Zwei turmartige, leichte Holzkonstruktionen in geometrischen Formen, die über die Köpfe einer Menge hinausragen, im Hintergrund ein Riesenrad, ein runder Turm und mehrere Palmen. Drei neue Kunstinstallationen wurden für das Coachella 2024 beauftragt, darunter auch die Arbeit „Monarchs: A House in Six Parts“ von Studio HANNAH, die mit ihrer flügelartigen Holzkonstruktionen hoch über die Köpfe der Festivalbesucher*innen hinausragte. Foto: Lance Gerber
Drei neue Kunstinstallationen wurden für das Coachella 2024 beauftragt, darunter auch die Arbeit „Monarchs: A House in Six Parts“ von Studio HANNAH, die mit ihrer flügelartigen Holzkonstruktionen hoch über die Köpfe der Festivalbesucher*innen hinausragte. Foto: Lance Gerber

Jedes Jahr findet im kalifornischen Indio eines der größten Musikfestivals statt: das Coachella Valley Music and Arts Festival. Neben Musik wird den Besucher*innen auch abseits der Bühne ein Programm geboten – darunter auch Kunstinstallationen. Welche Arbeiten für das Coachella 2024 neu beauftragt wurden und wie die begehbaren Kunstwerke aussahen, lesen Sie hier.

Im Schatten von Kunstinstallationen ausruhen

Eine abstrakte Architekturlandschaft in knalligen Farben. Ein Ensemble aus hoch aufstrebende, an Flügel oder Palmen erinnernde Konstruktionen aus Holz und Beton. Ein Turm aus großen, teils abgerundeten Blöcken, deren raue, graue Oberfläche aus der Ferne an Felsen denken lässt. Alle drei Kunstinstallationen konnten Besucher*innen 2024 auf dem Coachella Valley Music and Arts Festival sehen, begehen und darauf oder in deren Schatten Platz nehmen.

Auf dem Gelände des Coachella-Festivals sind auch zahlreiche Kunstinstallationen zu finden. Das Kunstprogramm der Ausgabe 2024 kuratierte die Public Art Company aus Los Angeles. Foto: Lance Gerber
Auf dem Gelände des Coachella-Festivals sind auch zahlreiche Kunstinstallationen zu finden. Das Kunstprogramm der Ausgabe 2024 kuratierte die Public Art Company aus Los Angeles. Foto: Lance Gerber

Programm auch abseits der Bühne

Die drei Arbeiten sind Teil des Kunstprogramms des Coachella Festivals, das von der Public Art Company aus Los Angeles unter der Leitung von Raffi Lehrer kuratiert wurde. Die Installationen waren eigens für das diesjährige Festival neu beauftragt worden. Ebenso waren Kunstwerke aus vorherigen Jahren wieder Teil des Coachella-Kunstprogramms, so etwa der regenbogenfarbene Pavillon „Spectra“ vom Studio Newsubstance oder die interaktiven Ballonketten von Künstler Robert Bose.

Das Coachella-Festival gibt es seit 1999. Es findet jährlich auf dem Gelände des Empire Polo Club in Indio, nahe der Stadt Palm Springs in Kalifornien statt. An zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden Mitte April 2024 spielten über 100 Künstler*innen ihre Konzerte. Headliner des diesjährigen Festivals waren Lana Del Rey, Doja Cat und Tyler, The Creator. Das Coachella zählt zu den größten und wohl auch teuersten Festivals weltweit. Mit einem Riesenrand, verschiedenen Aktivitätsangeboten und mehr möchte es den Besucher*innen auch abseits der Bühne ein Programm bieten. Dazu zählen auch die Kunstinstallationen.

Studio HANNAH entwarf die Installation „Monarchs: A House in Six Parts“ für das Coachella 2024. Foto: Lance Gerber
Studio HANNAH entwarf die Installation „Monarchs: A House in Six Parts“ für das Coachella 2024. Foto: Lance Gerber

Schmetterlingsflügel im Wüstenlicht

Wie Flügel stecken sich die Konstruktionen aus Sperrholz gen Himmel, fächern sich in geschwungenen Formen auf. Die Leichtigkeit der Konstruktionen kontrastieren die soliden Sockel: unterschiedlich geformte, 3-D-gedruckte Betonelemente. Die Installation trägt den Titel „Monarchs: A House in Six Parts“. Entworfen hat sie das Studio HANNAH, hinter dem Leslie Lok und Sasa Zivkovic stehen, beide Assistant Professors im Fachbereich Architektur der Cornell University in Ithaca, New York.

Für die Installation ordnete das Studio sechs große Elemente mit Holzaufbauten, sogenannte Pavillons, in einem Kreis auf dem Festivalgelände an; kleinere Varianten der Betonsockel gruppierten sich darum herum. Den Festivalbesucher*innen bot die Installation einen Treffpunkt und Sitzmöglichkeiten im Schatten der hoch aufstrebenden Holzkonstruktionen. Diese könnten an Schmetterlingsflügel oder Palmenblätter erinnern, so eine Beschreibung der Kurator*innen. Die Farbigkeit der Konstruktionen, mit der sich Studio HANNAH auf Atmosphäre und Licht der umgebenden Wüste bezieht, changiert je nach Perspektive.

Für die 3-D-gedruckten Betonsockel arbeitete das Studio mit dem Unternehmen PERI 3D Construction zusammen. Die sich selbst stützenden Holzkonstruktionen wurden mithilfe von Robotern an der Cornell University gefertigt. Die Elemente der Installation wurden dann vor Ort auf dem Festivalgelände zusammengesetzt.

Projektionen in kathedralartigem Inneren

Eine zweite für das Coachella-Festival 2024 entstandene Installation schuf das Londoner Studio Nebbia. Die Architekten Brando Posocco and Madhav Kidao entwarfen mit „Babylon“ eine turmartige Konstruktion: Monolithisch wirkende, an einem Ende abgerundete Blöcke stapeln sich scheinbar exakt ausbalanciert in die Höhe. Die Installation setzte sich mit Kontrasten auseinander, schreiben die Kurator*innen zu der Installation. Für Babylon kombiniere Nebbia alte, historische Architekturformen einerseits mit futuristischen Designelementen andererseits.

Die 64 Module bestehen aus Stahlrahmen und Sperrholz. Diese besprühte Nebbia mit einer pflanzenbasierten Zellulose-Dämmung. Hierdurch entstand die an raue Felsen erinnernde, haptische Oberfläche. Wie auch die „Monarchs“ sollte diese Installation den Festivalbesucher*innen tagsüber Schatten spenden. Die Installation war zudem begehbar.

Im Gegensatz zum Äußeren waren die Innenseiten der Module glatt gehalten. Das kathedralartige Innere wurde nachts in Zusammenarbeit mit Lake Hills, Alex Casillas, Raymond Aldva und Paul Andrew mit Projektionen bespielt.

Eintauchen in tanzende, fantastische Formen

Mit „Dancing in the Sky“ fanden sich Coachella-Besucher*innen inmitten einer bunten, fantastischen Architekturwelt wieder. Die temporäre Installation schuf die Londoner Künstlerin Morag Myerscough, bekannt für ihre Installationen in leuchtenden Farben und mit geometrischen Mustern. In ihrer Arbeit für das Coachella 2024 stapelten sich Formen, standen Bögen und Türme neben- und aufeinander. Auch das Podest, auf dem die Elemente aufgestellt waren, war mit einem farbigen Muster gestaltet.

An den fantastisch geformten Konstruktionen drehten sich zahlreiche Kreise und Wimpel, Rechtecke und Rauten. Die kleinen Elemente tanzten, um dem Titel des Kunstwerks zu folgen. Mit ihrer Farbigkeit, den kinetischen Elementen und fantastischen Formen hat „Dancing in the Sky“ etwas Spielerisches. Auch diese immersive Kunstinstallation konnten die Besucher*innen des Coachella 2024 begehen und erkunden.

Im nachfolgenden Video von Eric Minh Swenson ist die kinetische Kunstinstallation von Morag Myerscough auf dem Coachella 2024 in Bewegung zu sehen:

Dauerhafter Standort nach dem Festival

Kunstwerke früherer Ausgaben des Coachella-Festivals haben auch nach Ende des jeweiligen Festivals permanente, teils neue Standorte gefunden. So steht etwa der Pavillon „Spectra“ dauerhaft auf dem Gelände des Empire Polo Clubs. Mehrere Skulpturen und Installationen wurden unterdes in Indio und in umliegenden Ortschaften aufgestellt. Möglicherweise werden in ähnlicher Weise auch die Kunstinstallationen vom Coachella 2024 einen neuen, dauerhaften Standort finden.

Noch ein weiteres Festival findet jedes Jahr in den USA statt: das Burning Man. Mehr zu der temporären Festival-Stadt in der Wüste lesen Sie hier.

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Bahnhof Schötmar: Wettbewerb zur Umgestaltung

Lageplan und Visualisierung des Gewinnerentwurfes. Er zeigt eine Platzterrasse und grüne Areale mit Sitzstufen.
Der 1. Platz des Wettbewerbs Bahnhof Schötmar. Abbildung: GM013 Landschaftsarchitektur

Zur Umgestaltung des Bahnhofsvorplatzes im Stadtteil Schötmar rief die Gemeinde Bad Salzuflen im nordrhein-westfälischen Kreis Lippe im vergangenen Jahr einen freiraumplanerischen Wettbewerb aus. GM013 Landschaftsarchitektur aus Berlin gewann mit der Vision der „Bega-Terrassen“.

Bahnhof Schötmar: Mangel an Aufenthaltsqualität 

Die Gemeinde Bad Salzuflen im nordrhein-westfälischen Kreis Lippe rief zur Umgestaltung des Bahnhofsvorplatzes im Stadtteil Schötmar im vergangenen Jahr einen freiraumplanerischen Wettbewerb aus. Der Platz hat eine besondere Lage im Ortsgefüge der Stadt. Nur weniges Gehminuten sind es von hier zur Innenstadt. Ebenso grenzt der Uferbereich des Stadtflusses Bega in unmittelbarer Nähe an. Trotzdem besitzt der Platz derzeit eine geringe Aufenthaltsqualität. Vielmehr dominiert ruhender Verkehr die Fläche. Anstelle einer Gestaltung, die zum Verweilen einlädt, liegt der Fokus auf Mobilitätsinfrastrukturen wie Fahrradabstellanlagen, einer Ladestation für E-Autos sowie einer Fahrradreparaturstation.

Wettbewerb suchte nach Entwürfen

Dies sollte sich mithilfe von Wettbewerbsentwürfen ändern. Insgesamt sieben ausgewählte Büros reichten ihre Vision für eine Umgestaltung des Bahnhof Schötmar ein. Im Mai 2022 verkündete die Jury die Preisträger*innen. Am Ende konnte das Büro GM013 Landschaftsarchitektur aus Berlin die Preisrichter*innen überzeugen. Sie wählten den Entwurf „Bega-Terrassen“ einstimmig auf den ersten Platz. Der zweite Preis ging an das Büro ANNABAU Architektur und Landschaft, ebenfalls aus Berlin. Ein dritter Platz wurde nach Beratschlagung des Preisgerichts nicht vergeben. Dafür durfte sich das Büro RIEHL BAUERMANN + PARTNER Landschaftsarchitekten aus Kassel über eine Anerkennung für ihren Entwurf freuen.

Details zum Entwurf von ANNABAU Architektur und Landschaft. Abbildung: ANNABAU Architektur und Landschaft
Details zum Entwurf von ANNABAU Architektur und Landschaft. Abbildung: ANNABAU Architektur und Landschaft

1. Platz geht an GM013 Landschaftsarchitektur

GM013 Landschaftsarchitektur setzte, laut Preisgericht, eine besonders starke städtebaulichen Geste und gliedert das Wettbewerbsareal in drei Teilbereiche. Sie inszenieren in ihrem Entwurf den Bahnhofsvorplatz als „Platzterrasse“. Einem Balkon gleich, ragt dieser über der Begafluss und wird zum Aufenthaltsort mit Aussicht. Dabei erinnert die Formensprache an den Bug eines Schiffes. Damit stellen die Planer*innen nicht nur einen gestalterischen Bezug zum Wasser her. Gleichsam soll die Morphologie bei Hochwasser einen Einfluss des Bauwerkes auf das Fließverhalten möglichst gering halten. Als Kontrast zum befestigten Platz entsteht eine grüne „Freizeitterrasse“. Sitzstufen, schollenartige Sitzelemente und lose gesetzte Gehölze gliedern den Hang. Die nutzbaren Elemente nehmen nach Süden hin ab. Hier erhält der Fluss ein naturnah ausgeprägtes Ufer. Eine veränderte Uferführung gibt der Bega dort außerdem einen erweiterten Retentionsraum. Neben den qualitätsvollen Aufenthaltsbereichen zum Fluss hin, bleibt der dritte große Teilbereich dem Verkehr gewidmet. Ausreichend Parkflächen, Fahrradstellplätze und Glascontainer bedienen die geforderten Vorgaben. 

Details zum Gewinnerentwurf. Abbildung: GM013 Landschaftsarchitektur Kopie
Details zum Gewinnerentwurf. Abbildung: GM013 Landschaftsarchitektur Kopie

Bahnhof Schötmar setzt auf mutigen Entwurf 

Das Zusammenspiel der drei Raumcharaktere hob die Jury in ihrem Protokoll besonders hervor. Sowohl den funktionalen Ansprüchen, als auch einem urbanen Flair und einer naturnahen Atmosphäre gibt GM013 Landschaftsarchitektur eine Bühne. Auch die Ausgewogenheit von versiegelten und unversiegelten Bereichen erwähnte das Preisgericht lobend. Kritisch sahen die Preisrichter*innen hingegen die finanzielle Realisierbarkeit des Entwurfs in dieser Form. Auch die ungenügende Barrierefreiheit der Uferbereiche sei nicht optimal. Schließlich gelte es weiterhin, die tatsächliche „Hochwassertauglichkeit“ sowie einige Details der Ausstattung und Maßstäblichkeit nochmals zu prüfen. Trotz aller Kritikpunkte leiste die Arbeit jedoch einen äußerst interessanten und mutigen Beitrag für die Neuordnung des Bahnhofvorplatzes Schötmar. Die Stadt Bad Salzuflen hatte mit dem Wettbewerb somit nicht nur eine überzeugende Planungsidee, sondern auch ein Planungsbüro für die Weiterbearbeitung gefunden. Nun rückt die Umsetzung immer näher. Baubeginn könnte bereits nächstes Jahr sein.

Einen weiteren spannenden Wettbewerbsentwurf gibt es auch für die Siedlung Ludwigsfeld: Hier wurde ein Wettbewerb zur Erweiterung entschieden.

Screenshot vom Videocall zwischen G+L und Bufala

Für die Septemberausgabe der Garten + Landschaft callte G+L Chefredakteurin Theresa Ramisch mit Anneken Fröhling und Georg Spree von der Bundesfachschaft Landschaft zum Studium in Corona-Zeiten.

Seminare ab Herbst in Präsenz und digital

Seit 1,5 Jahren studiert die nächste Generation von Planer*innen von zu Hause aus. Nun könnten die ­angehenden Landschaftsarchitekt*innen und Stadt­planer*innen diesen Herbst vielleicht wieder an ihre Hochschulen zurückkehren. Wenn alles klappt. Für die Septemberausgabe 2021 der Garten + Landschaft haben wir uns mit Anneken Fröhling und Georg Spree, Vorsitzende bei der Bundesfachschaft Landschaft (BuFaLa), darüber unterhalten, warum das Studium in Zeiten von Corona „echt scheiße“ ist und gemeinsam mit ihnen nach den wenigen ­Vorteilen der aktuellen Situation ­gesucht.

Nach drei Semestern corona-bedingtem „Homestudying“ planen die Hochschulen, diesen Herbst zu Präsenzveranstaltungen zurückkehren. Dies bestätigte die Hochschulrektorenkonferenz auf ihrer Internetpräsenz Mitte August. Zeit wird es langsam: In Abstimmung mit Bund und Hochschulen ersetzten die Länder zu Pandemiebeginn im März 2020 die Präsenzlehre weitestgehend durch digitale Formate. Nun, für das Wintersemester 2021/22, wollen Hochschulen und Länder zurück zum Präsenzstudium – sofern es die Rahmenbedingungen eben zulassen.

Peter-André Alt, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, appellierte in diesem Zusammenhang an Studierende und Hochschulbeschäftigte, sich impfen zu lassen. Die Impfung sei das wichtigste Instrument in der Pandemie, so Alt. Im Mittelpunkt aller Maßnahmen stehen ab Herbst die 3G-Regel (Zutritt nur für geimpfte, genesene oder getestete Personen). Nur so sei eine Rückkehr zum Präsenzstudium verantwortbar. Übungen und Seminare sollen dann mit Maske und Einhaltung von Abstands- und Lüftungs­regeln stattfinden, größere Vorlesungen tendenziell weiter digital. Ebenso geplant sind hybride Formate mit der Möglichkeit, digital oder auch in Präsenz teilzunehmen – sie sollen aber keine Regel werden. Voraussetzung hierbei ist, dass die Formate „didaktisch sinnvoll, technisch möglich und finanzierbar“ sind.

Studium während Corona – „einfach eine Scheißsituation“

Es ist nicht das erste Mal, dass die Hochschulen angekündigt haben, zur Präsenzlehre zurückzukehren. Mehrere Male unter­nahmen sie den Versuch bereits – leider aber ohne Erfolg. Anneken Fröhling und Georg Spree von der Bundesfachschaft Landschaft finden diese Ankündigung – ähnlich wie Studieren in Zeiten von Corona allgemein – deswegen vor allem eines: ermüdend. Sowohl Anneken Fröhling als auch Georg Spree wollen lieber heute als morgen zurück an die Hochschulen. Nachdem aber die Rückkehr immer wieder kurzfristig abgesagt wurde, hat sich bei den beiden ein gewisser Zweckpessimismus eingestellt. „Es ist echt einfach eine Scheißsituation“, fassen es die beiden im Video-Call mit Garten + Landschaft prag­matisch zusammen. Sie fühlen sich von Corona um Studienjahre beraubt.

Studierende gründen Initiative #onlineleere

Sonderlich viel Beachtung haben Studie­rende in der gesamtgesellschaftlichen Corona-Debatte in Deutschland bislang nicht erhalten – zumindest im Gegensatz zu Schüler*innen. Eine kurze Google-Suche bestätigt diesen Eindruck: Der Suchbegriff „Corona Schule“ kommt auf doppelt so viele Ergebnisse wie der Suchbegriff „Corona Studium“ – und das im drei­stelligen Millionenbereich. Studierende der Uni­versität Heidelberg haben in diesem Zuge die Initiative #onlineleere gegründet. Sie kritisieren damit öffentlich die fehlende Kommunikation der Hochschulverwaltungen und fordern die Rückkehr zur Präsenzlehre.

Verständnis aufzubringen, fällt schwerer

Zu Beginn habe sie den Fokus auf andere Bevölkerungsgruppen noch nachvollziehen können, sagt Anneken Fröhling. Studierende seien keine Kinder mehr, könnten auf sich selbst aufpassen, wären aufgrund ihres Alters tendenziell weniger gefährdet und auch wirtschaftlich – zumindest zunächst – im Vergleich nicht sonderlich relevant. Nach drei Semestern und kurz vor dem Studien­abschluss falle es ihr aber schwerer, Ver­ständnis aufzubringen. Ähnlich sieht es auch Georg Spree. „Wenn man merkt, dass es überall weitergeht, Arbeitnehmer*innen in Großraumbüros lediglich angehalten sind Maske zu tragen, das Studium aber weiterhin hauptsächlich digital stattfindet, da fragt man sich automatisch, warum dem so ist“, so der angehende Landschaftsarchitekt.

Studie bestätigt: Corona macht Studium zur Belastungsprobe

Dabei machten Untersuchungen gleich zu Beginn der Pandemie auf die langfristigen Folgen der fehlenden Präsenzlehre aufmerksam. So veröffentlichte das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung im September 2020 eine Studie, wie sich die Corona-Pandemie finanziell auf Studierende auswirkt. Die Datenerhebung ergab, dass 57 Prozent der befragten Studierenden unmittelbar vor der Corona-Pandemie erwerbstätig waren. Knapp 40 Prozent dieser Studierenden seien jedoch im Zuge der Corona­Pandemie entweder entlassen, unbezahlt freigestellt worden oder von Arbeitszeit­reduzierungen betroffen. Die meisten Studierenden sähen sich zwar in der Lage, das Studium ohne zusätzliche finanzielle Hilfen fortzuführen, das Studienabbruchs­risiko sei aber erheblich gestiegen – unter anderem weil sich auch die Erwerbs­situation der Eltern verschlechtert habe. Im Juni 2021 bestätigte zudem eine Studie der Universität Trier und des Leibniz-Instituts für ­Psycho­logie, dass Studieren unter Corona­Bedingungen zur Belastungsprobe würde. 60 Prozent der Befragten sorgen sich mehr um Studienerfolg und eigene ­Perspektiven.

Studium in Corona-Zeiten ist zum Job geworden

Anneken Fröhling schloss in der Corona-Pandemie ihr Bachelorstudium der Landschaftsarchitektur an der HS Beuth in Berlin ab und startete dann in den Master an der TU Berlin. Ihre Kommiliton*innen dort hat sie noch nie in persona getroffen. Georg Spree studiert Landschaftsarchitektur im Bachelor an der FH Erfurt und ist momentan im Praktikum in Weimar. Im Gespräch berichten beide, sie haben jedes Semester neu gehofft, dass es zurück in Richtung Norma­lität ginge. Der Studienalltag bestehe aus den eigenen vier Wänden und den Vorlesungen im Laptop. Studieren sei eher zum Job geworden: Man arbeite seine Tasks ab und mache dann Feierabend. Die große Herausforderung sei es, hierbei die Orientierung im Studienalltag zu behalten. Durch die Distanz zu weiteren Studierenden und Dozent*innen fehle der „Blick über die Schulter“. Wie viel man wofür tun müsse und was wie wichtig sei – das Gefühl dafür gehe verloren, ebenso wie die Relationen.

Wie die Lernplattform Moodle ihr Revival erlebt

Die Qualität der Online-Formate hänge beiden zufolge maßgeblich vom Engagement der Lehrenden ab. Manche haben sich gleich zu Beginn sehr viele Gedanken gemacht, neue digitale Formate entwickelt. Andere Dozent*innen halten ihre Vorlesungen eins zu eins wie gewohnt ab – eben nur vor dem eigenen Rechner. Diesen zu folgen sei tendenziell schwerer und erfordere mehr Aufmerksamkeit. Allgemein stellten sowohl Anneken Fröhling als auch Georg Spree eine große Online-Müdigkeit bei allen Be­teiligten fest. Im Übrigen: Eine allgemeine Verpflichtung, die Kamera bei den Ver­anstaltungen anzuschalten, gibt es bei Anneken Fröhling und Georg Spree nicht. Und auch Klausuren werden hauptsächlich online – unter anderem mithilfe der kostenfreien Lernplattform „Moodle“ – abgehalten, Zweitversuche aber nicht gezählt.

Studium in Corona-Zeiten: Planungsstudiengänge ­besonders betroffen

Die Frage, ob Planungsstudiengänge wie Landschaftsarchitektur oder Stadtplanung, die sich unter anderem durch viel Gruppen- und Projektarbeit definieren, besonders stark unter der fehlenden Präsenzlehre leiden, bejahen beide. Anneken Fröhling hatte im ver­gangenen Semester lediglich eine Korrektur in Präsenz. Ihr fehle es, mit Skizzenpapier und Plänen zu arbeiten, so die Landschaftsarchitektin – auch die Plotterräume seien nicht zugänglich. Für Georg Spree ist die fehlende Gruppenarbeit nicht das schlimmste. Er vermisst den allgemeinen Austausch mit allen Beteiligten. Man habe das Gefühl, man würde eine Dokumentation darüber schauen, wie Studieren so ist, so der FH-Erfurt-Student.

Podcast statt Referat – Pandemie als Chance für neue Lernformate?

Vorteile, die die Corona-Pandemie fürs Studium gebracht hat, sehen die beiden wenige. Georg Spree hat den Eindruck, dass manche Veranstaltungen durch das digitale Angebot sogar mehr Aufmerksamkeit erhaltem – vor allem die um acht Uhr morgens. Außerdem falle für ihn nun das Pendeln weg. Anneken Fröhling hebt im Gespräch die unterschiedlichen digitalen Formate positiv hervor, die sich im Zuge des digitalen Studiums entwickelt haben. So habe sie beispielsweise den Auftrag erhalten, einen Podcast anstatt eines klassischen Referats vorzubereiten. Sollten die Studierenden im Herbst eben doch nicht wieder an die Hochschulen zurückkehren – dann finde sie es gut und wichtig, neue Lehrformate wie diese weiter­zuentwickeln und zu fördern.

Essenziell: Engagement der Dozent*innen

Fest steht: Unsere Studierenden zieht es zurück an ihre Hochschulen. Sie wollen wieder studieren. Richtig studieren. Mehr und mehr studentische Gruppen ­schließen sich hierfür zusammen, sie schreiben offene Briefe und treten gemeinsam für ihre Belange ein. Ihre Realität definiert sich aber vor allem durch Ungewissheit und Abhängigkeiten. Wie viel Lernerfolg digitale Formate haben und damit auch, wie gut sich die künftigen Planer*innen auf den Arbeitsmarkt vorbereitet fühlen, ist maßgeblich von der technischen Raffinesse und Affinität ihrer Dozent*innen abhängig sowie deren Willen, Wissen über digitale Formate zu transportieren. Aber auch das Handwerk, das in Planungsstudiengängen gelehrt wird – wie die Arbeit mit Plänen, Skizzenpapier oder auch der Modellbau – leidet unter der fehlenden Präsenzlehre. Es bleibt nur zu hoffen, dass sich die langfristigen Folgen auf die kommenden Planer*innen­generationen in Grenzen halten werden.

Print + Online: G+L präsentiert herausragende Student*innenprojekte

In der Septemberausgabe 2021 der Garten + Landschaft präsentieren ausgewählte Studierende deutscher Hochschulen ihre Abschluss- und Projektarbeiten. Diese entstanden in den vergangenen Pandemiemonaten. Weitere Projekte haben wir zudem für Sie hier online bereitgestellt. Hier finden Sie eine Übersicht zu den studentischen Arbeiten.