst und Landschaft auf eine Weise, die nicht nur betrachtet, sondern erlebt wird – ein zentrales Merkmal moderner Lichtkunst im öffentlichen Raum.

Ein Landschaftsraum als Bühne für Lichtkunst

Der Standort selbst ist Teil des künstlerischen Konzepts. City Place ist ein öffentlich zugänglicher, landschaftlich gestalteter Wasser- und Parkraum, der Natur, Infrastruktur und Erholung miteinander verbindet. Innerhalb dieses Settings entfalten die beiden Werke Arc ZERO: Nimbus und Arc ZERO: Eclipse ihre volle Wirkung.

Statt isolierter Kunstobjekte entsteht eine durchgehende räumliche Erfahrung, in der sich Besucher durch verschiedene Atmosphären bewegen. Wasser wird dabei nicht nur als Element genutzt, sondern als aktives Medium der Lichtkunst, das Reflexion, Bewegung und Tiefe erzeugt.

Arc ZERO: Eclipse – Licht als schwebende Geometrie

Arc ZERO: Eclipse ist eine großformatige Halbkreisstruktur, die direkt in einem ruhigen Wasserbecken installiert wurde. Durch die Spiegelung der Wasseroberfläche entsteht visuell ein vollständiger Kreis, der scheinbar schwerelos im Raum schwebt.

Diese Wirkung ist jedoch nicht statisch. Je nach Standpunkt des Betrachters, Windrichtung oder Lichtverhältnissen verändert sich das Bild kontinuierlich. Nebel, der aus der Struktur austritt, bricht die klare Geometrie auf und lässt den Kreis immer wieder neu entstehen.

Damit wird deutlich, wie stark Wahrnehmung in der Lichtkunst von Bewegung und Perspektive abhängt. Das Werk existiert nicht als festes Objekt, sondern als sich ständig verändernder Zustand zwischen Struktur, Wasser und Umgebung.

Nachts verstärken integrierte LED-Lichtsysteme die Wirkung zusätzlich. Die Kreisform beginnt über dem Wasser zu leuchten und erzeugt eine ruhige, fast schwebende Atmosphäre, die sich in der Wasseroberfläche spiegelt und verdoppelt.

Arc ZERO: Nimbus – ein begehbares Lichtfeld

Während Eclipse auf Distanz und Spiegelung basiert, ist Arc ZERO: Nimbus ein Werk der direkten körperlichen Erfahrung. Ein ringförmiges Stahlgerüst ist über einem Boardwalk installiert, durch den Besucher hindurchgehen.

Hier wird Lichtkunst nicht mehr nur betrachtet, sondern physisch erlebt. Der Ring ist von dichtem Nebel durchzogen, der sich ständig verändert, auflöst und neu formt. Windbewegungen beeinflussen die Struktur des Nebels, während Licht ihn in feine Schichten und Farbverläufe zerlegt.

Der entscheidende Unterschied zu klassischen Installationen liegt darin, dass der menschliche Körper Teil des Werks wird. Jeder Schritt verändert die Wahrnehmung des Raums. Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit wechseln in Sekundenbruchteilen.

In bestimmten Momenten entstehen haloartige Lichtphänomene, wenn sich Feuchtigkeit und Lichtquellen überlagern. Nachts verstärkt sich dieser Effekt durch warm leuchtende LED-Elemente, die den Nebel wie eine schwebende Materie erscheinen lassen.

Zwei Werke, ein zusammenhängendes System

Obwohl Eclipse und Nimbus formal sehr unterschiedlich sind, bilden sie konzeptionell ein gemeinsames System. Beide Werke beschäftigen sich mit Wasser als Ausgangspunkt – jedoch in unterschiedlichen Aggregatzuständen und Wahrnehmungsebenen.

  • Eclipse fixiert Wasser als Spiegel und erzeugt Stabilität
  • Nimbus löst Wasser in Atmosphäre auf und erzeugt Bewegung
  • Die Landschaft verbindet beide Zustände zu einem kontinuierlichen Erfahrungsraum

In dieser Gegenüberstellung entsteht ein spannender Dialog innerhalb der Lichtkunst: zwischen Form und Auflösung, Distanz und Nähe, Beobachtung und Teilhabe.

Der Besucher entscheidet dabei selbst, wie er sich durch diesen Raum bewegt und welche Perspektive er einnimmt. Die Kunst ist nicht abgeschlossen, sondern entsteht im Moment der Wahrnehmung.

Internationale Relevanz der Arc ZERO-Serie

Die Arc ZERO-Serie wird seit 2009 international gezeigt und zählt zu den bedeutenden Werkgruppen im Bereich der landschaftsbezogenen Lichtkunst. Installationen wurden unter anderem in Asien, Europa, Australien und den USA realisiert und mehrfach ausgezeichnet.

Besonders hervorzuheben sind Auszeichnungen in Kaohsiung und Seoul, die die Serie als wichtigen Beitrag zur Entwicklung zeitgenössischer öffentlicher Kunst im Landschaftsraum bestätigen.

Die aktuelle Installation in Houston ist insofern besonders, als erstmals zwei Varianten der Serie gleichzeitig an einem Ort erfahrbar sind – eine seltene Situation, die den dialogischen Charakter der Werke zusätzlich verstärkt.

Lichtkunst als Landschaftserfahrung

Die Arbeiten von James Tapscott zeigen exemplarisch, wie sich Lichtkunst weiterentwickelt: weg von statischen Objekten hin zu offenen, atmosphärischen Landschaften. Wasser, Nebel und Licht werden dabei zu dynamischen Materialien, die sich ständig verändern und keine feste Form annehmen.

In Houston entsteht so kein klassischer Ausstellungsraum, sondern eine begehbare Landschaft aus Licht, in der Wahrnehmung, Bewegung und Natur untrennbar miteinander verbunden sind.

Berlin im Kaufrausch

Bearbeitung: bdla

Mit dem Kauf allein ist es nicht getan

Berlin hat momentan die Möglichkeit, eine bevorratende Bodenpolitik zu betreiben und gezielt Grünflächen zu fördern. Dem ist jedoch nicht der Fall. Der Bund Deutscher Landschaftsarchitekten fordert deshalb eine strategisches Vorgehen und ausreichende Mittel für Entwicklung und Pflege der angekauften Flächen.

Berlin befindet sich erstmals seit Jahrzehnten in der Lage, eine bevorratende Bodenpolitik zu betreiben. Doch von einem gezielten und strategischen Vorgehen fehlt jede Spur. Gekauft werde alles, was „nicht niet und nagelfest sei“, zitiert die Pressen den Regierenden Bürgermeister.

Dabei stehen nun die Chancen gut, strategisch nicht nur diejenigen Flächen anzukaufen, die zum Neubau von Wohnungen und sozialer Infrastruktur nötig sind, sondern auch neue Grünflächen mitzudenken. Die wachsende Stadt braucht dringend Flächen für eine mitwachsende Grüne Infrastruktur. Dies können Grünzüge, Uferrandstreifen, naturnahe Ausgleichs- und Ersatzflächen oder Potentialflächen für Vereins- und Breitensport sein, z.B. als Ergänzung für zu kleine Schulgrundstücke.

Ein Beispiel für ein stark vernachlässigtes Flächenpotential sind die so genannten Friedhofsüberhangflächen. Aufgrund des Trends zur Urnenbestattung sei hier immer weniger Platz vonnöten. Viele Friedhöfe sollen deshalb gewinnbringend veräußert werden, um die Kassen der Kirchen wieder aufzufüllen. Das bedeutet daher in der Regel eine Umwidmung in Bauland. Zwar wollen die Kirchen auch soziale Projekte wie Wohnheime für Geflüchtete, Wohnen für behinderte Menschen u.ä. umsetzen, aber aus „freiraumplanerischer Sicht ist diese Entwicklung ein Debakel“, so Eike Richter, Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Landschaftsarchitekten (bdla). Denn die Friedhöfe bieten bereits alles, was man sich von einer urbanen Grünanlage erhofft: einen wunderbaren alten Baumbestand, Wege und Bänke. Und sie befinden sich meist in Ortsteilen mit einem großes Freiflächendefizit. Darüber hinaus bilden die Friedhöfe das kulturelle Gedächtnis Berlins und seiner Entwicklung zur Weltstadt.

Nun bestünde die Chance, diese Grünflächen in kommunalen Besitz zu überführen und weiter zu qualifizieren. Vor dem Hintergrund von Klimawandel und der Lebensqualität in der Metropole könne man es sich nicht mehr leisten, gewachsene Grünflächen und alte Bäume Baukörpern weichen zu lassen. „Berlin will und soll kaufen, aber bitte richtig und mit strategischem Blick auf die Entwicklung der Grünen Infrastruktur“, fordert Richter. Mit dem Kauf allein ist es aber nicht getan: Zusätzlich müsse die Stadt ausreichende Mittel für die Entwicklung und Pflege der angekauften Flächen bereitstellen!