Jakarta von oben

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Indonesien neue Hauptstadt – Details zu Nusantara enthüllt

6 000 Hektar Land sollen für die neue indonesische Hauptstadt auf der Insel Borneo gerodet werden. Insgesamt 28 Milliarden Euro will das indonesische Parlament für die „neue Hauptstadt im Regenwald“ ausgeben. Denn: Jakarta versinkt im Meer. Lesen Sie hier mehr über das Megaprojekt mit dem klangvollen Namen „Nusantara“.

Anfang Januar 2022 rückte der Plan Indonesiens, seine Hauptstadt an einen neuen Standort zu verlegen, einen Schritt näher heran. Das indonesische Parlament billigte ein Gesetz, das weitere Details zur Verlegung der Hauptstadt von Jakarta nach Ost-Kalimantan regelt. Auch die Details der Finanzierung und der Verwaltung werden immer klarer: Die neue Hauptstadt wird rund 28 Milliarden Euro kosten.

In Ost-Kalimantan, dem östlichen Teil Borneos, werden rund 6 000 Hektar Wald gerodet, um wichtige Gebäude wie den neuen Präsidentenpalast zu bauen. Die Maßnahme ist notwendig, da die derzeitige Hauptstadt auf der Insel Java schnell sinkt und bereits 2050 vollständig von Wasser bedeckt sein könnte.

Eine große Mehrheit der Parlamentsabgeordneten stimmte für das Gesetz über die neue Hauptstadt Indonesiens. Präsident Joko Widodo entschied sich für „Nusantara“ als Namen für die neue Hauptstadt. Dieses alte javanische Wort bedeutet „äußere Inseln“ und ist ein Synonym für den indonesischen Archipel.

Die ersten Behörden werden im Jahr 2024 nach Nusantara umziehen – kurz vor dem Ende der zweiten und letzten Amtszeit von Präsident Joko Widodo. Die neue Hauptstadt wird etwa 2 000 Kilometer nordöstlich von Jakarta liegen.

Eine grandiose Vision für die neue Hauptstadt Nusantara

 

Präsident Joko „Jokowi“ Widodo verkündete die Pläne für die Verlegung der Hauptstadt des Landes am 16. August 2019, was für viele eine Überraschung war. Seine Vision ist grandios: „Eine Hauptstadt ist nicht nur ein Symbol der nationalen Identität, sondern auch eine Repräsentation des Fortschritts der Nation“, sagte er im Jahr 2019. „Es geht um die Verwirklichung von wirtschaftlicher Gleichheit und Gerechtigkeit.“

Neben der Schaffung einer ökologisch sichereren Hauptstadt hofft die Regierung, mit der neuen Hauptstadt auch den Wohlstand in Indonesien umzuverteilen. Jakarta beherbergt derzeit 60 Prozent der Bevölkerung des Landes und mehr als die Hälfte der Wirtschaftstätigkeit. Während die Stadt das Handels- und Finanzzentrum Indonesiens bleiben wird, werden die Verwaltungsfunktionen der Regierung in die neue Hauptstadt in die Regionen Nord-Penajam Pser und Kutai Kartanegara verlegt, was eine Umverteilung der Investitionen ermöglicht.

Der Umsiedlungsplan sieht vor, dass 1,5 Millionen Einwohner*innen von Jakarta nach Nusantara umziehen. Dies ist nicht der erste Versuch, die indonesische Hauptstadt zu verlegen: Bereits in den 1950er-Jahren schlug Präsident Sukarno etwas Ähnliches vor. Die Idee kursierte jahrzehntelang, wurde aber aufgrund logistischer Schwierigkeiten immer wieder verworfen. Präsident Widodo hat trotz vieler Debatten und Zweifel an dieser Vision festgehalten.

Erleichterung der ökologischen Herausforderungen?

Jakarta steht vor vielen Herausforderungen. Am dringlichsten sind wohl die Umweltprobleme der derzeitigen Hauptstadt. Die elf Millionen Einwohner*innen sind bereits mit regelmäßigen Überschwemmungen konfrontiert, insbesondere in den Küstengebieten der Metropole. Aufgrund der übermäßigen Grundwasserentnahme sinkt die Stadt schnell ab. Teile der nördlichen Gebiete der Hauptstadt sinken bis zu 25 Zentimeter pro Jahr. Selbst der Schutzdeich sinkt, während der Meeresspiegel weiter steigt. Expert*innen zufolge könnte ganz Nord-Jakarta bis 2050 überflutet sein.

Indonesiens neue Hauptstadt wird an einem Ort liegen, der weniger anfällig für ein Absinken ist. Sie soll sich auch außerhalb der Reichweite von Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Tsunamis befinden. Allerdings liegt das Land immer noch auf dem pazifischen „Ring of Fire“ und ist damit zukünftigen Katastrophen ausgesetzt.

Tägliche Staus mit Verkehrskollapsen und eine zunehmende Luftverschmutzung sind weitere Probleme, die in Jakarta nur schwer zu bewältigen sind. Es bleibt abzuwarten, wie die neue Hauptstadt Verbesserung in diesen Bereichen bringen wird.

Kritik an der neuen Hauptstadt in einer Übersicht

 

Die neue Hauptstadt Indonesiens kommt nicht ohne Kritik aus. Umweltschützer*innen warnen, dass Nusantara die Umweltverschmutzung in Ost-Kalimantan beschleunigen wird. Die geplante Zerstörung des Regenwaldes rief viel Empörung hervor. Das Gebiet ist die Heimat von Orang-Utans, Sonnenbären und Langnasenäffchen. Eine weitere Sorge ist, dass die neue Hauptstadt die indigene Bevölkerung Kalimantans verdrängen könnte. Sogar der Name Nusantara wird kritisiert, da es sich dabei um ein javanisches Wort und nicht um ein Wort aus einer der zahlreichen lokalen Sprachen Kalimantans handelt.

Die neue Hauptstadt Indonesiens könnte zudem politischen Einfluss auf eine nicht verfassungsgemäße Weise zentralisieren: Rechtsexpert*innen der Mulawarman-Universität in Samarinda haben die Befürchtung geäußert, dass Nusantara von einer direkt vom Präsidenten gewählten Person regiert werden könnte. Jokowis Unterstützer Basuki „Ahok“ Tjahaja Prunama, ein ehemaliger Gouverneur von Jakarta, ist bereits ein Anwärter für diese Rolle. Beobachter*innen vermissen auch Transparenz und Partizipation bei Gesetzen und Plänen rund um Indonesiens neue Hauptstadt.

Die horrenden Kosten des Projekts sind ein weiterer Kritikpunkt an Indonesiens neuer Hauptstadt. Die Regierung soll etwa ein Fünftel der Kosten tragen. Der Rest wird von staatlichen Unternehmen und privaten Geldgeber*innen übernommen.

Indonesien neue Hauptstadt: die nächsten Schritte

Der Bau der neuen Hauptstadt Indonesiens wurde aufgrund der Pandemie verschoben. Der Baubeginn ist jedoch für 2022 vorgesehen, und der erste Umzug wird für 2024 erwartet. Die Waldrodung stellt den ersten Schritt dar.

Ähnliche Projekte – wie der Bau von Brasilia in Brasilien oder Canberra in Australien – haben Jahrzehnte in Anspruch genommen. Beide Städte wurden dafür kritisiert, wenig lebenswert und künstlich zu sein. Es bleibt abzuwarten, wie Indonesiens neue Hauptstadt die Herausforderungen der Lebensqualität meistern wird.

Die Planer*innen hoffen, eine indonesische Metropole zu schaffen, die so attraktiv ist wie beispielsweise Bangkok oder Hanoi. Derzeit ist Jakarta nicht gerade ein Touristenmagnet, was vielleicht daran liegt, dass es „die internationale Fantasie nicht anspricht“, wie Aljazeera es ausdrückt. Die Erwartungen an Nusantara sind groß.

Quellen und weitere Informationen:
Welt: Nusantara statt Jakarta – Indonesien baut neue Hauptstadt im Regenwald
The Guardian: Indonesia names new capital Nusantara, replacing sinking Jakarta
Aljazeera: Progress or folly? Jokowi’s vision for Indonesia’s new capital

 

Auch in Saudi-Arabien ist das Thema der Mega-City aktuell. Mehr zu dem Projekt The Line lesen, Sie hier.

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Neue Konzepte um Friedhöfe zu retten, sind notwendig. Dabei wichtig: Raum, der Trauer ermöglicht. Der Kölner Zukunftskongress „Heilsame Abschiede“ am 25. Oktober 2019 versammelte avantgardistische Referenten aus Soziologie, Psychologie, Philosophie, Theologie – und Landschaftsarchitektur. Die Landschaftsarchitekten Constanze Petrow und Bart Brands stellten Lösungsansätze, Leuchtturmprojekte und Erkenntnisse vor.

Friedhof noch nicht neu erfunden

In einer erzkatholischen Location, dem Tagungszentrum des Erzbistums Köln ging es unter der Moderation des Zukunftsforschers Matthias Horx eher säkular zu bei der Aufarbeitung des Themas „Vom Wandel der Trauerkultur im Zeitalter der Individualität“. Horx, dessen Zukunftsinstitut den Kongress „Heilsame Abschiede“ am 25. Oktober 2019 – der unter ideeller Trägerschaft der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e.V. stand – kuratiert hatte, diskutierte mit einem illustren Kreis avantgardistischer Referenten aus Soziologie, Psychologie, Philosophie, Theologie und eben auch Landschaftsarchitektur. Es ging um die Realitäten von Trauern, Friedhof und Abschied nehmen sowie über „die neue Trauer in ihren Aspekten“.

Mit dabei – als Vertreter des Themas aus landschaftsarchitektonischer Sicht: die Landschaftsarchitektin Constanze Petrow und der holländische Landschaftsarchitekt Bart Brands. Die beiden stellten Lösungsansätze, Leuchtturmprojekte und Erkenntnisse aus der Arbeit mit ihren Studenten sowie Ideen für künftige Planungen und Vorgehensweisen vor.

Dass Friedhöfe sich öffnen müssen für neue Konzepte, darüber waren sich alle Teilnehmer einig. Constanze Petrow etwa forderte den gerade auch kulturhistorisch so wertvollen Friedhof zu retten. „Es ist unsere Aufgabe“ so die Professorin für Freiraumplanung an der Hochschule Geisenheim, „hier Neues zu wagen und auszuprobieren. Noch haben wir ihn nicht neu erfunden.“
Wie dies beispielsweise aussehen kann, zeigte Bart Brands mit seiner Revitalisierung des Amsterdamer Friedhofes „De Nieuwe Ooster“, den er wie Barcode-Streifen in Parzellen mit unterschiedlichen Regeln unterteilt hat. Sein Credo lautet: „Alles muss möglich sein, aber nicht alles überall“. Constanze Petrow präsentierte darüber hinaus aktuelle studentische Strategien zur Weiterentwicklung des Friedhofs. Und sie stellte den soeben gestarteten Wettbewerb „Raum für Trauer – Ideen für den Friedhof der Zukunft“ für Nachwuchsplaner vor, im Rahmen dessen geeignete Orte auch als räumliche Situationen auf dem weltgrößten Parkfriedhof in Hamburg-Ohlsdorf gestaltet werden sollen, die individuelle oder gemeinschaftliche Rituale und Handlungen des Abschiednehmens ermöglichen.

Begegnung respektvoll ermöglichen

Petrow hatte in einem Forschungsprojekt herausgefunden, dass sich im Spannungsfeld des Friedhofes zwischen privatem Raum am Grab und dem öffentlichen Raum eine lose Gemeinschaft an formellen und informell genutzten Begegnungsräumen wie etwa den Wasserstellen bildet, die bis heute überhaupt nicht bedient werde. Diese räumlich ungelöste Situation gilt es ihrer Meinung nach zu überwinden um soziales Miteinander zu fördern, beispielsweise mit begegnungsfähig angeordneten Sitzgelegenheiten. Wichtig sei dabei allerdings, die unterschiedlichen emotionalen Zustände der Friedhofsbesucher zu respektieren und in der architektonischen Umsetzung zu berücksichtigen.

Offene Themen

Obgleich der Zukunftskongress bereits thematisch überfrachtet von einem Themenfeld zum nächsten schwappte, fehlten doch wichtige Facetten wie etwa die Sichtweisen der verschiedenen auf dem Friedhof beschäftigten Gewerke sowie der Blick auf die massiv zunehmenden Begräbnisse von Menschen aus anderen Kulturräumen, insbesondere des islamischen Glaubens. Ließen diese – ebenso wie die aus Ost- und Südosteuropa stammenden Christen – ihre Toten früher zu etwa 70 Prozent in der ehemaligen Heimat und nur zu 30 Prozent in Deutschland bestatten, so hat sich dieses Verhältnis mittlerweile umgekehrt.

Natur für ein Naturmuseum ist ähnlich herausfordernd, wie eine Architektur für die Präsentation von Architektur zu entwerfen. Wie stellt man sich also der Aufgabe, eine Landschaftsarchitektur für ein Museum zu schaffen, das zum Ziel hat, die Vielfalt der Naturgeschichte darzustellen und die Zusammenhänge zu erklären? Ein Annäherungsversuch am Beispiel des Parks für das Naturmuseum St. Gallen von Studio Vulkan Landschaftsarchitektur.

Bereits im 2009 ausgelobten Wettbewerb für den Neubau eines Naturmuseums, der von der Arbeitsgemeinschaft Armon Semadeni Architekten GmbH mit Michael Meier, Marius Hug Architekten AG umgesetzt wurde, war die Landschaftsarchitektur Teil des Wettbewerbsbeitrags. Es ist per se ein Paradoxon, Architektur oder in diesem Fall Natur ausstellen zu wollen. Denn was wir als Landschaft wahrnehmen, besteht in Wahrheit aus einer komplexen Überlagerung von verschiedenen Ebenen, sei es die Natur an sich, die funktionale und kulturgeschichtliche Prägung oder die eigene Interpretation. Wo die Einordnung in klare Begrifflichkeiten durch das Fehlen eindeutiger Grenzen im Zusammenwachsen von Stadt und Land schwierig wird, bewegen wir uns zunehmend in einer Übergangsphase zwischen Natur, natürlicher Künstlichkeit und künstlicher Natürlichkeit. Der Standort offenbart ein zusätzliches, typisches Paradoxon der Schweizer Landschaft: Infrastrukturen und Stadtraum verweben sich auf engstem Raum. Somit findet die Bauaufgabe, die Gestaltung eines Parks, direkt über einem Autobahntunnel, umgeben von heterogenem Zwischenstadtraum statt. Wie kann also Natur an einem solchen Ort aussehen? Bestimmt nicht wie ein museumspädagogisch linear verlaufender didaktischer Lehrpfad …

Dialog zwischen den Welten

Als Abschirmung zum gewachsenen Umfeld, aber auch als Synonym zum schnelllebigen Alltag wird eine natürliche Sichtbarriere als eine Art Filterzone zwischen den Welten mit einheimischen Pflanzen – Hainbuchen, Farnen und Stauden – geschaffen. 75 Prozent der Bepflanzung stammt aus heimischen Gewächsen. Für die restlichen 25 Prozent fiel die Wahl zum Beispiel auf exotische Hortensien. Irgendwann könnten die aufgrund des Klimawandels auch in hiesigen Klimazonen heimisch werden. Auch die Nachbarschaft eines Ginkgobaums zu einer Lärche gehört zu den Rätseln der Natur. Die Pfarrkirche St. Maria Neudorf setzt einen städtebaulichen Akzent, auf den sowohl die Architektur als auch die Landschaftsgestaltung Bezug nimmt. Weniger in der Festlegung von Bezugskanten, sondern auf einer philosophischen Ebene: Der Dialog zwischen den zwei Theorien zur Entstehung der Welt wird auf einer poetisch-sakralen und wissenschaftlichen Ebene geführt und funktioniert über Trittsteine, die zugleich als Informationsträger der weltlichen und religiösen Zitate dienen.

Katalysator für die Vorstellungskraft

Unabhängig von der Materialität der Fassade des Naturmuseums wurde auch im zugehörigen Park der Werkstoff Beton eingesetzt. Als artifizielles Produkt steht der Beton in gewolltem Kontrast zu dem für die Ostschweiz bekannten Naturwerkstein Nagelfluh. Die Trittsteine wirken als Katalysator für die Vorstellungskraft. Sie sind mit Artefakten aus der Naturgeschichte bis zu Bearbeitungsspuren von Menschen mit Mustern von Jute, Dränplatten oder Dachlatten versehen. Und noch einmal werden Sehgewohnheiten auf die Probe gestellt: Anstelle elegant an der Fassade von Kirchen oder Sehenswürdigkeiten zu wirken, findet sich der grünliche Ostschweizer Sandstein grob geschottert wieder. Da es keine Wegeführung gibt, ist man frei, sich seinen eigenen Zugang zum Ort, aber auch zur Gedankenwelt zu suchen. Damit schließt sich der Kreis zum Naturmuseum wieder.

Ein Interview mit Lukas Schweingruber vom Studie Vulkan finden Sie in der Dezemberausgabe 2018 der G+L.