21.11.2022

Gesellschaft

Am Ende der Globalisierung – Buchrezension

von Julia Treichel
Am Ende der Globalisierung. Über die Refiguration von Räumen
Am Ende der Globalisierung. Über die Refiguration von Räumen, Cover: transcript

Wie zutreffend ist das Konzept „Globalisierung“, wenn nationale Grenzen gestärkt und transnationale Freihandelszonen ausgeweitet werden? Aktuelle Veränderungen als Refiguration von Räumen zu verstehen, ermöglicht die Analyse und Diskussion widersprüchlicher, spannungsreicher und konflikthafter räumlicher Prozesse und ihrer alltäglichen Erfahrung. Die interdisziplinären Beiträge des Bandes „Am Ende der Globalisierung. Über die Refiguration von Räumen“ präsentieren theoretische und empirische Ergebnisse des Berliner Sonderforschungsbereichs 1265 „Re-Figuration von Räumen“.

Am Ende der Globalisierung – Worum es geht:

Gesellschaftliche Strukturen, raumbezogene Imaginationen und alltägliches Handeln im Raum veränderten sich in den letzten Jahren stetig. Die globalisierte Welt bringt Gleichzeitigkeiten, Polarisierungen, Spannungen und Widersprüche hervor, die das Buch mit dem Konzept der Refiguration zu fassen versucht. 20 Jahre nach dem Spatial Turn bündeln die Autor*innen in dem Band dazu erste Forschungsergebnisse und konzeptuelle Überlegungen. Als Themenschwerpunkte dienen die Felder Politik, Digitalisierung und Raumwissen in globalen sowie lokalen Kontexten. Dazu führt die interdisziplinär agierende Autor*innenschaft ein breites Spektrum an Berichten an und beschreibt räumlich-soziologische Entwicklungen aus diversen Perspektiven. Gleichzeitig wird in den Arbeiten nach einem Transfer zu Wirtschaft und Gesellschaft gesucht.

Was die Autor*innen auszeichnet:

Das Buch ist eine Veröffentlichung des Sonderforschungsbereichs SFB 1256 „Re-figuration von Räumen“. Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Format vereint ein interdisziplinäres Team an Soziolog*innen, Architekt*innen und Planer*innen. In der Kollaboration finden sich mitunter namhafte Teilhabende wie Prof. Dr. Martina Löw, Prof. Dr. Stefanie Bürkle, Prof. Dr. Hubert Knobloch, Prof. Jörg Stollmann und viele mehr.

Das ist die beste Aussage:

„Im Kontext einer ‚transformativen Wissenschaft‘ bedarf es weiterer stetiger Überlegungen zur Veränderung unseres disziplinären Verständnisses von Wissenschaftlichkeit und unserer Rolle als Wissensproduzent*innen. Die Zusammenarbeit zwischen Gestaltung und Wissenschaft, weil sie so herausfordernd ist, bildet einen starken Motor, um die Grundlagen unseres Tuns zu reflektieren.“ Seite 437

Das ist eine Aussage, die zum Nachdenken anregt:

„Wenn wir alle in Konvivialität leben und alle dazu gehören können, wäre die Welt ein inklusiver, freier und rosiger, von Nachbarschaftsinitiativen und AktivistInnen konstruierter Zufluchtsort, abseits von rassistischem Diskurs, Kapitalismus und anderem hegemonialem Bösen. Städte und Nachbarschaften sind jedoch keine multikulturellen ‚community gardens‘ und beinhalten Konflikt und Dynamik in ihrer Definition“ Seite 381

Der Klappentext wird erfüllt:

Der Klappentext – der sich ungewöhnlicherweise auf dem Cover befindet – wird erfüllt. Er führt Debatteninhalte zum Konzept der Globalisierung an und verweist auf die innenliegenden Beiträge des SFB „Re-figuration von Räumen“.

Mit diesem Wissen aus dem Buch kann man angeben:

Zum Beispiel damit, dass selbst eine Banane durch Polykontexturalität geprägt ist. Eingebettet in diverse Kontexte – Anbauort, Güterlogistik, Handelsreglementierungen oder Konsument*innenwünsche –, muss sie Erwartungen erfüllen und bestimmt diese mit. Als Massenprodukt ist sie in Form sowie Farbe homogenisiert. Gleichzeitig wird sie im Supermarkt mit individuellen, symbolischen Werten aufgeladen. Moderne Logistikmethoden treffen auf die vermeintlich transparente, dabei aber oft pauschalisierende Inszenierung des Herkunftsorts. Die Banane steht im komplexen Kontext globaler, räumlicher Prozesse.

Am Ende der Globalisierung – Mehr Klassiker als Trend, weil:

… das Konzept der Refiguration und die Ergebnisse des SFB hier erstmals in gebündelter Form der Öffentlichkeit präsentiert sowie viele grundlegende Erkenntnisse und Begriffe eingeführt werden. Diese können als Basis für zukünftige Debatten dienen.

Kurzer Satz zu

Haptik: Das 480 Seiten starke Buch mit Softcover liegt hochwertig in der Hand.

Design: Das textlastige Werk überzeugt durch übersichtlichen Kapitelaufbau und klare Typografie.

Lesefluss: Die durchaus komplexen – auch theoretischen – Inhalte sind durch Beispiele begleitet und so formuliert, dass sie ein spannendes Lesevergnügen bieten.

Bildsprache: Neben einer Bildserie der Künstlerin Stefanie Bürkle finden sich nur vereinzelt ergänzende Graphen sowie Bilder zum Text.

Information: Neben dem theoretisch-konzeptuellen Überbau des Gesamtwerks bietet jedes Kapitel eine andere Vertiefung wodurch ein breites Wissensangebot vermittelt wird.

Was sonst noch wichtig wäre:

Das Buch spricht viele spannende Aspekte im Kleinen an. Gleichzeitig formuliert es relevante grundlegende Gedanken im interdisziplinären Feld von Planung und Soziologie und bietet gute Ansätze zu aktuellen Debatten in Politik und Gesellschaft.

Ebenfalls interessant: die Buchrezension über „Stadtstrukturen im Stresstest“.

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