Global Traffic Scorecard: London bleibt Stadt mit meisten Staus

In London verlieren Autofahrende pro Jahr durchschnittlich 156 Stunden im Verkehr - das sind 6,5 Tage. Bildquelle: Unsplash
In London verlieren Autofahrende pro Jahr durchschnittlich 156 Stunden im Verkehr - das sind 6,5 Tage. Bildquelle: Unsplash

Die Global Traffic Scorecard von INRIX zeigt, dass London auch im Jahr 2022 die Stadt mit den meisten Staus der Welt war. Das zweite Jahr in Folge befinden sich die fünf am stärksten verstopften Straßen und die höchste durchschnittliche Wartezeit in der britischen Hauptstadt. Lesen Sie mehr über die Traffic Scorecard.

Die Global Traffic Scorecard von INRIX

Der Verkehrsinformationsanbieter INRIX veröffentlicht jährlich die Global Traffic Scorecard, die eine weltweite Rangliste der Verkehrsüberlastung enthält. Sie umfasst 1 000 Städte in 50 Ländern. Dem Bericht zufolge waren dies im Jahr 2022 die am stärksten verstopften Städte der Welt:

  • London: 156 verlorene Stunden durch den Verkehr
  • Chicago: 155 verlorene Stunden durch den Verkehr
  • Paris: 138 verlorene Stunden durch den Verkehr
  • Boston: 134 verlorene Stunden durch den Verkehr
  • New York City: 117 verlorene Stunden durch den Verkehr

Weitere Städte mit hoher Verkehrsbelastung sind Bogotá in Kolumbien, Toronto in Kanada, Miami in den USA, Palermo in Italien und Monterrey in Mexiko. INRIX hat Big Data und Analysen zu Mobilität, Verkehr, Verkehrssignalen, Parkplätzen und Bevölkerungsbewegungen genutzt, um zuverlässige Daten zu erstellen.

Dies ist oft die erste Herausforderung bei der Bewältigung von Verkehrsstaus: Ein Mangel an Daten. Mit der Global Traffic Scorecard will INRIX Stadtplanern und Ingenieuren helfen, datenbasierte Entscheidungen für die Verkehrsplanung zu treffen. Das private Softwareunternehmen mit Sitz in den USA ist darauf ausgerichtet, öffentliche Ausgaben zu unterstützen, um den Nutzen zu maximieren und die Kosten zu senken. Mit den Ergebnissen aus dem Jahr 2022 will das Unternehmen einen quantifizierbaren Maßstab für Regierungen und Städte in aller Welt schaffen. Dies wird dazu beitragen, die Fortschritte bei der städtischen Mobilität zu messen und die Auswirkungen der Ausgaben für Smart-City-Initiativen zu verfolgen.

Datenquellen und Methodik für die Global Traffic Scorecard

Unter www.inrix.com/scorecard stellt das Unternehmen den vollständigen Bericht zur Global Traffic Scorecard 2022 kostenlos zur Verfügung. Er enthält Rankings für das Vereinigte Königreich, die USA und Deutschland. Es sind Daten und Informationen für mehr als 1 000 Städte verfügbar, ebenso wie die vollständige Methodik.

INRIX verwendet anonyme Daten aus verschiedenen Datensätzen, die zu robusten, genauen Erkenntnissen führen. Die Global Traffic Scorecard zeigt für jede Minute des Tages an, ob ein Straßenabschnitt überlastet oder frei von Staus ist. Millionen von Autofahrenden auf der ganzen Welt nutzen die INRIX-Verkehrsdienste und tragen – oft unbewusst – zu dieser Sammlung von Big Data bei. Auch Datensätze von Handys, Lastwagen und Städten tragen zur Scorecard bei.

Die Methodik begann vor drei Jahren mit der Identifizierung von Pendlergebieten innerhalb von Städten. Dies ermöglichte es dem INRIX-Team, das einzigartige Mobilitätsprofil jeder Stadt zu erfassen. Inzwischen sind Daten wie Reisezeiten, Reisecharakteristika und die Auswirkungen von Ereignissen auf die Verkehrsüberlastung verfügbar. Dieser vielschichtige Ansatz ermöglicht ein ganzheitliches Verständnis der komplexen Landschaft der Verkehrsüberlastung.

Londoner*innen verbringen die meiste Zeit im Stau, verglichen mit anderen Städten. Aber viel mehr Stau als vor der Pandemie ist es nicht. Bildquelle: Unsplash
Londoner*innen verbringen die meiste Zeit im Stau, verglichen mit anderen Städten. Aber viel mehr Stau als vor der Pandemie ist es nicht. Bildquelle: Unsplash

Londons zweifelhafter Ruf

Trotz zahlreicher Initiativen und Bemühungen ist London nach wie vor die Verliererin, was Staus angeht. Forscher*innen haben festgestellt, dass im Jahr 2022 mehr Zeit durch Staus verloren ging als vor der Pandemie. Demnach verbrachten Autofahrende im Jahr 2022 durchschnittlich 156 Stunden im Londoner Verkehr. Das sind 5 Prozent mehr als vor der Pandemie.

Aus dem Bericht geht auch hervor, dass die fünf am stärksten verstopften Straßen des Vereinigten Königreichs im Jahr 2022 in London lagen. Die am meisten staubelastete Straße war die A219, die von Fulham nach Morden führt. Auf dieser Schlüsselstrecke aus der britischen Hauptstadt heraus verlieren Autofahrende durchschnittlich 47 Stunden. Ein Grund dafür war die Sperrung der Londoner Hammersmith Bridge für den motorisierten Verkehr. In London gibt es Regelungen wie die City-Maut, mit denen das Verkehrsaufkommen und die Umweltverschmutzung eingedämmt werden sollen. Der Global Traffic Scorecard zufolge gibt es jedoch noch viel zu tun.

Auch andere britische Städte wie Bristol, Manchester, Birmingham und Belfast wiesen ein hohes Maß an Staus auf. Im Durchschnitt verloren die Autofahrende im Vereinigten Königreich im Jahr 2022 80 Stunden durch Verkehrsstaus, das sind 7 Stunden mehr als 2021, aber 35 Stunden weniger als 2019. Gleichzeitig stiegen die jährlichen Kosten für das Tanken im Vereinigten Königreich um mehr als 100 GBP und in London um mehr als 200 GPB.

Bewältigung der Verkehrsüberlastung nach der Pandemie

Der Autor des Berichts, Bob Pishue, sagte: „Es ist schön zu sehen, dass sich das städtische und kommerzielle Leben wieder normalisiert, aber leider sehen wir, dass sich die Verkehrsstaus dem Niveau vor der Pandemie annähern, wenn sie es nicht sogar übersteigen. Wir müssen die Staus in den Griff bekommen und gleichzeitig die Mobilität und Zugänglichkeit in den Städten verbessern, um zu verhindern, dass sie die wirtschaftliche Erholung beeinträchtigen und die Lebensqualität von Pendlern und Einwohnern schmälern.“

Nach der COVID-Pandemie wurden in vielen Städten im Jahr 2022 die Vorschriften gelockert. Laut der Global Traffic Scorecard hat dies zu einer Zunahme des Verkehrsaufkommens und zu Staus in den Städten der Welt geführt. Hier sieht das Bild anders aus: In London hat die Verkehrsüberlastung im Vergleich zum Stand vor der Pandemie nur um 5 Prozent zugenommen. In Chicago war ein Anstieg um 49 Prozent und in Boston um 72 Prozent zu verzeichnen. In New York City hat die Verkehrsüberlastung um 15 Prozent zugenommen.

Überall auf der Welt erwägen Städte Veränderungen wie autofreie Stadtzentren. Es bleibt die Frage, ob die Erfahrungen und Lehren aus der Pandemie ihre Motivation, den Verkehr einzudämmen, weiterhin beeinflussen werden. Die Global Traffic Scorecard ist eine wichtige Erinnerung daran, dass es noch viel zu tun gibt.

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Wenn ChatGPT den Flächennutzungsplan schreibt – KI im Städtebau

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Blick auf eine malerische Gruppe deutscher Stadthäuser, fotografiert von Ries Bosch.





Wenn ChatGPT den Flächennutzungsplan schreibt – KI im Städtebau


Kann eine Künstliche Intelligenz den Flächennutzungsplan schreiben? Während in deutschen Verwaltungen noch Aktenordner sortiert werden, probiert die digitale Avantgarde längst aus, wie Algorithmen, KI und Sprachmodelle wie ChatGPT das Rückgrat unserer Städte neu denken – und vielleicht auch neu entwerfen. Was ist dran am Hype? Und was bedeutet das für die Zukunft professioneller Stadtplanung? Zeit, den digitalen Nebel zu lichten.

  • Einführung: Wie KI und insbesondere ChatGPT die Flächennutzungsplanung herausfordern und bereichern.
  • Grundlagen: Was ist ein Flächennutzungsplan, welche Anforderungen bestehen in DACH-Ländern?
  • KI in der Stadtplanung: Von Datenanalyse über Szenarienentwicklung bis zur Textgenerierung.
  • Potenziale: Effizienz, Szenario-Simulation, Partizipation und Transparenz durch KI-gestützte Planungsprozesse.
  • Risiken: Technokratischer Bias, algorithmische Verzerrungen, rechtliche Grauzonen und Kontrollverlust.
  • Praxisbeispiele: Internationale Vorreiter, erste Projekte in Deutschland, Chancen und Stolpersteine.
  • Kultureller Wandel: Wie KI das Selbstverständnis von Planung und Verwaltung herausfordert.
  • Governance und Verantwortlichkeit: Wer trägt die Verantwortung, wenn KI den Entwurf macht?
  • Fazit: KI als Werkzeug für mehr Qualität, nicht als Ersatz für menschliches Urteilsvermögen.

Flächennutzungsplanung trifft KI – Grundlagen, Begriffe und Herausforderungen

Wer über KI in der Flächennutzungsplanung spricht, muss zunächst klären, was ein Flächennutzungsplan eigentlich ist – und warum er in Deutschland, Österreich und der Schweiz eine der komplexesten und konfliktträchtigsten Aufgaben im kommunalen Alltag darstellt. Der Flächennutzungsplan (FNP) ist das zentrale Steuerungsinstrument der Stadtentwicklung. Er legt fest, welche Flächen künftig wie genutzt werden sollen: Wohnen, Arbeiten, Erholung, Verkehr oder Grün. Der Plan ist rechtlich bindend, politisch umkämpft und gesellschaftlich hochrelevant. Er muss ökologische, ökonomische und soziale Interessen ausbalancieren, bestehende Strukturen berücksichtigen und zukünftige Entwicklungen antizipieren. Und er ist alles andere als statisch: Klimawandel, Mobilitätswende, Zuzug, Digitalisierung und neue Lebensstile verlangen nach immer flexibleren, anpassbaren Lösungen.

Traditionell war die Erstellung eines FNP eine Domäne hochspezialisierter Fachleute: Stadtplaner, Landschaftsarchitekten, Juristen, Verwaltungsexperten. Sie analysierten Daten, führten Bürgerbeteiligungen durch, wägten Interessen ab, entwarfen Szenarien – häufig über Jahre. Der Planungsprozess war langwierig, diskursiv und von politischen Kompromissen geprägt. Digitalisierung hat bereits erste Spuren hinterlassen: Geoinformationssysteme (GIS), digitale Beteiligungsplattformen und Simulationsmodelle sind vielerorts Standard. Doch mit dem Aufkommen von Künstlicher Intelligenz – und insbesondere lernenden Sprachmodellen wie ChatGPT – steht die Planung vor einem Quantensprung: KI kann Daten nicht nur auswerten, sondern auch verknüpfen, gewichten, bewerten und sogar sprachlich aufbereiten. Sie wechselt damit von der Rolle des Werkzeugs zum potenziellen Mitplaner.

Die zentrale Frage ist: Was kann KI – und was darf sie? Sprachmodelle wie ChatGPT sind in der Lage, komplexe Texte zu generieren, juristische Formulierungen anzupassen, Bürgeranregungen zu analysieren und synthetisieren, Szenarien zu beschreiben oder Berichte zu verfassen, die den formalen Standards eines Flächennutzungsplans entsprechen. Sie können Daten aus Sensoren, Satelliten, Open Data und historischen Beständen zusammenführen, Korrelationen erkennen und Vorschläge unterbreiten, wie Flächen optimal genutzt werden könnten. KI kann komplexe Wechselwirkungen zwischen Klima, Mobilität, Demografie und Bebauung simulieren und visualisieren. Und sie kann – bei entsprechender Gestaltung – sogar mit Bürgern in den Dialog treten, Fragen beantworten und Beteiligungsprozesse unterstützen.

Allerdings ist der Schritt von der automatisierten Datenauswertung zum KI-generierten Flächennutzungsplan noch weit. Rechtliche Vorgaben, Planungsrecht, Datenschutz und das Gebot der demokratischen Teilhabe setzen klare Grenzen. Ein von ChatGPT formulierter Entwurf kann bestenfalls ein Werkzeug für die Verwaltung sein – kein Ersatz für den politischen Willensbildungsprozess. Hinzu kommen Fragen der Transparenz: Wie sind die Vorschläge der KI zustande gekommen? Welche Daten wurden verwendet? Wer hat die Parameter gesetzt? Und wie kann verhindert werden, dass algorithmische Verzerrungen strukturelle Benachteiligungen reproduzieren?

Hier beginnt das eigentliche Spannungsfeld: KI kann helfen, Planung schneller, fundierter und transparenter zu machen. Sie kann aber auch neue Intransparenzen schaffen, weil ihre „Entscheidungen“ nicht immer nachvollziehbar sind. Und sie könnte – bei falscher Anwendung – dazu beitragen, dass Planung entmenschlicht und technokratisiert wird. Wer KI in der Flächennutzungsplanung einsetzen will, braucht also mehr als nur Rechenpower: Es braucht eine neue Governance, ein neues Verständnis von Verantwortung und eine Kultur des kritischen, reflektierten Umgangs mit digitalen Werkzeugen.

Von Datenflut zu Planungsintuition – was ChatGPT und KI konkret leisten können

Die Erwartungen an KI in der Stadtplanung sind hoch – manchmal geradezu utopisch. Aber was kann ChatGPT wirklich zur Flächennutzungsplanung beitragen? Zunächst einmal ist Künstliche Intelligenz ein Meister der Datenverarbeitung. Wo traditionelle Verfahren an der schieren Menge und Komplexität von Daten scheitern, kann KI Millionen von Datensätzen in Sekunden analysieren: Luftbilder, Bewegungsdaten, Klimaprognosen, Einwohnerstatistiken, Verkehrszählungen, Bodenpreise, Lärmkarten und vieles mehr. Sie erkennt Muster, entdeckt Zusammenhänge und kann frühzeitig auf Zielkonflikte hinweisen – etwa wenn neue Wohngebiete mit bestehenden Verkehrsströmen kollidieren oder Grünachsen unter dem Druck der Nachverdichtung verschwinden.

Doch die eigentliche Revolution liegt in der Szenarienentwicklung: KI kann in kürzester Zeit alternative Nutzungskonzepte entwerfen, Auswirkungen simulieren und deren Vor- und Nachteile abwägen. Sie kann – mit Hilfe von Natural Language Processing – aus Bürgerdialogen, Stellungnahmen und Online-Beteiligungen Stimmungsbilder generieren, Konfliktlinien erkennen und aggregierte Vorschläge machen. In Kombination mit Urban Digital Twins lassen sich die Auswirkungen neuer Flächennutzungen in Echtzeit simulieren: Wie verändert ein neues Gewerbegebiet das Mikroklima? Wie wirkt sich eine Umwandlung in Grünfläche auf die Biodiversität aus? Welche Mobilitätskonflikte entstehen durch eine neue Nahversorgungsachse?

Sprachmodelle wie ChatGPT können darüber hinaus komplexe Sachverhalte verständlich aufbereiten. Sie formulieren Erläuterungsberichte, fassen Gutachten zusammen, erstellen Bürgerinformationen oder schreiben Pressemitteilungen – in einer Sprache, die sowohl Fachleute als auch Laien verstehen. Das ist kein banaler Mehrwert: Wer Bürgerbeteiligung ernst meint, muss in der Lage sein, komplexe Planungsinhalte verständlich zu vermitteln. KI kann hier als Übersetzerin zwischen Verwaltungssprache, Politik und Bevölkerung fungieren. Und sie kann – bei entsprechender Einbindung – auch als Chatbot Dialoge führen, Fragen beantworten oder Bürgerfeedback direkt in Planungsprozesse einspeisen.

Ein weiteres Feld ist die Effizienzsteigerung: KI-gestützte Tools ermöglichen es, Planungsprozesse massiv zu beschleunigen – von der Datensichtung über die Szenarienentwicklung bis zur Erstellung von Texten und Karten. Wo früher Wochen vergingen, entstehen heute in Stunden erste Entwürfe. Das verschafft Verwaltungen Spielräume, sich auf die eigentliche Aufgabe zu konzentrieren: die Abwägung, die Diskussion, das Aushandeln von Kompromissen. KI wird damit zur Assistentin, zur Ideengeberin, aber nicht zum Ersatz für professionelle Urteilskraft.

Schließlich eröffnet KI neue Möglichkeiten der Partizipation. Digitale Beteiligungsplattformen können mit KI-gestützter Moderation ausgestattet werden, die Diskussionen aggregiert, Stimmungen erkennt und Vorschläge aufbereitet. So werden auch große Beteiligungsprozesse beherrschbar, und das Risiko, dass einzelne Stimmen untergehen, sinkt. Die größte Chance liegt darin, Planung transparenter, nachvollziehbarer und inklusiver zu machen – vorausgesetzt, die eingesetzten Systeme sind offen, erklärbar und verantwortungsvoll gestaltet.

Grenzen, Risiken und Stolpersteine – was KI (noch) nicht kann und nicht darf

So vielversprechend KI in der Flächennutzungsplanung ist – die Euphorie wird durch einige handfeste Realitäten gebremst. Zunächst einmal sind Sprachmodelle wie ChatGPT nur so gut wie die Daten, mit denen sie gefüttert werden. Wenn historische Daten diskriminierende Strukturen abbilden, werden diese von der KI reproduziert. Wenn Daten lückenhaft, verzerrt oder veraltet sind, entstehen fehlerhafte Analysen und schlechte Vorschläge. Die Qualität und Aktualität von Daten ist gerade im deutschen Planungsalltag ein Dauerproblem: Viele Kommunen arbeiten mit veralteten Karten, inkompatiblen Erhebungssystemen und fragmentierten Datenbeständen. Wer KI einsetzen will, muss zuerst seine Dateninfrastruktur auf Vordermann bringen.

Ein weiteres Risiko ist der sogenannte technokratische Bias: Wenn Algorithmen scheinbar objektive Lösungen ausspucken, wird übersehen, dass auch sie Wertungen, Annahmen und Präferenzen enthalten. Die berühmte Black Box der KI wird zum Problem, wenn Entscheidungen nicht mehr nachvollziehbar sind. Wer hat die Kriterien definiert? Nach welchen Prioritäten wurden Flächen verteilt? Welche Zielkonflikte wurden wie gewichtet? Gerade bei Flächennutzungsplänen, die tief in Eigentumsrechte, Lebensqualität und Stadtstruktur eingreifen, ist Transparenz unabdingbar. KI darf nicht zum Entdemokratisierer werden.

Rechtliche Fragen kommen hinzu: Nach aktueller deutscher Gesetzeslage ist es ausgeschlossen, dass eine KI „autonom“ einen Flächennutzungsplan aufstellt. Die Verantwortung bleibt bei den gewählten Gremien, die Verwaltung ist rechenschaftspflichtig. Es fehlen Standards für KI-generierte Planungsdokumente, und die Rechtssicherheit ist ungeklärt. Was passiert, wenn auf Basis eines KI-Vorschlags ein Bebauungsplan aufgestellt wird und ein Gericht feststellt, dass das Verfahren intransparent oder fehlerhaft war? Wer haftet? Die Governance-Frage ist ungelöst – und wird von vielen Kommunen als großes Hemmnis empfunden.

Auch die Akzeptanz in der Verwaltung ist nicht zu unterschätzen. Viele Planer sehen KI als Bedrohung ihrer Expertise, als „Black Box“, die ihre Arbeit entwertet. Es braucht eine neue Kultur, in der KI als Werkzeug und Partner begriffen wird – nicht als Gegner. Das setzt Fortbildung, offene Diskussionskultur und Sensibilisierung voraus. Die Angst vor Kontrollverlust ist real, gerade in einem Feld, das von politischer Aushandlung und gesellschaftlicher Verantwortung geprägt ist.

Schließlich bleibt das Risiko der Kommerzialisierung. Viele KI-Systeme werden von internationalen Unternehmen entwickelt, die eigene Interessen verfolgen. Wer kontrolliert die Algorithmen? Wer besitzt die Daten? Wie kann verhindert werden, dass sensible Informationen über Grundstücke, Eigentumsverhältnisse oder Planungsziele in falsche Hände geraten? Open-Source-Ansätze, klare Governance-Regeln und eine öffentliche Debatte über Datensouveränität sind unerlässlich, wenn KI nicht zum trojanischen Pferd werden soll.

Von Helsinki bis Ulm – Praxisbeispiele, Leuchttürme und die Rolle der deutschen Städte

Ein Blick über den Tellerrand zeigt: Die internationale Stadtplanung experimentiert längst mit KI-gestützten Flächennutzungsplänen. In Helsinki etwa wird ein Urban Digital Twin betrieben, in dem KI-Simulationen Szenarien für Klimaanpassung, Verkehr und Nachverdichtung durchspielen. Die Stadt nutzt Sprachmodelle, um Bürgerdialoge automatisiert auszuwerten und in die Planung zu integrieren. In Singapur werden mit KI und Digital Twins Wasser- und Stromnetze in Echtzeit überwacht und Flächennutzungsänderungen dynamisch simuliert. In Wien laufen Pilotprojekte, in denen KI-Bots Vorschläge für Nachverdichtung und Grünflächenerhalt machen, die dann von Planern geprüft und weiterentwickelt werden.

Auch in Deutschland gibt es erste Vorstöße. Städte wie Hamburg, Ulm und München testen KI-gestützte Auswertungen von Beteiligungsprozessen, automatisierte Analyse von Klimadaten oder die Generierung von Textbausteinen für Planungsberichte. Die Fortschritte sind oft fragmentiert, Pilotprojekte laufen parallel und die große Durchdringung steht noch aus. Die Gründe sind vielfältig: rechtliche Unsicherheiten, Datenschutzbedenken, fehlende Standards und nicht zuletzt ein gewisser Innovationsstau in der öffentlichen Verwaltung.

Aber die Richtung ist klar: Wer heute in der Verwaltung mit KI experimentiert, sammelt wertvolle Erfahrungen, rüstet seine Dateninfrastruktur auf und kann mittelfristig von Effizienzgewinnen, mehr Transparenz und einer besseren Beteiligung profitieren. Entscheidend ist, dass KI-Tools nicht als Ersatz für menschliches Urteil missverstanden werden. Sie sind Assistenten, Ideengeber und Katalysatoren für Innovation – aber kein Selbstzweck. Erfolgreiche Projekte zeichnen sich dadurch aus, dass Planer eng eingebunden sind, Governance-Regeln klar definiert werden und die Systeme offen, erklärbar und partizipativ gestaltet werden.

Vorbildcharakter hat die Stadt Ulm, die mit einem interdisziplinären Team aus Planern, Informatikern und Juristen einen KI-gestützten Beteiligungsprozess aufgesetzt hat. Hier werden Bürgeranregungen automatisch kategorisiert, Empfehlungen abgeleitet und in die politische Beratung eingespeist. Der Mehrwert liegt auf der Hand: Die Verwaltung kann sich auf die komplexen Abwägungen konzentrieren, während die KI Routineaufgaben übernimmt. Gleichzeitig bleibt die Kontrolle über die Inhalte und die Letztverantwortung bei den Menschen.

Die große Herausforderung bleibt, die kulturellen und rechtlichen Hürden zu überwinden. Es braucht Mut, Standards, offene Schnittstellen und eine breite Debatte über die Rolle von KI in der Stadtentwicklung. Nur wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, kann die KI ihr Potenzial entfalten – und die Flächennutzungsplanung der Zukunft tatsächlich effizienter, gerechter und nachhaltiger machen.

Fazit: KI als Partner – und die Zukunft des Flächennutzungsplans

Kann ChatGPT den Flächennutzungsplan schreiben? Die ehrliche Antwort lautet: Noch nicht, und vielleicht ist das auch gut so. Denn Flächennutzungsplanung ist mehr als Datenverarbeitung, Textgenerierung und Szenarienrechnung. Sie ist ein gesellschaftlicher Aushandlungsprozess, geprägt von Konflikten, Kompromissen und politischen Entscheidungen. Künstliche Intelligenz kann diesen Prozess unterstützen, beschleunigen und transparenter machen – aber sie kann ihn nicht ersetzen. KI wird zum Werkzeugkasten, zum Sparringspartner und zum Katalysator für Innovation. Sie hilft, Komplexität zu beherrschen, Alternativen sichtbar zu machen und Beteiligung zu erleichtern. Aber sie muss verantwortungsvoll, transparent und unter klarer menschlicher Kontrolle eingesetzt werden.

Für die Profis der Stadtplanung, Landschaftsarchitektur und nachhaltigen Stadtentwicklung bedeutet das: Jetzt ist der Moment, KI aktiv mitzugestalten. Wer heute die richtigen Fragen stellt, Standards fordert und eigene Kompetenzen aufbaut, wird morgen in der Lage sein, Technik und Planung zu einer neuen Qualität zu verbinden. Die Zukunft des Flächennutzungsplans ist hybrid: Daten, KI und menschliches Urteilsvermögen verschmelzen zu einem neuen Planungsverständnis. Und das ist alles andere als Science-Fiction – sondern der nächste logische Schritt in der Evolution unserer Städte.

Fest steht: Die Debatte um KI im Städtebau hat gerade erst begonnen. Sie fordert uns heraus, unser Planungsverständnis neu zu denken, Verantwortung neu zu definieren und digitale Werkzeuge souverän zu nutzen. Wer sich dieser Herausforderung stellt, wird nicht nur bessere Pläne schreiben – sondern auch die Stadt der Zukunft aktiv mitgestalten. Und vielleicht, ganz vielleicht, wird ChatGPT dann tatsächlich einmal den Flächennutzungsplan schreiben – als Teil eines Teams, in dem Menschen und Maschinen gemeinsam für die beste Lösung streiten.


Deutscher Landschaftsarchitektur-Preis

Berlin; 
Bauherr: Verwaltung Staatliche Schlösser und Gärten Hessen
Entwurfsverfasser: TOPOTEK 1 Gesellschaft von Landschaftsarchitekten

Zum 12. Mal hat der Bund Deutscher Landschaftsarchitekten (bdla) den im Turnus von zwei Jahren ausgelobten Deutschen Landschaftsarchitektur-Preis vergeben. 2015 gehen jeweils ein Preis an an das „Weltkulturerbe Kloster Lorsch“ und den „Park am Gleisdreieck“; zudem Sonderpreise an beispielhafte Projekte im Bereich „Infrastruktur und Landschaft“, „Wohnumfeld“, „Nachhaltige Außenanlagen“ und „Licht im Freiraum“. Die Verleihung fand Ende September in Berlin statt.

 

Die Jury sah in dem neuen Landschaftspark Weltkulturerbestätte Kloster Lorsch, entworfen von Topotek 1, ein herausragendes Beispiel, wie historische Relikte und Spuren einerseits konservatorisch bewahrt und andererseits wieder stärker auf ihre Beziehungen zur Landschaft zurückgeführt werden können. Die Landschaftsarchitekten haben die Volumina der verlorenen Gebäude mit scharf gezogenen Böschungslinien zu ablesbaren Abdrücken in der Landschaft verwandelt.

Das 34 Hektar große Konversionsgebiet „Park am Gleisdreieck“, entworfen vom Atelier Loidl, ist nach Ansicht der Preisrichter auf allen Maßstabsebenen – von der Stadt-/Landschaftsentwicklung über den Planungs- und Bauprozess bis zur Objekt- und Detailplanung – von herausragender Qualität. Planerteams und Bauherr haben es verstanden, die vielfältigen Anforderungen von Anliegern, Betroffenen, Bürgerinitiativen gerecht zu werden. Durch das Wechselspiel zwischen landschaftsplanerischem Gesamtkonzept und objekthaften Teilbereichen entstand eine neue Dimension von landschaftsarchitektonischen Antworten auf aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen.

Außerdem vergan der bdla vier Sonderpreise: Wohnumfeld (Quartierssanierung Flensburg-Fruerlund), Infrastruktur und Landschaft (Interdisziplinärer Wettbewerb für die Planung der Rastanlage „Lange Berge“ an der A 73
)
, Nachhaltige Außenanlagen (Energieberg Georgswerder), Licht im Freiraum
 (Kemptener Tor, Kaufbeuren)

 

Würdigungen erhalten die Projekte:
Retzbachpark, Gaimersheim
Entwurfsverfasser: Wolfgang Weinzierl Landschaftsarchitekten GmbH, Ingolstadt
Bauherr: Markt Gaimerheim

:metabolon Entsorgungszentrum Leppe, Engelskirchen
Entwurfsverfasser: Prof. Thomas Fenner, FSWLA Landschaftsarchitektur GmbH, Düsseldorf
Bauherr: Bergischer Abfallwirtschaftsverband BAV

Neugestaltung Marktplatz Rheydt, Mönchengladbach-Rheydt
Entwurfsverfasser: Planorama Landschaftsarchitektur, Maik Böhmer, Gerd Holzwarth, Berlin
Bauherr: Stadt Mönchengladbach

Fischhofpark Tirschenreuth
Entwurfsverfasser: geskes.hack Landschaftsarchitekten GmbH, Berlin
Bauherr: Natur in Tirschenreuth 2013 GmbH

Bitscher Platz Lebach
Entwurfsverfasser: club L94 Landschaftsarchitekten GmbH, Köln
B
auherr: Stadt Lebach, Bauamt