Im März 2022 weihte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan die längste Hängebrücke der Welt ein. Die „Canakkale-1915-Brücke“ überspannt mit über vier Kilometern die türkischen Dardanellen. Hier geht’s zu den Bildern.

Die 4,6 Kilometer lange Canakkale-1915-Brücke in der Türkei ist seit März 2022 befahrbar. Mit einer maximalen Stützweite von 2 023 Metern stellt die Brücke nun die längste Hängebrücke der Welt dar – der bisherige Rekordhalter, die Akashi-Kaikyo-Brücke in Japan, weist eine maximale Stützweite von 1 991 Meter auf.

Längste Hängebrücke der Welt ist symbolträchtig

Die Canakkale-Brücke überspannt die Meerenge der Dardanellen zwischen Asien und Europa. Das Bauwerk hat 2,5 Milliarden Euro gekostet und ist nach den Märtyrern von Canakkale benannt. Somit erinnert der Name der Brücke an den Sieg der Osmanen über die Alliierten in der Gallipoli-Schlacht am 18. März 1915. Sie wurde genau am 107. Jahrestag des Siegs eingeweiht.

Die Meerenge der Dardanellen gehört zu den verkehrsreichsten Wasserstraßen der Welt. An ihrer engsten Stelle misst sie nur 1,2 Kilometer. Sie verbindet das Marmarameer und das Ägäische Meer miteinander. Bisher konnte die Meerenge nur per Fähre überquert werden, aber die längste Hängebrücke der Welt schafft nun Abhilfe.

Laut Erdogan wird die Canakkale-1915-Brücke 5,3 Milliarden Euro Wirtschaftsleistung, 118 000 Arbeitsstellen und 2,4 Milliarden Euro Gewinn erbringen. Es handelt sich um die sechste Verbindung zwischen dem europäischen und dem asiatischen Teil der Türkei. Bis zu 45 000 Fahrzeuge werden die Canakkale-Brücke jeden Tag nutzen. Auf sechs Spuren ist Platz für touristische und kommerzielle Aktivität, was schließlich auch die Beliebtheit der Region steigern soll.

Eine Design-Herausforderung

Die Canakkale-Brücke besteht aus weithin sichtbaren, 318 Meter hohen roten Pylonen, die die Struktur zusammenhalten. Somit sind sie die weltweit höchsten Pylone einer Hängebrücke. Die Brücke über der Dardanellen-Meerenge ist also nicht nur die längste, sondern auch die höchste Hängebrücke der Welt.

Da die Meerenge der Dardanellen intensiv von Containerschiffen befahren wird und zudem seismische Aktivität aufweist, war die Brücke besonders schwer zu designen. Starke Winde sind eine weitere Herausforderung.

Die Beratungsgruppe COWI hat die Brücke gemeinsam mit dem Bauunternehmen DLSY erbaut. Die Gruppe hat ihren Sitz in Dänemark. Auch Daelim, Limak, SK und Yapi Merkezi wirkten an dem Projekt mit, das in unter fünf Jahren fertiggestellt wurde. Diese internationale Zusammenarbeit ist erwähnenswert: COWI sowie das südkoreanische Ingenieursbüro Pyunghwa waren für das Design verantwortlich, das vom britischen Arup und vom norwegischen Aas-Jakobsen verifiziert wurde. Das türkische Unternehmen Tekfen sowie T-Ingénierie aus der Schweiz unterstützen das Design. Der Bau der längsten Hängebrücke der Welt war als öffentlich-private Partnerschaft zwischen türkischen sowie südkoreanischen Unternehmen organisiert.

Das Konsortium erhielt den Zuschlag für das Projekt im Jahr 2017. Andere Bewerber waren japanische, italienische und chinesische Unternehmen, die gemeinsam mit türkischen Partnern ihre Entwürfe einreichten.

Die längsten Brücken der Welt

China ist das Land mit den meisten rekordverdächtigen Brücken in der Welt. Dazu gehört zum Beispiel die Danyang-Kunshan Grand Bridge, die 164 Kilometer lang ist. Die Cangde Grand Bridge misst 116 Kilometer und die Tianjin Grand Bridge 113 Kilometer.

Derartige Längen können von Hängebrücken keinesfalls erreicht werden. Diese wichtige Brückenart besteht aus einem Deck, das an vertikalen Bändern oder Hängekabeln aufgehängt ist, welche schließlich an Zugseilen zwischen Türmen befestigt sind. Hängebrücken müssen überaus stabil sein. Sie eignen sich besonders gut, um vielbefahrene Wasserwege zu überspannen. Zudem sind sie flexibel genug, um starken Böen und Erdbeben zu widerstehen.

Alle Brücken sollen vor allem Reisezeit verkürzen. So auch in der Türkei: Die Canakkale-1915-Brücke trägt wesentlich dazu bei, die Reise zwischen Anatolien und der Gallipoli-Halbinsel zu verkürzen: Bisher hatte die Überquerung per Fähre eine Stunde gedauert, plus Wartezeit von bis zu fünf Stunden. Nun lässt sich die Meerenge in etwa sechs Minuten überqueren.

Ambitionierte Bau- und Infrastrukturprojekte in der Türkei

Der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan hat eine ganze Reihe von ambitionierten Bau- und Infrastrukturprojekten auf seiner Liste. Die meisten davon befinden sich in der Nähe von Istanbul, und auch die neue Brücke ist nicht allzu weit entfernt – sie liegt auf der anderen Seite des Marmarameers.

Andere Projekte von Erdogan sind der Tunnel unter dem Bosporus, eine dritte Brücke über den Bosporus sowie der riesige neue Flughafen von Istanbul. Zudem begann Erdogan im Juni 2021 mit seinem ehrgeizigen (und ökologisch umstrittenen) Istanbul-Kanal. Dieses Mammut-Projekt besteht aus einem 45 Kilometer langen Kanal, der parallel zum Bosporus verläuft.

Die nächste Präsidentschaftswahl in der Türkei findet im Juni 2023 statt. Umfragen haben zuletzt gezeigt, dass die Beliebtheit von Erdogan und seiner Partei abnimmt. Trotz der Megaprojekte ist es daher recht wahrscheinlich, dass die Opposition gewinnen könnte. Wie es dann mit Erdogans Projekten weitergeht, ist unklar – aber die längste Hängebrücke der Welt steht.

Weiterführende Informationen zur Canakkale-1915-Brücke finden Sie auf der offiziellen Webseite des Brückenbetreibers (Englisch, Türkisch).

Erfahren Sie hier mehr über ein weiteres Megaprojekt: Die größte Schleuse der Welt in Amsterdam

Das könnte Sie auch interessieren
Gärten des Jahres 2027 – Jetzt mitmachen!
Die Bedeutung von einem starken Wassermanagement
Trinkwasserknappheit in Deutschland
eine-stadtstrasse-voller-verkehr-neben-hohen-gebauden-L7RbsRIG7DQ
Shared Mobility per API – wie Städte den Überblick behalten
Die Ausstellung "Tsuyoshi Tane: The Garden House" erklärt den Aufbau und die Entstehungsgeschichte des besonderen Bauwerks auf dem Vitra Campus. © Vitra / ATTA, Foto: Julien Lanoo
„Tsuyoshi Tane: The Garden House“ im Vitra Design Museum
Fahrradständer – die vier Trends der Zukunft für die Stadt der Zukunft
Die revitalisierte St. Columbkille’s Church in Glasgow mit dem neu gestalteten einladenden Platz. Foto: ©Will Scott
Studio Loader Monteith revitalisiert einen Platz in Glasgow
Wettbewerbsergebnisse im Januar 2021
Notre-Dame-de-Lorette: Ort der Erinnerung
bunte-gebaude-saumen-einen-fluss-mit-bergen-im-hintergrund-W7gR8mtPF04
Mikroklimamodelle für Bebauungspläne – Hitzeschutz im Paragrafendschungel

Schmalkalder Bürger als Bodenbelag-Experte

Die Gestaltung der Innenstadt Schmalkaldens von terra.nova war eins der wichtigsten Naturstein-Projekte der letzten Jahre. In der Fachwerkstadt im Süden Thüringens wurden in den vergangenen zehn Jahren rund 21 000 Quadratmeter Naturstein verlegt. Das Projekt kommt nun zum Abschluss und dank eines übergreifenden Konzepts fügt sich alles zusammen. 


Schmalkalden hat eine bewegte Geschichte. Das sieht Stadtplaner Peter Wich schon, als er sich das erste Mal das Luftbild anschaut: Der historische Stadtkern ist im Mittelalter wild gewachsen. Straßen, Gassen und Gebäude entstanden einfach als Antwort auf den jeweiligen Bedarf. Als die Stadt 2002 über ein Wettbewerbsverfahren die Gestaltung des öffentlichen Raums in der Altstadt ausschreibt, ist dem Gründer von terra.nova Landschaftsarchitektur deshalb schnell klar: Dieses Projekt wird für sein Büro ein besonderes, wenn er es gewinnt.

Und tatsächlich überzeugt sein Ansatz die Wettbewerbs-Jury. Wich greift darin die städtebauliche Entwicklung auf, die er schon auf dem Luftbild gesehen hat. Diese teilt sich in zwei wesentliche Phasen: die Entstehung der Alt- und der Neustadt. Er sieht als Bodenbelag überall Natursteinpflaster vor. Das soll auch Stadtgeschichte sichtbar machen: Das eingesetzte Pflaster in Alt- und Neustadt unterscheidet sich in Farbe und Verbandgestaltung und definiert so die beiden Stadtbereiche. Generell, so Wich, galt es „diese geschichtsträchtige Stadt, die durch ihr Fachwerk schon wahnsinnig reich an Elementen ist, nicht zu überformen, sondern ein ruhiges und zugleich differenziertes Erscheinungsbild zu gestalten.“

Bevor er und sein Team anfangen, ein detailliertes Gestaltungskonzept zu entwickeln, nimmt er sich gemeinsam mit dem Weimarer Planungsbüro PAD Zeit für eine detaillierte Analyse des bestehenden Stadtbodens. Es geht darum, wo in früherer Zeit welche Materialien verlegt wurden – und das verwendete Material möglichst wieder aufzugreifen. Nicht überall ist das leicht zu erkennen. In Schmalkaldens Straßen wurden in der DDR-Zeit teilweise großformatig Kunststeinplatten über bestehendes Pflaster verlegt. Später, der Überfahrbarkeit und besseren Begehbarkeit wegen, asphaltierte man Verkehrsstraßen noch mit Schwarzdecke. Besonders das Wissen eines Schmalkalder Bürgers ist neben den Archiv-Unterlagen wertvoll, erinnert sich Wich: „Der Geologe hatte sich intensiv mit dem Thema Natursteine in der Schmalkalder Altstadt befasst und kannte die petrographische Zuordnung. Er konnte auch sagen, aus welchen Steinbrüchen der Region diese Pflastersteine kamen. Die meisten davon waren leider längst stillgelegt.“

90 Prozent skandinavischer Naturstein

Ausgehend von den historischen Belägen entwickelt terra.nova ein Gesamtbodenkonzept für Schmalkalden. Das Konzept berücksichtigt auch die städtebaulichen Entwicklungsstufen. Abgestimmt mit der Denkmalbehörde und dem Landesverwaltungsamt in Weimar grenzt es mögliche Belags-Materialien farbig und in Sachen Oberflächenbearbeitung ein. „Die Herausforderung bestand darin, Naturstein in passender Farbigkeit zu finden. Der Naturstein muss allerdings den heutigen Anforderungen an Witterungsbeständigkeit und Überfahrbarkeit entsprechen“, so Wich. Diese Anforderung sowie finanzielle Aspekte begründen, dass in der Umsetzung der ersten drei Bauabschnitte zu 90 Prozent skandinavischer Naturstein verbaut wurde, zu geringem Anteil auch chinesischer.

Das Material ähnelt petrographisch und farblich sehr den damals verwendeten, heimischen Basalt-, Diabas-, Sandstein- und Konglomeratgesteinsarten. Ein rötliches Material, bestehend aus ortstypischem Fambacher Buntsandstein, ist beispielsweise sehr witterungsanfällig. Es wurde deshalb durch ein nahezu gleichfarbiges Quarzit-Material aus Skandinavien ersetzt. Die Planer haben aber, betont Wich, wo immer es möglich war, vorhandenes oder von der Stadt eingelagertes Material wiederverwendet. Das machte schon aus ökologischen Gründen Sinn.

Wilder Verband in der Altstadt, geordneter Reihenverband in der Neustadt

Schmalkaldens Altstadtkern, willkürlich entstanden, unregelmäßig und verwinkelt gewachsen, gruppiert sich um die Stadtkirche. Straßen und Plätze mit unterschiedlichen Raumprofilen wechseln sich ab. Dort lässt terra.nova einen Teppich aus einer Mischung braun-rotbrauner Granite und Granodiorite mit gesägt-geflammter Oberfläche in wildem Verband verlegen. Den trapezförmigen Altmarkt hebt Wich dabei als zentralen Ort des öffentlichen Lebens mit einem Rahmen aus feinkörnigen Granit-Natursteinplatten hervor. Rund um die Stadtkirche macht der Belag ein Stück Geschichte Schmalkaldens sichtbar. „Dort liegt heute ein wiedereingebautes Lesepflaster, das wir sortieren und nachbehauen ließen und das bei archäologischen Grabungen entdeckt wurde“, so Wich.

Die Neustadt dagegen, bereits angelegt im regelmäßigem Stadtgrundriss, in geraden Straßen und orthogonaler Gestaltung, bekommt als Belag anthrazitfarbenen Granit und Granodiorit. Die Steine werden in geordnetem Reihenverband verlegt und haben ebenfalls eine gesägt-geflammte Oberfläche. Wich erklärt zum Konzept der Umgestaltung: „Durch die Materialentscheidung und die unterschiedliche Verlegeart in Alt- und Neustadt zeigen wir die unterschiedlichen Epochen, ohne dass Schmalkalden ‚auseinanderfällt‘. Wir wollen nicht eine Epoche in den Vordergrund stellen, sondern eben gerade die heutige Gesamterscheinung einer gewachsenen Stadt zeigen.“ Das Ergebnis wirkt stimmig und wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Landschaftsarchitekturpreis.

 

terra.nova weitestgehend zufrieden

Aktuell wird in Schmalkalden der fünfte Bauabschnitt umgesetzt: der Schlossberg. „Auch hier verwenden wir das wilde Pflaster, das wir vorgefunden haben, wieder. Es besteht aus Lesepflaster in rötlich bis rotbrauner bis basaltähnlicher Färbung. Verlegt in den Seitenbereichen wurde die historische Schlossauffahrt als Fahr- und Lauffläche mit einem Quarz-Porphyr im Netzverband hergestellt. Die Oberfläche ist eine Mischung aus geflammt und bruchrau um die historische Haptik zu erreichen und gleichzeitig gute Begehbarkeit zu gewährleisten“, erklärt Wich. Der sechste und letzte Bauabschnitt des Wettbewerbs wird sich drei Gassen widmen, die Richtung Neumarkt führen. 
terra.nova ist mit kleineren Einschränkungen zufrieden mit der bisherigen Entwicklung der umgestalteten Areale.

In Schmalkalden hat man jedoch nach der Umgestaltung teilweise ausschließliche Fußgängerbereiche in Verkehrsflächen umgewidmet und Fußgängerzonen aufgelöst. Deshalb kommt es zu lokalen Schäden des Pflasters, das wesentlich intensiver befahren wird als vorgesehen. Es handelt sich um ungebundenes Pflaster – zweimal jährlich wäre deshalb eine Fugenpflege durch Nachsplitten notwendig. Besonders in den Bereichen, die mit Straßenkehrmaschinen gereinigt werden, die nicht quer, sondern nach oben saugen. Um die dort fast bis zur Hälfte geleerten Fugen nicht zusätzlich zu destabilisieren, ist regelmäßige Pflege entscheidend. Leider sei diese ausdrückliche Empfehlung der Planer nicht berücksichtigt worden. „Solch punktuelle Schäden können sich ausweiten. Im Hinblick auf die Langlebigkeit der Bodenbeläge ist es essenziell, Pflegehinweise zu beachten“, so Wich.

Projekt Glücksfall für die Stadt

Mit der enormen Großflächigkeit des Projekts und der etappenweisen Umsetzung nach einem übergeordneten Gestaltungsprinzip ist Schmalkalden ein Glücksfall für die Stadtplanung. Wich wünscht sich derartige Gesamtbodenkonzepte auch für andere Städte. Meist hätten es die Planer mit kleineren Projekten und bereits begonnenen Umgestaltungsmaßnahmen zu tun. Im besten Fall ergäben aber auch viele kleine Flächen ein stimmiges Gesamtbild. Und: „Für ein Stadtbild sind gestalterische Vorgaben sehr gut, die über mehrere Politikperioden gelten.“ In Schmalkalden fügen sich die verwendeten Materialien auch in das Gesamterscheinungsbild der Altstadt ein. Sie orientieren sich am Material der historischen Treppen, Fenster- und Türgewände und Mauern.

In alten Städten ist es oft das Beste, die Historie als Ansatz zu nutzen, findet Wich: „So entsteht ein harmonischer Eindruck, der die Historie respektiert und nicht überformt.“ 
Naturstein als Belag sei dabei erste Wahl, weil sich Herstellung und Bearbeitungsweise 
stark verbessert hätten. Somit sei eine lange Nutzbarkeit gegeben. Auch die umfassenden technischen Richtlinien und die daraus resultierenden, notwendigen Belagsformate und Steindicken tragen dazu laut Wich bei. Vorbei sind die Zeiten, in denen Innenstädte mit Kleinpflaster verlegt und so zu dauernden Wackelkandidaten im Wortsinn wurden. „In Sachen Belag wünschen sich Städte ja eigentlich alle das gleiche: etwas Langlebiges ohne massiven Pflegeaufwand.“

Alle Fotos: Boris Storz

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen des Monatsthemas „Textur“ der Märzausgabe 2019 von Garten + Landschaft.

Der Superkilen in Kopenhagen ist gescheitert. Die Bürger in der Gesamtheit nutzen den Platz eher als Durchgangsraum statt zu verweilen, und das obwohl sie in den Planungsprozess durch Partizipation integriert waren – das ergibt eine langjährige Analyse von Studenten der Danish Institute for Study Abroad. Die Planer des Superkilen haben im Laufe des Entwurfs- und Entwicklungsprozesses die Bürger unter anderem gebeten, Artefakte aus ihren Herkunftsländern für den neuen Stadtplatz vorzuschlagen. Eine ganzheitliche Planung mit Co-Creation und Prototypen wäre ein Mittel gewesen, um die Akzeptanz für den Platz zu erhöhen.

Co-Creation

Co-Creation stammt ursprünglich aus der Wirtschaft, die in den 1990er Jahren begann, Konsumenten in den Entwicklungsprozess von Produkten einzubinden. Die Forschungsgruppe Leading Cities definiert Co-Creation in der Stadtentwicklung als „den aktiven Ideens- und Informationsfluss zwischen fünf Sektoren: Regierung, Wirtschaft, Wissenschaft, Non-Profit-Organisationen und Bürgern, die Teilhabe, Engagement und Entwicklung fördert.“

Was ist der Unterschied zu Bürgerbeteiligung? Bürgerbeteiligung ist für Planer ein Mittel um mehr über die Haltungen und Meinungen der Anwohner zu erfahren und neue Ideen zu entwickeln. Sie erhöhen die Akzeptanz für ein Projekt. Die Co-Creation bezieht hingegen von Anfang an die wichtigsten Sektoren der Gesellschaft gleichberechtigt ein.

Sie bietet daher für Bürger und Bürgerorganisationen eine bessere Möglichkeit, wirklich gehört zu werden und mehr Einfluss in Planungsprozesse zu gewinnen. Die Co-Creation betrachtet die Nutzer stärker als proaktive Bürger, denn als Konsumenten, und hat eher die langfristigen kulturellen Veränderungen und die gesamte Gemeinschaft, statt einzelner Benutzergruppen im Blick. Wo die Bürgerbeteiligung die Meinung der Bürger in ein bereits vorgeschriebenes Programm integrieren wollen, hilft Co-Creation den zukünftigen Nutzern, ihre eigenen Entscheidungen zu formen und durchzusetzen. Co-Creation ist im besten Sinne ein endloser Prozess, der Austausch zwischen den Beteiligten findet regelmäßig statt.

Von Co-Creation bringt eine Reihe von Vorteilen mit sich. Die Öffentlichkeit liefert Input und fühlt sich gleichberechtigt, die Bürger fühlen sich ernst genommen. Sie werden ihre Lebensumgebung sehr viel aufmerksamer wahrnehmen. Die Regierung muss im Gegenzug sehr viel stärker auf die Bürger und die anderen Sektoren eingehen und reagieren. Sie spart im Gegenzug allerdings Kosten, denn es wird nur umgesetzt, was tatsächlich gebraucht und genutzt wird, das Risiko eines neuen Projekts ist dementsprechend gering.

Prototypen

In großen Design-Projekten wie dem Superkilen ist es enorm wichtig, die Ideen vorab zu testen, bevor sie ein fester Teil der Landschaft oder Stadt werden. Es ist ein langer Weg von der abstrakten Idee, Analyse und Bürgerbeteiligung bis hin zur konkreten Installation. Der Prototyp sollte als Lernwerkzeug verstanden werden, das im nächsten Schritt optimiert und verändert werden kann. Prototype sind ein demokratischer Weg, mit öffentlichem Raum umzugehen, sie verringern außerdem das Risiko eines gescheiterten Projekts und unnötigen Ausgaben.

Der ganzheitliche Ansatz

Vereint man die Co-Creation mit der Vorgehensweise der Prototypen, wird es leichter, die Potentiale eines Platzes auszuloten. Dieser ganzheitliche Ansatz führt zu nachhaltigeren und lebendigeren Plätzen in der Stadt. Der Superkilen jedoch mit einer Annahme gestartet, Co-Creation und Prototype hätten zu einem anderen Design geführt. Die Nutzer würden den Platz besser annehmen und ihn sich besser zu eigen machen. Vielleicht wäre auch eine kritischere Auseinandersetzung mit der Anfangsidee erreicht worden.

Die aktuelle Analyse des Platzes von Bianca Hermannsen lesen Sie hier.
Robert Schäfer besuchte den Superkilen 2012, direkt nach der Eröffnung. Seine Kritik zum neuen Stadtplatz in Kopenhagen lesen Sie hier.
Wie BIG zusammen mit den Anwohnern in deren Herkunftsländer reist, um Artefakte für den Superkilen auszuwählen, sehen Sie hier im Video.