Das Leuchten der Stille

Wo einst die Twin Towers des World Trade Centers in die Höhe ragten, tummeln sich heute vor allem Touristen. Die Gedenklandschaft mit einem Museum und den Reflecting Pools macht das Grauen von 9/11 irgendwie greifbar, bleibt aber mit den vielen neuen Bauten in direkter Nachbarschaft, darunter die Einkaufspassage Oculus, für viele New Yorker ein Fremdkörper. 

9.11 Memorial_N Pool Night 9112011_Credit Joe Woolhead
Politische Freiräume haben viele Formen: Das Memorial am Ground Zero in New York ist eine davon.

Dort, wo die Grundrisse der Twin Towers waren, befinden sich heute – gerahmt von schwarzem Metall, in das die Namen aller Opfer eingraviert sind – zwei quadratische Wasserbecken. Die „Reflecting Pools“ des israelischen Architekten Michael Arad wirken, als hätten sie kleinere Grundrisse als die gefallenen Türme von Minoru Yamasaki. Die Twin Towers selbst waren überwältigend. Zwischen ihnen nach oben zu blicken, machte einen schwindelig. Diese Erinnerung kehrt sofort zurück, betrachtet man das große, beleuchtete Foto am Eingang des 9/11- Museums. Es zeigt die Twin Towers von unten im Sonnenlicht. Nun sind hier die besagten Becken, an deren Innenseiten Wasser herunterläuft. Bis in ein schwarzes Loch, das unendlich in den Untergrund zu reichen scheint. Daneben steht der Freedom Tower, höher und breiter als Yamasakis Türme, und das Flaggschiff des neuen World Trade Centers.

Ghostbusters im Museum

Weil Lower Manhattan in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten beträchtlich in die Höhe gewachsen ist, wirkt der Freedom Tower aber gar nicht mehr so gewaltig. Auch, weil die Landschaft, in die er eingebettet ist, eine weiche ist: mit Bäumen, in geometrischen Mustern angeordnet, und Efeubeeten. Eine angenehme Stadtlandschaft, wenngleich eine, in der Musik und lauter Lärm verboten sind – ganz anders als in der alten Betonwüste von früher.

Das empfinden die vielen Touristen offenbar auch so. Sie machen am „Survivor Tree“, dem Baum, der den Anschlag überstand, Selfies oder bestaunen den Oculus, den umstrittenen Bahnhof des Schweizer Architekten Santiago Calatrava, der wie ein riesiger weißer Vogel zwischen 3 World Trade Center und der Baustelleneinrichtung für 2 World Trade Center aufgesetzt hat. Die Gedenklandschaft um das World Trade Center ist die Attraktion für New-York-Besucher. Sie wirkt wie eine Filmkulisse. Und natürlich werden im Museum Filme mit dem World Trade Center gezeigt, von „King Kong“ bis „Ghostbusters“.

Gläserner Pavillon von Snøhetta

Das National September 11 Memorial & Museum – ein Verein, dem der frühere New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg vorsteht – hatte eine schwierige Aufgabe: die Erinnerung an das World Trade Center und den Anschlag vom 11. September 2001 wachzuhalten, der auch ein Anschlag auf den amerikanischen Nationalstolz war, und die Ursachen zu reflektieren, dabei aber niemandem auf die Füße zu treten. Kern des Gedenkens ist das Museum. Der Weg hinein führt durch Sicherheits vorkehrungen in einen gläsernen Pavillon, gekippt wie ein sinkendes Schiff und entworfen vom norwegischen Büro Snøhetta, nach unten, bis unter die Wasserbecken. Das Bunkerartige kombiniert mit der Düsternis bringt jenes erdrückende Gefühl zurück, das aufkam, wenn man durch die Passage unter den Türmen lief und spürte, wie sich 80 Stockwerke über einem auftürmten.

Das Museum stellt einen beeindruckenden Reichtum an Exponaten aus: verbeulte Polizeihelme, verbogene Straßenschilder, ramponierte Stahlbalken und zerdrückte Feuerwehrautos, ein Stück der Treppe, über die sich Überlebende ins Freie retteten, die Statue einer Frau, die aus einem Bürofenster stürzt, Zettel mit fotokopierten Suchfotos, eine Simulation vom Blau des Himmels am 11. September und eine Plakatausstellung mit Covern des „New Yorker“ mit den Zwillingstürmen. Sogar eine alte Ladenzeile mit Sweatshirts, komplett in asbesthaltigen Staub gehüllt, ist hinter Glas konserviert. In einem Raum wird jedem einzelnen der fast 3 000 Toten von 9/11 gedacht, mit einem Foto, ein paar Zeilen, einer Endlosschleife des letzten Telefonanrufs – das „Äquivalent eines ewigen Gedenkgottesdiensts“, wie die „New York Times“ schrieb, während der „New Yorker“ es „makaber“ findet.

Auch Apple ist vertreten

Es gibt einen separaten Raum für die Angehörigen, aber die Besucher sehen aus, als kämen sie von weit her. Das Museum endet an der ehemaligen Spundwand, die über mehrere Ebenen reicht. Die Betonwand hat an 9/11 den Hudson davon abgehalten, das Gelände zu überfluten. Sie gilt seitdem als „Heldenmauer“. Vielfach wird auch der heldenhaften Feuerwehrleute und Polizisten gedacht. Eine Niederlage in einen Sieg zu verwandeln, das ist schon sehr amerikanisch. Sehr viel vorsichtiger wird der eigentliche Anschlag thematisiert. Ja, da gab es die Taliban in Afghanistan, die es mit amerikanischer Hilfe geschafft haben, die Sowjets zu vertreiben. Daraus entwickelte sich später irgendwie die Hamburger Zelle. Mehr Platz dagegen ist dem Bau des World Trade Centers gewidmet. Früher war hier die Radio Row – kleine Elektronikgeschäfte am Hafen (viele von syrischen Immigranten betrieben). Heute gibt es dafür einen glitzernden Apple Store im Oculus.

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Dieser Artikel zum Thema politische Freiräume stammt aus unserem Archiv. In der G+L 09/2017 haben wir uns Gedenkorten gewidmet. Unter anderem auch dem Entwurf für die Gedenkstätte auf Utøya und der Umnutzung von Kirchen.