Ukraine Krieg: Мы за мир

BIG, David Chipperfield Architects, Foster + Partners, gmp, Herzog und de Meuron, MVRDV, OMA, Snøhetta, Zaha Hadid Architects – infolge des völkerrechtswidrigen Krieg in der Ukraine stellte sich Ende Februar/Anfang März 2022 das Who-Is-Who der europäischen Architekturszene in kürzester Zeit öffentlich gegen den russischen Angriffskrieg. Binnen weniger Tage bekundeten zahlreiche Büros – allen voran via Social Media – ihre Solidarität mit den Menschen in der Ukraine sowie mit all denjenigen, die für ein friedvolles Miteinander stehen. Den öffentlichen Statements folgte zudem im Fall von Chipperfield, HdM, OMA oder auch Zaha Hadid ein umgehender Baustopp sämtlicher Projekte in Russland. Auch BIG ließ in einem Statement mitteilen, dass das Büro keine Projekte in Russland oder für die russische Regierung durchführe. Hieraus wird jedoch nicht deutlich, ob ein Baustopp verhängt wurde oder einfach aktuell keine russischen Projekte in Arbeit sind.

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Ukraine Krieg stellt Leuchtturmprojekte in anderes Licht

Erst die Regierungen, dann die Privatwirtschaft. Unsere globalisierte Welt ermöglicht es heute auch Konzernen, Unternehmen oder eben Planungsbüros Sanktionen zu verhängen. Während sich also Apple, Siemens, Starbucks, McDonalds, Coca-Cola, Pepsi oder auch die Unternehmensberatungen KPMG, PWC, EY und Deloitte infolge des Angriffskrieges ihre Geschäfte in Russland einstellen oder Elon Musk die Ukraine aktiv mithilfe seines Satelliten-Internetdienstes Starlink inklusive Empfangsanlagen unterstützt, zieht auch die Architekturwelt ihre Konsequenzen. Dies ist insofern einen gesonderten Blick wert, da es gerade die nicht-demokratischen Regime wie Russland oder China waren bzw. sind, die in den vergangenen Jahren die großen Starbüros mit einzigartigen Bauprojekten versorgten. Erst Ende 2021 eröffnete das von HdM entworfene M+ Hongkong. Während zum Jahreswechsel in Moskau der Renzo Piano Building Workshop RPBW für die Kunststiftung V-A-C das Kraftwerk GES-2 in ein Zentrum für visuelle und darstellende Künste umgebaut hat.

Jacques Herzog zu demokratischer Architektur

Bei uns in der Redaktion löst das unmittelbar (und mal wieder) die Frage aus, wie politisch Planung sein darf, aber auch wie politisch Planung sein muss. Spannend in diesem Zusammenhang ist, dass sich gerade Jacques Herzog immer wieder der Frage nach einer demokratischen Architektur öffentlich stellt. Man kann von ihm und den HdM-Projekten halten was man möchte, aber er bezieht Position. So auch in einem Interview im Jahr 2020 mit Lukas Gruntz von architekturbasel.ch. In Bezug auf den historischen Städtebau von St. Petersburg, Venedig, Rom und Paris sagte er hier: „Vielleicht entsteht im nicht-demokratischen Kontext mehr Schönheit, weil der Kontext extremer, radikaler ist.“ Und weiter aber auch: „Aus unserer Sicht, einer aufgeklärten und demokratischen Gesellschaft, muss Architektur in der Bevölkerung verankert sein, aus dem Bedürfnis der Bevölkerung idealerweise hervorgehen.“ Sätze, die uns nachdenklich machen sollten. Aktuell mehr denn je.

Ukraine Krieg: Coop Himmelb(l)au wegen Krim-Projekt unter Druck

Leuchtturmprojekte in nicht-demokratischen Regimen müssen künftig besser überdacht werden. Was wohl hierzu gerade Wolf D. Prix von Coop Himmelb(l)au durch den Kopf geht? Sein Büro geriet bereits vor dem Angriffskrieg in Kritik. Die Wiener*innen planen seit 2020 zwei von vier Kulturbauten, die auf den Wunsch von Wladimir Putin bis 2023 entstehen sollen. Der besonders kniffelige Fall dabei ist das geplante Opernhaus auf der 2014 von russischen Besatzer*innen völkerrechtswidrig annektierten Halbinsel Krim (mehr hierzu in einem SZ-Plus-Artikel). Mit Bezug auf das Leuchtturmprojekt verhängte deshalb auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am 21. Januar 2022 Wirtschaftssanktionen gegen das Wiener Architekturbüro sowie sechs seiner Vertreter*innen.

Wolf D. Prix: Coop Himmelb(l)au baut Oper, keine Kaserne

Dem vorangegangen waren laut einem SZ.de-Artikel von Gerhard Matzig, der Prix hierzu  interviewt hat, vor anderthalb Jahren Drohungen seitens der ukrainischen Botschaft an Coop Himmelb(l)au. Prix dürfe die Oper in Sewastopol nicht bauen sonst wäre das Architekturbüro bald ruiniert. Und auch Prix hat man – so Gerhard Matzig in seinem Artikel – inzwischen nahegelegt sich von dem Projekt und Putin zu distanzieren. Auf Matzigs Frage, ob er dies tun wird, seufzte Wolf D. Prix am Telefon. Prix ist der Meinung er baut keine Kaserne, sondern eine Oper. Als Kulturprojekt unterliege diese nicht den Embargobestimmungen. Wenig überraschend: Mitte März 2022 liegt weiterhin keine Stellungnahme seitens Coop Himmelb(l)au zum Ukrainekrieg vor.

Ukraine Krieg: Russische Planer*innen setzen Zeichen

Nun aber zurück zu denjenigen, die sich offen gegen den Krieg stellen. Denn es sind nicht nur die europäischen Starbüros, die Flagge zeigen. So unterzeichneten ebenso laut SZ.de zwischen dem 26. Februar und 4. März 2022 ebenso insgesamt 6 500 russische Architekt*innen, Designer*innen und Stadtplaner*innen auf der Website des russischen Architekturmagazins „Project Russia“ einen offenen Brief, in dem sich die sofortige Beendigung des Krieges forderten. Das Tragische: Auch dieser Appel fiel dem, von Wladimir Putin am 4. März 2022 unterzeichneten „Fake News“-Gesetz gegen eine kritische Berichterstattung über die russische Armee, zum Opfer. Inzwischen ist auf der Seite nur noch eine Kurzversion der Aktion mit dem Bild einer Friedenstaube zu sehen. Es heißt hier auf Russisch: „Leider waren wir unter Androhung einer strafrechtlichen Verantwortlichkeit nach dem heute in Kraft getretenen Gesetz gezwungen, den Text des Schreibens zu entfernen. Wir sind für den Frieden!“

Eine Profession, eine Leidenschaft

Derweil forderte die Architektenunion der Ukraine jedoch auch die Internationale Architektenunion auf, die Union der Architekten Russlands aus der Organisation auszuschließen. „Diejenigen, die das Vorgehen Russlands nicht verurteilen, unterstützen es“, zitiert die Süddeutsche Zeitung den Präsidenten der Nationalen Architektenunion der Ukraine, Oleksandr Chyzhevsky, in einem Brief an die UIA. Lässt man sich diese Aussage länger durch den Kopf gehen, muss man sich – auch wenn man die Handlungen Russlands aufs schärfste verurteilt – die Frage stellen, ob wir wirklich in einer Welt leben wollen, in der Menschen einer Branche, einer Profession, einer Leidenschaft, allein aufgrund ihrer Nationalität gegeneinander gehen. Gerade aus diesem Grund möchten wir uns seitens G+L Redaktion unseren russischen Kolleg*innen anschließen: Мы за мир. Wir sind für den Frieden. Und wir verurteilen den völkerrechtswidrigen Angriff der russischen Staatsregierung auf die Ukraine und stehen in Solidarität mit der ukrainischen Bevölkerung und Regierung.

Ukraine Krieg: Auch bdla und BAK aktiv

Während sich die deutschen Landschaftsarchitekturbüros noch recht zurückhaltend mit Solidaritätsbekundungen zeigen, veröffentlichte der bdla bereits am 2. März 2022 eine offizielle Solidaritätsbekunden #StandWithUkraine. Der bdla erklärt dabei sein „tiefstes Bedauern über den Krieg in der Ukraine, den Verlust von Menschenleben.” Er verurteile diesen völkerrechtswidrigen Angriff. In Gedanken sei der bdla insbesondere bei den Kolleg*innen des Partnerverbandes Guild of Landscape Architects of Ukraine. Im gleichen Schreiben verweist der bdla auf die Initiative der Bundesarchitektenkammer. Diese hat sich zum Ziel gemacht über Solidaritätsbekundungen hinaus aktiv zu werden. Die BAK stellt dem Ukrainischen Architektenverband aus diesem Grund ihr Netzwerk zur Verfügung. Das Ziel: Schlafplätze für geflüchtete Menschen. Hier mehr dazu.