02.03.2021

Projekt

“Die Wirkung des Straßenfußballs lässt sich in der Stadtplanung einsetzen”

von Interview: Vera Baeriswyl

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Der neue Dachsportplatz auf dem Bellevue di Monaco im Münchner Glockenbach-Viertel erregt Aufmerksamkeit: Kein Wunder, wo kann man sonst mitten in der Stadt in luftiger Höhe kicken oder Bälle werfen? Dahinter steckt aber mehr, als man denken würde – allem voran viel Engagement und die Integration von Geflüchteten. Damit kennt Rüdiger Heid sich aus: Er ist Mitinitiator und Leiter der gemeinnützigen GmbH buntkicktgut – den interkulturellen straßenfußball-ligen­ –, die den Betrieb des Dachsportplatzes organisiert. Wir haben uns mit ihm über buntkicktgut, Sport und Integration und über den Einfluss von Straßenfußball auf Stadtplanung unterhalten.

Rüdiger Heid ist Geograf und Mitinitiator und Leiter der gemeinnützigen GmbH buntkicktgut. (Foto: Sebastian Schulke/buntkicktgut)

“Ein Modell, das in jedem sozialen und räumlichen Kontext funktionieren kann”

 


Herr Heid, Sie haben buntkicktgut Ende der 90er-Jahre in München mitinitiiert. Bis heute, fast 25 Jahre später, hat die Initiative einige Auszeichnungen gesammelt und an vielen weiteren Orten in Deutschland, der Schweiz und sogar im Togo Fuß gefasst. Was ist buntkicktgut genau, und warum ist das Konzept so erfolgreich?

buntkicktgut hat sich aus einer kleinen Idee in einem Flüchtlingsheim am Harras im Münchner Stadtteil Sendling zu einem Modell und Leuchtturm Münchens entwickelt. Es ist die spielerisch gelebte Integration „von unten“. Um eine kleine Gang von 12- bis 15-jährigen Jungs im Heim etwas in den Griff zu bekommen, haben ein Kollege und ich sie in einem Straßenfußball-Team zusammengeschworen. Dazu waren kontinuierliche Events notwendig – mehr als nur ein einzelnes Turnier – und Identifikation als Antwort auf verlorene Identitäten und Zugehörigkeiten. Das Resultat war eine Straßenfußball-Liga, die in allen ihren organisatorischen und funktionalen Bereichen versucht, die Teilnehmenden zu den Machenden zu machen.

Heute besteht das System aus sieben Einzel-Ligen in sieben Kategorien und über 30 Standorten von sogenannter „Street oder School Football Work“. Aus einem kleinen temporären Projekt ist durch kontinuierliche Einbindung der Kids und Jugendlichen ein organisch gewachsenes Konzept mit hoher Wirkung geworden. Der lange Atem, das Durchhaltevermögen, eine gewisse Kompetenz in Öffentlichkeitsarbeit und Marketing, die vielen Auszeichnungen und mediale Aufmerksamkeit, gezielte Vernetzungsarbeit – diese Dinge haben alle dazu beigetragen, dass in anderen Städten und Regionen eine Nachfrage nach etwas Ähnlichem entstand. Und buntkicktgut ist ein Modell, das flexibel und partizipativ aufgebaut in jedem sozialen und räumlichen Kontext funktionieren kann. 

“Wir kombinieren Wirkungszusammenhänge mit vielen partizipativen Elementen”


Warum funktionieren Sport und Integration so gut zusammen?

Sport und vor allem Fußball erreicht eine große Zahl von Menschen auf einfache, niederschwellige und spielerische Weise. Ganz einfach und ohne besondere sprachliche Voraussetzungen entstehen Kontakte zwischen Zugewanderten, Fremden, Erwachsenen, Jugendlichen, Männern und Frauen aus allen gesellschaftlichen Segmenten, aus allen verschiedenen Bildungsschichten. Durch Sport lassen sich sehr schnell Menschen miteinander in Verbindung bringen, die sich sonst nicht so leicht begegnen würden. Beim Fußballspielen erleben diese Menschen gemeinsam etwas – das verbindet.

Außerdem schaffen Teamsport und Teambuilding Identität, Zugehörigkeit, Teilhabe, soziale Lernfelder und Werte. Der sportliche Wettbewerb mit seinen Emotionen bietet zudem ein Lernfeld für den Umgang mit Emotionen, Siegen, Überheblichkeit, Niederlagen, Frustrationen, Respekt.

Bei buntkicktgut kombinieren wir diese Wirkungszusammenhänge mit vielen partizipativen Elementen: Die Jugendlichen, die bei uns mitmachen, helfen uns dabei, das Projekt weiterzuentwickeln. Sie agieren als Referees, Liga-Räte, Coaches bzw. Street Football Worker, Jugendredakteur*innen des buntkicker-Magazins, Scouts und Talententwickler*innen. So erreichen wir eine enorm integrative Wirkung.

Die Jugendlichen, die bei buntkicktgut mitmachen, sind nicht nur Fußballer*innen, sondern auch Referees, Liga-Räte, Coaches, Talententwickler*innen und Scouts. (Foto: buntkicktgut gGmbH)

“buntkicktgut ist Teil der Genossenschaft Bellevue di Monaco eG.”


Was verbindet buntkicktgut mit dem Bellevue di Monaco?

Schon generell verbindet uns mit dem Bellevue di Monaco sicher die Liebe zu München als eine hoffentlich weltoffene Stadt, der Spaß an kultureller und gesellschaftlicher Vielfalt, der Respekt vor und die Neugier für Menschen mit ihren unterschiedlichen Lebenserfahrungen – nicht zuletzt aber auch eine Sicht über den Tellerrand auf die politischen, historischen, sozialen und ökologischen Weltkrisen. Daraus entsteht selbstredend ein gemeinsames Ziel von konkreter Unterstützung und der Schaffung von Wahrnehmung für Menschen mit Migrations- oder Fluchtgeschichten.

Aber es bestehen jede Menge Schnittstellen und Verbindungen – auch persönlicher Art – bereits aus der Zeit vor dem Bellevue di Monaco. Institutionen wie der Münchner und der Bayerische Flüchtlingsrat oder beispielsweise die Lichterkette e.V. waren für uns immer wichtige Partner*innen und Unterstützer*innen und sind es auch für das Bellevue di Monaco. Die Glockenbachwerkstatt mit dem kleinsten (aber feinsten) und vielleicht bekanntesten Bolzplatz der Münchner City war schon seit den Anfängen von buntkicktgut eine unserer Adressen. Die „Glocke“ hatte lange Zeit ein eigenes Team in der U17-Liga und nutzte wie viele andere Einrichtungen unser Angebot und seine Strukturen für die eigene pädagogische und integrative Arbeit. Und schließlich sind wir als buntkicktgut und ich persönlich auch Teil der Genossenschaft mit Genossenschaftsanteilen.

“Der Dachsportplatz lenkt neue Blicke auf uns.”


Welche Bedeutung hat der Bolzplatz auf dem Bellevue di Monaco für buntkicktgut?

Spiel und Sport benötigen Räume, auch auf Dächern. Der Bolzplatz auf dem Dach des Bellevue di Monaco mitten im Zentrum Münchens setzt dahingehend ein besonderes Ausrufezeichen. Er schafft sichtbare Öffentlichkeit für das Thema Raum und sinnvolle Nutzung von öffentlichen Räumen. Von der Initiative für einen Dachsportplatz geht ein Impuls aus, der hoffentlich noch viele weitere Konzepte für vergleichbare Flächen entstehen lässt.

Für buntkicktgut bedeutet dieser Platz nicht nur eine neue Aufgabe und die Erfüllung einer immer wieder diskutierten Idee, sondern auch Respekt und Anerkennung unseres Wirkens auf den Bolzplätzen. Für uns stellt er durchaus einen gut sichtbaren Meilenstein unseres Engagements für eine offene und soziale Stadt dar, das die Kraft des Sports nutzt.

buntkicktgut regelt den Betrieb auf dem Dachsportplatz an der Müllerstraße 6 in München (Foto: hirner & riehl )

“Bolzplätze sind gerade für Jugendliche das verlängerte Wohnzimmer.”


buntkicktgut unterstützt die Bellevue di Monaco eG mit seiner Expertise, was Sport und Integration angeht. Wie profitiert buntkicktgut von der Zusammenarbeit?

Durch das Projekt erhalten wir mehr Reichweite und werden nochmal anders wahrgenommen – auch von Münchner*innen, die uns bisher nicht kannten. Wir sind im Sportgeschehen der Stadt München seit über 20 Jahren fest verankert, vielfach ausgezeichnet und medial präsent, als Münchner Exportschlager der spielerischen Integration und wirkungsvollen Quartiers- und Jugendarbeit gefeiert. Die große Aufmerksamkeit für die innovative Geschichte des Dachsportplatzes lenkt auch neue Blicke auf uns. Die aufwändige Logistik und Organisation der Platzbelegung bringt ganz neue und verschiedene Nutzer*innengruppen mit uns in Verbindung, von denen sich einige überrascht zeigen, von buntkicktgut noch nichts gehört zu haben, die sich interessieren für unsere konzeptionelle Besonderheit und ihre direkte Unterstützung anbieten.


Welche Reaktionen haben Sie bisher auf den Dachbolzplatz erhalten?

Leider konnten wir den Dachsportplatz nach seiner Eröffnung am 15. Oktober nur etwa drei bis vier Wochen für interessierte Nutzer*innengruppen oder Einzelpersonen geöffnet halten. Danach kam der Lockdown und wir ließen ihn über den Winter bisher geschlossen. Dennoch gab es eine unbeschreibliche Resonanz: von Sportler*innen, von Medien, von Filmemacher*innen, Fotograf*innen, von Nachbar*innen, von Firmen, Schulen, unseren Kids und Jugendlichen. Die Vielfalt der Anfragen zeigte, wie groß die Wahrnehmung und vor allem die Neugier auf den Platz ist.

Es gab keine einzige negative oder kritische Reaktion, nur durchweg positive. Die Grundaussage war meistens: „Endlich tut sich etwas in der Stadt: etwas Innovatives, etwas für alle, etwas, das Mut macht für Neues.“ Der öffentliche Raum wird dabei gerne allgemein thematisiert, die vielen ungenutzten Dächer in der Stadt, von postmodernen Bürogebäuden bis zu funktionalen Lagerhallen, vom Innenstadtgürtel bis ins Umland.

Warum ist der öffentliche Raum für Jugendarbeit so wichtig?

Gerade für Jugendliche, die in beengten Wohnverhältnissen und großen Familien aufwachsen, sind die Bolzplätze und öffentlichen Anlagen das verlängerte Wohnzimmer, ein sozialer Aufenthaltsort, an dem sie sich zeigen können und sowohl ihre Persönlichkeit als auch Identifikationen mit dem Quartier und mit Vorbildern vor Ort entwickeln können.

“buntkicktgut nutzt Sport um aktive Partizipation in der Stadtgesellschaft zu forcieren.”


Welchen Stellenwert haben Sport und Jugendarbeit in Münchens Umgang mit öffentlichem Raum?

Viele Flächen im öffentlichen Raum lassen noch Gestaltungmöglichkeiten zu und müssten dazu umgewidmet werden. Aber das politische Bemühen in den letzten 20 Jahren zeigt in die richtige Richtung. Die Berücksichtigung von Jugend und Sport in der Stadtplanung und in der Gestaltung des öffentlichen Raums wurde deutlich verstärkt – das ist gerade bei Nutzungs- und Interessenskonflikten besonders deutlich erkennbar. Das beste Beispiel hierfür zeigt sich gerade im Bellevue di Monaco, wo ein Investor*innen- und Rendite-Interesse dem öffentlichen Interesse weichen musste. Einst extensiv geschaffene Räume für den motorisierten Individualverkehr werden behutsam umgewandelt in autofreie Zonen, Fußgänger*innenbereiche, Plätze mit Aufenthaltsqualität. Auch bestehende Grünanlagen werden neu gestaltet, gute Bolzplätze und attraktive  Infrastruktur für Outdoor- und Trendsportarten gehören inzwischen zum Planungsstandard bei Neubaugebieten und bei neu für Öffentlichkeit gewonnenen Räumen.

Zum Schluss: Was hat Straßenfußball eigentlich mit Stadtplanung zu tun?

Initiativen wie buntkicktgut nutzen den Katalysator „Sport“ um aktive Partizipation in der Stadtgesellschaft zu forcieren und zu strukturieren. Als Geograph wurde mir schon im ersten erfolgreichen Jahr von buntkicktgut in der Flüchtlingsarbeit klar, dass sich diese Wirkung des Straßenfußballs mit seinem Fokus auf Identifikation und Partizipation auf die Stadtteilarbeit übertragen und in der Stadtplanung einsetzen lässt. Ganz unbescheiden lässt sich daher sicher der Rolle von buntkicktgut bei der Bewusstseinsbildung und Sensibilisierung bezüglich der Nutzung des öffentlichen Raums einiges zuschreiben.

Alles über den Bolzplatz auf dem Bellevue di Monaco erfahren Sie in der G+L 03/21: Spielräume.

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