Atlas of Landscapes in a Room – Landschaften in Innenräumen

Wie eine Ausstellung gestalten, deren Fokus Landschaft ist? Wie etwas in begrenzten Räumlichkeiten ausstellen, dessen Essenz doch die Grenzenlosigkeit ist? Kunst- und Kulturschaffende sowie (Landschafts-)Architekt*innen finden seit immer wieder Antworten auf diese Fragen und präsentieren neue Landschaftserlebnisse in Innenräumen. So etwa der isländische Künstler Olafur Eliasson, der kurzum die Fondation Beyeler in Basel mehrerer Aussenwände beraubte und sie unter Wasser setzte. Welche weiteren Möglichkeiten es gibt, Landschaft auszustellen, zeigt Fanny Brandauer mit ihrem Projekt „Atlas of Landscapes in a Room“.

 

„Wie etwas ausstellen, das nicht nur ‚zu groß‘, sondern bereits öffentlich ist? Wie etwas in einem Ausstellungsraum adäquat vermitteln, das räumliche, körperliche Erfahrungen voraussetzt?“

(Margareth Otti in Ruhl, C., & Dähne, C. (2015). Architektur ausstellen: Zur mobilen Anordnung des Immobilen (S. 6–13). Berlin: Jovis)

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Landschaft ist immobil, kontextabhängig und vielschichtig und auf Grund ihrer Komplexität nur schwer in einem Innenraum vor- und noch weniger ausstellbar. Doch das Hereinholen von Landschaft in den Innenraum erzeugt ein ungewohntes Spannungsfeld. Außerdem birgt es Potenziale, die es sich näher zu betrachten lohnt. Das Entkoppeln und Isolieren eines Landschaftsteils und dessen Rekontextualisierung im Innenraum erschliesst neue Spielräume zur (Re-)Präsentation und inhaltlichen Vermittlung von Landschaft. Der Betrachtungsfokus verschiebt sich dadurch und wird neu ausgerichtet. Raumgefühl, Naturphänomene, Geräusche und Gerüche lassen sich entsprechend inszenieren und erlebbar machen. Dadurch wird man als Besucher*in auf imaginative Reisen an nahe und ferne Orte geschickt.

Atlas of Landscapes in a Room soll Diskurs anregen

Doch wie gelingt es, Landschaft in ihrer Komplexität im Innenraum festzuhalten? In welcher Weise muss man Landschaft verändern und umformen, verkleinern, vergrößern, symbolisieren oder abstrahieren, um sie in den Ausstellungsraum transferieren zu können? Wie bleibt ihre räumliche Erfahrbarkeit im Innenraum bestehen?

Antworten darauf lassen sich in den Arbeiten von Landschaftsarchitekt*innen und Architekt*innen, Kunst- und Kulturschaffenden finden, die auf vielfältige Art und Weise neue Landschaften im Innenraum kreieren. Um einen Überblick über jenes breite Spektrum zu geben, entstand das Projekt Atlas of Landscapes in a Room. (Dem Projekt liegt übrigens die im Jahr 2018 verfasste Masterarbeit „Landschaft ausstellen. Über den Transfer von Landschaft in den Innenraum“ zu Grunde.)

Atlas of Landscapes in a Room macht es sich zur Aufgabe, ausgewählte historische und zeitgenössische Arbeiten zu kuratieren und miteinander zu verknüpfen. Er dient folglich als digitales indexiertes Nachschlagewerk und als Archiv. Denn Atlas of Landscapes in a Room möchte einen transdisziplinären Diskurs anregen und Denkanstöße initiieren, wie Landschaft und Natur im Innenraum eingefangen und wiedergegeben werden können.

Robert Smithons Konzept des Site/Non-Site

„Und als Resultat habe ich entschieden, dass es, statt etwas in die Landschaft zu stellen, interessanter sei, die Landschaft nach drinnen zu holen, an den Nicht-Ort, in den abstrakten Behälter.“

Robert Smithson in Schmidt, E., & Vöckler, K. (Hrsg.). (2000). Erde. Ein Symposium am White Museum, Cornell University.

Im Jahr 1968 präsentierte der Land-Art-Künstler Robert Smithson seine Arbeit „Site/Non-Site“ und wirkte wegbereitend für heutige Betrachtungen, wie Landschaft im Innenraum räumlich erfahrbar gemacht werden kann. Denn Smithson‘s Arbeit handelte vom Dialog zwischen dem Außen- und dem Innenraum. Mithilfe von Fotografien und Kartenmaterial sowie entnommenen Mineral- und Gesteinsproben dokumentierte er einen Landschaftsteil der geschützten Wälder Pine Barrens an der Atlantikküste New Jerseys. Er erzählte damit von einem realen Ort in der Landschaft, aber repräsentierte diesen unerwarteterweise im Innenraum.

 

Die zweidimensionalen Träger (Karten, Fotos) ergänzte er zudem um ein dreidimensionales Bild (Mineral- und Gesteinsproben). Der reale Ort, an dem er das Material entnommen hatte, war dabei genauso Teil der künstlerischen Arbeit wie das Material selbst, das im Ausstellungsraum gezeigt wurde und auf den physischen Ort verwies. (vgl. Schmidt, E., & Vöckler, K. (Hrsg.) (2000). Erde. Ein Symposium am White Museum, Cornell University. Übersetzt aus dem Original: Earth, Nachlass, 1969. In: Gesammelte Schriften (S. 217–227). Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König.)

Robert Smithson leistete damit Pionierarbeit im räumlichen Sichtbarmachen und Zeigen von Landschaften, doch das generelle Darstellen von Natur und Landschaft im Innenraum findet seinen Ursprung weitaus früher als in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts.

Ausgestellte Landschaften im zeitlichen Wandel

Die wohl früheste gezielte Zurschaustellung exotischer Kostbarkeiten, Naturalien und anderer Artefakte (meist Errungenschaften kolonialer Entdeckungsreisen) vollzog sich in den Wunderkammern und Naturalienkabinetten europäischer Fürstenhöfe des 15. und 16. Jahrhunderts. In Schränken und Schaukästen wurden Kuriositäten aus aller Welt aufbewahrt, wissenschaftlich untersucht und klassifiziert.

 

Infolgedessen, im darauffolgenden 17. Jahrhundert hielt das Landschaftsmotiv Einzug in die Malerei. Maler aus den Niederlanden, Flandern und Italien setzten sich erstmals grundlegend mit der Landschaft als selbstständiges Bildsujet auseinander und zauberten sublime Landschaften nach Vorbild des antiken Arkadiens auf ihre Leinwände (welche später in den englischen Landschaftsgärten verwirklicht wurden).

 

Anfang des 19. Jahrhunderts dann prägte der deutsche Maler Caspar David Friedrich mit seinen melancholischen und imaginativen Natur- und Landschaftsdarstellungen die zeitgenössische Landschaftsmalerei, bevor sich Mitte des 19. Jahrhunderts die „Schule von Barbizon“ formierte und eine neue Ära einläutete. Mit Palette und Staffelei verließen die KünstlerInnen die vier Wände ihrer Ateliers und arbeiteten in der freien Natur. Sie verzichteten in ihren Bildern auf eine realitätsgetreue Motivdarstellung und fingen lieber Formen, Farben und Lichtsituationen auf ihren Gemälden ein. (vgl. Van den Berg, K. (2010). Zur Welt kommen. Landschaft als Resonanzraum. In S. von Berswordt-Wallrabe & V. Rattemeyer (Hrsg.), Landschaft als Weltsicht: Kunst vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart (S. 13–27). Köln: Wienand.)

 

Landschaftsausstellung gibt Einblick in Arbeitspraxis und -philosophie von Planer*innen

Mitte des 20. Jahrhunderts schließlich wurde der Begriff der Installation geprägt: raumgreifende, orts- und situationsbezogene Kunstwerke, die in ihrer medialen Ausrichtung, Erfahrbarkeit und Materialität äußerst vielseitig sind. Mit dem Auflodern der Ökologiebewegung etablierte sich ein neues Verständnis von Natur und Kultur als korrelierende Einheit. Der anthropogene Einfluss wurde viel stärker in die Betrachtung von Landschaft miteinbezogen und Natur- und Landschaftsfragmente nicht mehr als romantisierte oder isolierte Objekte ästhetisiert.

Das Landschaftsmotiv kehrt in beinahe allen Kunststilen und -epochen, in der Fotografie genauso wie im Film, wieder und hat auch in der zeitgenössischen Kunst nicht an Relevanz verloren. Kunst- und Kulturschaffende knüpfen heute an die Positionen der vorhergegangenen Generationen an und erweitern diese. Sie setzen immaterielle und flüchtige Materialien wie Licht, Klang oder Geruch ein, um Atmosphären aufzubauen und die sinnliche Wahrnehmung anzuregen.

 

Mit steigender Tendenz rückt das inhaltliche Arbeiten mit Natur und Landschaft auch immer mehr ins Interesse von Museen und Kunsträumen. Sie kuratieren z.B. Fachausstellungen und Werkschauen, welche entweder spezifische Fragestellungen unter Setzung eines übergeordneten Themenschwerpunkts ergründen oder geben Einblick in die Arbeitspraxis und -philosophie einzelner Kunstschaffender und Planer*innen geben.

Das Projekt Atlas of Landscapes in a Room

Atlas of Landscapes in a Room veranschaulicht wie Ausstellungsräume zu Orten des Geschichtenerzählens und der (Re-)Präsentation von Landschaft werden. Außerdem wie sie es vermögen, der Landschaft einen Wirkungsraum außerhalb ihres eigentlichen „Habitats“ zu geben.

 

Der digitale Atlas gliedert sich denn auch über einen klaren und stringenten Aufbau, der einer Kategorisierung in sieben Bereiche folgt: Collage (COL), Diorama (DIO), Exhibition (EXH), Installation (INS), Photography (PHO), Painting (PAI) und Wunderkammer (WUN). Die Kategorisierung nimmt sowohl Bezug auf den eben beschriebenen historischen Wandel ausgestellter Landschaften als auch auf die unterschiedlichen Medien der Darstellung. Das Navigieren durch den Atlas und die kuratierten Beiträge funktioniert primär über die Willkür des subjektiven visuellen Blicks und sekundär über ein Index-System, welches mit dem Aspekt der Wissenschaftlichkeit spielt.

 

Doch vor allen Dingen soll Atlas of Landscapes in a Room zum Stöbern, Entdecken, Erforschen und Sich-inspirieren-lassen einladen, neue Denkanstöße geben und zudem eine Grundlage für weiterführende Untersuchungen zu diesem spannenden Themenkomplex bilden.

Fanny Brandauer schloss 2018 mit der Masterarbeit „Landschaft ausstellen. Über den Transfer von Landschaft in den Innenraum“ ihr Studium an der TU München ab. 2021 rief sie Atlas of Landscapes in a Room ins Leben. Sie lebt und arbeitet in Berlin und München und ist als Teamleiterin bei Studio Vulkan München tätig. Hier geht es zum Instagram-Account von Atlas of Landscapes in a Room.

Wir präsentierten Fanny Brandauers Masterarbeit in der G+L 09/19. Im September 2021 richten wir den Fokus erneut auf Studierende der Planung: Die G+L 09/21 stellt herausragende studentische Arbeiten vor.

Weitere studentische Arbeiten finden Sie außerdem hier – es lohnt sich!