16.09.2022

Gesellschaft

Feminist City – Buchrezension

von Paula Erber
In ihrem Buch "Feminist City" untersucht die Geographie- und Ökologieprofessorin Leslie Kern geschlechterspezifische Ungleichheiten in der Stadt.
In ihrem Buch "Feminist City" untersucht die Geographie- und Ökologieprofessorin Leslie Kern geschlechterspezifische Ungleichheiten in der Stadt. Cover: Unrast

In ihrem Buch „Feminist City“ untersucht und erklärt die Autorin und Professorin Leslie Kern Ungleichheiten in der Stadt, die mit dem Geschlecht ihrer Bewohner*innen zusammenhängen. Über fünf Kapitel hinweg beleuchtet sie dabei ganz unterschiedliche Perspektiven.

Ist sie endlich da, die zeitgemäße Auseinandersetzung mit neuen feministischen Visionen für die Stadt? Auf 192 Seiten untersucht Leslie Kern, Geographie- und Ökologieprofessorin aus Kanada, geschlechterspezifische Ungleichheiten in der Stadt. Dafür nähert sie sich dem Thema intersektional, das heißt unter Berücksichtigung unterschiedlicher Diskriminierungsursachen. In fünf Kapiteln zu Mutterschaft, Freundschaft, Alleinsein, Protest sowie Angst schildert Kern, warum Gruppen, die nicht der Mehrheitsgesellschaft angehören, in den Fokus der Stadtplanung rücken müssen.

Darum geht es

In der Einleitung erläutert die Autorin, warum sie von der Stadt der Männer spricht und kritisiert, dass noch immer ein Großteil der Entscheidungsträger*innen männlich ist. Spezifisch weibliche Belange bleiben dadurch oft unbeachtet. Im Kapitel Stadt der Mütter zeigt Kern, dass lange Wege in Vorstädten, mangelndes kulturelles Angebot und fehlende soziale Unterstützung vor allem für Mütter die Aktionsradien einschränken. Das Buch beleuchtet Benachteiligungen in Innenstädten wie beispielsweise höhere Preise für kurze Strecken im ÖPNV. Die Kapitel Stadt der Freundinnen, Stadt der Einzelnen sowie Stadt des Protests thematisieren Strategien, wie sich Frauen öffentlichen Raum besser aneignen können. Freundschaften könnten helfen, eigene Sicherheitsnetze zu bilden und sich unabhängig und sicher bewegen zu können. Um das Recht auf Stadt einzufordern, sind für Leslie Kern Aktivismus und öffentlicher Protest zentrale Instrumente.

Aufbau und Schreibstil

Das Buch wurde aus dem Englischen übersetzt und beinhaltet keine Abbildungen. Durch zahlreiche Referenzen und das Aufzeigen historischer Zusammenhänge wirkt es wissenschaftlich fundiert. Die klare Gliederung hilft, Teilaspekte auch unabhängig voneinander zu verstehen. Es dominiert die Schilderung von Erlebnissen in einem für Fachliteratur ungewohnt persönlichen Schreibstil. Auf eine angenehme Weise ermöglicht dieser Schreibstil das Einnehmen unbekannter Perspektiven wie die einer im Rollstuhl sitzenden Frau auf dem Arbeitsweg. Dadurch werden Probleme von diskriminierten Gruppen für nicht betroffene sichtbar gemacht.

Kritik und Lob

Ein wichtiger Kritikpunkt am Buch ist das Ausbleiben der erhofften Verknüpfung von identifizierten Ungleichheiten mit feministischer Raumplanung. Offen bleiben Empfehlungen für Konsequenzen, die nach der Analyse für die Planung folgen müssten, sowie Instrumente, die helfen könnten, Frauen im öffentlichen Raum sichtbarer zu machen.
Da wenig Konkretes für Probleme der Stadtplanung aufgezeigt wird, ist das Buch mehr für eine breite Leserschaft als für ein Fachpublikum interessant. Es reiht sich in den aktuellen feministischen Diskurs ein, der Bereiche des menschlichen Lebens wie die alltägliche gebaute Umwelt aus intersektionaler Perspektive analysiert. Wer sich neu am Diskurs zur gendergerechten Landschaftsarchitektur beteiligt, findet diese Publikation sicherlich hilfreich. Für ein raumplanendes Fachpublikum ist Feminist City als gute Grundlage für weiterführende Diskussionen empfehlenswert.

Der Text entstand in der „wissenschaftlichen Schreibwerkstatt Landschaftsarchitektur“ am TUM-Lehrstuhl Landschaftsarchitektur und Transformation bei Prof. Udo Weilacher. Im Rahmen des Seminars wählen Student*innen Fachliteratur aus und erarbeiten gemeinsam individuelle Buchrezensionen.

Ein weiteres spannendes Buch zum Thema Stadtplanung ist „Zweifellos“ von Tom Matton.

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