Bundestagswahl 2021: Fünf Parteien stellen sich den Fragen des bdla

Blick auf den Bundestag in Berlin.

Bundestag in Berlin

Bundestagswahl 2021: die Antworten der Parteien auf die Fragen des bdla

Mit Blick auf die Bundestagswahl am 26. September 2021 hat der bdla den kandidierenden Parteien insgesamt sieben Fragen gestellt und diese haben – bis auf die GRÜNEN – auch schon geantwortet. Eine Zusammenfassung der Rückmeldungen lesen Sie hier.

Wie werden Sie die Handlungsansätze des “Weißbuch Stadtgrün” für eine klimaangepasste Stadtentwicklung befördern? 

FDP: Der FDP sind eine realitätsnahe Stadtplanung und die flexible Umsetzung kommunaler Vorschriften wichtig. Sie will Nachverdichtung und Dachgeschossausbau fördern und bei der Umsetzung von Stadtgrünkonzepten auf Citizen-Science setzen.

SDP: Der Bund muss auf Dauer ressortübergreifend für eine Stärkung des Stadtgrüns durch eine integrierte und nachhaltige Stadtentwicklung sorgen.

CDU/CSU: Die Parteien werden ein nationales Klimaanpassungsgesetz erlassen. Die Nutzung von Regenwasser soll größere Aufmerksamkeit zuteil werden. Schwammstädte sollen testweise Anwendung finden.

DIE LINKE: Stadtgrün ist Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge. Privatisierung und damit verbundene Versiegelung öffentlichen Eigentums will die Partei stoppen.

Welche gesetzlichen und förderpolitischen Maßnahmen planen Sie, um die Schaffung von klimaresilienten Freiräumen, die zugleich der Erholung und der Biodiversität dienen, in unseren Städten und Gemeinden zu erleichtern und zu fördern?

FDP: Eine Novelle des Baugesetzbuchs soll nach der Bundestagswahl 2021 die Ausweisung von Bauland erleichtern und Stadtplaner*innen neue Optionen für die Schaffung von Grün- und Freiflächen an die Hand geben.

SDP: Eine wesentliche Rolle sieht die SPD hier bei den Städteförderungsprogrammen, die zahlreiche förderfähige Maßnahmen im Bereich der Klimaanpassung böten.

CDU/CSU: Dach und Fassadenbegrünung will die Union stärken. Die Grünflächenentwicklung und das Wassermanagement soll beim Städtebau und der Dorfentwicklung eine größere Rolle spielen.

DIE LINKE: Die doppelte Innenentwicklung soll bei Nachverdichtungen gesetzlich verankert sein. § 13 b BauGB soll gestrichen werden. Die Städtebauförderung will die Linke auf zwei Milliarden Euro anheben. Ausgleichsmaßnahmen nach § 15 Satz 3 BNatSchG sollen als vorrangig festgeschrieben werden.

Zu Innenentwicklung und Sport im öffentlichen Raum

Zu Innenstadtstrategie und Straßenbäumen

Welche Ansätze verfolgen Sie für eine erfolgreiche Umsetzung der dreifachen Innenentwicklung – mehr Kompaktheit, mehr Grünraum, nachhaltige Mobilitätskonzepte?

FDP: Es soll ein Baulücken- und Potenzialflächenkataster eingeführt werden. Genehmigungsprozesse zum Dachausbau und zur Aufstockung will die Partei entbürokratisieren.

SDP: Die Novellierung des Baugesetzbuches schaffe bereits Möglichkeiten für städtische Nachverdichtung. Mit der Mobilitätswende und der Fortsetzung der Städtebauförderung auf bisherigem Niveau seien die Aufgaben der kommenden Jahre beschrieben.

CDU/CSU: Die Brachlandentwicklung will die Partei stärken und das Nachverdichtungspotenzial ausschöpfen. Smarte Verkehrsführung und ein starker ÖPNV sollen Städte und Dörfer entlasten. An Staupunkten werden Bundesstraßen und Autobahnen erweitert. Der Nationale Radverkehrsplan soll mit Nachdruck umgesetzt und weiterentwickelt werden.

DIE LINKE: Regionalpolitik und Städtebauförderung will die Partei nach der Bundestagswahl 2021 konsequent auf das Prinzip der doppelten Innenentwicklung ausrichten. Der öffentliche urbane Raum soll nach einer neuen Aufteilung dem Autoverkehr weniger Vorrang geben. Ein neu aufgesetztes Kleingartensicherungsporgramm soll durch Investitionen Parks, Klein- und Gemeinschaftsgärten fördern.

Welche Maßnahmen planen Sie, um die informelle Sportausübung in öffentlichen Räumen zu stärken in Ergänzung zur sog. Setting Prävention gemäß Präventionsgesetz?

FDP: Den “Goldenen Plan” zur Sanierung und Modernisierung von Sportstätten will die Partei im Anschluss an die Bundestagswahl 2021 neu auflegen. Eine Reform der Gemeindefinanzen soll Mittel für die Grün- und Freiflächenversorgung frei machen.

SDP: Das Bundesprogramm “Gemeindehaus 2.0” will lokale Zentren als soziale Infrastruktur unter anderem für die gemeinschaftliche Sportausübung schaffen. Über eine Kindergrundsicherung können Kinder Sportvereine und ähnliche Einrichtungen kostenfrei nutzen. Arbeitgeber bekommen Anreize für betrieblichen Sport.

CDU/CSU: Kommunen und Länder werden darin bestärkt, öffentliche Sport- und Bewegungsfreiräume weiter auszubauen.

DIE LINKE: Inklusiver, integrativer, natur- und umweltverträglicher und geschlechtergerechter Sport soll gefördert werden, Sport zudem zur kommunalen Pflichtaufgabe werden. Sporteinrichtungen will die Partei sanieren und Eintrittspreise sozial gestalten.

Attraktiv gestaltete und gepflegte Freiräume in den Innenstädten sind nicht zuletzt für Handel und Gastronomie ein wichtiger Standortfaktor. Wie soll sich dieser Aspekt in der aktuell diskutierten Innenstadtstrategie des Bundes abbilden?

FDP: Die Partei will das Bauplanungs- und Bauordnungsrecht vereinfachen, um damit eine Nutzungsmischung der Innenstädte zu erleichtern. Eine Novelle des Baugesetzbuches gibt den Kommunen mehr Handlungsspielraum bei Umbaumaßnahmen.

SDP: 2020 seien erstmalig 200 Millionen Euro für das Bundesprogramm „Anpassung urbaner Räume an den Klimawandel“ bereitgestellt worden. Mittelfristig will die Partei das verstetigen.

CDU/CSU: Ein Förderprogramm “Attraktive Innenstädte” will Die Partei auferlegen, von dem auch kleinere Gemeinden profitieren sollen. Die Entwicklung soll ein*e Innenstadt- und Dorfmanager*in begleiten.

DIE LINKE: Gewerbetreibende in Innenstädten werden durch ein soziales Mietrecht geschützt. Kommunen erhalten ein flächendeckendes und preislimitiertes Vorkaufsrecht und mehr Finanzen.

Zu Pflege und Unterhalt von Stadtgrün

Wie wollen Sie erreichen, dass sich der Bestand an Straßenbäumen vergrößert?

FDP: Die Förderung von Stadtbäumen obliege der Entscheidung der Kommunen. Deren finanzielle und hoheitliche Autonomie wollen die Liberalen stärken. Auf Bundesebene will die Partei die Anpflanzung von klimaresilienten Baumarten ermöglichen.

SDP: Straßenbäume sollten als Teil von Stadtentwicklungskonzepten der Kommunen gelten, die von Bund und Ländern dabei unterstützt werden.

CDU/CSU: Die Partei will sich nach der Bundestagswahl 2021 für eine Förderfähigkeit der Pflanzung von Straßenbäumen in den Programmen des Bundes und der Länder einsetzen.

DIE LINKE: Pflanzung und Pflege von Stadtbäumen sollen als zentraler Teil in Stadtgestaltungsstrategien verankert werden.

Welche Maßnahmen oder Förderprogramme planen Sie, um Kommunen zu unterstützen, nicht nur die Schaffung, sondern auch die fachgerechte Pflege und Unterhaltung öffentlicher Grünanlagen/-flächen leisten zu können?

FDP: Die Gewerbesteuer will die Partei durch einen höheren Anteil der Gemeinden an der Umsatzsteuer und einen kommunalen Zuschlag mit eigenem Hebesatzrecht auf Einkommen- und Körperschaftssteuer ersetzen.

SDP: Die nötige Unterstützung der Kommunen sollte wesentlich im Rahmen der Städtebauförderung erfolgen.

CDU/CSU: Die Partei will erreichen, dass eine verbesserte Pflege vorhandener Grünflächen zur Förderung der Biodiversität auch als Ausgleichsmaßnahme für Eingriffe in die Natur anerkannt werden kann. Kompensationsmaßnahmen werden weiterentwickelt, so dass sie die regionale Biodiversität fördern.

DIE LINKE: Der Bund muss die Kommunen adäquat finanziell ausstatten, um öffentliche Grünanlagen dauerhaft zu unterhalten. Die Partei fordert ein Investitionsprogramm für den Stadtumbau. Der kommunale Eigenanteil bei Aufwertungsmaßnahmen wollen die Linken streichen.

Die Fragen und Antworten der Parteien zur Bundestagswahl 2021 in voller Länge können Sie beim bdla einsehen.

Themen der Landschaftsarchitektur und Stadtplanung spielen in der Bundestagswahl 2021 eine wichtige Rolle. Politiker*innen bieten vor dem Hintergrund des Klimawandels verschiedene Lösungen. Doch welche Ideen hat Deutschlands Öffentlichkeit? Wir haben für Sie über den Bürgerrat Klima im Mai 2021 berichtet.

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Der Spreepark in Berlin wird nachhaltig.

Der Spreepark in Berlin ist nun komplett nachhaltig. Dafür sorgt ein integriertes Nachhaltigkeitskonzept.

Der Spreepark in Berlin wird nicht nur einfach gebaut. Schon seine Planung war von verschiedenen Formaten der Beteiligung begleitet. Nun lud die Stadt zum Labor Spreepark ein. An vier Tagen im September 2021 kamen Fachleute und Interessierte zusammen, erhielten Einblick in den Park und diskutierten aktuelle Entwicklungen.

Der Spreepark Berlin ist in der Wandlung begriffen. In den nächsten Jahren verändert sich der ehemalige Vergnügungspark zu einem Ort, der Naherholung und Angebote für die Freizeit bietet. Dazu kommen zukünftig Kunst und Kultur. Auch die wird im öffentlichen Raum des neuen Spreeparks zu erleben sein. Schon früh waren die Bürger*innen Teil des Veränderungsprozesses. Bereits als das erste Konzept für den Spreepark Berlin entstand, setze Phase 1 der Beteiligung ein. Es folgte eine zweite Phase. An die schloß das Labor Spreepark an, das parallel zur Objektplanung stattfindet. Die Labortage gaben einen Vorgeschmack auf den Spreepark der Zukunft und die Bandbreite seines geplanten Kunst- und Kulturprogramms.

 

Der neue Spreepark Berlin

 

Von seiner Vergangenheit als Vergnügungspark inspiriert, soll der Berliner Spreepark in den nächsten Jahren ein Ort für Naherholung und Freizeitaktivitäten, für Kunst und Kultur werden. Bald können Besucher*innen wieder im alten Riesenrad Platz nehmen. Denn das Wahrzeichen des Spreeparks erstrahlt demnächst in neuem Glanz. Darüber hinaus verwandeln sich alte Gebäude und Fahrgeschäfte in Bühnen für Kultur und Kunst. Sie werden ein Programm anbieten, das den Besucher*innen besondere Erlebnisse im Alltag beschert. Im Spreepark Berlin wird Geschichte neu belebt. Dabei bleiben viele Zeugnisse der langen und bunten Historie des Spreeparks erhalten. Viele von ihnen werden nachhaltig reaktiviert und innovativ umgenutzt. Auf dem Weg zum neuen Spreepark haben Planer*innen, Architekt*innen, Ingenieur*innen und Künstler*innen zusammengearbeitet. Darüber hinaus waren auch die Bürger*innen in dem Prozess der Veränderung eng eingebunden.

Kunst und Kultur im Spreepark

Freiräume für Kunst und Kultur sind in Berlin selten geworden. Darauf reagiert der Spreepark. Durch die Sanierung des sogenannten Eierhäuschens entstehen neue Residenzen für Kunstschaffende und Ausstellungsräume. Darüber hinaus wird dort eine nachhaltige, preisverträgliche und regionale Gastronomie angesiedelt.

 

Natur und Nachhaltigkeit

 

Das Profil des Spreeparks als Ort der Kultur wird durch Kunst im öffentlichen Raum ergänzt. Die ist nicht abgehoben und fern, sondern verständlich und zum Anfassen nah. Kultur findet ebenso Raum. Dafür stehen ehemalige Elemente des alten Spreeparks zur Verfügung. So werden zum Beispiel die MERO-Halle oder die ehemalige Werkhalle zu Spielstätten für Inszenierungen. Schon heute erproben Kunst- und Kulturschaffende in verschiedenen Formaten die Zwischennutzung und den späteren Betrieb.

Neben Kunst und Kultur ist auch Natur im Park anzutreffen. Eingebettet zwischen der Spree und dem Landschaftsschutzgebiet Plänterwald hat sich die Natur den verlassenen Park teilweise zurückerobert. Auf fast einem Viertel der gesamten Fläche sind dadurch schützenswerte Biotope entstanden. Hier leben seltene Pflanzen und Tiere. Diese Stadtnatur wird auch im Spreepark der Zukunft mitunter erhalten bleiben. Eine gleichermaßen große Rolle spielen Umwelt und Nachhaltigkeit im zukünftigen Spreepark Berlin. Dafür wurde eigens ein Konzept erarbeitet. Das sieht vor, dass alle Planungen, Baumaßnahmen und der Betrieb des Parks ökologisch, sozial und wirtschaftlich vorbildlich sind. Zu diesem Anspruch gehört auch eine verbesserte Anbindung des Geländes an die Stadt. Dafür kommen moderne Mobilitätslösungen zum Einsatz. Sie wollen die Besucher*innen vom Auto weg- und zu öffentlichen Verkehrsmitteln hinlocken.

Partizipation im Spreepark Berlin

Die Konzeption für den zukünftigen Spreepark Berlin ist gemeinsam gewachsen. Dabei hat schon die frühe Zusammenarbeit mit den Bürger*innen gezeigt, dass die Erwartungen an das Areal groß sind. In vier langen Jahren der Partizipation sind entsprechend unterschiedliche Wünsche, Erwartungen und Ansprüche aufgetaucht. Die versucht das Konzept für den Spreepark der Zukunft aufzugreifen. Das Konzept bringt die Ansprüche der Bürger*innen mit der einzigartigen Geschichte des Parks und seinen Besonderheiten zusammen.

 

Fachveranstaltungen

 

Um die Bürger*innen kontinuierlich am Entstehen des Parks teilhaben zu lassen, lud die Stadt zum Labor Spreepark ein. In diesem Jahr konnte die interessierte Öffentlichkeit aus einem Programm aus Ausstellungen, Gesprächsrunden und Führungen wählen. Eine Ausstellung informierte zum Beispiel über die voranschreitende Planung in zentralen Bereichen des Spreeparks. Darüber hinaus konnten Besucher*innen aber auch an Führungen über das Gelände teilnehmen. In einer Talkrunde wurden verschiedene Themen der Parkplanung mit (Landschafts-) Architekt*innen und Planer*innen diskutiert. Zum Abschluss der zwei Labortage lockte ein abwechslungsreiches Kulturprogramm.

Neben den Bürger*innen, die zum Informationstag kamen, waren auch Fachleute geladen. Denn zwei Bürger*innentage wurden von begleitenden Fachveranstaltungen gerahmt. In denen trafen sich Expert*innen und Akteur*innen aus Kunst und Umweltbildung. Sie kamen zum Austausch von Erfahrungen und zum Netzwerken. Aber auch die Entwicklung neuer Impulse stand auf der Agenda. Am Labortag „Kunst im Kontext Spreepark“ diskutierten die Teilnehmer*innen die interdisziplinäre Arbeitsweise im Spreepark. Denn schon seit 2018 finden im Labor Spreepark experimentelle Formate Raum. Sie alle praktizieren neue Wege der cross-disziplinären Planung, Beobachtung und Kommentierung. Sie alle sind bestrebt, Künstler*innen, Akteur*innen und Planende miteinander und mit dem Spreepark in Dialog zu bringen. In einer anderen Fachveranstaltung standen Institutionen der Umweltbildung im Mittelpunkt. Hier diskutierten die Institutionen, welchen Erfolg sie haben und auf welche Weise sich dieser darstellen lässt. Die Veranstaltung richtete sich mit Kurzführungen, Fachvorträgen, einem Science Slam, Workshops und viel Zeit zum Netzwerken an Engagierte in der Berliner Umweltbildung.

Bereits 2018 schrieb die G+L-Redaktion über den Spreepark Berlin. Damals standen die Planungen eines Kulturbiotops noch am Anfang.

Commons Urbanism – Planung jenseits von Markt und Staat

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Farbenprächtige Häuser entlang des Inns vor den Alpen in Innsbruck, fotografiert von Wolfgang Weiser

Gemeinschaftliche Stadtentwicklung jenseits von Markt und Staat? Was nach utopischer Theorie klingt, wird im Zeitalter von Commons Urbanism zur handfesten Alternative: Gemeingutbasierte Urbanistik stellt Eigentum, Nutzung und Teilhabe radikal neu auf und gibt den Stadtraum zurück in die Hände der Zivilgesellschaft. Was steckt hinter dem Konzept, welche Projekte setzen Maßstäbe – und warum erscheint Commons Urbanism gerade heute als Antwort auf die urbanen Herausforderungen von morgen?

  • Grundlagen des Commons Urbanism und Abgrenzung zu klassischen Planungsmodellen
  • Historische Wurzeln und theoretische Fundamente: Von Elinor Ostrom bis zu aktuellen urbanen Bewegungen
  • Praktische Beispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz: Projekte, Prozesse und Akteure
  • Rechtliche, politische und kulturelle Herausforderungen bei der Umsetzung von Commons Urbanism
  • Chancen für Klimaanpassung, soziale Resilienz und nachhaltige Stadtentwicklung
  • Risiken, Zielkonflikte und mögliche Fehlentwicklungen gemeingutbasierter Planung
  • Perspektiven für die Integration von Commons Urbanism in kommunale und regionale Stadtentwicklung
  • Empfehlungen für Planer, Verwaltungen und Initiativen: Was ist jetzt zu tun?

Commons Urbanism: Konzept, Herkunft und Abgrenzung

Commons Urbanism – ein Begriff, der in den letzten Jahren mit eindrucksvoller Vehemenz in die urbane Fachdebatte eingezogen ist. Er beschreibt ein städtisches Planungs- und Entwicklungsmodell, das sich jenseits der gewohnten Dichotomie von Markt und Staat positioniert. Während klassische Stadtentwicklung im deutschsprachigen Raum bis heute meist innerhalb klarer Zuständigkeiten von Verwaltung, Politik und privaten Akteuren stattfindet, setzt Commons Urbanism auf eine dritte Säule: die gemeinschaftliche, selbstorganisierte Nutzung und Entwicklung von Stadtressourcen durch Bürger und Zivilgesellschaft. Im Zentrum steht das Gemeingut – also Ressourcen wie Flächen, Räume, Infrastruktur oder Wissen, die weder ausschließlich privat noch hoheitlich verwaltet werden, sondern kollektiv getragen, gepflegt und weiterentwickelt werden.

Die theoretischen Wurzeln des Konzepts reichen bis zu Elinor Ostrom zurück, deren bahnbrechende Forschung über „Commons“ die Mechanismen gemeinschaftlich genutzter Ressourcen entschlüsselte. Ostrom widerlegte das lange dogmatisch gepflegte Narrativ der „Tragödie der Allmende“, wonach gemeinsames Eigentum zwangsläufig zur Übernutzung oder zum Verfall führt. Sie zeigte stattdessen, dass Gemeinschaften mit klugen Regeln, Verantwortlichkeiten und sozialen Kontrollmechanismen sehr wohl in der Lage sind, ihre Ressourcen nachhaltig zu bewirtschaften – oft besser als der Markt oder der Staat es könnten.

Im Kontext der Stadtplanung bedeutet das: Die Entwicklung, Pflege und Nutzung urbaner Räume und Infrastrukturen kann und sollte von der lokalen Gemeinschaft getragen werden, sofern die richtigen Rahmenbedingungen und Governance-Strukturen geschaffen werden. Commons Urbanism ist damit weder eine romantische Rückkehr zur Nachbarschaftsidylle noch eine radikale Absage an professionelle Planung. Vielmehr handelt es sich um eine präzise Antwort auf die zunehmende Komplexität, Fragmentierung und Kommerzialisierung urbaner Entwicklung, bei der klassische Steuerungsmodelle oft an ihre Grenzen stoßen.

Die Besonderheit liegt darin, dass Commons Urbanism nicht als Alternativmodell zur etablierten Planung auftreten muss, sondern als komplementäre Ergänzung. Er schafft Räume für Innovation, Teilhabe und nachhaltige Ressourcennutzung, wo staatliche oder private Akteure oft nicht hingelangen – sei es aus ökonomischen, rechtlichen oder politischen Gründen. Vor allem aber verschiebt Commons Urbanism die Perspektive: Weg vom Raum als Ware oder Verwaltungsobjekt, hin zum Raum als sozialem Prozess, als geteiltem Gut, als Bühne für kollektive Stadtproduktion.

Gerade im deutschsprachigen Raum, wo Boden und Immobilien zu den letzten großen Renditeobjekten avanciert sind, gewinnt diese Sichtweise rapide an Bedeutung. Commons Urbanism ist kein theoretischer Luxus, sondern eine urbane Notwendigkeit, um die soziale, ökologische und kulturelle Daseinsvorsorge in wachsenden und zunehmend diversen Städten zu sichern.

Historische Entwicklung und theoretische Fundamente

Um die Relevanz des Commons Urbanism für heutige Stadtentwicklung zu verstehen, lohnt ein Blick zurück in die Geschichte. Die Allmenden – gemeinschaftlich genutzte Flächen für Viehweide, Holzgewinnung oder Wasserversorgung – prägten über Jahrhunderte die ländlichen wie die städtischen Siedlungsstrukturen Europas. In vielen Dörfern und Städten waren es die Bürgergemeinden, Nachbarschaften oder Zünfte, die über die Bewirtschaftung, Pflege und Nutzung gemeinsamer Ressourcen entschieden. Mit der Industrialisierung, dem Siegeszug des Privateigentums und der zunehmenden Verrechtlichung öffentlicher Güter trat dieses Modell allmählich in den Hintergrund.

Doch die Idee der Commons verschwand nie ganz. Spätestens seit den sozialen Bewegungen der 1970er- und 1980er-Jahre – von der Hausbesetzer- bis zur Urban-Gardening-Szene – keimte das Bedürfnis nach gemeinschaftlicher Stadtproduktion wieder auf. Die „Recht auf Stadt“-Bewegung, die in Hamburg, Berlin und Zürich große Wirkung entfaltete, brachte die Forderung nach einer Demokratisierung der Stadtplanung auf den Punkt: Zugang zu Flächen, Mitbestimmung, kollektive Aneignung – und damit die Rückeroberung der Stadt als Gemeingut.

Elinor Ostroms Arbeiten bildeten das theoretische Rückgrat dieser Entwicklung. Mit ihrem Fokus auf die Ausgestaltung von Governance-Strukturen, die Selbstorganisation, Regeln und Sanktionen in den Mittelpunkt rücken, lieferte sie das Werkzeug, um auch komplexe urbane Ressourcen wie Nachbarschaftsflächen, gemeinschaftliche Wohnprojekte, digitale Infrastrukturen oder Mobilitätsangebote als Commons zu denken und zu steuern. Diese Perspektive wurde in den letzten Jahren von zahlreichen Wissenschaftlern und Praktikern weiterentwickelt – etwa durch Christian Iaione, Sheila Foster oder Silke Helfrich, die Commons Urbanism als eigenständiges Paradigma urbaner Entwicklung etablieren.

In der aktuellen Debatte wird Commons Urbanism häufig als Gegenmodell zum „Urban Governance“-Ansatz gesehen, der auf die Integration von Marktmechanismen, PPP-Modellen und unternehmerischer Stadtpolitik setzt. Während Urban Governance den Fokus auf Effizienz, Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum legt, pocht Commons Urbanism auf Teilhabe, Nachhaltigkeit und Gemeinwohlorientierung. Zugleich sind die Grenzen fließend: Viele Städte experimentieren heute mit hybriden Modellen, die Elemente aus beiden Ansätzen verbinden.

Besonders spannend sind die aktuellen Versuche, Commons-Prinzipien auch auf digitale und kulturelle Ressourcen zu übertragen: Offene Datenplattformen, Makerspaces, gemeinschaftlich betriebene Mobilitätsdienste oder solidarische Landwirtschaftsnetzwerke gelten als Blaupausen für ein neues, vernetztes Verständnis urbaner Gemeingüter. Sie zeigen, dass Commons Urbanism nicht in nostalgischer Verklärung alter Allmenden stecken bleibt, sondern hochaktuell ist – und zur Zukunftsfähigkeit der Städte beiträgt.

Innovative Praxis: Commons Urbanism in Deutschland, Österreich und der Schweiz

Theorie ist schön und gut – aber wie sieht Commons Urbanism in der Praxis aus? Der deutschsprachige Raum bietet mittlerweile eine erstaunliche Vielfalt an Projekten, die das Potenzial gemeingutbasierter Stadtentwicklung eindrucksvoll demonstrieren. Paradebeispiele finden sich in allen großen Städten, aber auch im ländlichen Raum.

In München etwa wurde die „Bellevue di Monaco“-Initiative zu einem international beachteten Vorzeigeprojekt. Hier hat eine zivilgesellschaftliche Allianz aus Nachbarn, Kulturschaffenden und Geflüchteten ein ehemaliges städtisches Wohnhaus übernommen, gemeinschaftlich saniert und als soziokulturelles Zentrum, Café und selbstverwaltetes Wohnprojekt etabliert. Eigentum und Betrieb liegen bei einer gemeinnützigen Genossenschaft, Entscheidungen werden basisdemokratisch getroffen, die Nutzung ist dauerhaft gemeinwohlorientiert abgesichert. Der Staat agiert als Ermöglicher, nicht als Betreiber – ein Lehrstück für Commons Urbanism im deutschen Mietrecht.

In Berlin hat die Initiative „Stadtbodenstiftung“ ein innovatives Modell entwickelt, um Boden dem spekulativen Markt zu entziehen und als Gemeingut zu sichern. Mithilfe von Stiftungsstrukturen, Erbpacht und langfristigen Nutzungsrechten werden Flächen für gemeinschaftliche Wohnprojekte, Nachbarschaftsgärten und soziale Infrastruktur bereitgestellt. Die Stiftung verwaltet das Land treuhänderisch, die Nutzer entscheiden über Gestaltung und Nutzung. Ein ähnliches Prinzip verfolgt die „Mietshäuser Syndikat“-Bewegung, die mittlerweile Dutzende Häuser in Deutschland, Österreich und der Schweiz gemeinschaftlich dem Markt entzogen hat.

Auch im Bereich öffentlicher Räume und Infrastruktur setzen immer mehr Kommunen auf gemeingutbasierte Modelle. In Zürich etwa werden Parkanlagen, Gemeinschaftsgärten und sogar Mobilitätsdienste wie Carsharing-Flotten in Kooperation mit Nachbarschaftsvereinen, Genossenschaften oder Bürgerplattformen betrieben. In Wien experimentiert die Stadt mit partizipativen Stadtteilfonds, über die Bewohner gemeinsam entscheiden, wie öffentliche Mittel für Grünflächen, Spielplätze oder Kulturprojekte verwendet werden.

Diese Beispiele zeigen: Commons Urbanism ist kein Nischenphänomen. Es diffundiert in immer mehr Bereiche der Stadtentwicklung – von der Zwischennutzung leerstehender Räume über gemeinschaftliches Wohnen bis zur Ko-Gestaltung öffentlicher Infrastrukturen. Entscheidend ist, dass die Projekte langfristig abgesichert, rechtlich robust und sozial inklusiv gestaltet werden. Nur dann können sie als echte Commons bestehen und Vorbildwirkung entfalten.

Herausforderungen, Risiken und Zielkonflikte

Natürlich ist Commons Urbanism kein Selbstläufer. Wer sich aus der Komfortzone staatlicher oder privatwirtschaftlicher Steuerung wagt, muss sich mit einer Reihe handfester Herausforderungen auseinandersetzen. Die erste Hürde ist meist rechtlicher Natur: Eigentumsfragen, Haftung, Zugang zu Ressourcen, Gemeinnützigkeit und Vertragsgestaltung sind komplex und oft Neuland für alle Beteiligten. Viele Projekte scheitern daran, dass das bestehende Planungs- und Baurecht keine passenden Instrumente für kollektiv genutzte Räume bietet. Hier sind innovative Rechtsformen, städtische Pioniervorhaben und politische Unterstützung gefragt.

Zudem stellt sich die Frage nach der Governance: Wer entscheidet, wer partizipiert, wer trägt Verantwortung? Commons Urbanism funktioniert nur, wenn alle Beteiligten bereit sind, Verantwortung und Macht zu teilen – und wenn transparente, faire und nachvollziehbare Entscheidungsprozesse etabliert sind. Das ist in der heterogenen, oft konfliktreichen Stadtgesellschaft leichter gesagt als getan. Zielkonflikte um Nutzung, Zugang oder Mitwirkung gehören zum Alltag – und erfordern viel Moderation, Kommunikation und manchmal auch Kompromissbereitschaft.

Ein weiteres Risiko besteht in der Instrumentalisierung von Commons für andere Zwecke. Schnell wird der charmante Gemeinschaftsgarten zum Feigenblatt für sozial unverträgliche Stadtentwicklung oder Gentrifizierung. Nicht selten versuchen Investoren, Unternehmen oder sogar Kommunen, Commons-Projekte als PR-Instrument zu missbrauchen, ohne echte Verantwortung oder Mitbestimmung zuzulassen. Hier braucht es klare Abgrenzungen, robuste Strukturen und eine kritische Öffentlichkeit, um den Anspruch auf Gemeinwohlorientierung zu schützen.

Auch Fragen der sozialen Inklusion und Gerechtigkeit sind zentral: Wer kann mitmachen, wer profitiert, wer bleibt außen vor? Commons Urbanism läuft Gefahr, zur Spielwiese privilegierter Gruppen zu werden, wenn er nicht aktiv für Vielfalt, Zugang und soziale Ausgewogenheit sorgt. Besonders in Städten mit angespanntem Wohnungsmarkt ist die Gefahr groß, dass Commons-Projekte zur exklusiven Nische verkommen – entgegen ihrem eigentlichen Anspruch.

Schließlich bleibt die Herausforderung der Skalierung: Einzelne Leuchtturmprojekte sind wichtig, aber sie reichen nicht aus, um die urbanen Transformationsprozesse umfassend zu gestalten. Commons Urbanism muss in die breite Stadtentwicklung integriert, institutionell verstetigt und politisch unterstützt werden. Das erfordert Mut, Offenheit und manchmal auch das Loslassen alter Gewissheiten – von Seiten der Verwaltung ebenso wie der Zivilgesellschaft.

Ausblick: Commons Urbanism als Zukunftsmodell?

Der Blick nach vorn zeigt: Commons Urbanism hat das Potenzial, die Stadtentwicklung im deutschsprachigen Raum nachhaltig zu verändern. Angesichts wachsender Herausforderungen – vom Klimawandel über soziale Polarisierung bis zur Digitalisierung – bietet das Modell konkrete Antworten auf die Frage, wie Städte resilienter, gerechter und lebenswerter werden können. Es schafft Räume für kollektive Kreativität, partizipative Innovation und nachhaltige Ressourcennutzung – und es stärkt die demokratische Substanz der Stadtgesellschaft.

Für Planer, Verwaltungen und Politik eröffnet Commons Urbanism neue Handlungsfelder, aber auch neue Verantwortlichkeiten. Es gilt, rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die gemeingutbasierte Modelle ermöglichen und absichern. Es braucht Förderprogramme, Beratung und Know-how-Transfer, um Initiativen zu unterstützen und zu professionalisieren. Und es braucht eine neue Planungskultur, die Fehler zulässt, Experimente fördert und Gemeinwohlorientierung als Leitmotiv verankert.

Gleichzeitig ist Commons Urbanism kein Allheilmittel. Er kann staatliche Steuerung und professionelle Planung nicht ersetzen – wohl aber ergänzen und bereichern. Die Zukunft liegt in hybriden Modellen, die das Beste aus Markt, Staat und Gemeinschaft verbinden. Dabei ist Wachsamkeit gefragt: Commons dürfen nicht zur Ausrede für unterlassene Investitionen oder zur Bühne für partikulare Interessen werden. Sie müssen offen, inklusiv und transparent bleiben – und sich immer wieder aufs Neue legitimieren.

Für die Praxis heißt das: Wer Commons Urbanism ernst nimmt, muss in Prozessen denken, nicht in Masterplänen. Er muss Partizipation, Gemeinwohl und Nachhaltigkeit nicht als Checklisten abarbeiten, sondern als Grundprinzipien institutionalisieren. Und er muss akzeptieren, dass Stadtentwicklung nie abgeschlossen ist, sondern immer wieder neu verhandelt und gestaltet werden muss.

Im internationalen Vergleich steht der deutschsprachige Raum gar nicht so schlecht da: Viele Projekte, Initiativen und Netzwerke genießen internationale Anerkennung und werden als Vorbilder gehandelt. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, die zivilgesellschaftliche Energie in dauerhafte Strukturen und nachhaltige Stadtentwicklung zu übersetzen. Die Chancen stehen gut – wenn Verwaltung, Politik und Zivilgesellschaft bereit sind, gemeinsam neue Wege zu gehen.

Fazit: Commons Urbanism ist weit mehr als ein Trend. Es ist ein Paradigmenwechsel in der Stadtentwicklung, der Eigentum, Teilhabe und Nutzung urbaner Ressourcen grundlegend neu denkt. An der Schnittstelle zwischen Gesellschaft, Raum und Governance schafft er innovative Lösungen für die Herausforderungen der modernen Stadt – und bringt frischen Wind in festgefahrene Debatten. Wer als Planer, Verwaltung oder Initiative die Zukunft der Stadt mitgestalten will, kommt an Commons Urbanism nicht vorbei. Es lohnt sich, den eigenen Planungshorizont zu erweitern und die Potenziale gemeingutbasierter Entwicklung zu nutzen. Denn die Stadt der Zukunft wird nicht nur gebaut – sie wird geteilt, verhandelt und gemeinsam gestaltet. Und genau darin liegt ihre größte Stärke.