26.09.2022

Projekt
Piet Oudolf

Alexander Calder – Neuer Ausstellungsort

von Julia Treichel
Vestige Garden
Vestige Garden, Visualisierung: Herzog & de Meuron, All artworks by Alexander Calder © 2022 Calder Foundation, New York / Artists Rights Society (ARS), New York

Ein Garten für Alexander Calder: Mit den Calder Gardens gestaltete Herzog & de Meuron zusammen mit Piet Oudolf eine Galerie für die Werke des bekannten Künstlers.

Alexander Calder bringt namhafte Architekten zusammen

Es ist eine namhafte Runde, die sich für das außergewöhnliche Projekt in Philadelphia zusammengefunden hat. Die Rede ist von den Calder Gardens. Und die beteiligten Akteur*innen aus Kunst, Architektur und Landschaftsarchitektur gehören und gehörten zu den bekanntesten der Branche. Herzog & deMeuron und Piet Oudolf entwerfen einen Ausstellungsort für den 1976 verstorbenen Bildhauer Alexander Calder. Die Designer*innen sind in ihrer jeweiligen Sparte preisgekrönt. Das Projekt wird deshalb mit Spannung erwartet. Und es setzt sich hohe Ziele. Dies betont Alexander S.C. Rower, Präsident der Calder Foundation und Enkel des verstorbenen Künstlers. Calder Gardens solle nicht allein als Ausstellungsort für die Arbeiten seines Großvaters dienen. Vielmehr werde ein Raum entstehen, in welchem die Besucher*innen persönliche kontemplative Erfahrungen machen könnten. Weiter führt er aus, es sei ein Teil von Calders Kunst, das Unerwartete zu provozieren.

Calder Gardens als Ort des Unerwarteten

Um diesem Vermächtnis gerecht zu werden, fanden Herzog & deMeuron und Piet Oudolf zusammen. Die Architekt*innen aus der Schweiz entwarfen ein rund 1 600 Quadratmeter großes, zweistöckiges Gebäude. Ein Großteil der Räumlichkeiten befindet sich unter der Erde. Jacques Herzog, Mitbegründer des Büros, betont die Besonderheit dieser Geste. Anstatt Volumen auf der Erde zu bauen, entschlossen sich Herzog & deMeuron dazu, „den Boden auszuhöhlen“. Das Konzept soll Calders Werke in völlig neuer Art und Weise erfahrbar machen. In dieser Entscheidung wird erkennbar, was auch Rower als markantes Merkmal in der Arbeit seines Großvaters lobte. Es öffnen sich immer wieder unerwartete Nischen, welche von den Besucher*innen entdeckt werden müssen. Statt einzelner Ausstellungsräume wird das gesamte Anwesen zur Bühne für Calders Kunst. Jacques Herzog sagt: „Jede Ecke und jeder Winkel, jede Treppe und jeder Korridor sollte sich als Ort für Kunst anbieten.“ Der Entwurf für die Calder Gardens will neue Wege in der Ausstellungsarchitektur gehen.  

 

Sunken Garden
Sunken Garden, Visualisierung: Herzog & de Meuron, All artworks by Alexander Calder © 2022 Calder Foundation, New York / Artists Rights Society (ARS), New York
Apse Gallery
Apse Gallery, Visualisierung: Herzog & de Meuron, All artworks by Alexander Calder © 2022 Calder Foundation, New York / Artists Rights Society (ARS), New York
Open Plan Gallery
Open Plan Gallery, Visualisierung: Herzog & de Meuron, All artworks by Alexander Calder © 2022 Calder Foundation, New York / Artists Rights Society (ARS), New York
Highway and Tall Gallery
Highway and Tall Gallery, Visualisierung: Herzog & de Meuron, All artworks by Alexander Calder © 2022 Calder Foundation, New York / Artists Rights Society (ARS), New York

Grenzen lösen sich auf

Außerdem will das Projekt Grenzen verwischen. Grenzen zwischen Oben und Unten oder Drinnen und Draußen heben sich auf. Der Baukörper, der sich aus dem Hang erhebt, vermittelt zwischen Architektur und natürlicher Welt. Herzog & deMeuron spricht von der Verschmelzung des Materiellen mit dem Immateriellen. Dazu dient auch die Außengestaltung durch Piet Oudolf. Ohne seine Freianlagen würde ein markantes Gegenüber fehlen. Sie umgeben das Gebäude und schließen an einen nahe verlaufenden Fußweg an. Die Pflanzenauswahl traf Oudolf mit Bedacht. Er entschied sich für einheimische und importierte Pflanzen, die zu unterschiedlichen Jahreszeiten jeweils andere Atmosphären kreieren. Neben den Gärten ist auch eine Begrünung der Gebäudefassaden vorgesehen. Die Freiraumgestaltung wird für Calders Kunstwerke spannende Kontexte bieten. Oudolf selbst spricht davon, dass die gärtnerische Gestaltung den Kunstwerken „dienen“ solle. Große Fenster entlang der Fassade integrieren das Außen ins Innen. Und andersherum.

Zusammenspiel von Freiraum und Architektur

Durch die Wahl der Wandaussparungen entsteht ein natürliches Lichtkonzept. So sind die Räume zwar teilweise rundum geschlossen, jedoch nach oben geöffnet. Die ausgestellten Skulpturen können über den natürlichen Lichteinfall in Szene gesetzt werden. Das Konzept wirkt bis in seine Details durchdacht. Oudolf hofft, dass das Zusammenspiel aller Elemente eine emotionale Reaktion bei den Besucher*innen hervorruft. Er wünscht sich, dass die Gestaltung dazu anregt, innezuhalten und nachzudenken. Und weiterhin, dass die Erfahrungen vor Ort auch noch lange nach dem Besuch in Erinnerung bleiben. Der besondere Ort will der besonderen Kunst von Alexander Calder Tribut zollen.

Parkway Garden
Parkway Garden, Visualisierung: Herzog & de Meuron, All artworks by Alexander Calder © 2022 Calder Foundation, New York / Artists Rights Society (ARS), New York

Wirken der Calder Familie in Philadelphia

Das Projekt ist in der Downtown Philadelphias nahe des Benjamin Frank Parkway angesiedelt. Es ist die Heimatstadt des 1898 geborenen Künstlers. Seine Verbindungen zur Stadt sind damit jedoch noch nicht erschöpft. Denn Alexander Calder entstammt einer künstlerischen Familie. Und diese wirkte auch vor seiner Geburt bereits am Stadtbild Philadelphias mit. So findet sich am südöstlichen Ende des Benjamin Franklin Parkways beispielsweise eine monumentale Statue. Diese erschuf Alexander Milne Calder, Alexander Calders Großvater. Einige Meter weiter steht der Swann Memorial Fountain. Niemand geringerer als Calders eigener Vater, Alexander Stirling Calder, gestaltete diesen. Am nordwestlichen Ende des Parkway erschuf schließlich Alexander Calder selbst das Mobile „The Ghost“. Er stellte es im Jahre 1964 fertig. Seitdem hängt es in der Haupthalle des Philadelphia Museum of Art. Die Calder Gardens in direkter Nachbarschaft anzulegen, lag demnach wohl nahe. Sie setzen einer Familie ein Denkmal, welche die Stadt über ein Jahrhundert lang geprägt hat.

Realisierung des Projektes

Den Anstoß für das Projekt, gab die Calder Gardens Foundation. Es handelt sich dabei um eine gemeinnützige Organisation. Die Verwaltung des Geländes übernimmt die Kunstinstitution Barnes Foundation. Als verantwortlicher Kontaktarchitekt ist die Ballinger Company gelistet. Die Realisierung ist ab 2023 geplant und soll bis 2024 fertiggestellt werden. Sowohl Kunst- als auch Architekturinteressierte dürften dem Ergebnis mit Spannung entgegenfiebern. Und im Sinne Calders, sowie der beteiligten Planer*innen, können sich auch alle anderen Besucher*innen auf das Projekt freuen. Denn wenn sich die Prämisse erfüllt, einen Ort zum Innehalten und Entdecken gleichermaßen zu gestalten, dann entsteht mit den Calder Gardens auch ein qualitativer Aufenthaltsort für Philadelphia. Und die Calders wirken einmal mehr – wenn auch posthum – an der Entwicklung ihrer Stadt mit.

Mehr über Piet Oudolf erfahren Sie hier.

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