Claude Monet
Claude Monet

Landschaft: Der Begriff im Wandel der Zeit

Wir alle meinen zu wissen, was Landschaft ist. Bei genauem Eintauchen verschwimmt jedoch die Klarheit. Je nach Kontext und Thema, nach Disziplin und Perspektive unterscheidet sich unser Verständnis von Landschaft. Der Begriff ist fast wie eine große Kiste. Und wir packen immer mal etwas anderes hinein.

Selten kommt der Begriff Landschaft derzeit alleine daher. Vielmehr mehren sich Wortschöpfungen, in denen die Landschaft um einen Begriff ergänzt ist. Sie reichen von Kulturlandschaft und Ackerlandschaft, über den Landschaftspark bis zur Stadtlandschaft. Aber auch blühende Landschaften und Haldenlandschaften tauchen auf. Vor lauter urbaner Note scheint sich neuerdings auch die Natur wieder einzuschleichen; auch der Begriff der Naturlandschaft kommt häufiger vor. In Diskussionen um Stadt und Landschaft ist eines konstant: der Wandel.

Das Wort Landschaft kam bereits im Mittel- und Althochdeutschen ab dem 8. Jahrhundert vor. Schon damals setzte sich lantschaft aus dem Substantiv Land und dem Suffix -schaft zusammen. Während der erste Wortteil für freies oder braches Land stand, verwies der zweite Teil auf eine menschliche Tätigkeit oder Überformung. Demnach würde der Begriff Landschaft einfach für überformtes Land stehen. Schön, wenn es so einfach wäre. In Wahrheit durchliefen das Wort und seine Bedeutung im Laufe der Epochen viele Wandlungen.

Landschaft in Geographie und Ökologie

Auch in Literatur und Malerei veränderte sich die Vorstellung und Darstellung von Landschaft kontinuierlich. Von der Antike bis in das 18. Jahrhundert erscheinen Natur und Landschaft mal lieblich und schön und dann als schrecklicher, lebensfeindlicher Ort. Im 18. Jahrhundert wandelte sich das. Die Natur wurde umgewertet in etwas Erhabenes. Allerdings hielt das nicht lange an. Bereits im 19. Jahrhundert wird die Auffassung wieder pessimistischer. Diesen wechselnden Blick greift die Klassik Stiftung in Weimar derzeit auf. Sie betitelt ihre aktuelle Ausstellung mit: „Ich hasse die Natur“. Dieser Satz geht auf einen österreichischen Schriftsteller zurück. Dahinter steckt aber nicht nur Ablehnung. Der Titel verweist vielmehr auf die wechselnde und nicht immer einfache Beziehung des Menschen zu Natur und Landschaft.

Aber es sind nicht nur Zeitströmungen, die die Perspektive auf Landschaft prägen. Es ist immer auch der Blickwinkel der Betrachtenden, der eine große Rolle spielt. Das schrieb schon der amerikanische Philosoph Ralph W. Emerson im frühen 19. Jahrhundert: „Der Unterschied zwischen Landschaft und Landschaft ist klein; doch groß ist der Unterschied zwischen den Betrachtern“.

Landschaft in raumplanenden Disziplinen

Verschiedene Blickwinkel auf Landschaft nehmen auch die Disziplinen wie Geografie und Ökologie ein. Aber sogar in diesen Wissenschaften ist der Begriff nicht genau definiert, obwohl schon Alexander von Humboldt vom „Totalcharakter einer Erdgegend“ gesprochen haben soll. Dessen ungeachtet ist der Begriff Landschaft bis heute in der Geografie umstritten. Für die einen ist Landschaft ein Forschungsobjekt. Andere hingen lehnen die umfassenden, holistische Sichtweise als unwissenschaftlich ab. Im Bereich der Ökologie ist es nicht einfacher; ganz im Gegenteil. Hier kommen noch Wortschöpfungen wie Ökosystemtypen und Ökosystemdienstleistungen hinzu. Die vereinfachen die Verständigung sicher nicht.

In der Welt derjenigen Disziplinen, die tagtäglich Lebensräume planen und gestalten, kommt Landschaft eine zunehmend größere Bedeutung zu. Wurden Stadt und Land lange als Gegenpole gesehen, tauchen sie seit Jahrzehnten vermehrt als unzertrennliches Paar auf. Demnach sind die meisten unserer Lebensräume nicht dem einen oder anderen zuzurechnen. Vielmehr dominiert vielerorts das Nebeneinander von urbanen und landschaftsräumlichen Strukturen. Den Blick darauf hat Thomas Sieverts in seinem Buch „Zwischenstadt“ geschärft.

Seit dessen Veröffentlichung richtet sich die Wahrnehmung weniger auf das eine oder das andere. Die tradierte Vorstellung von Urbanität durch Dichte, von städtischen Leben auf dichtem Raum ist selten geworden. Vielmehr gleichen städtisch geprägte Räume patchworkartigen Strukturen. Anders gesagt liegen zwischen mehreren urbanen Kernen Autobahnen und Schnellstraßen, aufgelockerte Wohnbereiche und Gewerbeareale sowie Freiräume. Hier existiert ein besonderes Stadtklima, ein charakteristischer Wasserhaushalt und eigene Flora und Fauna. Da wundert es kaum, dass sich ein neuer Begriff in der Diskussion um Stadt und Landschaft etabliert hat: die Stadtlandschaft.

Von der Stadtlandschaft zu Stadtgrün und Stadtnatur

Die Stadtlandschaft beschreibt die von Menschen überformten Lebensräume eigentlich aus einer urbanen Perspektive. Der Begriff erkennt an, dass urbane Strukturen eng mit landschaftsräumlichen vermischt, verwoben und verzahnt sind. Aber bleibt dabei die Aufmerksamkeit für die Landschaft, für Landschafts- und Freiraumstrukturen auf der Strecke? Dieser Eindruck könnte entstehen. Dementsprechend schleichen sich wieder neue Begriffe in die Diskussion.

Zum Beispiel veröffentlichte das Bundesumweltministerium 2017 zunächst das Weißbuch Stadtgrün. Wenig später folgt der Masterplan Stadtnatur. Grün, Natur und Elemente von Landschaft bekommen neue Aufmerksamkeit. Laut dem Weißbuch des Bundes wird Grün in der Stadt zur Basis für eine lebenswerte Zukunft gesehen. Besser gesagt: „Urbanes Grün und Freiflächengestaltung leisten einen wichtigen Beitrag zum Erscheinungsbild unserer Städte und zur Erhöhung der Lebensqualität im urbanen Raum“.

Der postindustrielle Landschaftspark

Grüne Infrastruktur

Bei der Prägung von neuen Begriffen rund um Landschaft hat das Ruhrgebiet eine führende Rolle. Bereits in den späten 1980er-Jahren brachte die IBA Emscher Park bis dato ungewohnte Begriffe zusammen. Nicht nur, dass eine Internationale Bauausstellung eine gesamten Region umfasste. Die Verbindung einer offenen Kloake mit Landschaft und Park war gleichermaßen ungewöhnlich. Schon im Titel der IBA kamen Begriffe zusammen, die bis dato nicht zusammen gehörten. Darüber hinaus wurde das Konzept des Landschaftsparks auf eine Region übertragen, die von Schwerindustrie und Kohleförderung gebeutelt war.

Dessen ungeachtet avancierte der Emscher Landschaftspark zum kommunale Grenzen überschreitenden Jahrhundertprojekt. Er ist aber auch zum Inbegriff einer Transformation geworden, die bis dato unbekannt war. Zwanzig Jahre nach dem Ende der IBA und nach Ausarbeitung des Masterplans Emscher Landschaftspark war es wieder still geworden. Aber nicht lange. Plötzlich kam Grüne Infrastruktur an die Emscher.

Von der Europäischen Union, über den Bund, die Länder und regionale Planungsinstanzen kommt neue Aufmerksamkeit für Landschaft, Natur und Grün an die Emscher. Diesmal unter dem Begriff Grüne Infrastruktur. Spontan irritiert die Kombination des Adjektivs „grün“ mit dem technisch anmutenden Substantiv „Infrastruktur“. Wird Infrastruktur aber als Voraussetzung für die Versorgung eines Lebensraums verstanden,  verliert der Begriff etwas an Sperrigkeit. Dann macht er deutlich, dass Grün ein wesentlicher und systemrelevanter Bestandteil jedes urbanen Gefüges ist.

Dass Natur und Landschaft als Naturkapital genauso zum volkswirtschaftlichen Grundstock gehören, wie klassische Infrastruktursysteme. Dementsprechend bedürfen sie derselben Instandhaltung und Aufwertung. Das klingt plausibel. Doch noch ist Grüne Infrastruktur nicht im allgemeinen Sprachgebrauch angekommen. Darum bemühen sich derzeit zahlreiche Akteur*innen. Das Land, aber auch der Regionalverband Ruhr, werden Projekte der Grünen Infrastruktur lancieren und fördern. Sie wollen aber auch das Bewusstsein der Menschen in der Region für Landschaft und Grün stärken. Letztlich geht hier wieder einmal darum, einen neuen Begriff mit Leben zu füllen.

Persönlichkeiten und Medien

Landschaft im Wandel oder was stecken wir in die Kiste „Landschaft“?

Es sind nicht nur die Landschaft planenden und gestaltenden Disziplinen und deren Projekte, die einen Begriff mit Leben füllen. Natürlich spielen auch bedeutende Persönlichkeiten eine Rolle. Sicherlich erinnern sich noch viele an Helmut Kohls Ansprache 1990, in der er blühende Landschaften versprach. Aber auch Vertreter*innen der Architekturszene prägen den Diskurs. Zum Beispiel plädierten 2020 zwei der prominentesten Architekten unserer Zeit, Jacques Herzog und Pierre de Meuron dafür, die Landschaft in die Stadt zu bringen.

Neben Äußerungen von Persönlichkeiten, Publikationen und Kampagnen, Ausstellungen und Kunstprojekten, spielen auch soziale Medien eine Rolle. Vor dem Hintergrund von fast vier Millionen Beiträgen unter dem Hashtag #Landschaft darf von großer Aufmerksamkeit für das Thema gesprochen werden. Wie auch immer die Darstellungen und Sichtweisen auf Landschaft dort sind, sie prägen in jedem Fall unsere Perspektive und Wahrnehmung. Und das auf bisher unbekannte, wenig erfasste Art und Weise.

Vor kurzem noch irritierte eine Diskussion. Die Beitragenden sollten sich zum Start kurz über das gemeinsame Verständnis von Landschaft einigen. Als kein gemeinsamer Nenner zu finden war, kam Irritation auf. Wie kann es sein, dass ein so gebräuchlicher und vermeintlich eindeutiger Begriff wie Landschaft so viele Facetten hat? Die Landschaft mutet beinahe an wie eine Kiste, die wir je nach Bedarf füllen. Das hat der kurze Ritt durch die Geschichte und die Disziplinen gezeigt. Vielleicht ist dieses Bild genau das, welches wir brauchen.

Wir sollten Landschaft als etwas dynamisches verstehen, beinahe als einen Prozess, der sich kontinuierlich verändert. Anfang der 2000er-Jahre nannte der bekannte Planungstheoretiker Klaus Selle ein Buch um. Was zunächst hieß: „Was ist los mit den öffentlichen Räumen“ bekam in der zweiten Auflage den Titel: „Plätze, Parks & Co. Stadträume im Wandel“. Hinter diesem veränderten Titel steckt die Erkenntnis, dass eine fast unüberschaubare Vielfalt von öffentlich zugänglichen Räumen in Städten gibt, die sich dazu noch kontinuierlich und dynamisch verändern. So müssen wir vielleicht auch Landschaft sehen. Wenn wir ein Buch über Landschaft schreiben würden, müsste es demnach heißen: „Stadtlandschaften, Naturlandschaften, blühende Landschaften & Co. Landschaft im kontinuierlichen Wandel“.

Erfahren Sie hier, warum die Naturlandschaft Great Barrier Reef sich zukünftig verändern wird und welche Lebewesen dadurch besonders gefährdet sind.

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Gemeinschaftsgärten sind Teil der essbaren Stadt und bringen zahlreiche soziale, ökologische und wirtschaftliche Vorteile. Foto: via rawpixel

Mit dem Begriff der essbaren Stadt ist ein Konzept gemeint, bei dem Obst- und Gemüse- sowie Nutzpflanzen auf öffentlichen Flächen angebaut werden. Diese zugänglichen Lebensmittel stehen allen Menschen frei zur Verfügung. Sie dienen unter anderem der Ernährung und der Bildung in Städten.

Die urbane Nahrungsmittelproduktion ist keine neue Erfindung, aber heutzutage kommt sie nicht mehr aus einer Notsituation heraus. Vielmehr geht es bei der essbaren Stadt um den Gedanken, neue Gemeingüter zu schaffen und Lebensmittel für alle Menschen frei zur Verfügung zu stellen. So steigt die Lebensqualität für alle und Städter*innen erfahren mehr über die Lebensmittelproduktion. Essen als zugängliches Thema soll zudem alle Bevölkerungsgruppen einladen und zu Konversationen anregen.

Regionale, geschlossene Nährstoffkreisläufe

Essbare Städte sind oft Teil von landschaftsarchitektonischen Vorhaben. Sie sind Teil der ästhetischen Funktion städtischer Grünflächen, haben aber zusätzlich auch umweltpädagogische, soziale und ökologische Aspekte. Damit unterstützen sie die Nachhaltigkeitsziele von Städten, sei es durch öffentliche Gärten, Obst- und Nussbäume, Gemüseprojekte oder Beerensträucher im Park. Das Konzept kann sowohl von der Bevölkerung als auch von der Stadtverwaltung umgesetzt werden.

Es bringt wichtige wirtschaftliche Vorteile: Armutsbekämpfung, erhöhte Ernährungssicherheit, Förderung der Kreislaufwirtschaft und Transparenz entlang der Wertschöpfungskette führen dazu, dass Lebensmittel in vielen Städten heute einen ganz neuen Stellenwert haben. Hochwertige Produkte können die Multifunktionalität öffentlicher Grünflächen erhöhen.

Und durch die partizipativen Aspekte der meist von den Bürger*innen gepflegten essbaren Stadt entstehen soziale Vorteile: Die „Prosument*innen“, die sowohl konsumieren als auch produzieren, entwickeln ein Bewusstsein für nachhaltige Ernährung und haben Zugang zu gesunden Optionen. Durch Gemeinschaftsveranstaltungen wie Gärtnern oder Erntedankfeste lässt sich die soziale Wirkung der essbaren Stadt gut entfalten.

Und auch ökologisch gesehen bringt die essbare Stadt Vorteile: Sie erhöht den Anteil an Grünflächen in Städten, fördert die Biodiversität und Artenvielfalt, vermittelt jungen Menschen die Bedeutung von Lebensmitteln und kann die Lebensmittelverschwendung reduzieren. Zudem fördert sie regionale, geschlossene Nährstoffkreisläufe mit minimalen Lieferwegen.

: In der essbaren Stadt werden die Bürger*innen zu Prosument*innen, die sowohl konsumieren als auch konsumieren. Foto: via unsplash
: In der essbaren Stadt werden die Bürger*innen zu Prosument*innen, die sowohl konsumieren als auch konsumieren. Foto: via unsplash

Über 100 essbare Städte in Deutschland

Wenn sich eine Stadt als „essbar“ bezeichnet – ein selbst gewählter Titel –, dann hat sie vermutlich einen recht hohen Anteil an öffentlichen Gärten, Obst- und Gemüsepflanzen und Angeboten wie der App Mundraub. Letztere zeigt, wo zugängliche Beeren, Gemüsearten, Nüsse und weitere Lebensmittel gepflückt werden können.

Städte wie Kassel, Halle, Trier, Köln, Andernach, Kiel und Jena tragen den Titel voller Stolz. Hier stehen die Stadtverwaltungen ebenso wie die Behörden, die Bürger*innen und oft auch private Vereine hinter dem Vorhaben. Andernach nutzt seit 2010 die Bezeichnung essbare Stadt und ist damit die erste Stadt in Deutschland. Bereits im Jahr 2008 gab es im Vereinigten Königreich mit Todmorden eine „edible town“. Auf öffentlichen Gebäuden entstanden Gemüsegärten, die von Beginn an allen Bürger*innen offenstanden: Sie durften das ernten, was im öffentlichen Raum wuchs.

Das Interesse in den Medien war groß. Jährlich finden um die 150 Exkursionen in Andernach statt, die andere Städte dazu inspirieren, ebenfalls zu einer essbaren Stadt zu werden. Im Jahr 2016 gab es bereits 63 Gemeinden in Deutschland, die entsprechende Konzepte hatten. Heute sind es über 100.

Essbare Blumen, Zucchinis, Tomaten, Gurken, Kräuter, Beeren und vieles mehr wächst in den meisten Städten ohne Probleme und kann zum Gemeingut werden. Foto: via unsplash
Essbare Blumen, Zucchinis, Tomaten, Gurken, Kräuter, Beeren und vieles mehr wächst in den meisten Städten ohne Probleme und kann zum Gemeingut werden. Foto: via unsplash

Das Konzept verankern

Auf den ersten Blick hat das Konzept der essbaren Stadt keine Nachteile: Es ist leicht und günstig umzusetzen und erfüllt zahlreiche Nachhaltigkeitskriterien. Wichtig ist jedoch, dass es nicht bei einem Symbolcharakter bleibt: Vielmehr sollte die essbare Stadt zu Verhaltensänderung in der Produktion und Verarbeitung von Lebensmitteln führen. Auch Handel und Konsum sollten sich idealerweise verändern.

Erfolgreiche essbare Städte sind vielfältig: Von Gemüse, Obst, Kräutern und essbaren Blüten in Parks und Fußgängerzonen über Balkone, Wände und Dachflächen bis hin zu öffentlichen Grünanlagen, Spielplätzen sowie Gemeinschafts- und Schulgärten gibt es viele Möglichkeiten, Bewohner*innen mit frischen, regionalen Lebensmitteln zu versorgen.

Damit das gut funktioniert, müssen die Stadtbewohner*innen Verantwortung übernehmen. Denn sie kümmern sich um die Bepflanzung und Pflege der Flächen. Die Grünflächenämter unterstützen und koordinieren dies idealerweise. Politische und finanzielle Unterstützung, etwa durch Anreize für den Anbau von Lebensmitteln auf privaten Grundstücken oder für die Umwandlung von Brachflächen in Gemeinschaftsgärten, sind hilfreich.

Bildungsprogramme sowie Initiativen zur Stärkung der Gemeinschaft, wie der Nordpark Essbare Stadt in Chemnitz, helfen dabei, das Konzept in der Kultur zu verankern. In Berlin zeigt die Initiative „Prinzessinnengärten“, wie aus einer Brache eine blühende Oase mitten in der Stadt entstehen kann, die ganze Familien versorgt. In der kanadischen Stadt Toronto sind aus den Klein- und Gemeinschaftsgärten ganze Food-Coops (Kooperativen), Bauernmärkte, Bildungsprogramme und Initiativen der solidarischen Landwirtschaft entstanden.

In essbaren Städten lernen Kinder schon früh, wie wichtig eine gesunde und nachhaltige Nahrungsmittelproduktion ist. Foto: via unsplash
In essbaren Städten lernen Kinder schon früh, wie wichtig eine gesunde und nachhaltige Nahrungsmittelproduktion ist. Foto: via unsplash

Anreize sind nötig

Das Konzept der essbaren Stadt breitet sich immer weiter aus. Vor allem der Gedanke, neue Gemeingüter zu schaffen, ist für viele Städte attraktiv. Das Nachhaltigkeitspotenzial des Konzeptes ist hoch. Um die sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Nachhaltigkeitsziele zu erreichen, ist es wichtig, dass der Ansatz zu substanziellen Verbesserungen in der Produktion und im Konsum von Lebensmitteln vor Ort führt.

Solange die Menschen in Städten Zugang zu frischen Lebensmitteln haben, die vor Ort angebaut werden – ob in Gemeinschaftsgärten, auf öffentlichen Flächen oder auf privaten Grundstücken – kann eine Stadt als „essbar“ bezeichnet werden. Das Konzept bietet viele Vorteile für die Umwelt, die Gesellschaft und die Gesundheit der Stadtbewohner*innen. Durch geeignete Anreize sowie die Unterstützung von Initiativen können Städte dazu beitragen, mit einem essbaren Konzept eine nachhaltigere Zukunft zu gestalten.

Weiterlesen: In ihrem Buch „Rein ins Grüne, raus in die Stadt“ widmet sich die Autorin und Politikerin Renate Künast der Thematik urbane Gärten.

Klimawandel Deutschland: Neue Klimawirkungs- und Risikoanalyse des Bundes

Dan Gold

Cluster Land

Am 14. Juni 2021 stellte Bundesumweltministerium und Umweltbundesamt die Ergebnisse der Klimawirkungs- und Risikoanalyse (KWRA) des Bundes vor. Die Message: Wenn es so weiter geht, werden die Risiken durch Hitze, Trockenheit und Starkregen durch den Klimawandel in Deutschland stark ansteigen. Wir haben die wichtigsten Erkenntnisse hier nochmal für Sie zusammengefasst.

Zum zweiten Mal seit 2015 wurden mit der Klimawirkungs- und Risikoanalyse 2021 die durch den Klimawandel in Deutschland verursachten zukünftigen Risiken genauer unter die Lupe genommen. Sind bisher nur wenige Gebiete in Deutschland mit den Auswirkungen des Klimawandels wie Dürren oder Überschwemmungen betroffen, könnte das schon zur Mitte des Jahrhunderts ganz anders aussehen. Im Folgenden fassen wir Ihnen die Erkenntnisse der KWRA in den drei Clustern „Land“, „Wasser“ und „Infrastruktur“ zusammen:

Handlungsfeld Biologische Vielfalt

Der Klimawandel in Deutschland habe für eine Mehrzahl der Lebewesen eine Veränderung der Vegetationsperiode und Phänologie zur Folge. Asynchronitäten dieser Veränderungen zwischen verschiedenen Spezies führen dazu, dass Nahrungsketten durcheinander geraten und dadurch die Bestäubung und das Aufkommen von Schädlingen beeinflussen. Wärmeliebende Invasivarten können sich durch die Folgen des Klimawandels in Deutschland stärker ausbreiten, wovon folglich besonders urbane und verkehrsträgernahe Räume betroffen seien. Auch die Zusammensetzung heimischer Arten werde vom Klimawandel zugunsten der wärmeliebenden beeinflusst. Sowohl Feuchtgebiete, alpine Lebensräume als auch der Wald werden durch die Klimaerwärmung degradiert.

Handlungsfeld Boden

Sich durch den Klimawandel in Deutschland verändernde Niederschlagsmuster mit extremeren Trockenperioden, Starkregen- und Starkwindereignissen verstärken die Bodenerosion und wirken sich negativ auf die Wasserkapazität des Oberbodens aus.

Handlungsfeld Landwirtschaft

Der Klimawandel beeinflusse die landwirtschaftliche Produktionsleistung. Höhe und Qualität des Ertrages hingen davon ab, wie gut das Klima sich innerhalb eines für jedes Lebewesens unterschiedlichen Optimums bewege. Die Milchleistung und -qualität von Kühen ginge schon bei geringem Hitzestress zurück. Ebenso zurück ginge das Wachstum von Schweinen und die Legeleistung von Hühnern. Pflanzen litten sowohl unter Hitzestress als auch unter der folgenden Trockenheit, wohingegen Schädlinge von höheren Temperaturen profitieren würden. Zukünftig könnte der Klimawandel nach der KWRA häufigere Ernteausfälle und eine geringere Qualität mancher landwirtschaftlicher Produkte zur Folge haben.

Handlungsfeld Wald-und Forstwirtschaft

Hitze und Trockenstress erhöhten die Empfindlichkeit von Bäumen gegenüber anderen Stressoren wie Starkwind, Waldbrand oder Schädlingsbefall (mehr zur Situation deutscher Wälder hier). Qualität und Preis von Holz können sich zukünftig durch den Klimawandel negativ verändern. Als immer beliebter werdender Freizeit- und Zufluchtsort bei Hitzetagen könne der Nutzungsdruck auf gesunde Wälder steigen.

Cluster Wasser

Handlungsfeld Fischerei

Als wechselwarme Tiere seien Fische stark von ihrer Umwelt abhängig. Gesundheit und Zuwächse bei fischereilich bedeutenden Arten können durch den Klimawandel in Deutschland beeinflusst werden. Bis zur Mitte des Jahrhunderts könnten einige kälteliebende Arten wie die Bachforelle aus deutschen Gewässern verschwunden sein. Dazu kämen Krankheitserreger und Parasiten, die von steigenden Temperaturen profitieren.

Handlungsfeld Küsten-und Meeresschutz

Der Klimawandel beeinflusse die Temperatur und dadurch auch die Qualität des Wassers. Steigende Nährstoffkonzentrationen im Meer führen zu Sauerstoffmangel und Versauerung mit negativen Folgen auf marine Ökosysteme. Steigende Meeresspiegel erhöhten die Belastung auf Küstenschutzsysteme, küstennahe Siedlungen und Infrastruktur schützen. Kritische Entwässerungssituationen werden künftig häufiger auftreten.

Handlungsfeld Wasserhaushalt, Wasserwirtschaft

Hitze und Trockenheit beeinflussten die Wasserqualität und schränkten die Binnenschifffahrt und die Kühlwassernutzung von Kraftwerken ein. Durch den Klimawandel in Deutschland wird künftig folglich der Bedarf an bewässerten landwirtschaftlichen Flächen steigen. Angesichts der Tatsache dass nur ein Viertel des in Deutschland bezogenen Produktionswassers zur industriellen Produktion dient und der Rest zum Kühlen von KRaftwerken verbraucht wird, seien in diesem Handlungsfeld vor allem politische Entscheidung hinsichtlich der Weiterentwicklung der Industrieproduktion entscheidend.

Cluster Infrastruktur

Handlungsfeld Bauwesen

Durch den Klimawandel bedingte Stark- und Hochwasserereignisse könnten Gebäude häufiger beschädigt werden. Urbane Flächen würden sich demnach weiter verbreiten und so eine Ausdehnung städtischer Wärmeinseln zur Folge haben. Ohne bauliche Anpassung würde der Klimawandel also vermehrt zu höheren Innenraumtemperaturen führen. Künftig könnten Bautätigkeiten durch Starkwind und -regen sowie Hitze und UV-Strahlung erschwert werden.

Handlungsfeld Energiewirtschaft

Künftig seien ein steigender Bedarf an Kühlenergie und ein sinkender Bedarf an Heizenergie zu erwarten. Regional könnten demnach Lieferketten für fossile Energieträger durch Niedrigwasser beeinflusst werden und Kraftwerke müssten bei geringem Kühlwasserangebot ihre Produktion herunterfahren.

Handlungsfeld Verkehr, Verkehrsinfrastruktur

Hoch- und Niedrigwassereignisse könnten die Binnenschifffahrt zukünftig stärker beeinträchtigen. Durch den Meeresspiegelanstieg seien zudem auch Seefahrtsstraßen und maritime Infrastruktur betroffen. Straßen und Schienen sowie Verkehrsleitsysteme und Stromversorgungsanlagen würden folglich durch Hitze und andere Auswirkungen des Klimawandels unter einem höheren Beschädigungsrisiko leiden.

Cluster Wirtschaft

Handlungsfeld Industrie und Gewerbe

Zukünftig könnten bestimmte Rohstoffe, die aus klimavulnerablen Ländern stammen, schwerer für deutsche Unternehmen zu erhalten sein. Zusätzlich könnte der internationale Warenverkehr stärker durch extremes Wetter beeinträchtigt werden. Hitzewellen könnten außerdem zu Leistungseinbußen von Beschäftigten durch Unfälle oder gesundheitliche Belastungen führen.

Handlungsfeld Tourismuswirtschaft

Die Nutzung touristischer Infrastrukturen im Küstenraum oder auch Skigebiete würden außerdem durch den Klimawandel in Deutschland beeinträchtigt. Chancen hingegen ergäben sich zum Beispiel durch die zu erwartende Verlängerung der Badesaison.

Cluster Gesundheit

Handlungsfeld Menschliche Gesundheit

Die Hitzebelastung auf die Bevölkerung nehme künftig zu, ebenso extreme Wetterereignisse wie Starkregen und Hagel. Die Pollensaison beginne früher und dauere länger an. Der Klimawandel würde zudem Krankheitserreger wie Vibrionen und Vektoren wie Mücken und Zecken begünstigen.

Die vollständige KWRA finden Sie auf der Homepage des BMU.

Dem Thema „Klimawandel“ widmete sich die G+L in der Maiausgabe 2018. Hier geht es zum Heft.