Legoschachteltische und Gehsprächung

Okay, okay, okay, wir geben es zu: Wir, die Garten+Landschaft-Redakteurinnen, wir schauen alle unglaublich gerne in die Häuser und Wohnungen anderer Leute. Aber hey, tut das nicht irgendwie jeder? Es ist einfach zu faszinierend zu sehen, wie andere Menschen wohnen und leben. Die Corona-Krise ist ernst, aber sie und der mit ihr verbundene Homeoffice-Alltag eröffnen uns auch neue Perspektiven auf die Lebenswelten unserer Kolleginnen und Kollegen. Und weil das so viel Spaß macht, haben wir ausgewählte Landschaftsarchitekturbüros und ihre Mitarbeiter in ihren vier Wänden besucht – natürlich virtuell und ganz virenfrei. Heute sind wir zuhause bei: nonconform.


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In diesem Homeoffice arbeitet Korbinian Kroiß von nonconform. (Foto: Korbinian Kroiß)

Wann habt ihr gemerkt, dass die Corona-Situation ernst wird?

Dass die Corona-Situation auch für uns als Unternehmen ernst werden wird, wurde vor allem zu dem Zeitpunkt klar, als in Österreich Indoor-Veranstaltungen mit mehr als 100 Personen nicht mehr erlaubt waren. Wir wussten, dass wir unsere Arbeit vor Ort in den Gemeinden nicht mehr wie gewohnt durchführen können. Bei unseren partizipativen Veranstaltungsformaten – der nonconform ideenwerkstatt – kommen viele Menschen zusammen, auch ältere Personen und damit durchaus Risikogruppen. Wir möchten keinesfalls ein Risiko eingehen und werden auch nach Lockerung der Maßnahmen nicht sofort mit unseren Veranstaltungen wie gewohnt weitermachen. Daher haben wir umgehend reagiert und sind einerseits alle ins Homeoffice gewechselt, andererseits haben wir aber auch intensiv darüber nachgedacht, wie eine Alternative zur Arbeit vor Ort aussehen kann: Daraus entstand “nonconform live”, eine Online-Plattform mithilfe derer wir unsere Beteiligungsformate auch im digitalen Raum durchführen können.

Was hätte beim Übergang ins Homeoffice für euch besser laufen können?

Das Arbeiten im Homeoffice war für uns – insbesondere auch aufgrund unserer vielen Standorte – nichts Neues, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nutzten dies schon stark vor Ausbruch der Corona-Pandemie. Was jedoch weggefallen ist, sind Gespräche zwischen Tür und Angel oder beim Kaffeekochen in der Küche. Dieser informelle Austausch muss nun zur Gänze online stattfinden und wir haben darauf mit eigenen Formaten wie den “digitalen Küchengesprächen” reagiert.

Wie erhaltet ihr in diesen Zeiten den Teamgeist?

Uns ist der zwischenmenschliche Austausch weiterhin sehr wichtig. In der Zeit vor Corona hatten wir jeden Donnerstag im Wiener Büro die “Tea Time” – eine Viertelstunde der gemeinsamen Auszeit bei Tee und Keksen – als Fixtermin im Kalender stehen. Als in der ersten Homeoffice-Woche die automatische Tea-Time-Erinnerung läutete, beschlossen wir, nicht darauf zu verzichten. Wir schalteten uns per Videokonferenz zusammen und zelebrierten eine Viertelstunde lang unsere Tea-Time – und nun sogar standortübergreifend. Dadurch ist der Teamgeist insbesondere für Mitarbeiter dezentraler Standorte wie hier in Rosenheim sogar noch gewachsen.

Aber nicht nur während der Tea Time achten wir auf unseren Austausch. Gerade weil wir isoliert voneinander arbeiten müssen, ist es wichtig, uns ständig up-to-date zu halten, aufeinander einzugehen und einander zu unterstützen. Wir achten darauf, dass der informelle Austausch gewahrt wird. Auch zum Arbeiten im Homeoffice haben wir noch einmal Tipps gesammelt – vom Bau eines Stehtisches aus Legoaschachteln über die “Gehsprächung” beim Spazieren in der Natur bis hin zum nutzungsoffenen Tisch, der gleichzeitig als Arbeits- und Tischtennistisch für die Kinder funktioniert. Wir kommen auf viele neue Ideen und einige werden wir bestimmt auch nach der Corona-Zeit weiterführen. Dabei sind wir im ständigen Austausch über unser internes digitales Kommunikationstool.

Erfahrung mit digitalen Werkzeugen

Womit haderst du am meisten im Homeoffice?

Plötzlich hat man neue Coworking-Kollegen im selben Arbeitsraum, nämlich die eigene Partnerin im Homeoffice, mit der ich mich abstimmen muss, was z.B. Videokonferenzen oder Telefonate betritt. Andere haben Kinder, für die der Büroraum gleichzeitig das Klassenzimmer ist. Gerade jetzt ist es wichtig, klare Grenzen zu ziehen. Wann ist Arbeitszeit, wann gehe ich in die Mittagspause nach nebenan. Manchmal ist es gar nicht so einfach, die Balance zu finden zwischen Homeoffice, Homeschooling, Homegym und Homehome.

Was darf nicht fehlen im heimischen Büro?

Eine gute Mischung aus Gemütlichkeit und Perspektivenwechsel! Produktiv ist man nicht nur am Schreibtisch. Wichtig ist, den Fokus zu finden. Egal ob am nutzungsoffenen Tisch, kurz im Lesesessel oder auch draußen am Balkon – man sollte sich ein ruhiges Plätzchen suchen und manchmal auch einfach die Perspektive wechseln. Wir versuchen so gut es geht, unsere Arbeitsorte an unterschiedliche Tätigkeiten anzupassen.

Was macht ihr als erstes, wenn all die Einschränkungen wieder aufgehoben werden?

Wir machen da weiter, wo wir mit der Entwicklung unserer neuen Werkzeuge stehen werden: mit innovativen Beteiligungsprozessen. In einer lockeren Arbeitsatmosphäre, mit Humor und Tiefgang in der Kommunikation, werden wir weiterhin räumliche Zukunftskonzepte entwickeln. Ob zu 100 Prozent digital, in einer Mischung mit Workshops vor Ort oder irgendwann auch wieder verstärkt vor Ort. Dabei haben wir in der Zwischenzeit auf jeden Fall eine Menge Erfahrung mit unseren digitalen Werkzeugen gesammelt, die wir auch weiterhin nutzen werden.

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Wettbewerbsübersicht Juni 2019

Neugestaltung Stadtpark in Ahlen, 1. Rang scape Landschaftsarchitekten, Düsseldorf

Interessiert an aktuellen Wettbewerbsergebnissen der Landschaftsarchitektur, aber kaum Zeit sich diese richtig anzuschauen? In der Wettbewerbsübersicht der G+L informiert Heike Vossen monatlich über die spannendsten Wettbewerbsergebnisse.

In Ahlen bildet der Stadtpark den wichtigsten zentrumsnahen Freiraum der Innenstadt und ist elementarer Teil der Grünverbindung entlang der Werse. Der im Werkstattverfahren entwickelte Entwurf von scape setzt darauf, Fluss und Park wieder stärker als bisher miteinander zu verweben. Der Flusslauf  soll ein naturnahes, frei mäandrierendes Erscheinungsbild zurückerhalten. Die Wege orientieren sich dabei an der geschwungenen Formensprache des Wassers, ihre Führung jedoch am alten Wegeverlauf. Die vorgeschlagene Renaturierung der Werse wird laut Jury als Denkanstoß verstanden, da sie im Budget des Umgriffs bisher nicht eingeplant ist. Das Gehölzkonzept sieht im Norden eine offene, mit wenigen Bäumen bestandene Wiesenfläche vor. Im Süden prägt ein dichter Baumbestand den Übergang zum angrenzenden Museum. In der Parkmitte zeichnet der Entwurf das historische Oval nach: Er reduziert den Baumbestand bis auf wenige Einzelbäume und inszeniert die historischen Fragmente darin neu.

bdla Studentenwettbewerb Mitteldeutschland 2018/2019, „Stadtpark West – Arnoldi Park in Gotha“, 1. Preis Leonhard Seifert, Jonathan Simon, Erfurt

Alle Bilder: scape Landschaftsarchitekten

 

Der bdla Studentenwettbewerb Mitteldeutschland suchte nach einem Parkkonzept für den Arnoldi Park in Gotha. Dieser birgt als Stadtpark zwar viel Potenzial, deckt aber kaum die aktuellen und zukünftigen Freiraumansprüche. Leonhard Seifert und Jonathan Simon siegten mit der Vision eines durch den Park ziehenden Wandertheaters und greifen damit das Thema des traditionellen Theaterspiels in Gotha auf. Aufführungen finden dabei an bestimmten Punkten im Park statt – insbesondere an den Kulturdenkmalen, die gleichzeitig als Szenen und Kulissen dienen. Die Jury würdigte die schlüssige Herleitung und die Verknüpfung mit dem vorgefundenen Park und seinen Elementen. Orientiert am Theaterspiel, charakterisieren die Verfasser die stetig ansteigende Topografie des Parks als „Drama in drei Akten“: Exposition, Steigerung und Höhepunkt ordnen sie den jeweiligen Aufgaben „Informieren, Aktivieren und Zelebrieren“ zu, welche die Grundlage für die gestalterischen Eingriffe bilden. Dabei differenzieren sie zwischen unverhandelbaren Maßnahmen, die kurzfristig erfolgen sollen, und langfristigen, verhandelbaren Eingriffen.

Friedrich-Ebert-Platz mit Ideenteil Innenstadt Porz, Köln, 1. Preis club L94 Landschaftsarchitekten, Köln

Alle Bilder: Seifert u. Simon

 

Im Zentrum des Stadtbezirks Köln Porz entsteht am Friedrich-Ebert-Platz eine neue Mitte, deren Freiräume nach Plänen des Siegerentwurfs von club L94 Landschaftsarchitekten gestaltet werden sollen. 2018 erfolgte der Abriss des jahrelang leerstehenden, aber platzprägenden Herti-Gebäudes, was eine bauliche Neuordnung und die Aufwertung des zentralen Platzes ermöglicht. Der Freiraumentwurf überzeugt die Jury mit subtilem und klarem Raumkonzept, das die neue Mitte betont: Eine offene Achse mit einheitlichem Bodenbelag leitet vom Rhein über das Rathaus bis zum ÖPNV-Knotenpunkt. Wasserelemente begleiten die Achse und betonen die platzartigen Aufweitungen in unterschiedlichen Ausprägungen. Baumreihen heben zusätzlich die relevanten Wegeverbindungen als grünes Netz in Ost-West- und Süd-Nord-Richtung hervor. Der minimale Eingriff in die denkmalgeschützte Lindenallee schafft eine vergrößerte Platzfläche am Rheinufer, die zugleich Endpunkt der Wegeverbindung darstellt.

Bilder 1-5: club L94

Kommunale Bodenpolitik und Klima – Wie Eigentum Nachhaltigkeit blockiert

Vogelperspektive einer dicht bebauten, strukturierten Nachbarschaft als Symbol für kommunale Bodenpolitik und Klimaschutz-Herausforderungen.
Dichtes Stadtviertel zeigt, wie privates Eigentum klimafitte Stadtentwicklung hemmt.

Wem gehört eigentlich die Stadt? Und warum tun sich Kommunen so schwer, ihre Böden im Sinne des Klimas zu nutzen? Die Antwort liegt nicht im fehlenden Willen oder mangelnden Konzepten, sondern im Eigentum selbst – ein Bollwerk gegen nachhaltige Stadtentwicklung. Wer wirklich klimafitte Städte will, muss sich an die kommunale Bodenpolitik wagen. Denn Eigentum ist das neue Nadelöhr der Nachhaltigkeit.

  • Analyse der zentralen Rolle von Bodenpolitik für Klimaschutz und nachhaltige Stadtentwicklung.
  • Kritische Betrachtung historischer Entwicklungen von Bodenrecht und Eigentum in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
  • Erklärung, wie privates Eigentum und spekulative Bodenverwertung Nachhaltigkeit ausbremsen.
  • Ausführliche Beispiele aus Kommunen: Handlungsoptionen, Hemmnisse und innovative Ansätze.
  • Vertiefung der Wechselwirkungen von Bodenpolitik, Klimaresilienz und sozialer Stadtentwicklung.
  • Juristische, ökonomische und gesellschaftliche Barrieren für eine klimaorientierte Bodenpolitik.
  • Diskussion um Reformen: Erbbaurecht, Vorkaufsrechte, Bodenfonds und neue Allianzen.
  • Bewertung internationaler Vorbilder und ihrer Übertragbarkeit auf den deutschsprachigen Raum.
  • Fazit: Warum nachhaltige Stadtentwicklung einen Paradigmenwechsel im Umgang mit Eigentum braucht.

Eigentum als Zwangsjacke – Wie Bodenpolitik das Klima blockiert

Wer heute durch deutsche Städte spaziert, sieht auf den ersten Blick: Der urbane Raum ist geprägt von Eigentum. Über Jahrzehnte wurde Grund und Boden privatisiert, parzelliert, veräußert und vererbt. Dieser Prozess ist historisch gewachsen und tief im bürgerlichen Selbstverständnis verankert. Doch genau hier beginnt das Dilemma der nachhaltigen Stadtentwicklung. Denn Eigentum ist nicht neutral – es ist ein Machtinstrument, das den Zugriff auf Flächen, deren Nutzung und damit auch deren Entwicklungsmöglichkeiten fundamental limitiert. Kommunen erleben tagtäglich, wie ihre planerischen Möglichkeiten an den Grenzen von Eigentum zerschellen.

Das deutsche Grundgesetz garantiert das Eigentum und schützt es in besonderem Maße. Doch was als Schutz vor Willkür und staatlicher Übergriffigkeit gedacht war, blockiert heute vielfach die Anpassungsfähigkeit der Städte an neue Herausforderungen. Klimawandel, Hitzewellen, Starkregen, Flächenverbrauch – all das verlangt eine flexible, vorausschauende und gemeinwohlorientierte Bodenpolitik. Doch der größte Teil der städtischen Flächen ist längst in privater Hand. Die Folge: Kommunen können Flächen für Parks, Frischluftschneisen, Retentionsräume oder nachhaltigen Wohnungsbau oft nur teuer zurückkaufen – wenn überhaupt. Spekulative Preissteigerungen und unübersichtliche Eigentümerstrukturen tun ihr Übriges.

Boden ist keine beliebig vermehrbare Ressource. Im Gegenteil: Seine Knappheit und seine zentrale Rolle für Klimaschutz machen ihn zur strategischen Schlüsselressource des 21. Jahrhunderts. Doch während fast alle anderen klimapolitischen Themen – von Energie über Mobilität bis Kreislaufwirtschaft – längst zu zentralen Handlungsfeldern avanciert sind, fristet die Bodenpolitik ein Nischendasein. Das liegt nicht am Desinteresse der Kommunen, sondern am System Eigentum selbst. Jede Umwidmung, jede Umnutzung, jeder Flächentausch wird so zum kleinteiligen Verhandlungskrimi. Die mächtigste Waffe gegen nachhaltige Stadtentwicklung ist nicht der fehlende politische Wille, sondern das Privateigentum am Boden.

Gleichzeitig zeigt sich: Dort, wo Kommunen noch über nennenswerte Flächen verfügen, können sie klimaorientiert und sozial steuern. Von München bis Wien, von Freiburg bis Zürich – überall dort, wo gemeindeeigene Flächen im Spiel sind, entstehen innovative Quartiere, Grünzüge, Schwammstadtkonzepte und leistbarer Wohnraum. Doch das ist die Ausnahme, nicht die Regel. Historische Fehler – wie die massenhafte Veräußerung kommunaler Grundstücke in den 1990er- und 2000er-Jahren – rächen sich heute bitter. Kommunale Bodenpolitik ist deshalb zur Schicksalsfrage für die klimafitte Stadt geworden.

Die zentrale Erkenntnis: Eigentum ist kein natürliches Recht, sondern eine gesellschaftliche Konstruktion – und damit gestaltbar. Wer den Bodenmarkt allein den Kräften von Angebot und Nachfrage überlässt, riskiert die Steuerungsfähigkeit der Städte. Kommunen brauchen neue Instrumente, Mut zur Rückeroberung und vor allem ein radikal anderes Verständnis von Eigentum: als Verpflichtung zum Gemeinwohl und zur Klimagerechtigkeit.

Bodenrecht, Spekulation und Klimaziele – ein toxisches Dreieck

Die historische Entwicklung der Bodenpolitik im deutschsprachigen Raum ist eine Geschichte verpasster Chancen. Schon im Kaiserreich wurde über die Bodenfrage gestritten, die Weimarer Republik diskutierte Enteignungen zugunsten des Wohnungsbaus, und auch nach dem Zweiten Weltkrieg war die Bodenreform ein zentrales Thema. Doch stets triumphierte das private Eigentum über gemeinwohlorientierte Ansätze. Mit der Liberalisierung der Märkte und der Globalisierung des Immobiliensektors seit den 1990er-Jahren hat sich diese Schieflage weiter verschärft. Boden wurde zur Ware, zur Spekulationsmasse, zum Renditeobjekt.

Speziell im urbanen Kontext wirkt sich diese Entwicklung fatal aus. Die Preise für Grundstücke steigen schneller als jede Baukostensteigerung, die Renditeerwartungen privater Eigentümer kollidieren mit den Anforderungen an preiswerten Wohnungsbau, soziale Infrastruktur oder Grünflächen. Kommunen geraten in einen Teufelskreis: Sie müssen immer höhere Summen für den Rückkauf von Flächen ausgeben, was wiederum den Bodenpreis weiter nach oben treibt. Der Markt reguliert hier gar nichts – er produziert Knappheit, Ausschluss und soziale Spaltung.

Die Klimaziele von Bund, Ländern und Kommunen sind ambitioniert. Doch sie bleiben Makulatur, solange die Bodenpolitik nicht nachzieht. Wer Schwammstadt-Strategien, hitzeresiliente Quartiere, urbane Landwirtschaft oder die großflächige Entsiegelung will, braucht Flächen. Und zwar solche, auf die die Kommune tatsächlich Zugriff hat. Privateigentümer jedoch haben kein Interesse an kurzfristigen Erträgen aus öffentlichen Nutzungen. Ihre Logik ist die Wertsteigerung, nicht das Gemeinwohl. Klimaresilienz wird so zur Verhandlungsmasse – oder bleibt ganz auf der Strecke.

Juristisch sind den Kommunen enge Grenzen gesetzt. Das Baugesetzbuch bietet zwar Instrumente wie das Vorkaufsrecht, städtebauliche Verträge oder den Umlegungsparagrafen. Doch diese Tools sind oft zahnlos: Sie greifen nur, wenn bestimmte enge Voraussetzungen erfüllt sind, werden durch gerichtliche Verfahren verzögert oder durch Lobbyinteressen auf Bundesebene abgeschwächt. Gerade in Boomregionen lassen sich Eigentümer ihre Zustimmung teuer bezahlen oder blockieren Projekte über Jahre hinweg. Die Folge: Klimapolitik bleibt im Dickicht des Bodenrechts stecken.

Hinzu kommt die Internationalisierung der Märkte. Immer mehr Flächen befinden sich in den Portfolios institutioneller Anleger, globaler Investmentfonds oder anonymer Zweckgesellschaften. Für Kommunen wird es dadurch fast unmöglich, überhaupt noch Kontakt zu den Eigentümern herzustellen – geschweige denn, strategisch zu steuern. Der Bodenmarkt hat sich von der Stadtgesellschaft entkoppelt. Die Machtfrage lautet deshalb: Wem gehört die Stadt – und wer entscheidet über ihre Zukunft?

Innovative Ansätze: Kommunale Handlungsspielräume und ihre Grenzen

Trotz aller Hemmnisse gibt es beeindruckende Leuchtturmprojekte, die zeigen, wie kommunale Bodenpolitik anders und besser funktionieren kann. Die Stadt München etwa verfolgt seit Jahren eine konsequente Bodenbevorratung: Wo immer möglich, kauft die Kommune Flächen an, um sie nach gemeinwohlorientierten Kriterien zu entwickeln. Das Instrument des Erbbaurechts verhindert, dass strategische Grundstücke dauerhaft aus der öffentlichen Hand verschwinden. So entstehen bezahlbare Wohnungen, soziale Infrastruktur und klimaangepasste Freiräume – und das dauerhaft.

Ein weiteres Beispiel liefert die Stadt Wien. Hier wird der kommunale Bodenfonds aktiv genutzt, um Flächen für soziale und ökologische Projekte zu sichern. Die Vergabe erfolgt nicht an den Meistbietenden, sondern nach klaren Qualitätskriterien. Die Folge: Es entstehen urbane Quartiere mit hoher Durchmischung, großzügigen Grünräumen und innovativen Mobilitätskonzepten. Gleichzeitig werden Spekulation und Preissteigerungen gezielt eingedämmt. Wien gilt nicht umsonst als Vorbild für viele deutsche Städte.

Doch auch kleinere Städte und Gemeinden entwickeln zunehmend kreative Strategien. In Tübingen etwa setzt man auf das Konzept der Konzeptvergabe: Grundstücke werden nicht nach dem höchsten Gebot verkauft, sondern nach der Qualität der eingereichten Nutzungskonzepte. Kriterien wie Klimaschutz, soziale Mischung oder gemeinwohlorientierte Trägerschaft stehen im Vordergrund. Das Ergebnis sind Quartiere, die sich an den Bedürfnissen der Stadtgesellschaft orientieren – und nicht an den Renditeinteressen von Investoren.

All diese Ansätze zeigen: Kommunale Bodenpolitik kann ein Schlüssel für nachhaltige, klimaorientierte Stadtentwicklung sein. Doch sie stößt schnell an juristische und finanzielle Grenzen. Die Mittel der Kommunen sind begrenzt, die Marktdynamik übermächtig. Ohne eine tiefgreifende Reform des Bodenrechts und ohne Unterstützung von Bund und Ländern werden diese Leuchtturmprojekte die Ausnahme bleiben. Der Flächenmarkt ist kein normales Marktsegment – er ist der Nerv der urbanen Transformation.

Vor allem aber braucht es einen Paradigmenwechsel im Umgang mit Eigentum. Nur wenn das Gemeinwohl Vorrang vor individuellen Profitinteressen erhält, können Städte klimafit, sozial gerecht und zukunftsfähig werden. Das erfordert Mut – und ein neues Selbstverständnis der kommunalen Planung.

Wege aus der Eigentumsfalle: Reformen, Allianzen und internationale Perspektiven

Um die Blockade durch Eigentum zu überwinden, braucht es mehr als lokale Initiativen. Gefordert ist ein Bündel an Maßnahmen, das den Handlungsspielraum der Kommunen systematisch erweitert. An erster Stelle steht die Reform des Bodenrechts. Das kommunale Vorkaufsrecht muss gestärkt, entschlackt und entbürokratisiert werden. Auch die Einführung eines gemeinwohlorientierten Bodenfonds auf Landes- oder Bundesebene könnte den Kommunen ermöglichen, strategisch Flächen zu sichern – unabhängig von kurzfristigen Haushaltszwängen. Die Idee: Nicht der Markt, sondern die Gesellschaft entscheidet, wie Flächen genutzt werden.

Ein weiterer Hebel liegt im Ausbau des Erbbaurechts. Es verhindert, dass wertvolle Flächen dauerhaft in private Hände wandern, und sichert der Kommune langfristig die Steuerungshoheit. Hier bedarf es jedoch eines Mentalitätswandels – nicht nur bei Investoren, sondern auch in der Verwaltung und bei politischen Entscheidern. Das Narrativ vom „guten Eigentum“ muss durch das Leitbild vom „verantwortlichen Eigentum“ ersetzt werden.

Teilweise können Allianzen mit zivilgesellschaftlichen Akteuren, Wohnungsbaugenossenschaften und lokalen Initiativen helfen, Flächen der Spekulation zu entziehen. Modelle wie das Mietshäuser Syndikat oder Stiftungskonstrukte schaffen neue Trägerformen, die sich dem Gemeinwohl verpflichten. Auch die Vernetzung mit internationalen Vorreitern ist ein wichtiger Impulsgeber. Städte wie Zürich, Kopenhagen oder Amsterdam zeigen, wie konsequente Bodenpolitik nachhaltige Stadtentwicklung ermöglicht.

Gleichzeitig müssen Bund und Länder die Kommunen finanziell und rechtlich stärken. Förderprogramme, Bürgschaften und gezielte Steueranreize können die Rückgewinnung von Flächen erleichtern und die Umsetzung klimaorientierter Projekte beschleunigen. Die Digitalisierung bietet zusätzliche Chancen: Mit digitalen Bodenkataster-Systemen, datengestützter Flächenanalyse und transparenten Vergabeverfahren lassen sich Prozesse beschleunigen und Missbrauch verhindern.

Letztlich ist die Bodenfrage eine gesellschaftliche Frage. Welche Stadt wollen wir? Wer darf mitbestimmen? Und wie viel Gemeinwohl sind wir bereit, in Eigentumsrechte einzupreisen? Die Transformation zur nachhaltigen Stadt ist kein technokratischer Prozess – sie ist ein politischer Kraftakt. Wer das Klima retten will, muss den Mut haben, an die Grundfesten des Eigentums zu gehen. Nur so lassen sich die stummen Blockaden auflösen, die heute vielerorts jede echte Innovation verhindern.

Fazit: Ohne neue Bodenpolitik keine klimafitte Stadt

Kommunale Bodenpolitik ist der unterschätzte Hebel in der nachhaltigen Stadtentwicklung. Während Technologien, Energie und Mobilität viel Aufmerksamkeit erhalten, bleibt der Boden das stille Nadelöhr. Das Privateigentum am Boden blockiert vielerorts die notwendigen Anpassungen an Klimawandel, soziale Herausforderungen und neue Lebensmodelle. Die Beispiele aus München, Wien oder Tübingen zeigen: Wo Kommunen die Steuerungshoheit behalten, entstehen innovative, klimaresiliente und sozial gerechte Stadtteile. Doch das bleibt die große Ausnahme.

Der Weg in die klimafitte Stadt führt nur über eine radikale Neubewertung des Eigentums. Boden ist keine Ware, sondern die Grundlage gesellschaftlicher Teilhabe und ökologischer Resilienz. Wer nachhaltige Stadtentwicklung will, muss den Mut haben, das Eigentum selbst neu zu denken – als Verpflichtung, nicht als Privileg. Dazu braucht es eine Reform des Bodenrechts, mutige Kommunen, starke Allianzen und den politischen Willen, das Gemeinwohl über kurzfristige Profitinteressen zu stellen.

Die Herausforderungen sind groß, die Widerstände mächtig. Doch die Alternativen sind ungleich teurer: zersiedelte Städte, soziale Spaltung, klimatische Kipppunkte. Die Zeit der Nischenlösungen ist vorbei. Es braucht eine neue, sozial-ökologische Bodenpolitik – als Fundament für die Stadt der Zukunft. Nur dann kann urbaner Raum wieder das werden, was er sein sollte: ein Gemeingut für alle, offen für Wandel und bereit für das Klima von morgen.