„Man muss Neugier wecken“

Es gibt viele Möglichkeiten, wo und wie man in der Stadt mit artenreichen Staudenpflanzungen Biodiversität fördern kann. Elisabeth Rathjen sprach mit Magnus J.K. Wessel, Leiter Naturschutzpolitik beim BUND e.V., über die Vorbildfunktion der Öffentlichen Hand und von Gartenschauen und welchen Beitrag man mit dem eigenen Garten leisten kann.

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Magnus J.K. Wessel, Leiter Naturschutzpolitik beim BUND Bundesverband (Foto: Simone M. Neumann)

 

Elisabeth Rathjen: Herr Wessel, welche Funktion haben Städte Ihrer Meinung nach, um die Artenvielfalt zu fördern?

Magnus J.K. Wessel: Städte bieten ganz unterschiedliche Lebensräume und zusammen mit den Arten, die der Mensch eingebracht hat, führt das zu einer reichen Artenvielfalt. Sie sind damit oftmals Arche für Spezialisten, Heimat von besonders flexiblen Kulturfolgern und ein Versuchslabor des Zusammenlebens von Tier, Pflanze und Mensch. Im Sinne einer grünen Infrastruktur müssen Städte diese Funktion erhalten und praktisch fördern: durch Pestizidverzicht, Erhalt und naturschutzgerechte Pflege von Grünanlagen sowie konkreten Artenschutz an Gebäuden. Was Städte nicht leisten können, ist die Kompensation des Schadens an der biologischen Vielfalt, der durch ausgeräumte Landschaften außerhalb entsteht.

Städte haben aber in Bezug auf die Artenvielfalt noch weitere wichtige Funktionen. Sie prägen unser ästhetisches Empfinden und auch die Vorstellung davon, was man als schützenswert empfindet. Hier kommt „der Stadtmensch“ zu allererst in Kontakt mit der heimischen Natur: auf dem Balkon oder im Garten.

Und wie sieht es mit den Privatgärten und ihren Besitzern aus?

Im Garten können die Menschen am ehesten selbst etwas beitragen. Denn Klimaschutz oder Artenverlust bleibt sonst ja meist abstrakt. Gärtnern macht zudem Spaß und ist ein wichtiger Teil der Umweltbildung und der Gesundheitsvorsorge. Private Gärten können, wenn sie entsprechend vernetzt und gepflegt werden, Teil des Biotopverbunds sein und bedrohten heimischen Arten eine Arche sein.

„Selbst im kleinsten Garten ist Platz für Holzhaufen und Wildpflanzen.“

Gibt es heute so etwas wie eine ethische Verpflichtung zum naturnahen Gärtnern?

Das naturnahe Gärtnern ist natürlich das Optimum. Doch die Gartenkultur hat eine lange Tradition und ist vielfältig. Zwischen Wildblumenwiese, klassischem Bauerngarten und einem japanischen Zen-Garten liegen Welten. Welten die sich aber auch auf kleiner Fläche kombinieren lassen und ergänzen können. Nicht akzeptabel finde ich den Einsatz von Pestiziden und den Trend, Gärten unter Schotter und Beton zu begraben.

Sollten wir unseren Geschmack verändern, hin zu einem artenreicheren Gartenstil?

Dem Privatgartenbesitzer würde ich immer empfehlen, so naturnah wie möglich zu gärtnern und vor allem von Pestiziden und scheinbar pflegeleichtem Einheitsgras und Schotterflächen Abstand zu nehmen. Dazu gehört auch der Mut zur vermeintlichen Unordnung: Selbst im kleinsten Garten ist Platz für Holzhaufen und Wildpflanzen.

Die Öffentliche Hand hat in den vergangenen Jahrzehnten bei großen Plätzen und Parks leider schlechte Beispiele kultiviert und immer mehr auf Pflegeleichtigkeit gesetzt. Das betrifft auch die Freiräume von Wohnanlagen. Und das sehen die Menschen – so etwas prägt. Vor allem die Öffentliche Hand hat die Verantwortung zu zeigen, dass es auch anders geht. Um wirkliche Oasen der heimischen Artenvielfalt in der Stadt schaffen zu können, muss Geld bereitgestellt werden. Der Masterplan Stadtnatur, der von der Bundesregierung verabschiedet worden ist, und damit für alle Ressorts Gültigkeit hat, kann eine wichtige Grundlage für mehr Natur in Dorf und Stadt werden.

„Dass ein radikaler Umbau der Landschaft hin zu mediterranen Arten nötig ist, sehe ich nicht.“

Plädieren Sie für Pflanzkonzepte, die eine hohe Vielfalt bieten und heimischen Arten den Vorzug geben?

Ja. Doch für mich geht es nicht darum, jedes Pampasgras und jede Thuja-Hecke zu vertreiben. Ich finde, die Mischung macht`s. Es gilt, invasive Arten zu stoppen und neue Risiken nicht noch zu fördern. Denn: Hat eine invasive Art einmal die Landschaft erreicht, treibt sie keiner mehr zurück. Hier hilft nur Vorsorge. Spannend wäre, die Pflanzung gefährdeter Arten in den Privatgärten zu fördern und diese zusammen mit den öffentlichen Grünflächen zu Lebenslinien der Natur in der Stadt zu machen.

Viele Organisationen vertreten vehement die Meinung, heimische Arten zu verwenden. Jetzt zeigt sich aber, dass besonders Stauden aus Trockengebieten besonders gut mit dem Klimawandel klarkommen, während die heimischen ausfallen. Gibt es da auch im Naturschutz ein Umdenken?

Ich glaube, dass das Potenzial der heimischen Pflanzen noch lange nicht ausgeschöpft ist. Ich finde es total in Ordnung, wenn jemand aus ästhetischen Gründen einzelne fremde Arten im Garten pflanzt. Dass aber ein radikaler Umbau der Landschaft hin zu mediterranen Arten nötig ist, sehe ich nicht. Natürlich diskutieren wir auch in Schutzgebieten darüber, wie man mit Standorten umgeht, die unter extremer Trockenheit leiden. Aber dass sich bei dieser Diskussion zwei konträre Lager bilden, halte ich für überflüssig. Es ist eine Frage des Maßhaltens. Letzten Endes ist die heimische Tierwelt in einem sehr komplexen Geflecht auf die heimischen Arten eingestellt.

„Die Kommunen müssen mit härteren Beschlüssen agieren.“

Sehen Sie eine Möglichkeit, durch gezieltes Gärtnern geschützte Arten zu fördern? Oder ist es wichtiger, sich im Garten auf Strukturvielfalt und Blütenreichtum von Insekten zu fokussieren?

Private Gärten sind kein Ersatz dafür, dass wir für den Artenschutz eine radikal andere Landwirtschaftspolitik und einen besseren Umgang mit Schutzgebieten brauchen. Zu einer lebenswerten Zukunft kann jeder Gärtner seinen Beitrag leisten. Es gibt gute Beispiele, wie man kleine Oasen für den Sorten- und Artenerhalt erzeugen kann. Für bestimmte Nutzpflanzen waren Gärten die letzten Fundorte überhaupt. Man kann Schutz- und Oasengärten schaffen, indem man den Menschen zeigt, was es in der Landschaft alles gibt.

Vom klassischen Moorbeet bis hin zum Steppenrasen – vieles lässt sich in Gärten transferieren. Das ist ein großes Experimentierfeld. Es gibt mittlerweile auch innovative Konzepte für Dreizonengärten, mit denen man, wenn man größere Flächen zur Verfügung hat, ganz fantastische Oasen für Insekten schaffen kann. Auf unserer Homepage gibt es dafür klassische Artenlisten, mit denen man gut arbeiten kann. Für manchen Gärtner ist das eine riesige Herausforderung, weil sie in den Staudengärtnereien kaum angeboten werden. Die Umstellung auf neue heimische Pflanzenarten erfordert von den Anbietern viel Neugier und zum Teil ein ganz anderes Know-how, aber es bietet auch züchterische Herausforderungen.

Sie sprachen den Trend der Schottergärten an…

Das, was man im Internet alles unter „Gärten des Grauens“ findet ist ein gärtnerischer Alptraum. Das darf es aus stadtklimatischen Gründen und aus Gründen der Artenvielfalt nicht geben. Dennoch gibt es zum Beispiel in Franken Vorstadtsiedlungen, die ausschließlich so gestaltet sind. Da müssen die Kommunen mit härteren Beschlüssen agieren.

„Neben der Öffentlichen Hand haben natürlich auch die Gartenschauen eine Vorbildfunktion.“

Sehen Sie auch Gartenschauen in der Verantwortung?

Ja, neben der Öffentlichen Hand haben natürlich auch die Gartenschauen eine Vorbildfunktion. Zur IGA in Berlin haben wir viel darüber diskutiert, wie sich ästhetische und künstlerische Ansprüche mit Nachhaltigkeit verbinden lassen. Und wie man Neugier weckt. Denn Menschen machen im privaten Garten etwas ja nicht, weil sie es vorgeschrieben oder Geld dafür bekommen. Am Ende ist entscheidend, woran mein Herz hängt und wo ich spannende Beispiele finde, die ich auch gerne in meinem eignen Garten hätte.

 

Interviewpartner: Magnus J.K. Wessel studierte Geographie, Geobotanik und Verwaltungsrecht in Trier. Seit sechs Jahren leitet er die Naturschutzpolitik beim BUND Bundesverband, vorher berufliche Stationen bei der UN, WWF und NABU. Privat ist er Gartenbesitzer und  als Fotograf unterwegs, mit einem Faible für Insekten und Menschenportraits.

Autorin: Elisabeth Rathjen studierte Landschaftsarchitekturan der FH Weihenstephan und war von 2016 bis 2018 am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur und öffentlichen Raum der TU München tätig. Zur Zeit arbeitet sie als freiberufliche Landschaftsarchitektin und Autorin.

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen des Themas „Artenvielfalt“ der G+L 08/2018. Diese Ausgabe können Sie hier erwerben.