Bild von Klimademonstration mit Menschen

IPCC Bericht 2022: “There is no planet B”-Schild

Am 28. Februar 2022 veröffentlichte der IPCC-Weltklimarat seinen neuen Bericht. Die Botschaft: Uns läuft die Zeit davon. Hier haben wir Ihnen die Inhalte zusammengefasst und erste Reaktionen gesammelt.

Am 28. Februar 2022 hat der Zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaänderungen (IPCC) seinen neuen Bericht mit dem Titel „Climate Change 2022: Impacts, Adaptation and Vulnerability“ veröffentlicht. Der Bericht beschreibt detailliert, wie der vom Menschen verursachte Klimawandel „gefährliche und weit verbreitete Störungen in der Natur verursacht und das Leben von Milliarden von Menschen auf der ganzen Welt beeinträchtigt, trotz der Bemühungen, die Risiken zu verringern“. Die Wissenschaftler*innen betonen auch, dass die Menschen und Ökosysteme, die am wenigsten mit den Auswirkungen des Klimawandels zurechtkommen, am stärksten betroffen sind.

Der IPCC-Klimabericht 2022

 

Hoesung Lee, Vorsitzender des IPCC, sagte: „Dieser Bericht ist eine eindringliche Warnung vor den Folgen der Untätigkeit. Er zeigt, dass der Klimawandel eine ernste und wachsende Bedrohung für unser Wohlergehen und einen gesunden Planeten darstellt. Unser heutiges Handeln wird bestimmen, wie sich die Menschen anpassen und wie die Natur auf die zunehmenden Klimarisiken reagiert“.

Selbst wenn die globale Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius begrenzt werden kann, wird es in den nächsten zwei Jahrzehnten und darüber hinaus überall auf der Welt zu vielfältigen Gefahren kommen. Bei Überschreitung dieser Temperaturgrenze wird es zu schwerwiegenden und in vielen Fällen unumkehrbaren Auswirkungen kommen.

195 Mitgliedsregierungen des IPCC genehmigten den IPCC Bericht 2022 während einer virtuellen Sitzung, die vom 14. bis 28. Februar 2022 stattfand.

Die Welt muss jetzt dringend handeln

 

Katastrophen wie Hitzewellen, Dürren, Überschwemmungen und sintflutartige Regenfälle stellen schon jetzt eine enorme Belastung für Pflanzen, Tiere und Menschen dar. Viele dieser Wetterextreme treten gleichzeitig auf und führen zu kaskadenartigen Auswirkungen wie Nahrungsmittel- und Wasserunsicherheit, dem Verlust von Menschenleben, biologischer Vielfalt und Infrastruktur.

Dies sind die Hauptaussagen des IPCC-Klimaberichts 2022:

Städte als Hotspots, aber auch als Teil der Lösung

 

Der IPCC Bericht 2022 enthält eine detaillierte Bewertung der Auswirkungen, Risiken und Anpassungsstrategien in Städten. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt bereits in städtischen Zentren. Ihre Lebensgrundlagen sowie kritische Infrastrukturen befinden sich in Städten, die in vielen Fällen unter den negativen Auswirkungen des Klimawandels zu leiden haben.

Die Kombination aus zunehmender Verstädterung, insbesondere in Ländern, die für den Klimawandel anfälliger sind, und dem Klimawandel führt zu komplexen Risiken. Dies gilt vor allem für Städte, die ein schlecht geplantes Stadtwachstum, ein hohes Armutsniveau und einen Mangel an grundlegenden Dienstleistungen zu verzeichnen haben.

Gleichzeitig weist der IPCC-Klimabericht 2022 darauf hin, dass Städte viele Möglichkeiten für Klimamaßnahmen bieten, wie in Ziel 13 für nachhaltige Entwicklung beschrieben. Erneuerbare Energien, grüne Gebäude und nachhaltige Verkehrssysteme sind Schlüsselelemente auf dem Weg in eine grünere Zukunft. Indem man alle Menschen in die Planung einbezieht und ein besonderes Augenmerk auf Gleichberechtigung und Gerechtigkeit legt sowie auf lokales Wissen zurückgreift, ist es möglich, Anpassungsstrategien in Städten zu entwickeln, die unbeabsichtigte Folgen wie die Zerstörung der Natur durch steigende Treibhausgasemissionen vermeiden.

Ein enges Zeitfenster zum Handeln

 

Im IPCC-Klimabericht 2022 wird betont, dass das Zeitfenster für Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels immer kleiner wird. Die nächsten Jahre sind ein enges Zeitfenster für einen Kurswechsel. Dies erfordert sofortige, ehrgeizige und konzertierte Anstrengungen zur drastischen Verringerung der Emissionen. Zum Aufbau von Widerstandsfähigkeit, zur Erhaltung der Ökosysteme und zur Aufstockung der Finanzmittel für Anpassungs- und Schadensbekämpfungsmaßnahmen.

Hier wird die COP27-Konferenz in Ägypten Ende 2022 eine entscheidende Gelegenheit für die Regierungen bieten, Fortschritte zu erzielen. Die Länder des globalen Nordens und die vom Klimawandel weniger betroffenen Länder werden aufgerufen sein, ihre Solidarität mit den anfälligeren Nationen zu zeigen.

Wirksame Maßnahmen erfordern, dass die Regierungen, die Zivilgesellschaft und der Privatsektor jeden Tag aktiv werden. Auch wenn die COP27 ein wichtiges Ereignis ist, gibt es keine andere Möglichkeit, als die derzeitige Enge für Maßnahmen zu nutzen, wann und wo immer dies möglich ist. Der IPCC Bericht 2022 liefert reichlich Beweise und viele Beispiele für lokale Maßnahmen, die zu Veränderungen anregen.

Reaktionen auf den IPCC-Klimabericht 2022

 

Normalerweise veröffentlicht der IPCC alle sechs bis sieben Jahre einen umfassenden wissenschaftlichen Bewertungsbericht. Der IPCC-Klimabericht 2022 ist der zweite Teil des Sechsten Assessment Reports. Im August 2021 veröffentlichte der Weltklimarat den ersten Teil. Die Arbeitsgruppe II stützte sich auf 34 000 Studien an denen 270 Autor*innen aus 67 Ländern mitwirkten, um eine umfassende Untersuchung der sich verschärfenden Auswirkungen des Klimawandels und der damit verbundenen Risiken zu erstellen.

Die Reaktionen auf den IPCC Report 2022, der nur wenige Tage nach den verheerenden Überschwemmungen in Australien und den Nachrichten über den Ausbruch eines bewaffneten Konflikts in der Ukraine erschien, fielen schwer. Der Guardian spricht von düsteren, nüchternen und brutalen Ergebnissen. António Guterres, der Generalsekretär der Vereinten Nationen, sagte: „Ich habe in meiner Zeit viele wissenschaftliche Berichte gesehen, aber keinen wie diesen. Der heutige IPCC-Bericht ist ein Atlas des menschlichen Leids und eine vernichtende Anklage gegen die verfehlte Klimapolitik.“

Es wird erwartet, dass zwei weitere IPCC-Klimaberichte den vierteiligen Sechsten Assessment Report bilden werden. Auch wenn der Krieg in der Ukraine im Moment alle anderen Nachrichten überschattet, muss die Welt etwas unternehmen.

Ebenfalls dramatisch und höchst aktuell: Die europäische Architekturszene stellt sich in kürzester Zeit öffentlich gegen den russischen Angriffskrieg. Auch die G+L steht in Solidarität mit der ukrainischen Bevölkerung und Regierung.

Das könnte Sie auch interessieren
Aussichtsturm am Seljord-See
Viel Wasser am falschen Ort
Der ehemalige Fliegerhorst Fürstenfeldbruck: Transformation zu einem grünen, nachhaltigen Stadtgebiet mit Platz für Gemeinschaft, Natur und Innovation.Credit: ADEPT + Vivid Vision
Transformation des Fliegerhorstes Fürstenfeldbruck: Von Militärgelände zu lebendigem Stadtgebiet
Rund drei Millionen Kubikmeter Bodenaushub entstehen jährlich in Niedersachsen. Aber was geschieht damit? (Foto: André Meyer)
Bodenaushub: entsorgen oder verwerten?
Der Wärmeinseleffekt: Wie städtische Gebiete durch versiegelte Flächen und fehlende Vegetation höhere Temperaturen aufweisen. Foto von Bruno Aguirre auf Unsplash
Wärmeinseleffekt: Ursachen, Auswirkungen und innovative Lösungsstrategien
eine-gruppe-von-gebauden-mHe39nM3F0g
Chatbot am Bauzaun – partizipative Planung mit KI
Studentische Arbeiten 2021 – Übersicht
Bert Habrich: CEO GEFA Produkte® Fabritz GmbH, Foto: GEFA Produkte® Fabritz GmbH
„Wir brauchen mehr Bäume in der Stadt“
Die Zukunft des BMW-Forschungszentrums
baumgesäumter-Weg-im-Regen-mit-Pfützen
Digitale Regensimulation für die Grünflächenbewirtschaftung

Kohlenstoffarme Quartiere – Praxisbeispiele mit Bilanzierung

grune-wiese-und-stadt-treffen-auf-schneebedeckte-berge-cw1Vzm-m9jU
Eine harmonische Verschmelzung von grünen Feldern, städtischer Architektur und schneebedeckten Alpengipfeln, fotografiert von Daniele Mason.

Kohlenstoffarme Quartiere – das klingt nach grünem Idealismus und ambitionierter Klimapolitik, aber tatsächlich ist es die härteste Währung für zukunftsfähige Städte. Wer den CO₂-Fußabdruck von Stadtteilen konsequent senkt, gewinnt nicht nur Imagepreise, sondern auch die Herzen und Portemonnaies von Investoren, Mietern und Kommunen. Aber wie sieht die Praxis aus? Welche Quartiere sind echte Vorbilder? Und wie gelingt die ehrliche Bilanzierung jenseits von Greenwashing?

  • Definition und Bedeutung von kohlenstoffarmen Quartieren im urbanen Kontext
  • Relevante Methoden und Tools zur CO₂-Bilanzierung auf Quartiersebene
  • Praxisbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz mit messbaren Ergebnissen
  • Planerische, technische und soziale Hebel zur Reduktion von Emissionen
  • Herausforderungen bei der Umsetzung und Bilanzierung kohlenstoffarmer Stadtteile
  • Rolle von Governance, Partizipation und Datentransparenz
  • Innovative Lösungsansätze und Lessons Learned aus Pilotprojekten
  • Kritische Reflexion über Chancen, Grenzen und Risiken der CO₂-Bilanzierung
  • Konkrete Empfehlungen für Planer, Kommunen und Bauherren

Kohlenstoffarme Quartiere: Von der Vision zur planbaren Realität

Kohlenstoffarme Quartiere sind nicht länger ein exklusives Thema für Nachhaltigkeitsenthusiasten und ambitionierte Architekturbüros. Sie sind heute das Maß aller Dinge, wenn es um die Entwicklung lebenswerter, resilienzfähiger und wirtschaftlich attraktiver Stadtteile geht. Das Konzept zielt darauf ab, den CO₂-Ausstoß eines Quartiers über den gesamten Lebenszyklus drastisch zu reduzieren – von der Planung über Bau und Betrieb bis hin zur späteren Umnutzung oder Rückbau. Was zunächst wie eine heroische Mammutaufgabe klingt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als hochkomplexe, aber durchaus beherrschbare Herausforderung, vorausgesetzt, man hat die richtigen Werkzeuge, die nötige Kompetenz und vor allem einen langen Atem.

Ein kohlenstoffarmes Quartier unterscheidet sich fundamental von klassischen Stadtentwicklungsprojekten. Hier werden nicht nur einzelne Gebäude energetisch optimiert, sondern das gesamte urbane Gefüge – inklusive Infrastruktur, Mobilität, Grünflächen, Energieversorgung und sogar Konsumverhalten der Bewohner – auf den Prüfstand gestellt. Ziel ist es, sämtliche direkten und indirekten Emissionen zu erfassen, zu steuern und möglichst zu eliminieren. Dafür braucht es mehr als nur ein paar Photovoltaikmodule und Radwege. Es bedarf eines systemischen Ansatzes, der die Wechselwirkungen zwischen allen Sektoren berücksichtigt und dabei die Lebensqualität nicht aus den Augen verliert.

Wer sich heute als Planer, Stadtentwickler oder Investor mit dem Thema befasst, merkt schnell: Es gibt keine Patentrezepte. Zu unterschiedlich sind die lokalen Gegebenheiten, rechtlichen Rahmenbedingungen und sozialen Strukturen. Was in einem innerstädtischen Verdichtungsgebiet funktioniert, kann in einer Vorstadtsiedlung grandios scheitern – und umgekehrt. Hinzu kommt die Frage der Akzeptanz: Denn ein Quartier ist nie eine Insel, sondern immer Teil eines größeren städtischen Kontextes. Die Integration in bestehende Infrastrukturen, das Mitnehmen der Anwohnerschaft und die enge Verzahnung mit politischen und wirtschaftlichen Interessen sind unverzichtbar.

Spannend wird es, wenn die Vision auf die Realität trifft: Wie gelingt der Sprung von der Strategie zur Umsetzung, von der Absichtserklärung zur messbaren Wirkung? Hier kommen Bilanzierungsmodelle ins Spiel, die nicht nur Zahlen liefern, sondern auch Handlungsoptionen aufzeigen. Das Ziel: Transparenz schaffen, Benchmarks setzen und eine ehrliche Erfolgskontrolle ermöglichen. Denn am Ende zählt nicht das schönste Konzeptpapier, sondern das, was an CO₂ tatsächlich eingespart wird – und das lässt sich heute mit erstaunlicher Präzision erfassen.

Die wachsende Zahl an Pilotprojekten in Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigt: Kohlenstoffarme Quartiere sind machbar. Sie sind nicht billig, aber langfristig wirtschaftlich. Sie sind technisch anspruchsvoll, aber realisierbar. Und sie machen Städte nicht nur klimafreundlicher, sondern vor allem zukunftsfähiger. Wer jetzt nicht dabei ist, wird morgen abgehängt. Das Rennen um die klimaneutralen Städte hat längst begonnen.

Bilanzierungsmethoden: Wie man CO₂-Emissionen im Quartier wirklich misst

Die Bilanzierung von Treibhausgasemissionen auf Quartiersebene ist nichts für schwache Nerven, aber essenziell für jedes ernsthafte Nachhaltigkeitsprojekt. Während auf Gebäudeebene längst etablierte Werkzeuge wie der Energieausweis, das Gebäudeenergiegesetz oder die DGNB-Zertifizierung existieren, ist die Bilanzierung ganzer Quartiere eine Disziplin mit deutlich mehr Variablen, Unsicherheiten und Fallstricken. Hier geht es nicht nur um Heizenergie oder Baustoffe, sondern um den gesamten Lebenszyklus: von der Herstellung und dem Transport der Materialien, über die Nutzung und Instandhaltung, bis hin zur Mobilität der Bewohner und dem Betrieb der Infrastruktur.

Ein zentrales Instrument ist die sogenannte Quartiersbilanzierung nach den Grundsätzen des Greenhouse Gas Protocol oder des ISO-Standards 14064. Dabei werden sowohl direkte Emissionen (Scope 1), etwa durch die Verbrennung fossiler Energieträger im Quartier, als auch indirekte Emissionen (Scope 2 und 3), etwa durch Strombezug, Materialproduktion oder Nutzerverhalten, erfasst. Die Kunst besteht darin, die Systemgrenzen sauber zu definieren und Datenlücken möglichst präzise zu schließen. Dazu werden verschiedene Tools und Softwarelösungen eingesetzt, beispielsweise das Urban Footprint Tool, das Klimaquartier-Modul der Deutschen Energie-Agentur oder das SIA-Tool „Energie und Treibhausgasemissionen im Quartier“ aus der Schweiz.

Die Qualität der Bilanz steht und fällt mit der Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit der Eingangsdaten. Während sich Verbrauchswerte für Strom und Wärme relativ gut erfassen lassen, sind Mobilitätsdaten, Konsummuster oder Nutzerverhalten oft nur schwer quantifizierbar. Hier helfen statistische Annahmen, Modellierungen und – immer wichtiger – Echtzeitdaten aus Sensorik und digitalen Urban Twins. Der Trend geht klar in Richtung dynamischer Bilanzierung, bei der die Emissionswerte fortlaufend aktualisiert und für alle Akteure transparent gemacht werden. Damit wird die Bilanz nicht nur zur Kontrollinstanz, sondern auch zum Steuerungsinstrument für die Quartiersentwicklung.

Ein weiteres zentrales Thema ist die Berücksichtigung sogenannter grauer Emissionen – also der Treibhausgase, die bei Herstellung, Transport und Entsorgung von Baustoffen entstehen. Während diese früher oft ignoriert wurden, rücken sie heute zunehmend ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Moderne Bilanzierungsmodelle erfassen daher nicht nur den Betrieb, sondern auch die Errichtung und spätere Umnutzung von Gebäuden und Infrastrukturen. Das Ziel: eine ganzheitliche Betrachtung, die den tatsächlichen Klimafußabdruck eines Quartiers über dessen gesamte Lebensdauer abbildet.

Entscheidend ist zudem die Vergleichbarkeit der Bilanzen. Hierfür braucht es klare Standards, offene Datenplattformen und eine unabhängige Überprüfung. Nur so lassen sich echte Vorbilder von Greenwashing-Projekten unterscheiden und Benchmarks für andere Städte und Quartiere setzen. Wer heute plant, sollte die Bilanzierung nicht als lästige Pflicht, sondern als wertvolles Steuerungswerkzeug begreifen – und sie von Beginn an als integralen Bestandteil der Quartiersentwicklung einplanen.

Praxisbeispiele: Kohlenstoffarme Quartiere aus dem deutschsprachigen Raum

Die Theorie ist das eine – die Praxis das andere. Zum Glück gibt es im deutschsprachigen Raum eine wachsende Zahl an ambitionierten Quartieren, die zeigen, wie kohlenstoffarme Stadtentwicklung gelingen kann. Eines der bekanntesten Beispiele ist das Quartier Vauban in Freiburg. Hier wurde bereits in den 1990er Jahren ein Stadtteil mit Fokus auf Energieeffizienz, Passivhausstandards, autofreie Mobilität und soziale Durchmischung entwickelt. Die CO₂-Bilanz des Quartiers liegt heute deutlich unter dem städtischen Durchschnitt, vor allem dank einer konsequenten Verbindung von nachhaltiger Bauweise, erneuerbaren Energien und innovativen Mobilitätskonzepten.

Ein weiteres Vorzeigeprojekt ist das Sonnwendviertel in Wien. Hier wurde von Anfang an eine umfassende Bilanzierung implementiert, die nicht nur den Energieverbrauch, sondern auch die Mobilität, die Materialflüsse und das Nutzerverhalten erfasst. Durch eine intelligente Mischung aus Energieeffizienzhäusern, Photovoltaikanlagen, Geothermie, Car-Sharing-Angeboten und großzügigen Grünflächen gelang es, die Emissionen auf ein Minimum zu senken. Die Bilanzierung erfolgt dabei kontinuierlich und wird regelmäßig veröffentlicht – ein Paradebeispiel für Transparenz und Beteiligung.

Auch in der Schweiz gibt es bemerkenswerte Projekte, etwa das Quartier Erlenmatt in Basel. Hier wurde ein ehemaliges Industrieareal in ein klimafreundliches, gemischt genutztes Stadtviertel umgewandelt. Neben dem Fokus auf Holzbau und erneuerbare Energien lag ein besonderer Schwerpunkt auf der Reduktion der grauen Emissionen durch Wiederverwendung von Baumaterialien und Kreislaufwirtschaft. Die CO₂-Bilanz des Quartiers wird durch ein unabhängiges Institut überprüft und dient als Benchmark für weitere Entwicklungen in der Region.

In Deutschland sorgen zudem zahlreiche kleinere Modellquartiere für Aufmerksamkeit, etwa das Klimaquartier Neue Weststadt in Esslingen, das Projekt „Grüne Lunge“ in München oder das Heidelberger Bahnstadt-Quartier. Allen gemeinsam ist der integrale Ansatz: Die Quartiere sind nicht nur energetisch optimiert, sondern setzen auf ein Zusammenspiel von nachhaltiger Mobilität, sozialen Innovationen, Digitalisierung und partizipativer Quartiersentwicklung. Die Bilanzierung erfolgt dabei meist digital und wird als Steuerungsinstrument für die laufende Optimierung genutzt.

Was aus diesen Praxisbeispielen deutlich wird: Erfolgreiche kohlenstoffarme Quartiere sind nie das Ergebnis einer einzelnen Maßnahme, sondern immer das Resultat einer Vielzahl ineinandergreifender Strategien. Sie setzen voraus, dass alle Beteiligten – von der Stadtverwaltung über die Planer bis zu den Bewohnern – an einem Strang ziehen. Und sie zeigen, dass ehrliche Bilanzierung der Schlüssel für dauerhafte Glaubwürdigkeit und erfolgreichen Klimaschutz ist.

Herausforderungen, Risiken und Lösungsansätze: Was bleibt zu tun?

Bei aller Euphorie: Der Weg zu kohlenstoffarmen Quartieren ist steinig und voller Fallstricke. Eine der größten Herausforderungen ist die Governance. Wer trägt die Verantwortung für Planung, Umsetzung und Monitoring? Wie gelingt die Koordination zwischen den zahlreichen Akteuren – von der Kommune über Energieversorger und Wohnungswirtschaft bis hin zu den Bewohnern? Und wie verhindert man, dass ambitionierte Projekte an bürokratischen Hürden, politischen Interessen oder wirtschaftlichem Druck scheitern?

Ein weiteres zentrales Problem ist die Datentransparenz. Ohne verlässliche, offene und kontinuierlich aktualisierte Daten wird die Bilanzierung zum Blindflug. Viele Kommunen fürchten jedoch um die Kontrolle über ihre Daten oder scheuen die Investition in digitale Infrastruktur. Hier braucht es Mut, Know-how und vor allem eine Kultur des Teilens. Open Urban Platforms, wie sie etwa in Hamburg pilotiert werden, könnten ein Weg aus der Sackgasse sein. Sie ermöglichen nicht nur die Integration verschiedener Datenquellen, sondern auch die Beteiligung und Kontrolle durch die Öffentlichkeit.

Auch die Technik selbst ist nicht frei von Risiken. Algorithmische Verzerrungen, unzureichende Modelle oder die Kommerzialisierung von Stadtmodellen können die Glaubwürdigkeit der Bilanzierung gefährden. Hier ist eine unabhängige Überprüfung essenziell – ebenso wie die Offenlegung der zugrundeliegenden Methoden und Annahmen. Nur so lässt sich der technokratische Bias vermeiden und eine breite Akzeptanz erreichen.

Hinzu kommt die soziale Dimension: Kohlenstoffarme Quartiere dürfen nicht zur grünen Enklave für Wohlhabende werden, sondern müssen sozial durchmischt und für alle zugänglich sein. Hier sind innovative Beteiligungsformate, transparente Kommunikation und gezielte Förderprogramme gefragt. Nur wenn die Bewohner eingebunden und motiviert werden, ihr eigenes Verhalten klimafreundlich zu gestalten, kann das volle Potenzial ausgeschöpft werden.

Am Ende bleibt die Frage nach der Skalierbarkeit: Wie lassen sich die Erfahrungen aus Pilotprojekten auf bestehende Quartiere und andere Städte übertragen? Hier braucht es Mut zum Experiment, aber auch pragmatische Standards, klare Monitoringkonzepte und eine enge Vernetzung der Akteure. Die gute Nachricht: Der Werkzeugkasten ist voll, die Methoden sind erprobt – jetzt fehlt es nur noch an entschlossener Umsetzung.

Schlussfolgerung: Kohlenstoffarme Quartiere als neue Leitbild der Stadtentwicklung

Kohlenstoffarme Quartiere markieren den Paradigmenwechsel in der Stadtentwicklung. Sie sind das neue Leitbild für Kommunen, Planer und Investoren, die nicht nur Nachhaltigkeit predigen, sondern sie auch messbar machen wollen. Die ehrliche Bilanzierung ist dabei das Rückgrat jeder glaubwürdigen Strategie – sie trennt nachhaltige Substanz von bloßer Rhetorik und zeigt, wie viel CO₂ tatsächlich eingespart wird.

Die Praxisbeispiele aus dem deutschsprachigen Raum zeigen: Es gibt keinen Königsweg, aber viele gangbare Pfade. Entscheidend ist, dass Quartiersentwicklung ganzheitlich gedacht wird – von der Energieversorgung über die Bauweise bis zur Mobilität und sozialen Integration. Wer frühzeitig auf transparente Bilanzierung, offene Daten und partizipative Prozesse setzt, schafft nicht nur klimafreundliche Quartiere, sondern auch lebenswerte, innovative und resiliente Stadtteile.

Natürlich bleibt noch einiges zu tun: Governance muss gestärkt, Dateninfrastrukturen weiterentwickelt und soziale Aspekte stärker berücksichtigt werden. Die Herausforderungen sind groß, aber die Chancen überwiegen. Kohlenstoffarme Quartiere sind kein Luxus, sondern die Voraussetzung für zukunftsfähige Städte – und die besten Visitenkarten für alle, die urbanen Wandel aktiv gestalten wollen.

Wer heute investiert, plant und baut, sollte eines wissen: Die Zukunft der Stadt ist kohlenstoffarm, digital aber sozial, innovativ aber bodenständig. Und sie beginnt – wie immer – mit einer ehrlichen Bilanz.

 

Der Callwey Verlag und Garten + Landschaft loben zum ersten Mal den Wettbewerb GÄRTEN DES JAHRES aus und suchen die besten Privatgärten im deutschsprachigen Raum. Partner sind Mein schöner Garten, BGL Bundesverband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau e. V., bdla Bund Deutscher Landschaftsarchitekten, DGGL Deutsche Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur e.V., KANN GmbH Baustoffwerke und Schloss Dyck.

Teilnahmeberechtigt sind Landschaftsarchitekten, Gartendesigner und Garten- und Landschaftsbauer aus dem deutschsprachigen Raum. Sie können bis zum 15. Juli ihre realisierten Privatgartenprojekte, ebenfalls aus dem deutschsprachigen Raum, einreichen. Die Größe des Gartens und das verplante und verbaute Budget spielen dabei keine Rolle.

Die 50 besten Gärten werden in dem umfangreichen Bildband „Gärten des Jahres 2016“ im Callwey Verlag veröffentlicht sowie in den Zeitschriften Mein schöner Garten und Garten + Landschaft vorgestellt. Der Sieger erhält zudem ein Preisgeld in Höhe von 5.000 Euro. Der 1. Preis und die Auszeichnungen werden am Dienstag, den 16. Februar 2016 auf Schloss Dyck verliehen. Das Buch mit den besten Privatgärten erscheint wenige Tage später im Buchhandel.

Detaillierte Informationen zu den Wettbewerbsbedingungen sowie die Teilnahmeformulare gibt es im Internet unter: www.gaerten-des-jahres.com