Wurzeln schlagen

Wo früher eine verwahrloste Brachfläche war, befindet sich heute eine grüne Insel. Den Prinzessinnengarten in Berlin riefen vor nun fast zehn Jahren Anwohner ins Leben. Doch es geht um weit mehr als nur urbane Landwirtschaft, denn hier kämpfen Raumpioniere kreativ gegen Gentrifizierungsprozesse an. Der Prinzessinnengarten ist ein Symbol dafür, dass städtisches Gemeinschaftsgut neu verhandelt werden muss.

Ein weiterer heißer Sommertag erhitzt die betonierte Stadtlandschaft Berlins. Abgase trüben die Luft, die asphaltierten Straßen dampfen und die Städter schleppen sich durch die Hektik der Großstadt. Der Prinzessinnengarten am Moritzplatz hingegen präsentiert eine ganz andere Realität: Hobbygärtner kümmern sich um die Obst und Gemüsepflanzen, die den Prinzessinnengarten in eine bewachsene innerstädtische Insel verwandeln. Während eine Gruppe Jugendlicher durch ein Büchertauschregal stöbert, genießen Besucher das Angebot des Garten-Cafés. Eine Kräuterschule, eine offene Fahrradwerkstatt, regelmäßige Siebdrucktage und viele weitere Aktivitäten machen das Programm des urbanen Gartens aus. Hier sollen Fähigkeiten und Wissen geteilt und Nutzer neue Visionen des Zusammenlebens entwickeln.

Es geht um mehr als urbane Landwirtschaft!

Hinter dem Projekt Prinzessinnengarten stecken die gemeinnützige Gesellschaft „Nomadisch Grün“ und der Verein „Common Grounds“. Das Konzept stammt von den Initiatoren Robert Shaw und Marco Clausen, die vor fast zehn Jahren die Idee eines Nutzgartens in Berlin entwickelten. Dabei folgen sie ihrer Vision einer nachhaltigen und gartengerechten Stadt, die in Zukunft aktiv zu einem besseren Klima beiträgt.

Im aktuellen Diskurs um den Prinzessinnengarten geht es jedoch um mehr als ökologische Nachhaltigkeit. Der akute Baudruck und die zunehmende Privatisierung der Stadt bedrohen lokale Initiativen und ihre Freiräume. Wie die meisten urbanen Gärten Berlins kämpft auch der Prinzessinnengarten um seine Existenz. 2012 erreichte der Konflikt zwischen der Suche nach Investoren und dem Erhalt einer selbstverwalteten Nachbarschaft seinen Höhepunkt: Mehr als 30 000 Unterstützer konnten die Privatisierung der Fläche des Prinzessinnengartens nur knapp verhindern.

Das 6 000 Quadratmeter große Areal bleibt weiterhin temporär: Die Gebäude bestehen aus Containern, die Pflanzen wachsen in recycelten Kisten oder Reissäcken. Der Prinzessinnengarten ist jederzeit zum Aufbruch bereit. Aber wohin soll die Reise gehen?

Ist das Ende nah?

Der aktuelle Nutzungsvertrag läuft Ende dieses Jahres aus. Die Betreiber des Gartens gehen von einer erneuten einjährigen Verlängerung durch den Bezirk aus. Allerdings lehnt ein Teil des Prinzessinnengartens die temporäre Zwischennutzung ab und schlägt stattdessen ein kreatives Gegenkonzept vor. Dieses nennt sich Wunschproduktion und beruht auf dem Erbpachtprinzip. Der Prinzessinnengarten soll in Zukunft als Gemeingut einen Ort schaffen, der Nutzern ermöglicht teil zu nehmen. Zukunftsorientiert experimentiert er mit neuen gemeinschaftsorientierten und nicht-kommerziellen Formen der Urbanität. Kulturelle, soziale und ökologische Vielfalt sind dabei ein Hauptziel, welches Berlins Stadtpolitik nur mühsam zu integrieren scheint.

Eine Laube als „Symbol des Bleibens“

Eine Antwort auf die Frage, wer die Räume der Stadt produziert und prägt, liefern die Architekten quest und FATkoehl, sowie einer der Initiatoren Marco Clausen. Als „Symbol des Bleibens“ ergänzen sie den Garten um einen dreigeschossigen Holzrahmenbau. Diesen errichteten in einem zweijährigen Selbstbauprozess Auszubildende der Knobelsdorff-Schule, Studierende der TU-Berlin und das Gartenteam und dient von nun an als experimenteller Ort des kollektiven Lernens und Austauschs. Die Laube als bauliche Intervention macht den aktuellen Konflikt zwischen temporärer Zwischennutzung und dem Wunsch endlich Wurzeln zu schlagen sichtbar.

Zweifellos braucht es neue Modelle, wie man Stadt und Gemeinschaft zukünftig denkt. Temporäre Nutzungen müssen die Möglichkeit bekommen, perspektivische Visionen zu entwickeln und fester Bestandteil einer gesamtstädtischen Planung zu werden. Nur so kann langfristig die Stadt als vielfältiger, nachhaltiger und lebenswerter Raum erhalten werden.

Das könnte Sie auch interessieren
Ein Detail von Belag und Freiraummaterial zum Thema Material für Wassergebundene Wegedecke
Material für Wassergebundene Wegedecke: Eigenschaften, Verlegung und Einsatz
Hauptrolle für den Hamburger Hafen
luftaufnahme-einer-stadt-durch-die-ein-fluss-fliesst-GLnZNGNCqj4
Wie Malmö mit Urban Labs die Transformation ganzer Stadtteile testet
„Gemeinsam Prozesse gestalten, das ist die IBA Basel-Botschaft“
bunte-gebaude-saumen-einen-fluss-mit-bergen-im-hintergrund-W7gR8mtPF04
Digitale Gebäudepässe für Lebenszyklusverfolgung
Nachhaltige Landschaftsarchitektur im Sanctum Retreat in Litauen: Die moderne Holzarchitektur fügt sich harmonisch in den bestehenden Wald ein. Foto: Leonas Garbačauskas via v2com
Nachhaltige Landschaftsarchitektur in Litauen
Der Tunnel kommt
Deutscher Nachhaltigkeitspreis Architektur 2022
Das Bild zeigt einen eingeschossigen Bungalow mit Glasfassade. Er steht hinter Hecken und von Bäumen umgeben.
Neutra Siedlung Walldorf – eine grüne Oase
blaues-fahrzeug-in-der-nahe-von-baumen-hKW8odAOthk
Digitaler Baumkataster mit Klimaparametern – Bestände planen, nicht raten

Grünflächen und Gewächse steigern die Aufenthaltsqualität in Innenstädten – keine Frage. Im Rahmen einer Bachelorarbeit hat die niederländische Studentin Djemie Brands von der Universität Wageningen weitere positive Effekte ausmachen können, die städtisches Grün auf Passanten hat: Neben einer längeren Verweildauer beeinflusst Bepflanzung außerdem das Konsumverhalten. Potentielle Kunden verbringen insgesamt mehr Zeit vor und in den Geschäften und geben dort mehr Geld aus.

Ein ganzer Strauß positiver Effekte

Die Ergebnisse der Arbeit: Menschen fühlen sich in der Umgebung von gepflegten Gewächsen sicherer – eine niedrigere Kriminalitätsrate in begrünten urbanen Gegenden bestätigt das. Das blumige Umfeld stärkt die soziale Interaktion: Grüne Ecken sind bevorzugte Treffpunkte und beeinflussen Stimmung und Atmosphäre. Darüber hinaus finden eine längere Interaktion zwischen den Menschen und ein allgemein längerer Aufenthalt statt. Und das wirkt sich auf die Ökonomie aus: Das Konsumverhalten in den Geschäften vor Ort steigt.

Gezielte wirtschaftliche Stärkung

Werden nun alle Flächen vor unseren Konsumtempeln grün? Vielleicht! Denn, die Erkenntnisse, die Brands gewonnen hat, zeigen, dass die Begrünung unserer Umwelt eine relativ einfache Möglichkeit der wirtschaftlichen Stärkung unserer Städte darstellt. Mit Hilfe von Pflanzen können gezielt bestimmte Straßenzüge und Ladenzeilen hervorgehoben und revitalisiert werden, ohne hohe Summen zu investieren. Natürlich sind für eine wirtschaftlich erfolgreiche Innenstadt viele weitere Aspekte wichtig. Eine, dem Angebotsportfolio angepasste Begrünung könnte dabei jedoch wichtiger Baustein sein, ein Einzelhandelskonzept oder eine Öffentlich-private-Partnerschaft zu unterstützen.

Feministische Stadtplanung – Die G+L im Juli 2023

Coverbild: Coline Beulin via Unsplash
Coverbild: Coline Beulin via Unsplash

Frauen würden bis heute in der Stadtplanung benachteiligt – diese Aussage stützt nicht nur die Urbanistin Leslie Kern („Feminist City“), sondern auch neuste Berichte der Vereinten Nationen. Wir wollen wissen: Ist dem wirklich so? Was unterscheidet die feministische von der maskulistischen Stadt? Und wie müssen wir Planer*innen auf diese gesellschaftliche, zunehmend höchst emotional geführte Debatte reagieren? Im Juli finden wir Antworten.

Feminismus – ein negativ besetztes Wort

Als Feministin würde ich mich selbst nie bezeichnen. Dabei bin ich mit jeder Faser meines Seins für Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern – in persönlichen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Belangen. Ich denke auch, dass Frauen insbesondere im beruflichen Kontext weiterhin oftmals Nachteile haben und fehlende Aggressivität kein Grund für weniger Gehalt sein darf. Und ich stehe klar gegen jede Form des männlichen (aber auch weiblichen) Machtmissbrauchs auf jeder Ebene. Macht mich all das zur Feministin? Nein. Mich Feministin zu nennen, käme für mich gar einer Abwertung gleich. Das Wort ist negativ besetzt. Man assoziiert damit eine aggressive, unsachliche Form der weiblichen Pseudo-Behauptung. Vollkommen bescheuert. Natürlich kann Feminismus objektiv, ruhig und zielgerichtet sein.

Eine Stadt für alle

Aber: Ich kann nachvollziehen, dass Menschen, ohne viel über feministische Stadtplanung zu wissen, allein bei dem Begriff schon die Augen verdrehen. Sie würden es sicherlich nicht tun, machte die Bezeichnung direkt deutlich, dass es hierbei um weit mehr gehen kann als nur die Berücksichtigung weiblicher Bedürfnisse in der Stadtentwicklung; sondern eigentlich um eine Stadt für alle, eine Stadt der kurzen Wege, eine grundsätzlich sichere und inklusive Stadt. So verstehen zumindest wir in der Redaktion nach intensiven Recherchen und Expert*innen-Gesprächen feministische Stadtplanung. Und ich kann nachvollziehen, dass sich der Begriff der feministischen Stadtplanung eher verselbstständigt hat und nun gerne für mediale und politische Zwecke genutzt wird (was ja nicht unbedingt nur schlecht sein muss).

Feministische Stadtplanung – Was heist das überhaupt?

Umso wichtiger ist es für uns, dass wir das Thema im vorliegenden Heft aufs Tableau bringen und neben ausgewählten Expert*innen auch eine Stichprobe an Landschaftsarchitekt*innen und Stadtplaner*innen (konkret 564 Planer*innen) zu Wort kommen zu lassen. Hierfür haben wir eigens eine Online-Umfrage zur Frage „Brauchen wir eine feministische Stadtplanung?“ durchgeführt. Das Ergebnis: Bei Weitem nicht alle Befragten können sagen, was feministische Stadtplanung genau ist – und die Meinungen dazu sind sehr geteilt. Wir in der Redaktion bezweifeln, dass eine Umfrage zur Frage „Brauchen wir eine Stadt für alle?“ ein ähnlich geteiltes Meinungsbild zeichnen würde. Wir müssen uns also der Frage stellen: Wie zuträglich ist der Begriff der feministischen Stadtplanung ihren tatsächlichen Zielen? Schreiben Sie mir, was Sie aus der Ausgabe für sich mitnehmen. Ich freue mich, es zu lesen.

Das Juli-Heft „Feministische Stadtplanung“ gibt es hier im Shop.

Im Juni haben wir uns im Rahmen unserer Stadt-Spezial-Serie mit Hitze in der Stadt beschäftigt. Mehr dazu hier.