Landesgartenschau Wangen im Allgäu: Seit 26. April 2024 eröffnet

Vom 26. April bis zum 6. Oktober 2024 öffnet die Landesgartenschau in Wangen ihre Tore. Credits: Landesgartenschau Wangen im Allgäu 2024
Vom 26. April bis zum 6. Oktober 2024 öffnet die Landesgartenschau in Wangen ihre Tore. Credits: Landesgartenschau Wangen im Allgäu 2024

Schon zum 30. Mal findet in Baden-Württemberg eine Landesgartenschau statt, dieses Mal in Wangen. Die Stadt im Allgäu geht dabei weit über Blumenmeere hinaus: Sie zeigt, wie sich ein altes Industrieviertel zu neuem Leben erwecken lässt.

Am 26. April 2024 hat die Landesgartenschau in Wangen im Allgäu eröffnet. Bereits über 100.000 Besucher*innen waren nach 16 Tagen vor Ort, die höchste Besucherzahl auf einer Landesgartenschau innerhalb der letzten zehn Jahre. Geschäftsführer Karl-Eugen Ebertshäuser erklärt sich diesen Rekord einerseits durch die hohe Anzahl an Gästen mit Dauerkarten und andererseits durch das gute Wetter Ende April und Anfang Mai. Als Ziel hat sich das Organisationsteam eine Marke von 600.000 Besucher*innen gesetzt.

Bis zum 6. Oktober ist es möglich, die Landesgartenschau Wangen zu besuchen. Das Gelände umfasst 46 Hektar, wovon sechs Hektar die neuen Stadtquartiere ERBA und Auwiesen umfassen. Die Revitalisierung des Flusses Argen ist ein Höhepunkt der Landesgartenschau Wangen, ebenso wie die Revitalisierung des Industrieviertels ERBA, die neuen Parks sowie zahlreiche Sport- und Bewegungsangebote und Spielplätze. Hinzukommen Schaugärten, Blumenschauen, ein Aussichtsturm und insgesamt 2.000 Veranstaltungen.

Wangen als touristische Destination

Die Eröffnungsfeier fand auf der Sparkassen-Kulturbühne in der ERBA statt. Sie war öffentlich und begann um 11 Uhr. Lokale Prominenz aus Kultur und Politik sowie viele Wangener Talente waren vor Ort, um zu feiern, dass die Schau nach gut 14 Jahren Planung nun beginnen konnte. Besucher*innen sind dazu angehalten, mit dem Fahrrad oder den öffentlichen Verkehrsmitteln anzureisen. Ein kostenloser Landesgartenschau-Shuttlebus fährt alle 20 Minuten vom Bahnhof zu den verschiedenen Eingängen.

Mit der Landesgartenschau erhofft sich Wangen nicht nur eine Revitalisierung der Stadt, sondern auch mehr Tourismus im Allgäu. In Zusammenarbeit mit der Stadt Rottweil, die 2028 eine Landesgartenschau ausrichten wird, sowie unterstützt von vielen Gemeinden der Umgebung, zeigt Wangen, warum sich eine Reise ins Allgäu lohnt.

Als „das längste Sommerfest im Allgäu“ wartet die Landesgartenschau Wangen auch mit über 2.000 Veranstaltungen auf. Dazu gehören unter anderem Rockkonzerte, Pop, Klassik, Hiphop, Lesungen, Fachvorträge zu Gartenthemen, Sportangebote wie Tanz und Yoga, Thementage und Bildungsangebote wie das Grüne Klassenzimmer. Für Kinder bis 14 Jahre ist der Eintritt zur Landesgartenschau frei, für Erwachsene kostet die Tageskarte 19 Euro.

Kinderspielplätze, wie etwa dieser hier rund um das Thema Wasser, machen Wangen künftig attraktiver und lassen den Fluss erlebbar werden.
Kinderspielplätze, wie etwa dieser hier rund um das Thema Wasser, machen Wangen künftig attraktiver und lassen den Fluss erlebbar werden.

Wasser in der Stadt wieder erlebbar machen

Städtebaulich hat die Stadt viel erreicht, denn im Zuge der Landesgartenschau Wangen hat sie einem alten Industrieareal neues Leben eingehaucht. Im ERBA-Areal, einer früheren Weberei und Spinnerei, sind Wohnungen für rund 1.500 Menschen sowie etwa 500 Arbeitsplätze und Kulturräume entstanden. Mehrere hundert Menschen sind bereits eingezogen, wobei die Neubauten in nachhaltiger Bauweise entstehen. Eine neue Reithalle, ein Kletterturm und ein Sportpark bieten sportliche Attraktionen. Und in den Auwiesen neben dem ERBA-Gelände entsteht unter anderem ein städtischer Kindergarten.

Das zweite wichtige Revitalisierungsprogramm der Landesgartenschau Wangen konzentriert sich auf den Fluss Argen, der in den Bodensee mündet. Er hat im Rahmen der Vorbereitungsarbeiten mehr Raum für eine natürliche Entwicklung erhalten. Nun verbindet er das mittelalterliche Stadtzentrum von Wangen mit der Landesgartenschau und den neuen Wohnquartieren auf dem ERBA-Gelände. Fünf neue Brücken unterstützen die Verbindung, die auch im Logo der Landesgartenschau Wangen sichtbar ist.

Die revitalisierte Obere Argen sowie der Argenpark als grünes Band mit Zugängen zum Fluss machen das Wasser in der Stadt wieder erlebbar. Entlang des Flussufers gibt es neue Parks mit blühenden Landschaften und vielen Angeboten für Spiel, Bewegung und Erholung. Dazu gehören auch Abenteuerspielplätze sowie ein hölzerner Aussichtsturm, der einen Blick über das ganze Gartenschaugelände und bei gutem Wetter sogar bis in die Alpen bietet.

Das Münchner Büro lohrer-hochrein landschaftsarchitekten und stadtplaner GmbH gemeinsam mit Löhle und Neubauer Architekten aus Augsburg haben den Wettbewerb zur Planung und Umsetzung der Landesgartenschau Wangen gewonnen.
Das Münchner Büro lohrer-hochrein landschaftsarchitekten und stadtplaner GmbH gemeinsam mit Löhle und Neubauer Architekten aus Augsburg haben den Wettbewerb zur Planung und Umsetzung der Landesgartenschau Wangen gewonnen.

Floristenspinnerei

Die textile Geschichte von Wangen geht bis ins Mittelalter zurück und umfasst beispielsweise Rosshaar-Spinnereien. Im Jahr 1992 wurde der Betrieb der Weberei und Spinnerei ERBA eingestellt. Die üppigen Blumenmeere der Landesgartenschau 2024 werden auf die Textilindustrie eingehen. Wie bunte Bänder ziehen sie sich über das Gelände und erinnern an die Muster und Fäden der Weberei ERBA. Insgesamt zwölf Blumenausstellungen werden im Baumwolllager stattfinden. Unter dem Titel „Floristenspinnerei“ kommen regionale und überregionale Florist*innen zusammen.

Als Wangen im Jahr 2010 den Zuschlag für die Landesgartenschau 2024 erhielt, begannen die Vorbereitungen sofort. Um Ziele wie die Nutzungsvielfalt im Gebiet ERBA/Auwiesen, die Stärkung der Wohnnutzung und die Erlebbarmachung der Oberen Argen umzusetzen, lobte das Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz gemeinsam mit der Stadt einen EU-weiten, offenen landschaftsarchitektonischen und städtebaulichen Realisierungswettbewerb aus. Der Zuschlag ging 2014 an das Münchner Büro lohrer-hochrein landschaftsarchitekten und stadtplaner GmbH gemeinsam mit Löhle und Neubauer Architekten aus Augsburg, die die Pläne seither umsetzen.

Bunte Blumenbänder erinnern an die Muster und Fäden der früheren ERBA-Weberei in Wangen.
Bunte Blumenbänder erinnern an die Muster und Fäden der früheren ERBA-Weberei in Wangen.

Gartenschauen als nachhaltige Stadtentwicklungsmaßnahmen

Die Landesgartenschau in Wangen ist bereits die 30. baden-württembergische Landesgartenschau. 164 Tage lang wird das Großereignis stattfinden. Gefördert wird es vom Landesprogramm „Natur in Stadt und Land“, das die Grün- und Freiraumgestaltung in Gartenschaustädten in Baden-Württemberg vorantreibt und unterstützt. Das zentrale Förderprogramm ist daran interessiert, auch die soziale Komponente zu fördern, indem es etwa eine Beteiligungskultur schafft. Außerdem sollen Gartenschaustädte das Stadtklima verbessern und einen wichtigen Beitrag zur biologischen Vielfalt leisten. Für Städte wie Wangen sind Gartenschauen ein Jahrhundertereignis, das gebührend gefeiert wird.

„Gartenschauen sind keine Strohfeuer für ein halbes Jahr, sondern nachhaltige Stadtentwicklungsmaßnahmen. Wangen hat diese große Chance mit der Realisierung einer vorbildhaften Landesgartenschau hervorragend genutzt und wird noch lange von ihr profitieren“, so Minister für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Peter Hauk. Das Land Baden-Württemberg ist mit einem Forstpavillon sowie dem „Cantilever“-Pavillon zur Holzbau-Offensive vertreten. Dabei zeigt das Bundesland die vielfältigen Aufgaben seiner Wälder und wie diese als Klimaschützer, Rohstofflieferanten und Lebensraum erhalten werden.

Weiterlesen: Eine Übersicht der drei Gartenschauen im Jahr 2024 finden Sie hier.

 

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Schmalkalder Bürger als Bodenbelag-Experte

Die Gestaltung der Innenstadt Schmalkaldens von terra.nova war eins der wichtigsten Naturstein-Projekte der letzten Jahre. In der Fachwerkstadt im Süden Thüringens wurden in den vergangenen zehn Jahren rund 21 000 Quadratmeter Naturstein verlegt. Das Projekt kommt nun zum Abschluss und dank eines übergreifenden Konzepts fügt sich alles zusammen. 


Schmalkalden hat eine bewegte Geschichte. Das sieht Stadtplaner Peter Wich schon, als er sich das erste Mal das Luftbild anschaut: Der historische Stadtkern ist im Mittelalter wild gewachsen. Straßen, Gassen und Gebäude entstanden einfach als Antwort auf den jeweiligen Bedarf. Als die Stadt 2002 über ein Wettbewerbsverfahren die Gestaltung des öffentlichen Raums in der Altstadt ausschreibt, ist dem Gründer von terra.nova Landschaftsarchitektur deshalb schnell klar: Dieses Projekt wird für sein Büro ein besonderes, wenn er es gewinnt.

Und tatsächlich überzeugt sein Ansatz die Wettbewerbs-Jury. Wich greift darin die städtebauliche Entwicklung auf, die er schon auf dem Luftbild gesehen hat. Diese teilt sich in zwei wesentliche Phasen: die Entstehung der Alt- und der Neustadt. Er sieht als Bodenbelag überall Natursteinpflaster vor. Das soll auch Stadtgeschichte sichtbar machen: Das eingesetzte Pflaster in Alt- und Neustadt unterscheidet sich in Farbe und Verbandgestaltung und definiert so die beiden Stadtbereiche. Generell, so Wich, galt es „diese geschichtsträchtige Stadt, die durch ihr Fachwerk schon wahnsinnig reich an Elementen ist, nicht zu überformen, sondern ein ruhiges und zugleich differenziertes Erscheinungsbild zu gestalten.“

Bevor er und sein Team anfangen, ein detailliertes Gestaltungskonzept zu entwickeln, nimmt er sich gemeinsam mit dem Weimarer Planungsbüro PAD Zeit für eine detaillierte Analyse des bestehenden Stadtbodens. Es geht darum, wo in früherer Zeit welche Materialien verlegt wurden – und das verwendete Material möglichst wieder aufzugreifen. Nicht überall ist das leicht zu erkennen. In Schmalkaldens Straßen wurden in der DDR-Zeit teilweise großformatig Kunststeinplatten über bestehendes Pflaster verlegt. Später, der Überfahrbarkeit und besseren Begehbarkeit wegen, asphaltierte man Verkehrsstraßen noch mit Schwarzdecke. Besonders das Wissen eines Schmalkalder Bürgers ist neben den Archiv-Unterlagen wertvoll, erinnert sich Wich: „Der Geologe hatte sich intensiv mit dem Thema Natursteine in der Schmalkalder Altstadt befasst und kannte die petrographische Zuordnung. Er konnte auch sagen, aus welchen Steinbrüchen der Region diese Pflastersteine kamen. Die meisten davon waren leider längst stillgelegt.“

90 Prozent skandinavischer Naturstein

Ausgehend von den historischen Belägen entwickelt terra.nova ein Gesamtbodenkonzept für Schmalkalden. Das Konzept berücksichtigt auch die städtebaulichen Entwicklungsstufen. Abgestimmt mit der Denkmalbehörde und dem Landesverwaltungsamt in Weimar grenzt es mögliche Belags-Materialien farbig und in Sachen Oberflächenbearbeitung ein. „Die Herausforderung bestand darin, Naturstein in passender Farbigkeit zu finden. Der Naturstein muss allerdings den heutigen Anforderungen an Witterungsbeständigkeit und Überfahrbarkeit entsprechen“, so Wich. Diese Anforderung sowie finanzielle Aspekte begründen, dass in der Umsetzung der ersten drei Bauabschnitte zu 90 Prozent skandinavischer Naturstein verbaut wurde, zu geringem Anteil auch chinesischer.

Das Material ähnelt petrographisch und farblich sehr den damals verwendeten, heimischen Basalt-, Diabas-, Sandstein- und Konglomeratgesteinsarten. Ein rötliches Material, bestehend aus ortstypischem Fambacher Buntsandstein, ist beispielsweise sehr witterungsanfällig. Es wurde deshalb durch ein nahezu gleichfarbiges Quarzit-Material aus Skandinavien ersetzt. Die Planer haben aber, betont Wich, wo immer es möglich war, vorhandenes oder von der Stadt eingelagertes Material wiederverwendet. Das machte schon aus ökologischen Gründen Sinn.

Wilder Verband in der Altstadt, geordneter Reihenverband in der Neustadt

Schmalkaldens Altstadtkern, willkürlich entstanden, unregelmäßig und verwinkelt gewachsen, gruppiert sich um die Stadtkirche. Straßen und Plätze mit unterschiedlichen Raumprofilen wechseln sich ab. Dort lässt terra.nova einen Teppich aus einer Mischung braun-rotbrauner Granite und Granodiorite mit gesägt-geflammter Oberfläche in wildem Verband verlegen. Den trapezförmigen Altmarkt hebt Wich dabei als zentralen Ort des öffentlichen Lebens mit einem Rahmen aus feinkörnigen Granit-Natursteinplatten hervor. Rund um die Stadtkirche macht der Belag ein Stück Geschichte Schmalkaldens sichtbar. „Dort liegt heute ein wiedereingebautes Lesepflaster, das wir sortieren und nachbehauen ließen und das bei archäologischen Grabungen entdeckt wurde“, so Wich.

Die Neustadt dagegen, bereits angelegt im regelmäßigem Stadtgrundriss, in geraden Straßen und orthogonaler Gestaltung, bekommt als Belag anthrazitfarbenen Granit und Granodiorit. Die Steine werden in geordnetem Reihenverband verlegt und haben ebenfalls eine gesägt-geflammte Oberfläche. Wich erklärt zum Konzept der Umgestaltung: „Durch die Materialentscheidung und die unterschiedliche Verlegeart in Alt- und Neustadt zeigen wir die unterschiedlichen Epochen, ohne dass Schmalkalden ‚auseinanderfällt‘. Wir wollen nicht eine Epoche in den Vordergrund stellen, sondern eben gerade die heutige Gesamterscheinung einer gewachsenen Stadt zeigen.“ Das Ergebnis wirkt stimmig und wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Landschaftsarchitekturpreis.

 

terra.nova weitestgehend zufrieden

Aktuell wird in Schmalkalden der fünfte Bauabschnitt umgesetzt: der Schlossberg. „Auch hier verwenden wir das wilde Pflaster, das wir vorgefunden haben, wieder. Es besteht aus Lesepflaster in rötlich bis rotbrauner bis basaltähnlicher Färbung. Verlegt in den Seitenbereichen wurde die historische Schlossauffahrt als Fahr- und Lauffläche mit einem Quarz-Porphyr im Netzverband hergestellt. Die Oberfläche ist eine Mischung aus geflammt und bruchrau um die historische Haptik zu erreichen und gleichzeitig gute Begehbarkeit zu gewährleisten“, erklärt Wich. Der sechste und letzte Bauabschnitt des Wettbewerbs wird sich drei Gassen widmen, die Richtung Neumarkt führen. 
terra.nova ist mit kleineren Einschränkungen zufrieden mit der bisherigen Entwicklung der umgestalteten Areale.

In Schmalkalden hat man jedoch nach der Umgestaltung teilweise ausschließliche Fußgängerbereiche in Verkehrsflächen umgewidmet und Fußgängerzonen aufgelöst. Deshalb kommt es zu lokalen Schäden des Pflasters, das wesentlich intensiver befahren wird als vorgesehen. Es handelt sich um ungebundenes Pflaster – zweimal jährlich wäre deshalb eine Fugenpflege durch Nachsplitten notwendig. Besonders in den Bereichen, die mit Straßenkehrmaschinen gereinigt werden, die nicht quer, sondern nach oben saugen. Um die dort fast bis zur Hälfte geleerten Fugen nicht zusätzlich zu destabilisieren, ist regelmäßige Pflege entscheidend. Leider sei diese ausdrückliche Empfehlung der Planer nicht berücksichtigt worden. „Solch punktuelle Schäden können sich ausweiten. Im Hinblick auf die Langlebigkeit der Bodenbeläge ist es essenziell, Pflegehinweise zu beachten“, so Wich.

Projekt Glücksfall für die Stadt

Mit der enormen Großflächigkeit des Projekts und der etappenweisen Umsetzung nach einem übergeordneten Gestaltungsprinzip ist Schmalkalden ein Glücksfall für die Stadtplanung. Wich wünscht sich derartige Gesamtbodenkonzepte auch für andere Städte. Meist hätten es die Planer mit kleineren Projekten und bereits begonnenen Umgestaltungsmaßnahmen zu tun. Im besten Fall ergäben aber auch viele kleine Flächen ein stimmiges Gesamtbild. Und: „Für ein Stadtbild sind gestalterische Vorgaben sehr gut, die über mehrere Politikperioden gelten.“ In Schmalkalden fügen sich die verwendeten Materialien auch in das Gesamterscheinungsbild der Altstadt ein. Sie orientieren sich am Material der historischen Treppen, Fenster- und Türgewände und Mauern.

In alten Städten ist es oft das Beste, die Historie als Ansatz zu nutzen, findet Wich: „So entsteht ein harmonischer Eindruck, der die Historie respektiert und nicht überformt.“ 
Naturstein als Belag sei dabei erste Wahl, weil sich Herstellung und Bearbeitungsweise 
stark verbessert hätten. Somit sei eine lange Nutzbarkeit gegeben. Auch die umfassenden technischen Richtlinien und die daraus resultierenden, notwendigen Belagsformate und Steindicken tragen dazu laut Wich bei. Vorbei sind die Zeiten, in denen Innenstädte mit Kleinpflaster verlegt und so zu dauernden Wackelkandidaten im Wortsinn wurden. „In Sachen Belag wünschen sich Städte ja eigentlich alle das gleiche: etwas Langlebiges ohne massiven Pflegeaufwand.“

Alle Fotos: Boris Storz

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen des Monatsthemas „Textur“ der Märzausgabe 2019 von Garten + Landschaft.

Der Superkilen in Kopenhagen ist gescheitert. Die Bürger in der Gesamtheit nutzen den Platz eher als Durchgangsraum statt zu verweilen, und das obwohl sie in den Planungsprozess durch Partizipation integriert waren – das ergibt eine langjährige Analyse von Studenten der Danish Institute for Study Abroad. Die Planer des Superkilen haben im Laufe des Entwurfs- und Entwicklungsprozesses die Bürger unter anderem gebeten, Artefakte aus ihren Herkunftsländern für den neuen Stadtplatz vorzuschlagen. Eine ganzheitliche Planung mit Co-Creation und Prototypen wäre ein Mittel gewesen, um die Akzeptanz für den Platz zu erhöhen.

Co-Creation

Co-Creation stammt ursprünglich aus der Wirtschaft, die in den 1990er Jahren begann, Konsumenten in den Entwicklungsprozess von Produkten einzubinden. Die Forschungsgruppe Leading Cities definiert Co-Creation in der Stadtentwicklung als „den aktiven Ideens- und Informationsfluss zwischen fünf Sektoren: Regierung, Wirtschaft, Wissenschaft, Non-Profit-Organisationen und Bürgern, die Teilhabe, Engagement und Entwicklung fördert.“

Was ist der Unterschied zu Bürgerbeteiligung? Bürgerbeteiligung ist für Planer ein Mittel um mehr über die Haltungen und Meinungen der Anwohner zu erfahren und neue Ideen zu entwickeln. Sie erhöhen die Akzeptanz für ein Projekt. Die Co-Creation bezieht hingegen von Anfang an die wichtigsten Sektoren der Gesellschaft gleichberechtigt ein.

Sie bietet daher für Bürger und Bürgerorganisationen eine bessere Möglichkeit, wirklich gehört zu werden und mehr Einfluss in Planungsprozesse zu gewinnen. Die Co-Creation betrachtet die Nutzer stärker als proaktive Bürger, denn als Konsumenten, und hat eher die langfristigen kulturellen Veränderungen und die gesamte Gemeinschaft, statt einzelner Benutzergruppen im Blick. Wo die Bürgerbeteiligung die Meinung der Bürger in ein bereits vorgeschriebenes Programm integrieren wollen, hilft Co-Creation den zukünftigen Nutzern, ihre eigenen Entscheidungen zu formen und durchzusetzen. Co-Creation ist im besten Sinne ein endloser Prozess, der Austausch zwischen den Beteiligten findet regelmäßig statt.

Von Co-Creation bringt eine Reihe von Vorteilen mit sich. Die Öffentlichkeit liefert Input und fühlt sich gleichberechtigt, die Bürger fühlen sich ernst genommen. Sie werden ihre Lebensumgebung sehr viel aufmerksamer wahrnehmen. Die Regierung muss im Gegenzug sehr viel stärker auf die Bürger und die anderen Sektoren eingehen und reagieren. Sie spart im Gegenzug allerdings Kosten, denn es wird nur umgesetzt, was tatsächlich gebraucht und genutzt wird, das Risiko eines neuen Projekts ist dementsprechend gering.

Prototypen

In großen Design-Projekten wie dem Superkilen ist es enorm wichtig, die Ideen vorab zu testen, bevor sie ein fester Teil der Landschaft oder Stadt werden. Es ist ein langer Weg von der abstrakten Idee, Analyse und Bürgerbeteiligung bis hin zur konkreten Installation. Der Prototyp sollte als Lernwerkzeug verstanden werden, das im nächsten Schritt optimiert und verändert werden kann. Prototype sind ein demokratischer Weg, mit öffentlichem Raum umzugehen, sie verringern außerdem das Risiko eines gescheiterten Projekts und unnötigen Ausgaben.

Der ganzheitliche Ansatz

Vereint man die Co-Creation mit der Vorgehensweise der Prototypen, wird es leichter, die Potentiale eines Platzes auszuloten. Dieser ganzheitliche Ansatz führt zu nachhaltigeren und lebendigeren Plätzen in der Stadt. Der Superkilen jedoch mit einer Annahme gestartet, Co-Creation und Prototype hätten zu einem anderen Design geführt. Die Nutzer würden den Platz besser annehmen und ihn sich besser zu eigen machen. Vielleicht wäre auch eine kritischere Auseinandersetzung mit der Anfangsidee erreicht worden.

Die aktuelle Analyse des Platzes von Bianca Hermannsen lesen Sie hier.
Robert Schäfer besuchte den Superkilen 2012, direkt nach der Eröffnung. Seine Kritik zum neuen Stadtplatz in Kopenhagen lesen Sie hier.
Wie BIG zusammen mit den Anwohnern in deren Herkunftsländer reist, um Artefakte für den Superkilen auszuwählen, sehen Sie hier im Video.