INTERESS-I Impulsprojekt: Wasserspeicher im Vordergrund und Vertikalbegrünung im Hintergrund

INTERESS-I Impulsprojekt: Wasserspeicher im Vordergrund und Vertikalbegrünung im Hintergrund

Wie tragen alternative Wasserressourcen zur Klimaanpassung bei?

Dürre oder Starkregen: Wie wir zukünftig mit unseren Wasserressourcen umgehen, entscheidet letztendlich über die Lebensqualität in unseren Städten. Das Forschungsprojekt INTERESS-I erprobt urbane blau-grüne Infrastrukturen in der Nähe der Großbaustelle Stuttgart 21. Das Projektteam stellt Ihnen hier erste Ergebnisse des Impulsprojekts vor und zeigt außerdem, welche Maßnahmen zur Klimaanpassung bereits heute machbar wären.

Das Stuttgarter Kreativquartier bei der Wagenhalle ist ein Ort im Übergang. Temporäre Ateliers, Urban Gardening sowie Wohnunterkünfte für Bauarbeiter einer benachbarten Großbaustelle stehen für eine große Offenheit, mit neuen Konzepten und Ideen zu experimentieren. Das Kreativquartier ist also der ideale Standort für ein offenes Labor, in dem integrierte blau-grüne Infrastrukturen erprobt werden. So entstand ab 2019 das Impulsprojekt Stuttgart als eine kompakte Klimawandelanpassungsmaßnahme. Es ist Teil des BMBF-Forschungsprojekts INTERESS-I „Integrierte Strategien zur Stärkung urbaner blau-grüner Infrastrukturen“.

Das Impulsprojekt INTERESS-I veranschaulicht das Zusammenwirken von alternativen Wasserressourcen sowie deren Aufbereitung, Speicherung und Bereitstellung als Bewässerungswasser für Stadtgrün. Darüber hinaus adressiert es die Starkregenproblematik und illustriert, welche temporären und mobilen Maßnahmen in Transformationsräumen möglich sind. Es demonstriert damit, wie integrierte blau-grüne Architektur konkret aussehen kann. Umgesetzt wurde es an der räumlichen Schnittstelle zwischen dem Urban Gardening Projekt „Stadtacker“ und temporären Unterkünften für Arbeitskräfte des Infrastrukturprojekts Stuttgart 21. Das Dachablaufwasser und das Grauwasser (gering verschmutztes Abwasser) dieser Wohncontainer wird zur Bewässerung einer Vertikalbegrünung genutzt.

Retentionszisterne drosselt Starkregen

Drei mobile und wiederverwendbare Komponenten bilden den Kern der temporären Intervention. Erstens eine kranbare, oberirdisch abgestellte Retentionszisterne, zweitens zwei Containerrahmen mit einem bepflanzten Bodenfilter, Wassertanks und einem Technikraum und drittens ein Baugerüst an den Wohnunterkünften, das unterschiedliche Grünsysteme an die Fassade bringt. Zusammen stehen diese drei Bestandteile für die Frage, wie die Nutzung alternativer Wasserressourcen in Kombination mit mikroklimatisch wirksamer Begrünung zur Klimaanpassung von Städten beitragen können.

Der Schlüssel zum Erfolg ist dabei die Verknüpfung von kontinuierlichen und diskontinuierlichen Wasserquellen. Das Niederschlagswasser, das auf dem Dach der Wohncontainer anfällt, wird zur Bewässerung der Vertikalbegrünung, aber auch zur Nutzung durch den benachbarten Stadtacker gespeichert. Dazu dient die oberirdische Retentionszisterne mit einem Speichervolumen von sieben Kubikmetern und einem Retentionsvolumen von vier Kubikmetern. Das Retentionsvolumen kommt der Starkregenvorsorge zugute, wie zwei Starkregenereignissen im Sommer 2021 zeigten: Das Gesamtvolumen wurde innerhalb kurzer Zeit befüllt und das Retentionsvolumen dann über Stunden gedrosselt abgegeben und vor Ort versickert. Diese lokale Art der Regenwasserbewirtschaftung trägt zur Grundwasserneubildung bei und entlastet zusätzlich die städtische Kanalisation, die bei Starkniederschlag bereits große Abflussmengen von versiegelten Oberflächen aufnehmen muss.

Von der Dusche zur Living-Wall

Als kontinuierliche Wasserressource dient dem Impulsprojekt leicht verschmutztes Grauwasser, das aus Duschen und Handwaschbecken der Arbeiterunterkünfte kommt. Es wird kurzzeitig zwischengespeichert und dann auf einen mit Schilf bewachsenen, vertikal durchflossenen fünf Quadratmeter großen Bodenfilter geleitet. Der in einem der Containerrahmen untergebrachte Bodenfilter besteht aus zwei Kompartimenten. Unterschiedliche Substrate (Rheinsand und Lavasand) wurden jeweils in Schichthöhen von einem Meter eingebracht, um die Reinigungsleistung zu untersuchen. In sechs Intervallen werden circa 400 Liter am Tag eingespeist. UV-Tauchstrahler in den Tanks sorgen schließlich für eine Desinfektion des gereinigten Grauwassers (Klarwasser).

Das Klarwasser und das Regenwasser werden in einem Bewässerungstank gemischt, von wo aus die im Gerüst montierte Vertikalbegrünung bewässert wird. Die vorkultivierten Elemente entfalten von Beginn an eine positive Wirkung auf das Mikroklima, indem sie durch Verschattung und Verdunstung für Kühlung im Innen- und Außenraum sorgen. Drei unterschiedliche Systeme repräsentieren unterschiedliche Ansprüche und Einsatzbereiche: Eine massive, mit Efeu, Storchschnabel und Lavendel bewachsene Grünwand mit 40 Zentimeter Substrattiefe, ein Ranksystem mit Pflanzgefäßen, in dem Efeu und Clematis wachsen, sowie ein leichtes Living-Wall-System mit acht verschiedenen Gräsern und Stauden, das im Sommer mehrmals täglich bewässert werden muss.

Funktion und Gestaltung optimal für urbane Räume

Das Impulsprojekt ist in seiner Gesamtheit beispielgebend, indem es auf engem Raum sowohl Wasserspeicherung, -retention, -aufbereitung und -bereitstellung für urbanes Grün in einer gestalterisch ansprechenden Form zeigt. Der bepflanzte Bodenfilter ist weit mehr als eine reine Funktionseinheit, sondern bereits ein Teil des Grünkonzepts. Der öffentlich zugängliche Freiraum wird durch die teils als Terrassen und begehbare Plattformen ausgebildeten Container aufgewertet und vielfältig nutzbar. Die Zisterne dient nicht nur als Wasserspeicher, sondern gleichzeitig als Litfaßsäule um die Projektinhalte zu kommunizieren. Aber auch die Einzelbestandteile sind innovativ und übertragbar: Die Pflanzenkläranlage, die auf schwach belastetes Grauwasser ausgelegt ist, hat einen reduzierten Flächenbedarf, was den Einsatz in engen, urbanen Räumen ermöglicht. Zudem zeigen Untersuchungen, dass eine bedarfsgerechte Aufbereitung möglich ist, das heißt bei gleicher Qualität kann im Sommerhalbjahr mehr Grauwasser aufbereitet werden, um den erhöhten Wasserbedarf der Vegetation zu decken.

Von Stuttgart lernen – Leitfaden INTERESS-I auch für andere Städte

Trotz Einschränkungen aufgrund der Coronapandemie wurden über 20 Führungen am Impulsprojekt durchgeführt. Sie richteten sich an Interessierte aus Forschung, Verwaltung und der Praxis. Darüber hinaus wurden Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche durchgeführt. Seit seiner Inbetriebnahme im Sommer 2020 hat das Impulsprojekt intensive Diskussionen in der Stadt- und Umweltplanung zur Niederschlagswasserbewirtschaftung und Bewässerung von Stadtgrün im neuen Stadtteil Stuttgart Rosenstein angestoßen.

Anhand der Eins-zu-eins-Umsetzung des Impulsprojekts konnte die integrierte Planung blau-grüner Architekturen und Infrastrukturen erprobt und zudem im Rahmen von Entwurfsforschung (research by design) in eine Entwurfsstrategie übertragen werden. Das Vorhaben stellt einen zentralen Baustein des gesamten Forschungsprojekts INTERESS-I dar, in dem unter anderem Planungsvorhaben in den Partnerstädten Stuttgart und Frankfurt begleitet beziehungsweise angestoßen und als integrierte blau-grüne Projekte weiterentwickelt wurden. In beiden Städten fanden zudem Zukunftswerkstätten und Expert*inneninterviews statt, um die Sicht der Bürger*innen und die weiterer städtischer Akteur*innen auf das Stadtgrün zu erfassen. Die Ergebnisse werden außerdem in einem Leitfaden zusammengefasst und für die Anwendung in Kommunen aufbereitet.

Weiterführende Literatur zum Forschungsprojekt INTERESS-I:

Informationen zum Impulsprojekt und den weiteren Ergebnissen des Projektes finden sich unter anderem in den unten gelisteten Publikationen sowie im Leitfaden für die integrierte Planung blau-grüner Infrastrukturen.

Projektdaten INTERESS-I:

Projektbeteiligte: Technische Universität München, Technische Universität Kaiserslautern, Universität Stuttgart, Institut für sozial-ökologische Forschung, Landeshauptstadt Stuttgart sowie Stadt Frankfurt am Main, Helix Pflanzen GmbH
Entwurfs- und Ausführungsplanung: Daniel Schönle Architektur und Stadtplanung
Technische Planung Bodenfilter: Dr. Bruch und Partner
Kooperationspartner: Arge Tunnel Cannstatt 21, Kunstverein Wagenhalle e.V. sowie Stadtacker e.V.
Projektlaufzeit: 10/2018 bis 1/2022

weitere Publikationen:

Eisenberg, B., Morandi, C., Richter, P., Well, F., Winker, M., Minke, R., Steinmetz, H. & Ludwig, F. (2021). The Impulse Project Stuttgart—Stimulating Resilient Urban Development Through Blue-Green Infrastructure. In G. Hutter, M. Neubert & R. Ortlepp (Hrsg.), Studien zur Resilienzforschung. Building Resilience to Natural Hazards in the Context of Climate Change (S. 157–171). Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-33702-5_7

Deffner, J., Matthes, G., Stein, M. & Winker, M. (2020). Ich geh’ jetzt mit anderen Augen durch die Stadt. Ergebnisse von Zukunftswerkstätten zur Wahrnehmung und Bedeutung blau-grüner Infrastrukturen in Frankfurt am Main und Stuttgart.  In: ISOE-Materialien Soziale Ökologie , 60. Frankfurt am Main : ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung

Morandi, C., Schreiner, G., Moosmann, P. & Steinmetz, H. (2021). Elevated Vertical-Flow Constructed Wetlands for Light Greywater Treatment. Water, 13(18), 2510. https://doi.org/10.3390/w13182510

Well, F., Morandi, C. & Richter, P. (2020). Regen- und Grauwasser als alternative Wasserquelle für Vertikalbegrünung. GebäudeGrün(3), 20–23.

Well, F. & Ludwig, F. (2021). Development of an Integrated Design Strategy for Blue-Green Architecture. Sustainability, 13(14), 7944. https://doi.org/10.3390/su13147944

Blau-grüne Infrastrukturen? Diesem Thema widmete sich auch unsere G+L-Dezemberausgabe, für das die G+L auch mit Prof. Dr. Ferdinand Ludwig über das Projekt INTERESS-I sprach. Zur Heftvorschau mit dem Thema Schwammstadt geht’s hier.

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Slow Food Landscape bei Turin

Team 3)

Turin ist die Stadt des Slow Food. Alle zwei Jahre findet hier der Salone del Gusto statt, die weltweite Messe des Slow Food. In der Stadt gibt es zahlreiche Märkte und Läden mit einem Angebot handwerklich veredelter Lebensmittel, von der Schokolade bis zum Reismehl. Der Filialist „Eataly“ zeigt, wie sich auch aus traditionellen Produkten ein großes Geschäft machen lässt, mittlerweile nicht mehr nur in italienischen Großstädten, sondern auch in New York und Tokio.

Der Boom von „slow“ und „local“ ist mit traditionell ländlichen Bildern verbunden. Eine Verbindung zur Landwirtschaft wird jedoch nicht hergestellt. Die agrarisch geprägte Landschaft entlang des Po findet wenig Beachtung. Wie aus dieser diffusen Peripherie in Verbindung mit einer zukunftsfähigen Landwirtschaft ein anerkannter Teil der Stadtlandschaft werden kann, damit hat sich im April 2014 das Erasmus Intensive Programme CITYGREENING auseinandergesetzt. Beteiligt waren neben der organisierenden Politecnico di Torino (Architektur) der Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University (Architektur), die University of Brighton (Architektur), die Istanbul Technical University (Landschaftsarchitektur), die Tschechische technische Universität Prag (Architektur/Landschaftsarchitektur), die Université de Rennes (Geographie/Agronomie) und die UAECG Sofia (Stadtplanung). Sechs international und interdisziplinär gemischte Gruppen haben nach einer Einführung durch internationale Experten und lokale Akteure elf Tage intensiv an Konzepten für die stadtnahe Landwirtschaft im Süden von Turin gearbeitet.

 

Dort überlagert Verkehrsinfrastruktur die Agrarlandschaft im Überschwemmungsgebiet des Po. Kiesabbau und ein Heizkraftwerk haben Teile der großflächigen Landwirtschaft entlang des Flusses verdrängt. Auch historische Landmarken wie Wegetrassen, Wehrhöfe oder ehemalige Viehmarkthallen sind heute kaum noch in der Landschaft ablesbar. Zwar nimmt die Landwirtschaft nach wie vor einen Großteil der Fläche ein, ihre Anliegen finden jedoch die geringste Anerkennung im Wettstreit der sektoralen Planungen.

Um diese Situation zu überwinden, spielten in den Überlegungen der Workshopteilnehmer vor allem die Zugänglichkeit, die Identität, die Wirtschaftlichkeit und die Kommunikation eine Rolle. Viele der beteiligten Architekten, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten setzten vor allem auf die Lesbarkeit und Erlebbarkeit der Landschaft. Neue Wegeverbindungen sollen die Entdeckung der Landwirtschaft vor den Toren der Stadt ermöglichen, historische Strukturen als Leitlinien und Attraktionen dienen, auf denen sich eine neue Identität aufbauen lässt.

 

In Zusammenarbeit mit Geographen und Agronomen konnten diese räumlichen Strategien auch ökonomisch hinterlegt werden. Die Entwicklung von Wertschöpfungsketten für die Landwirtschaft spielt eine wichtige Rolle, um Landnutzung am Stadtrand zu stabilisieren. Mehrere Workshopteams entwickelten Modelle, wie Landwirte untereinander und mit stadtgesellschaftlichen Akteuren kooperieren könnten.
Die Konzepte des Workshops wurden an der RWTH Aachen vertieft. 13 Studierende der Lehrstühle für Gebäudelehre und Landschaftsarchitektur entwickelten in ihrer Bachelorarbeit einen Gebäude- und Freiraumentwurf, der die Ziele der Verknüpfung von Stadt und Landwirtschaft unter dem Titel casa / agricoltura aufgreifen sollte.

 

Helena Rafalsky ließ sich für ihre Arbeit „SaftMühle“ von den Produkten der Region Piemont und den privaten und kleingewerblichen Aktivitäten des Anbauens und Veredelns landwirtschaftlicher Produkte am Stadtrand inspirieren. Mit ihrem Gebäude schafft sie einen neuen Ort in der Zwischenstadt, an dem Menschen zusammenkommen können, um ihre Nahrungsmittel gemeinsam zu verarbeiten und zu genießen.

 

Friederike Henne nutzt als Standort für ihre casa agricoltura den bestehenden Parco Le Vallere am Po, dessen extensiv gepflegter Landschaftspark bisher kaum mit den benachbarten Landwirtschaftsflächen in Verbindung steht. In die Baumhecke, die eine verbindende Struktur zwischen Parkeingang am historischen Hof Le Vallere und dem Fluss, aber auch die Trennung zwischen Park und Landwirtschaft darstellt, integriert sie ein offenes Gebäude für die pädagogische Arbeit mit Kindern. Das Gebäude und eine neue Wegeverbindung stellt die Anbindung des Landschaftsparks an Felderlandschaft her.

 

Den auf den freien Feldern vor der Stadt gelegenen Weiler Barauda hat Fabian Klemp für sein Zentrum für Gartentherapie ausgewählt. Psychisch Erkrankte erhalten hier die Gelegenheit, sich im Kontakt mit der Natur und in strukturierten Abläufen den Weg zu einer geregelten Lebensweise zu erarbeiten. Der Aufbau der Wohneinheiten ergibt sich aus den Maßen der Gartenbeete, die den Wohnungen direkt zugeordnet sind.
Alle drei Entwürfe zeigen, wie sich Gebäude sowohl formal als auch funktional aus der Landschaft und ihrer landwirtschaftlichen Nutzung entwickeln lassen. Sie sind damit ein Beispiel, wie sich das Wissen und die Herangehensweisen von Architekten und Landschaftsarchitekten, hier in der Betreuung durch die beiden Lehrstühle der RWTH, in einer gemeinsamen Arbeit miteinander verschränken lassen.

Erasmus IP und Bachelorarbeit sind ein Versuch, einem neuen Konsumverhalten Orte zu geben. Mehr als jedes Bio-Siegel oder jede Herkunftsbezeichnung können diese Orte den Kontakt zu Landwirten, ihren Produkten und deren Verarbeitung herstellen und damit den Nachweis von Qualität erbringen. Slow Food bleibt nicht ein Schlagwort und Label, sondern wird in der Landschaft verankert.

Weitere Informationen: http://areeweb.polito.it/erasmus-ip-citygreening

Der Autor ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University.

Kinder gehören auf den Spielplatz – oder doch in den gesamten städtischen Raum? Wir sprachen mit Dirk Schelhorn, Landschaftsarchitekt und Experte für kindgerechte Gestaltung, und Dr. Renate Zimmer, Expertin für kindliche Bewegungsforschung, wie öffentlicher Raum gestaltet sein muss, damit sich dort auch Kinder wohlfühlen.

Was braucht es, um wirklich gute Räume für Kinder zu planen?

DS: Planer müssen wissen, wie die Kindheitsentwicklung funktioniert und was Kinder wirklich brauchen, um gesund und sicher aufzuwachsen. Das ist Grundwissen. Und dieses Grundwissen muss vernetzt werden. Es reicht nicht wenn der Landschaftsarchitekt das weiß, und es reicht nicht, wenn das Gartenamt das weiß. Die wesentlichen Entscheidungen zu einem gestalteten Raum, werden auf einer anderen Ebene getroffen. Auf der Ebene der Politik und Stadtplanung.

RZ: Für den Planungsprozess wäre es wichtig verschiedene Spezialisten direkt in die Kreation von Projekt mit einzubeziehen. Das gäbe zusätzliche Inspiration und direkte Rückmeldungen, ob Planungsideen Sinn machen und umsetzbar sind.

 

Frau Zimmer, hatten Sie schon einmal das Vergnügen bei einem interdisziplinär besetzten Projekt mitarbeiten zu dürfen?

RZ: Bei größeren bisher noch nicht. Momentan bin ich aber bei der Konzeption eines Spielraums für eine Behinderteneinrichtung in Südkorea dabei. Mit der Einrichtung hatte ich bisher über Fortbildungen zusammengearbeitet und nun bauen wir einen Fußballplatz in einen neuen Spielbereich um.

 

Spielplätze gibt es viele – und die sehen alle gleich aus. Woran liegt das?

RZ: Also entweder liegt es an den finanziellen Verhältnissen der Kommunen, dass sie sich nur einfallslose Spielplätze für Kinder leisten können oder es liegt daran, dass Firmen mit ihren Spielgeräten so unkreativ sind. Es gibt viele Initiativen, die versuchen auch den Raum außerhalb des Spielplatzes zu gestalten, aber da würde ich mir wünschen, dass ein bisschen kreativer mit Bewegungsideen umgegangen wird.

DS: Abprüfbare Qualitäten, wie wir sie bereits in der Spielleitplanung definiert haben, würden helfen. Kinderfreundlich ist eine Gemeinde nicht, wenn sie 13 Kindergärten hat. Das ist elternfreundlich. Kinderfreundlich ist aus der Perspektive der Kinder zu denken.

 

Wie müssten Städte gestaltet sein, damit sie auch Kinder ansprechen?

DS: Kinder sind in ihrem Tagesablauf wesentlich mehr auf Wegen unterwegs als auf Spielplätzen, etwa der Weg zur Schule oder zum Einkaufen. Wenn wir den öffentlichen Raum mal nach Qualitäten für Kinder abprüfen, dann fangen wir bei Wegesystemen und Plätzen zum Verweilen an. Warum gestaltet man den Raum nicht so, dass Kinder auch ihre Freude haben. Ich stelle mir eine Stadt, ein Quartier vor, wo Kinder nicht auf Spielplätzen sondern überall Dinge vorfinden, an denen sie sich betätigen können. Ein Raum muss ausstrahlen: Benutz mich!

RZ: Ich würde mir einen öffentlichen Raum mit sehr differenzierten Anspruchsformen vorstellen. Er muss Selbstständigkeit fördern und ganz unterschiedliche Schwierigkeitsstufen anbieten. Es muss anspruchsvolles geben, weil sich auch Zehnjährige richtig messen wollen, das Angebot darf aber auch ein dreijähriges Kind nicht total überfordern.

 

Nicht alle Städte haben Nachholbedarf in der kindgerechten Gestaltung ihres öffentlichen Raums. Welche Städte sehen sie als positive Vorreiter?

DS: Basel zum Beispiel. Basel hat eine Innenstadt mit ganz vielen Brunnen. Sobald es richtig warm ist, spielen die Kinder am und im Brunnen. Reutlingen ist auch ein gutes Beispiel. Dort werden wir auf einem Kulturplatz, eine ganze Bankreihe durch Schaukeln ersetzen – wo drei Leute nebeneinander sitzen können. Schaukeln ist immer Treffpunkt. Warum muss eine Schaukel immer nur auf einem Spielplatz stehen? Planer sollten Mut haben auch mal witzige Dinge zu tun.

RZ: Es gibt schon gute Beispiele, aber viele Räume könnte noch ein bisschen aufgepeppt und interessanter gestaltet werden, damit alle Altersstufen sich gemeinsam betätigen können.

DS: Ein weiteres Vorzeigeprojekt ist „alla hopp!“. Die Stiftung des SAP-Gründers Dietmar Hopp hat im Rahmen dieser Aktion 19 Kommunen in der Metropolregion Rhein-Neckar Bewegungsparks gestiftet. In enger Zusammenarbeit mit drei weiteren Büros setzen wir diese nun Schritt für Schritt um. Vier konnten wir auch schon fertig stellen.

 

Herr Schelhorn, Sie sagten, es sollte Richtwerte geben. Was genau würden Sie sich wünschen?

DS: In der Spielleitplanung haben wir bereits vor 15 Jahren verbindliche Qualitäten einer Raumgestaltung und Stadtentwicklung zu Gunsten von Kindern definiert. Die DIN 18034 spiegelt das auch wider. Sie hat den gleichen Wert wie die Gerätenorm, die DIN 1176. Aber wenn eine Sicherheitsüberprüfungen vor Ort gemachen wird, dann nimmt jeder die Gerätenorm, aber keiner überprüft den Stadtteil nach der DIN 18034.

 

Was steht in der DIN 18034?

DS: Sie spricht von einem kalkulierbaren Risiko. Da steht drin, dass wir bei der Planung für Kinder verpflichtet sind, kalkulierbares Risiko anzubieten – zur Förderung.

RZ: Gefahren müssen für Kinder erkennbar und einsehbar sein. Aber sie sind nötig, damit ein Gefahrenbewusstsein und eine Risikokompetenz aufgebaut und geübt werden kann.

DS: Die Norm findet aber leider wenig Anwendung und ist am Rahmen der Stadtgestaltung wenig bekannt. Bei der Stadtplanung ist sie eigentlich auf keinem Schreibtisch.

 

Wie kommt das?

DS: Keine Ahnung. Vollzugsdefizit, kein Wissen in der Ausbildung, nicht bekannt gegeben. Das Bundesland Vorarlberg in Österreich ist da momentan am vorbildlichsten. Dort gibt es ein Spielraumgesetz, an dem wir vor Jahren mitgewirkt haben. Mit Beratung aber auch konkreten Projekten.

 

Wenn Städte mehr in kindgerechten Raum investieren würden, welche Chancen würden sich bieten?

DS: Die Chancen sind natürlich riesig: Wir würden wesentlich mehr gesunde Kinder haben. Wir würden aber auch wesentlich weniger Geld in Bildung aus zweiter Hand ausgeben müssen, weil Kinder durch ihr Spielen – elf bis zwölf ist hier die Grenze – ganzheitlich gebildet werden. Die interessantesten, die abenteuerlichsten Dinge, die lernt man auf der Straße, im Wald und oft da, wo Erwachsen nicht davon ausgehen, dass man sie dort lernen kann. Die Chance einer kindgerechten Gestaltung hat aber auch einen generationsübergreifenden Effekt.

 

Wir müssen also für Kinder und Erwachsene planen?

RZ: Ja, über die Interaktion von Eltern und Kindern im öffentlichen Raum bahnt sich auch so was wie ein aktiver Lebensstil an, der sich auf die Kinder überträgt. Kinder sehen wie Eltern mit dem öffentlichen Raum umgehen. Ob sie hasten, um zum nächsten Termin zu kommen, oder ob sie sich auch mal Zeit nehmen.

DS: In einer kindgerechten Gestaltung haben auch Erwachsene ihren Platz. Der generationsübergreifende Aspekt hat nichts damit zu tun, dass Mutti irgendwas auf dem Walker macht und das Kind 20 Meter weiter im Sandkasten spielt. Sondern eine kindgerechte Gestaltung hat auch immer Platz für beobachtende Erwachsene – für teilnehmende Erwachsene. Sich freuen zu können am Kinderlachen, das ist vor allem für alte Leute sehr wichtig. Oder Kinder können mal Erwachsene beobachten. Wenn Kinder an einer Baustelle stehen bleiben, weil da drei Bagger fahren, dann ist das schon generationsübergreifende Teilhabe.

RZ: Ich würde sogar noch weiter gehen – Spielplätze für Ältere. Das ist ein Thema, das überhaupt noch nicht richtig weiter gedacht wurde.

 

Mit dem Thema „kindgerechte Gestaltung des öffentlichen Raums“ beschäftigen wir uns auch in Garten + Landschaft 05/2016 – der Platz, das Gefühl und wir.