Freiraum Straße – Mit Gestaltung erziehen

Die Funktion der Straße hat sich gewandelt: Nicht nur der Verkehr, sondern auch unsere Einkaufsgewohnheiten ändern sich. Dadurch entstehen neue Möglichkeiten auf der einen und Anforderungen auf der anderen Seite, um Straßen als öffentliche Räume zu gestalten, lebendig zu halten und zukunftsfähig zu machen.  

Für die Oktober-Ausgabe der Garten + Landschaft sprachen wir mit Timo Herrmann von bbz landschaftsarchitekten, Berlin, über die aktuellen gestalterischen Herausforderungen. Neben vielen anderen Projekten haben bbz in den vergangenen Jahren mehrere Wettbewerbe zu Straßenraumgestaltungen in Ortsmitten und Stadtzentren bearbeitet. Das Büro gewann unter anderem Wettbewerbe zur Neugestaltung der Margaretenstraße in Krailling (2014), der Ludwigstraße in Neu-Ulm (2016) und der Truderinger Straße in München (2018):

Gestaltung der Truderinger Straße – Planungsworkshop

Ziel des Konzeptes von bbz landschaftsarchitekten ist es, die Truderinger Straße in München zwischen Bajuwarenstraße und Schmuckerweg als zentralen Boulevard zu gestalten und als verkehrsberuhigten Geschäftsbereich zum Zentrum Truderings zu entwickeln.

Dies soll mithilfe von vier wesentlichen Maßnahmen gelingen:

Zentrumsbereiche – Plätze

Zu- und abnehmende Verdichtungen von Natursteinbändern im Belag des Straßenraums definieren Zentrums- oder Platzbereiche. Diese betonen Plätze an wichtigen Orten.

Verkehr  

Eine klare visuelle Abgrenzung zwischen Fahrbahn und Bürgersteig bleibt aufgrund unterschiedlicher Materialien bestehen. Zur besseren Querung werden Fahrbahn und Gehweg aber niveaugleich ausgebildet. Die Fahrbahnen sollen verengt werden und eine Fahrspur entfallen: zugunsten mehr Platz für Fußgänger.

Grünraumgestaltung 

Sequenzen hochaufgeasteter Robinien mit offenen Baumscheiben säumen die Truderinger Straße im Bereich der Gehwege. Gelditschienhaine und Staudenflächen prägen die Plätze.

Aufenthalt

Entlang des gesamten neu zu gestaltenden Abschnitts der Truderinger Straße erhöhen Bänke die Aufenthaltsqualität. Sitzelemente ergänzen die Plätze.

Ortsmitte Margaretenstraße Krailling  – Realisierungs- und Ideenwettbewerb

Die Margaretenstraße zwischen der Kraillinger Brauerei und Margaretenkirche im Norden soll als zentrale Achse neben dem Grünraum der Würm-Ufer stärker ablesbar werden. Hierfür fassen bbz das Geschäfts- und Ortszentrum der Gemeinde  Krailling über einen einheitlichen Belag aus gesägtem Granitsteinpflaster visuell zusammen. Durch die Nivellierung aller Flächen soll eine größere Bewegungsfläche entstehen. Niveaugleiche Entwässerungsrinnen strukturieren die auf 5,50 Meter reduzierten Fahrbahnen, großzügige Bänke aus Holz erhöhen die Aufenthaltsqualität. Querverbindungen zwischen Margaretenstraße und Würm verknüpfen den neuen Straßenraum mit dem vorhandenem Grünraum am Fluss. Ein kleiner Platz soll die Margaretenstraße an ihrer Engstelle direkt mit der Würm verbinden.

Als wichtigste Erneuerung wird der Paulhan-Platz zu einer großzügigen, urbanen Platzfläche mit teilweise grünem Dach entwickelt und soll künftig Platz für Märkte und Feste bieten. Der Hauptverkehr soll umgeleitet werden, so dass eine Reduzierung des Verkehrs in der Margaretenstraße möglich wird.

 

Neugestaltung der Ludwigstraße, Neu-Ulm

Im Zuge der Sanierungsmaßnahmen der Neu-Ulmer Innenstadt soll die Ludwigstraße, eine der wichtigsten innerstädtischen Verbindungsachsen, zum fußläufigen Bindeglied zwischen dem „alten“ Einzelhandelsstandort Augsburger Straße/Marienstraße und dem neuen Standort mit der Glacis-Galerie an der Bahnhofsstraße entwickelt werden.

Die von bbz vorgeschlagene „Stadtpromenade“, die sich zwischen dem südlich gelegenen Heiner-Metzger-Platz und dem nördlichen Rathaus- sowie Johannesplatz aufspannt, gewinnt an Aufenthaltsqualität: Um die heterogene Bebauung, Nutzungsmischung und die unterschiedlichen Anforderungen zusammenzuführen, wollen bbz den Straßenraum über Beleuchtung, Fahrradbügel und hölzerne Sitzelemente zu einer optischen Einheit entwickeln.

In der kurzfristig umsetzbaren Variante werden die Fahrspuren mit Ausnahme des bestehenden Bereichs am Rathausplatz noch als eigene Freiraumkategorie behandelt und setzen sich mit ihrem Asphaltbelag auch optisch von den neuen Fußgängerbereichen und den Gebäudevorzonen ab. Die grünen „Vorgartenzonen“ auf der östlichen Straßenseite sowie die vorhandenen Lücken zwischen den anliegenden Gebäuden bleiben bestehen. Einige Parkplätze sollen als Sitz- und Treffpunkt umgestaltet werden und den Straßenraum beleben.

In der langfristigen Variante wird die gesamte Ludwigstraße als Begegnungszone gestaltet. Einheitliche Materialien ziehen sich von Fassade zu Fassade und schließen auch die Fahrspur ein. Zugunsten einer verbesserten Aufenthaltsqualität und der Querungsmöglichkeit sollen die Parkplätze weiter reduziert werden, jedoch genügend Raum für Kurzzeitparker erhalten bleiben.

 

Die hier beschriebenen Projekte erwähnt Timo Herrmann in dem Interview mit der Garten+Landschaft. Das gesamte Gespräch lesen Sie in Garten + Landschaft 10/2018.