Atlas of Landscapes in a Room – Landschaften in Innenräumen

Architektur
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Wie eine Ausstellung gestalten, deren Fokus Landschaft ist? Wie etwas in begrenzten Räumlichkeiten ausstellen, dessen Essenz doch die Grenzenlosigkeit ist? Kunst- und Kulturschaffende sowie (Landschafts-)Architekt*innen finden seit immer wieder Antworten auf diese Fragen und präsentieren neue Landschaftserlebnisse in Innenräumen. So etwa der isländische Künstler Olafur Eliasson, der kurzum die Fondation Beyeler in Basel mehrerer Aussenwände beraubte und sie unter Wasser setzte. Welche weiteren Möglichkeiten es gibt, Landschaft auszustellen, zeigt Fanny Brandauer mit ihrem Projekt „Atlas of Landscapes in a Room“.

„Wie etwas ausstellen, das nicht nur ‚zu groß‘, sondern bereits öffentlich ist? Wie etwas in einem Ausstellungsraum adäquat vermitteln, das räumliche, körperliche Erfahrungen voraussetzt?“

 

(Margareth Otti in Ruhl, C., & Dähne, C. (2015). Architektur ausstellen: Zur mobilen Anordnung des Immobilen (S. 6–13). Berlin: Jovis)

 

Landschaft ist immobil, kontextabhängig und vielschichtig und auf Grund ihrer Komplexität nur schwer in einem Innenraum vor- und noch weniger ausstellbar. Doch das Hereinholen von Landschaft in den Innenraum erzeugt ein ungewohntes Spannungsfeld. Außerdem birgt es Potenziale, die es sich näher zu betrachten lohnt. Das Entkoppeln und Isolieren eines Landschaftsteils und dessen Rekontextualisierung im Innenraum erschliesst neue Spielräume zur (Re-)Präsentation und inhaltlichen Vermittlung von Landschaft. Der Betrachtungsfokus verschiebt sich dadurch und wird neu ausgerichtet. Raumgefühl, Naturphänomene, Geräusche und Gerüche lassen sich entsprechend inszenieren und erlebbar machen. Dadurch wird man als Besucher*in auf imaginative Reisen an nahe und ferne Orte geschickt.

Atlas of Landscapes in a Room soll Diskurs anregen

Doch wie gelingt es, Landschaft in ihrer Komplexität im Innenraum festzuhalten? In welcher Weise muss man Landschaft verändern und umformen, verkleinern, vergrößern, symbolisieren oder abstrahieren, um sie in den Ausstellungsraum transferieren zu können? Wie bleibt ihre räumliche Erfahrbarkeit im Innenraum bestehen?

Antworten darauf lassen sich in den Arbeiten von Landschaftsarchitekt*innen und Architekt*innen, Kunst- und Kulturschaffenden finden, die auf vielfältige Art und Weise neue Landschaften im Innenraum kreieren. Um einen Überblick über jenes breite Spektrum zu geben, entstand das Projekt Atlas of Landscapes in a Room. (Dem Projekt liegt übrigens die im Jahr 2018 verfasste Masterarbeit „Landschaft ausstellen. Über den Transfer von Landschaft in den Innenraum“ zu Grunde.)

Atlas of Landscapes in a Room macht es sich zur Aufgabe, ausgewählte historische und zeitgenössische Arbeiten zu kuratieren und miteinander zu verknüpfen. Er dient folglich als digitales indexiertes Nachschlagewerk und als Archiv. Denn Atlas of Landscapes in a Room möchte einen transdisziplinären Diskurs anregen und Denkanstöße initiieren, wie Landschaft und Natur im Innenraum eingefangen und wiedergegeben werden können.

Robert Smithons Konzept des Site/Non-Site

„Und als Resultat habe ich entschieden, dass es, statt etwas in die Landschaft zu stellen, interessanter sei, die Landschaft nach drinnen zu holen, an den Nicht-Ort, in den abstrakten Behälter.“

Robert Smithson in Schmidt, E., & Vöckler, K. (Hrsg.). (2000). Erde. Ein Symposium am White Museum, Cornell University.

Im Jahr 1968 präsentierte der Land-Art-Künstler Robert Smithson seine Arbeit „Site/Non-Site“ und wirkte wegbereitend für heutige Betrachtungen, wie Landschaft im Innenraum räumlich erfahrbar gemacht werden kann. Denn Smithson‘s Arbeit handelte vom Dialog zwischen dem Außen- und dem Innenraum. Mithilfe von Fotografien und Kartenmaterial sowie entnommenen Mineral- und Gesteinsproben dokumentierte er einen Landschaftsteil der geschützten Wälder Pine Barrens an der Atlantikküste New Jerseys. Er erzählte damit von einem realen Ort in der Landschaft, aber repräsentierte diesen unerwarteterweise im Innenraum.

Ausgestellte Landschaften im zeitlichen Wandel

 

Die zweidimensionalen Träger (Karten, Fotos) ergänzte er zudem um ein dreidimensionales Bild (Mineral- und Gesteinsproben). Der reale Ort, an dem er das Material entnommen hatte, war dabei genauso Teil der künstlerischen Arbeit wie das Material selbst, das im Ausstellungsraum gezeigt wurde und auf den physischen Ort verwies. (vgl. Schmidt, E., & Vöckler, K. (Hrsg.) (2000). Erde. Ein Symposium am White Museum, Cornell University. Übersetzt aus dem Original: Earth, Nachlass, 1969. In: Gesammelte Schriften (S. 217–227). Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König.)

Robert Smithson leistete damit Pionierarbeit im räumlichen Sichtbarmachen und Zeigen von Landschaften, doch das generelle Darstellen von Natur und Landschaft im Innenraum findet seinen Ursprung weitaus früher als in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts.

Die wohl früheste gezielte Zurschaustellung exotischer Kostbarkeiten, Naturalien und anderer Artefakte (meist Errungenschaften kolonialer Entdeckungsreisen) vollzog sich in den Wunderkammern und Naturalienkabinetten europäischer Fürstenhöfe des 15. und 16. Jahrhunderts. In Schränken und Schaukästen wurden Kuriositäten aus aller Welt aufbewahrt, wissenschaftlich untersucht und klassifiziert.

 

Infolgedessen, im darauffolgenden 17. Jahrhundert hielt das Landschaftsmotiv Einzug in die Malerei. Maler aus den Niederlanden, Flandern und Italien setzten sich erstmals grundlegend mit der Landschaft als selbstständiges Bildsujet auseinander und zauberten sublime Landschaften nach Vorbild des antiken Arkadiens auf ihre Leinwände (welche später in den englischen Landschaftsgärten verwirklicht wurden).

 

Anfang des 19. Jahrhunderts dann prägte der deutsche Maler Caspar David Friedrich mit seinen melancholischen und imaginativen Natur- und Landschaftsdarstellungen die zeitgenössische Landschaftsmalerei, bevor sich Mitte des 19. Jahrhunderts die „Schule von Barbizon“ formierte und eine neue Ära einläutete. Mit Palette und Staffelei verließen die KünstlerInnen die vier Wände ihrer Ateliers und arbeiteten in der freien Natur. Sie verzichteten in ihren Bildern auf eine realitätsgetreue Motivdarstellung und fingen lieber Formen, Farben und Lichtsituationen auf ihren Gemälden ein. (vgl. Van den Berg, K. (2010). Zur Welt kommen. Landschaft als Resonanzraum. In S. von Berswordt-Wallrabe & V. Rattemeyer (Hrsg.), Landschaft als Weltsicht: Kunst vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart (S. 13–27). Köln: Wienand.)

Landschaftsausstellung gibt Einblick in Arbeitspraxis und -philosophie von Planer*innen

 

Mitte des 20. Jahrhunderts schließlich wurde der Begriff der Installation geprägt: raumgreifende, orts- und situationsbezogene Kunstwerke, die in ihrer medialen Ausrichtung, Erfahrbarkeit und Materialität äußerst vielseitig sind. Mit dem Auflodern der Ökologiebewegung etablierte sich ein neues Verständnis von Natur und Kultur als korrelierende Einheit. Der anthropogene Einfluss wurde viel stärker in die Betrachtung von Landschaft miteinbezogen und Natur- und Landschaftsfragmente nicht mehr als romantisierte oder isolierte Objekte ästhetisiert.

Das Landschaftsmotiv kehrt in beinahe allen Kunststilen und -epochen, in der Fotografie genauso wie im Film, wieder und hat auch in der zeitgenössischen Kunst nicht an Relevanz verloren. Kunst- und Kulturschaffende knüpfen heute an die Positionen der vorhergegangenen Generationen an und erweitern diese. Sie setzen immaterielle und flüchtige Materialien wie Licht, Klang oder Geruch ein, um Atmosphären aufzubauen und die sinnliche Wahrnehmung anzuregen.

Das Projekt Atlas of Landscapes in a Room

 

Mit steigender Tendenz rückt das inhaltliche Arbeiten mit Natur und Landschaft auch immer mehr ins Interesse von Museen und Kunsträumen. Sie kuratieren z.B. Fachausstellungen und Werkschauen, welche entweder spezifische Fragestellungen unter Setzung eines übergeordneten Themenschwerpunkts ergründen oder geben Einblick in die Arbeitspraxis und -philosophie einzelner Kunstschaffender und Planer*innen geben.

Atlas of Landscapes in a Room veranschaulicht wie Ausstellungsräume zu Orten des Geschichtenerzählens und der (Re-)Präsentation von Landschaft werden. Außerdem wie sie es vermögen, der Landschaft einen Wirkungsraum außerhalb ihres eigentlichen „Habitats“ zu geben.

 

Der digitale Atlas gliedert sich denn auch über einen klaren und stringenten Aufbau, der einer Kategorisierung in sieben Bereiche folgt: Collage (COL), Diorama (DIO), Exhibition (EXH), Installation (INS), Photography (PHO), Painting (PAI) und Wunderkammer (WUN). Die Kategorisierung nimmt sowohl Bezug auf den eben beschriebenen historischen Wandel ausgestellter Landschaften als auch auf die unterschiedlichen Medien der Darstellung. Das Navigieren durch den Atlas und die kuratierten Beiträge funktioniert primär über die Willkür des subjektiven visuellen Blicks und sekundär über ein Index-System, welches mit dem Aspekt der Wissenschaftlichkeit spielt.

 

Doch vor allen Dingen soll Atlas of Landscapes in a Room zum Stöbern, Entdecken, Erforschen und Sich-inspirieren-lassen einladen, neue Denkanstöße geben und zudem eine Grundlage für weiterführende Untersuchungen zu diesem spannenden Themenkomplex bilden.

Fanny Brandauer schloss 2018 mit der Masterarbeit „Landschaft ausstellen. Über den Transfer von Landschaft in den Innenraum“ ihr Studium an der TU München ab. 2021 rief sie Atlas of Landscapes in a Room ins Leben. Sie lebt und arbeitet in Berlin und München und ist als Teamleiterin bei Studio Vulkan München tätig. Hier geht es zum Instagram-Account von Atlas of Landscapes in a Room.

Wir präsentierten Fanny Brandauers Masterarbeit in der G+L 09/19. Im September 2021 richten wir den Fokus erneut auf Studierende der Planung: Die G+L 09/21 stellt herausragende studentische Arbeiten vor.

Weitere studentische Arbeiten finden Sie außerdem hier – es lohnt sich!

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Zum achten Mal trugen die Arketipos Association und der Bezirksrat der norditalienischen Stadt Bergamo die internationale Veranstaltung i maestri del paesaggi – Meister der Landschaft – aus. Die Ausgabe 2018 befasste sich mit der Grundlage jeder Landschaft: Pflanzen. Traditioneller Höhepunkt und gleichzeitiger Schlussakt war das zweitägige International Meeting am 21. und 22. September im Teatro Sociale mit Vorträgen namhafter Landschaftsarchitekten und -designern.

Die Verbindung von rural und urban, von gebautem Stein und Pflanze hätte besser nicht funktionieren können als beim diesjährigen i maestri del paesaggio: Zwei Schauplätze dominierten – die inhaltlichen Vorträge im historischen Teatro Sociale wechselten sich mit Pausen auf der grün gestalteten Piazza Vecchia ab.

Die grüne Metamorphose der Piazza Vecchia – ein Modell historisch gewachsener, urbaner Baukultur – war Kern und omnipräsentes Bindeglied der diesjährigen Veranstaltung mit dem Thema „Plant Landscape“. Da liegt es nahe, dass der niederländische Gartendesigner Piet Oudolf für die temporäre Intervention angefragt wurde. Vor der Gestaltung des sogenannten Green Square hatte Oudolf allerdings Bedenken: „Normalerweise entfaltet sich ein Garten erst über eine gewisse Zeit hinweg. Dieses Mal musste alles pünktlich zum Event funktionieren.“ Trotz all seiner Planung gehört laut Piet Oudolf ebenfalls viel Improvisation dazu. Das ist die große Kunst des Designers, der zur New Perennial-Bewegung gehört: Er plant, überlegt vorab, welche Pflanzen sich eignen, an welcher Stelle er welche Sorte pflanzt, er skizziert, konzipiert – und am Ende wirkt es umso naturalistischer, impulsiver, lebendiger. Dass es so fließend aussieht, liegt an der Art und Weise, wie er die Pflanzen, vor allem Stauden und Gräser, anordnet – in sogenannten „Drifts“ (engl. To drift: sich treiben lassen). Es ist ihm geglückt, das Atmosphärische einer wilden Landschaft einzufangen und in den urbanen Raum zu integrieren.

Von konkreter Gartengestaltung zu globalen Klimaanpassungen

Von dieser gefühlt wilden Landschaft, in der die Besucher lockere Gespräche führten, Entspannung und Atmosphäre italienischer Baukultur fanden, ging es im Inneren des Teatro Sociale, dem imposanten Bau mit Holzgeländer und Deckenbalken, über zu den Inhalten. In einer Talkshow diskutierten der niederländische Landschaftsgärtner Piet Oudolf, der US-amerikanische Gartenarchitekt und Autor Thomas Rainer sowie Nigel Dunnett, Professor für Pflanzendesign und Urbaner Gartenbau an der Sheffield University, unter anderem über ihr Verständnis eines Landschaftsdesigners. Dunnett ist Pionier eines neuen ökologischen Ansatzes bei der Anlage von Gärten und öffentlichen Räumen. Im Mittelpunkt von Nigel Dunnetts Arbeit steht die Integration von Ökologie und Gartenbau, um eine dynamische und vielfältige abgestimmte Landschaft mit geringem Aufwand und hohen Belastungen zu erreichen. Auch wenn die erhoffte feurige Diskussionen und spannende Gegenpositionen ausblieben, bildete die Talkshow eine inhaltsstarke Grundlage .

Während Louis Benech – ein Superstar unter Frankreichs Landschaftsarchitekten, der erste, der ein Stück des weltberühmten Versailles neu gestalten durfte – und Filippo Pizzoni, ein italienischer Landschaftsarchitekt, ihre Arbeitsethos und ihre bisher realisierten Gärten thematisierten, fokussierten sich Kristina Knauf, Stadtplanerin bei MVRDV, und Sandra Piesik, britische Architekten, auf eine weitgefasstere, grüne Stadtentwicklung in Zeiten des Klimawandels. Die Männer kümmerten sich um konkrete Beispiele, während die Frauen das Große und Ganze in den Blick nahmen.
Als Leiterin verschiedener Projekte erklärte Knauf, dass es dem Büro darum gehe, genügend Grün in ihren Plänen und Realisierungen bereitzustellen. „Es ist äußerst dringend, auf die Klimaanpassung einzugehen“, sagt Knauf. In einem aktuellen Projekt soll der Stadtkern Eindhovens in ein grünes Verbindungsstück zwischen drei Grünflächen verwandelt werden. Dafür sollen Wände und Dächer als Grünflächen ausgestaltet werden. „Es soll am Ende so aussehen, als hätten wir die Stadt einmal umgedreht und in einen grünen Farbtopf gedippt.“ Wichtig sei es aber, produktives Grün zu schaffen, zu überlegen, an welcher Stelle es sinnvoll ist.
Die Architektin Sandra Piesik ist Autorin von HABITAT: Vernacular Architecture for a Changing Planet. Ihre Publikation bringt ein internationales Team von mehr als hundert führenden Experten aus verschiedenen Disziplinen zusammen. Die Autoren untersuchen die vernakuläre Architektur im Kontext von Klimazonen, Ökosystemen, erneuerbaren Ressourcen und Stadtentwicklungen. Ihr Buch unternimmt einen Streifzug durch achtzig Länder und die fünf Klimazonen der Erde. Entstanden ist das Werk im Umfeld der UN-Klimarahmenkonvention.

Symbiose von Architektur und Landschaft

Ein Beispiel für das mögliche Gelingen einer Symbiose von Architektur und Landschaft ist der Projektentwurf des dänischen Architekturbüros BIG. Im vergangenen Jahr gewann die Bjarke Ingels Group den Wettbewerb zur Erweiterung der Fabrikanlage in San Pellegrino Terme. Dieses Werk befindet sich seit 1899 in San Pellegrino und ist umgeben von malerischer Natur, Flusswasser und Bergen. Die Marke San Pellegrino ist auch Teil der italienischen Wirtschaft und Kultur.
Es ist offensichtlich, dass Architekten bei der Realisierung von Projekten den kulturellen und sozialen Kontext respektieren müssen. Natürlich können neue Perspektiven einfließen, aber der Ort und sein Erscheinungsbild sollten nicht verdeckt werden. Die Bjarke Ingels Group verspricht, genau das mit dem Design der neuen Flagship Factory San Pellegrino zu tun. Das neue Design überlagert die Fabrik nicht mit fremden Elementen: Der Entwurf kombiniert die modulare Architektur der Fabrik mit repetitiven Elementen des italienischen Klassizismus und Rationalismus. Der Raum variiert durch die Erweiterung und Reduzierung der Spannweite der Bögen. Demnach bewegt und fließt die Architektur in gleicher Weise wie der Fluss vor Ort. Alles scheint eine fließende Struktur zu haben.

A dopo, Bergamo

Während Mailand Mode und Venedig Kunst und Architektur zu bieten haben, verschreibt sich Bergamo der Landschaftsarchitektur und Gartenkunst. Die Veranstaltung dient dem Austausch unterschiedlicher Disziplinen, die sich jedoch alle in irgendeiner Form der Landschaft verschrieben haben. In der diesjährigen Ausgabe war vor allem die Verschränkung zwischen Architektur und Landschaft sowie der Blick auf die Rolle von Pflanzen im Rahmen von Städtezuwachs, Nachverdichtung und Klimaanpassung impulsgebend.

Mehr zum Thema finden Sie in der Novemberausgabe 2018 der Garten+Landschaft.

Wo entsiegeln? KI trifft Rückbaupotenzial punktgenau

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Stimmungsvolle Luftaufnahme einer österreichischen Stadt mit Fluss von Carrie Borden





Wo entsiegeln? KI trifft Rückbaupotenzial punktgenau – Fachbeitrag für Stadtplanung, Landschaftsarchitektur und urbane Transformation




Wo entsiegeln – und vor allem wie gezielt? Die urbane Debatte um Rückbaupotenziale und hitzegestresste Stadtquartiere ist längst kein akademisches Planspiel mehr. Mit nie dagewesener Präzision bringt Künstliche Intelligenz jetzt Licht in den Flickenteppich versiegelter Flächen. Der Schlüssel: Daten, Simulationen und digitaler Weitblick. Wer meint, die Entsiegelung urbaner Räume sei ein reines Operieren mit dem Presslufthammer, wird sich wundern, wie leise und elegant Rückbau künftig orchestriert wird – und wie die KI schon heute punktgenau zeigt, wo sich der Einsatz wirklich lohnt.

Zusammenfassung

  • Warum Entsiegelung das große Zukunftshema für Städte und Landschaftsarchitektur ist – und warum punktgenaue Flächenauswahl entscheidend ist
  • Wie Künstliche Intelligenz neue Maßstäbe bei der Analyse von Rückbaupotenzialen setzt
  • Welche Datenquellen und digitalen Modelle die Grundlage für smarte Entsiegelungsstrategien bilden
  • Wie Urban Digital Twins, Geodaten und Machine Learning zusammenwirken
  • Welche kommunalen und rechtlichen Hürden bestehen – und wie Planer sie meistern können
  • Praktische Einblicke: Pilotprojekte und Lessons Learned aus DACH-Städten
  • Risiken, Bias und ethische Fragen: Wer entscheidet, wo entsiegelt wird?
  • Transparenz, Partizipation und Governance als Schlüsselfaktoren für nachhaltigen Erfolg
  • Warum KI-gestützte Entsiegelung nicht nur Technik-, sondern auch Kulturwandel bedeutet

Punktgenau entsiegeln: Warum Rückbau nicht mehr auf Verdacht funktioniert

Die Diskussion um Entsiegelung und Rückbau urbaner Flächen hat in den letzten Jahren eine Dringlichkeit erreicht, die ihresgleichen sucht. Städte ächzen unter Hitzeinseln, Starkregen und versiegelten Böden – und die klassischen Methoden des Rückbaus wirken plötzlich wie Werkzeuge aus einer anderen Epoche. Wo früher nach dem Gießkannenprinzip Straßen, Plätze und ehemalige Industriebrachen aufgebrochen wurden, verlangt die heutige Stadtgesellschaft nach Präzision. Denn längst ist klar: Nicht jede entsiegelte Fläche bringt den erhofften ökologischen, klimatischen oder sozialen Mehrwert. Wo also ansetzen, wenn Ressourcen knapp, Flächen umkämpft und Zielkonflikte komplex sind?

Hier setzt die datenbasierte Stadtplanung an – und stellt mit Künstlicher Intelligenz das bisherige Entsiegelungsdogma fundamental auf den Kopf. Während das Bauchgefühl vieler Planer durchaus immer noch ein wichtiger Impulsgeber ist, fordern Fördermittelgeber, Politik und Öffentlichkeit zunehmend nachvollziehbare, effiziente und vor allem messbare Entsiegelungsentscheidungen. Flächen müssen nicht nur punktgenau lokalisiert, sondern auch auf ihr Rückbaupotenzial hin bewertet werden: Wie hoch ist die Bodenversiegelung? Wie hoch der ökologische Gewinn bei Rückbau? Welche Konflikte entstehen mit Infrastruktur, Eigentum oder Nutzung?

Die klassische Kartierung und Priorisierung stößt hier rasch an ihre Grenzen. Manuelle Erhebungen, Luftbilder und Einzelstudien liefern zwar wichtige Hinweise, doch die Dynamik und Vielschichtigkeit urbaner Systeme bleibt oft außen vor. Vor allem, wenn es um die Verknüpfung von Klimaresilienz, sozialer Infrastruktur, Mobilität und Stadtökologie geht, merken viele Kommunen: Wir brauchen ein Update – und zwar dringend.

Genau an dieser Schnittstelle entfaltet sich das Potenzial von KI-gestützten Analysetools. Sie transformieren Entsiegelung von einer starren Maßnahme zum lernenden, adaptiven Stadtentwicklungsprozess. Die entscheidende Frage lautet ab jetzt nicht mehr: Wo ist irgendetwas versiegelt? Sondern: Wo und wann bringt Rückbau den maximalen Systemnutzen? KI kann diese Frage in Echtzeit beantworten – und zwar auf Basis von Daten, die deutlich tiefer und breiter reichen als alles, was klassische Planungswerkzeuge leisten.

Für die Praxis bedeutet das: Entsiegelung wird zum maßgeschneiderten Eingriff. KI hilft, Zielkonflikte vorherzusehen, Synergien zu heben und Szenarien durchzuspielen. Planer gewinnen eine neue Souveränität im Umgang mit Unsicherheiten – und können Rückbaupotenziale nicht nur objektivieren, sondern auch gezielt kommunizieren. Wo früher der Presslufthammer regierte, wird heute mit Algorithmen ausgewählt, simuliert und priorisiert. Willkommen in der neuen Ära der urbanen Entsiegelung.

Die Datenrevolution: Wie KI Rückbaupotenziale sichtbar macht

Die technologische Grundlage der KI-gestützten Entsiegelungsplanung ist eine bislang unerreichte Datenfülle und deren intelligente Auswertung. Moderne Städte verfügen heute über ein komplexes Gewebe aus Geodaten, Fernerkundungsbildern, Sensordaten, Open Data Sets und historischen Bestandsdaten. Diese Datenströme bilden das Rohmaterial für Machine Learning und KI-Algorithmen, die in der Lage sind, Muster zu erkennen, Korrelationen herzustellen und bislang unsichtbare Rückbaupotenziale ans Licht zu bringen.

Ein zentrales Werkzeug in diesem Kontext sind Urban Digital Twins, also digitale Abbilder der Stadt, die in Echtzeit mit Daten aus unterschiedlichsten Quellen gespeist werden. Während klassische 3D-Stadtmodelle vor allem der Visualisierung dienten, können heutige Urban Digital Twins Flächenversiegelung und Rückbaupotenziale dynamisch analysieren. Sie berücksichtigen dabei nicht nur die aktuelle Flächen­nutzung, sondern auch mikroklimatische Effekte, Oberflächenabflüsse, Vegetationspotenziale und die Auswirkungen auf die urbane Biodiversität.

Künstliche Intelligenz geht noch einen Schritt weiter: Sie kann etwa Satellitendaten mit kommunalen Bebauungsplänen, Verkehrsdaten und Klimaprognosen verknüpfen. So entstehen Prognosen, die aufzeigen, wo Flächenentsiegelung das größte Potenzial zur Hitzereduktion, zur Verbesserung des Stadtklimas oder zur Entlastung der Kanalisation hat. Über neuronale Netze werden dabei nicht nur offensichtliche, sondern auch latent wirksame Versiegelungen erkannt – beispielsweise unter Asphalt verborgene Altlasten oder schlecht dokumentierte Hof- und Nebenflächen.

Ein weiterer Vorteil: KI-Modelle können verschiedene Szenarien durchspielen und auf ihre Wirksamkeit testen, bevor überhaupt eine einzige Baumaßnahme beginnt. So lassen sich Zielkonflikte frühzeitig erkennen: Vielleicht bringt die Entsiegelung eines Parkplatzes weniger ökologischen Gewinn als der Rückbau einer wenig genutzten Industriebrache? Oder der Rückbau einer Verkehrsfläche führt zu neuen Nutzungskonflikten, die im Vorfeld berechenbar werden. Die Fähigkeit, diese Situationen realitätsnah zu simulieren, bedeutet eine neue Planungsqualität – und einen entscheidenden Vorsprung für alle, die Entsiegelung als Teil einer zukunftsfähigen Stadtentwicklung verstehen.

Kurz: Die Datenrevolution macht Rückbau nicht nur sichtbar, sondern strategisch steuerbar. Wer heute die richtigen Schnittstellen zwischen Geodaten, Urban Digital Twins und KI-Algorithmen schafft, kann Entsiegelung erstmals wirklich punktgenau orchestrieren – und schafft damit die Grundlage für eine klimaresiliente, lebenswerte Stadt von morgen.

Von der Vision zur Praxis: Pilotprojekte und Pioniererfahrungen

Wie sieht das Ganze in der Praxis aus? In Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es inzwischen mehrere spannende Pilotprojekte, die zeigen, wie KI-gestützte Entsiegelung Realität wird. Ein Vorreiter ist die Stadt München, die im Rahmen ihres Smart City Programms eine KI-basierte Flächenanalyse entwickelt hat. Mithilfe von Machine Learning und Urban Digital Twins werden hier Verkehrsflächen, Parkplätze und Zwischenräume auf ihr Rückbaupotenzial hin durchleuchtet. Das System bewertet nicht nur die technische Machbarkeit, sondern auch ökologische, soziale und wirtschaftliche Effekte. Erste Ergebnisse zeigen: Viele Potenziale liegen dort, wo sie bislang niemand vermutet hätte – etwa in ehemaligen Lieferzonen oder kaum genutzten Randstreifen.

Auch Zürich setzt auf KI, allerdings mit einem besonderen Fokus auf Klimaanpassung. Hier werden Daten aus Wetterstationen, Bodenfeuchtesensoren und Verkehrszählungen in Echtzeit in ein Urban Digital Twin eingespeist. Das Ziel: Hotspots der Versiegelung identifizieren, an denen Rückbau besonders hohe Klimawirkung entfaltet. Die Stadt hat so nicht nur ihre Entsiegelungsstrategie überarbeitet, sondern auch die Priorisierung von Fördermitteln und baulichen Maßnahmen komplett neu aufgestellt.

Wien wiederum geht einen partizipativen Weg. Hier können Bürger über eine Open-Data-Plattform potenzielle Entsiegelungsflächen melden. Die Vorschläge werden von einer KI analysiert und mit städtischen Datenquellen abgeglichen. Besonders spannend: Die Plattform gibt Rückmeldung, wie hoch das Rückbaupotenzial tatsächlich ist und welche Nebeneffekte – etwa für Mobilität oder Mikroklima – zu erwarten sind. Das schafft Transparenz und steigert die Akzeptanz für spätere Maßnahmen.

In der Schweiz arbeitet Basel an einem KI-gestützten System, das mit Hilfe von Drohnenbildern und Machine-Learning-Algorithmen versiegelte Flächen kartiert und automatisch Vorschläge für Rückbau macht. Hier zeigt sich, wie schnell und effizient die Technologie inzwischen arbeitet: Wo früher monatelange Kartierungen nötig waren, liefert das System heute binnen Tagen eine Prioritätenliste – inklusive Handlungsempfehlungen für die Stadtplanung.

Übergreifend wird jedoch deutlich: Die Technologie ist zwar reif, doch die eigentlichen Herausforderungen liegen im Zusammenspiel von Technik, Recht und Organisation. Datenhoheit, Datenschutz und offene Schnittstellen sind zentrale Themen – ebenso wie die Frage, wer letztlich entscheidet, wo tatsächlich zurückgebaut wird. Aber klar ist auch: Die Pilotprojekte zeigen, wie groß das Potenzial ist, wenn KI und Stadtplanung an einem Strang ziehen. Die Entsiegelungswelle rollt – und sie wird smarter, leiser und zielgenauer als je zuvor.

Herausforderungen, Risiken und Governance: Wer steuert den Rückbau?

Die Euphorie rund um KI-gestützte Entsiegelung sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Technik allein noch keinen nachhaltigen Wandel garantiert. Im Gegenteil: Je smarter die Systeme, desto größer die Anforderungen an Governance, Transparenz und gesellschaftliche Akzeptanz. Ein zentrales Thema ist die Datenhoheit. Wem gehören die Daten, auf deren Basis Rückbauentscheidungen getroffen werden? Wer kontrolliert die Algorithmen, die Flächen priorisieren? Und wie lässt sich sicherstellen, dass die Empfehlungen der KI nicht zu neuen sozialen oder ökologischen Schieflagen führen?

Hier zeigt sich schnell: KI kann bestehende Ungleichheiten reproduzieren, wenn sie auf lückenhaften oder einseitigen Daten basiert. Beispielsweise könnten ärmere Quartiere übersehen werden, weil sie schlechter dokumentiert sind – oder kommerziell attraktive Flächen erhalten Priorität, weil sie leichter zugänglich sind. Auch besteht die Gefahr, dass KI-basierte Entscheidungen als objektiv und unanfechtbar wahrgenommen werden, obwohl sie letztlich auf Annahmen, Gewichtungen und Zielkonflikten beruhen, die von Menschen vorgegeben wurden.

Die Lösung liegt in einer klugen Governance. Offene Schnittstellen, transparente Algorithmen und nachvollziehbare Entscheidungswege sind kein Luxus, sondern Grundvoraussetzung für Akzeptanz. Kommunen müssen die Hoheit über ihre Digital Twins und KI-Systeme behalten – und gleichzeitig für externe Prüfungen und Bürgerbeteiligung offenbleiben. Nur so lassen sich Fehlsteuerungen vermeiden und die Qualität der Rückbauplanung langfristig sichern.

Rechtliche Fragen spielen dabei eine ebenso große Rolle wie organisatorische. Datenschutz, Eigentumsrechte und die Abwägung zwischen öffentlichem Interesse und individuellen Ansprüchen müssen in jedem Planungsschritt mitgedacht werden. Besonders anspruchsvoll wird es, wenn KI-Empfehlungen in bestehende Planungsprozesse integriert werden: Wer trägt die Verantwortung, wenn sich ein Rückbau als Fehler erweist? Und wie werden Zielkonflikte zwischen verschiedenen Fachbereichen, etwa zwischen Verkehrsplanung und Stadtökologie, gelöst?

Am Ende bleibt festzuhalten: KI-gestützte Entsiegelung ist kein Selbstläufer. Sie verlangt nach einem neuen Verständnis von Planung, bei dem Technik, Transparenz und Teilhabe Hand in Hand gehen. Wer diese Balance schafft, kann die Chancen der Technologie heben – und die Risiken in den Griff bekommen. Wer sich allein auf den Algorithmus verlässt, riskiert gesellschaftliche Akzeptanz, ökologische Wirkung und letztlich die Legitimation des gesamten Rückbauprozesses.

Fazit: KI-gestützte Entsiegelung als Gamechanger für die Stadtentwicklung

Die Entsiegelung urbaner Räume steht vor einem Paradigmenwechsel. Was bislang vor allem als mühselige Pflichtübung galt, wird durch Künstliche Intelligenz zum strategischen Werkzeug intelligenter Stadtentwicklung. Nie zuvor konnten Rückbaupotenziale so präzise, transparent und dynamisch identifiziert werden. Die Verbindung von Urban Digital Twins, Machine Learning und partizipativen Plattformen eröffnet Städten, Landschaftsarchitekten und Planern ungeahnte Möglichkeiten – von der Hitzereduktion über Biodiversität bis zur Steigerung der Aufenthaltsqualität.

Die Praxis zeigt jedoch: Technologie ist nur so gut wie ihr Einsatzrahmen. Ohne offene Governance, kluge Schnittstellen und gesellschaftliche Einbettung bleibt das Potenzial der KI ungenutzt oder wird gar zum Risiko. Die Pilotprojekte aus München, Zürich, Wien und Basel machen Mut – sie zeigen, dass der Wandel möglich ist, wenn Mut zur Innovation, interdisziplinäre Zusammenarbeit und Transparenz zusammenkommen.

Für Planer, Landschaftsarchitekten und kommunale Entscheider heißt das: Es gilt, die neuen Werkzeuge nicht nur technisch zu beherrschen, sondern auch ethisch und organisatorisch zu steuern. KI-gestützte Entsiegelung ist kein Ersatz für gute Planung, sondern ihr wichtigstes Update. Wer jetzt einsteigt, kann den Rückbau von morgen mitgestalten – smarter, gezielter und nachhaltiger als je zuvor.

Die größte Herausforderung bleibt: den Menschen mitzunehmen. Entsiegelung ist mehr als eine technische Aufgabe. Sie ist eine Frage der Stadtgesellschaft, der Kommunikation und der Mitwirkung. Aber genau hier bietet die neue Generation digitaler Werkzeuge die Chance, Entsiegelung als gemeinsames Projekt zu denken – sichtbar, nachvollziehbar und wirksam.

Das Fazit ist eindeutig: Wo KI trifft Rückbaupotenzial, entsteht ein neues Kapitel der Stadtplanung. Die Zeit der Entsiegelung auf Verdacht ist vorbei. Jetzt beginnt die Ära der punktgenauen, datenbasierten und partizipativen Flächenentwicklung. Wer das verschläft, verpasst nicht nur die Zukunft der Stadt – sondern die Chance, urbane Lebensqualität nachhaltig neu zu erfinden.