Kohlrabizirkus Leipzig: Wettbewerb „Alte Messe West“ entschieden

Alte Messe West © de+ architekten GmbH & Bacher Landschaftsarchitekten © de+ architekten GmbH & Bacher Landschaftsarchitekten
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Das alte Messegelände „Alte Messe West“ in Leipzig soll zum modernen Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort werden. Hierzu wurde im Sommer 2022 ein nichtoffener städtebaulicher Realisierungswettbewerb ausgelobt. Nun stehen die Sieger*innen fest: unter den elf eingereichten Entwürfen machten die Berliner Büros de+ architekten GmbH und Bacher Landschaftsarchitekten das Rennen.

Von Restfläche zu Highlight

Das Planungsgebiet „Alte Messe West“ befindet sich südlich der Semmelweisstraße und westlich des Areals der Tierklinik. Es ist dabei durch den S-Bahn-Haltepunkt „MDR“ und die Verkehrsanbindung an der Zwickauer Straße optimal an die Innenstadt angebunden. Das Messegelände entstand somit 1913 anlässlich der Internationalen Baufach-Ausstellung (IBA). Durch die Errichtung eines neuen Messestandortes am Stadtrand fiel das Areal 1996 brach. Zwei der noch bestehenden Gebäude sind denkmalgeschützt und für das Stadtbild prägend: zum einen hat aus dem ursprünglichen Bau-Ensemble ein Lokschuppen die Zeiten überdauert. Das andere Solitär ist der sogenannte Kohlrabizirkus, die ehemalige Großmarkthalle Leipzigs. Durch dessen außergewöhnliche Architektur hat sich dieser Bau zu einem geschätzten Veranstaltungsort mit vielseitigen Verwendungsmöglichkeiten gemausert. Somit wartet in Zentrumsnähe ein besonderes Stück Stadt darauf, aus seinem Dornröschenschlaf aufgeweckt zu werden.

© de+ architekten GmbH & Bacher Landschaftsarchitekten
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Offener Dialog im Planungsprozess

Leipzig beabsichtigt, das Gelände in den kommenden Jahren als Quartier auch mit unterschiedlichen Nutzungen — im Schwerpunkt Gewerbe — zu etablieren. Die Stadt stellt sich dafür Büros, Labore, Hotels, Parkhäuser und Freizeitangebote vor. Das Gebietszentrum soll dabei belebt und von urbanem Charakter sein. Die Fußgänger*innen- und Fahrradroute „Aktivachse-Süd“ soll weiterhin durch das Planungsgebiet führen. Eine geplante Brückenverbindung über die S-Bahn-Gleise ermöglicht es außerdem, die Achse potenziell noch weiter nach Süden zu entwickeln.
Im Verfahren wurde auch großer Wert auf die Einbeziehung der Eigentümergesellschaften gelegt. Diese wurden dann aktiv in die Entwurfsfindung miteinbezogen und waren Teil der Preisgerichtssitzung. Die Idee dahinter war, die individuellen Entwicklungsvorstellungen zu einem kohärenten Gesamtkonzept zu vereinen. Dies soll eine gemeinsam gesteuerte und hochwertige Entwicklung des Areals ermöglichen.
Neben einem schlüssigen architektonisch-räumlichen und freiraumplanerischen Konzept, spielten die aktuell hochrelevanten energetischen und klimatischen Themen eine große Rolle. Wichtig war auch, die sich derzeit im Kohlrabizirkus befindenden Kultur-, Sport- und Freizeiteinrichtungen zu erhalten und weiterzuentwickeln. Des Weiteren war die verkehrliche Erschließung des Areals mit Ver- und Entsorgung zu klären.

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Zum Glück keine Tabula Rasa

Die Fachjury unter Vorsitz des Kölner Architekten und Stadtplaners Professor Markus Neppl schreibt dem Siegerentwurf einen „überraschend klaren Vorschlag zur Integration des Bestandes“ zu. Dem Planer*innenteam ist somit ein sensibler Umgang zwischen Alt und Neu gelungen. Den Bestandsstrukturen und -materialien wird Wert beigemessen: als historische Schichten sind sie Teil des Gesamtkonzeptes. Durch ihre Integration entsteht das Potential für einen spannungsvollen Dialog und identitätsreichen Ort.

Der mit 40 000 Euro Preisgeld dotierte Entwurf entwickelt ein nachverdichtetes Quartier mit zusammenhängendem Erscheinungsbild und robustem baulichem Gefüge. Der Kohlrabizirkus bleibt wegen seiner überörtlichen Bedeutung freigestellt und bildet den Auftakt des neuen Quartiers. Die umliegenden Neubauten nehmen mit ihrer Höhenplanung und Kubatur Bezug auf den Bau und verleihen ihm somit einen Rahmen. Um die ehemalige Großmarkthalle entsteht ein belebter urbaner Platz für kulturelle Veranstaltungen und individuelle Freizeitgestaltung. Auf der Südseite wird hierfür das Untergeschoss des Kohlrabizirkus durch eine Freitreppe mit Sitzstufen für neue Nutzungen öffnen. Das Ensemble aus Kohlrabizirkus und Lokschuppen wird durch einen runden Solitärbau ergänzt. Hier soll der kulturelle Schwerpunkt des Quartiers entstehen.

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Der Freiraum als Rückgrat

Ein Freiflächen-Band bildet die Verlängerung der „Aktivachse Süd“. Beginnend am Kohlrabizirkus führt es zum Messegrund und ist somit die wesentliche Erschließung für den Fußgänger*innen- und Fahrradverkehr. An prädestinierten Stellen weitet sich zudem die Achse zu Aufenthaltsbereichen mit abwechslungsreichem Charakter. Die Randbereiche sind als naturnahe Ruderal- und Sukzessionsflächen gestaltet, während intensive Pflanzflächen den urbanen Bereich definieren. Ein angerförmiger Park bildet währenddessen das grüne Quartierszentrum. Bei den Neubauten sind auch Retentionsdächer und Fassadenbegrünungen geplant.
Ein Teil des anfallenden Niederschlags wird über die Dach- und Fassadenbegrünung aufgefangen. Am Boden soll dabei der Großteil der Entwässerung über Mulden-Rigolen-Systeme in den Pflanzflächen erfolgen. Im Süden ist zudem ein Mischwasserrückhaltebecken vorgesehen.
Das Erschließungskonzept sieht zwei Quartiersgaragen an den Rändern des Gebiets vor. Schade ist, dass circa ein Drittel der erforderlichen Stellplätze noch traditionell in Tiefgaragen untergebracht wird. Der Bereich um den Kohlrabizirkus ist ausschließlich dem Fußgänger*innen- und Fahrradverkehr vorbehalten, während der Rest des Areals für den MIV zugänglich ist.

Schritte zur Realisierung

Die siegreichen Büros de+ architekten GmbH und Bacher Landschaftsarchitekten sollen nun den Wettbewerbsentwurf anpassen und diesen in einen Masterplan umsetzen. Auch die Masterplanung sowie eine frühzeitige Öffentlichkeitsbeteiligung sind noch für dieses Jahr vorgesehen. Der Entwurf soll als städtebauliches Grundgerüst für den Bebauungsplan dienen. Dieser ist für 2025/26 angesetzt. Laut Baubürgermeister Thomas Dienberg werden sich die Grundstückseigentümer*innen weiterhin aktiv an der Planung beteiligen. Das Bauvorhaben „Alte Messe West“ kann als ein Beispiel für die großen Chancen und Potentiale gelten, die Entwicklungsspielräume in zentraler Lage in sich tragen. Auch ist es spannend zu beobachten, wie historische Strukturen in die Zukunft getragen werden.

Apropos Wettbewerb: Auch der Wettbewerb zum ThyssenKrupp-Areal am Diebsteich in Hamburg wurde vor kurzem entschieden.

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Ungenutzte Brückenkonstruktionen können im urbanen Umfeld ungeahnte Möglichkeiten bieten. Berühmtestes Vorbild für eine aufgeständerte Nachnutzung ist wohl der New Yorker High Line Park, gelegen auf einer stillgelegten Hochbahntrasse. Eine ähnliche Strategie verfolgt die Stadtverwaltung von Seoul: ein groß angelegtes Stadtentwicklungsprogramm soll die Stadt grüner und für Fußgänger attraktiver gestalten. Herzstück der Planung ist dabei der kürzlich eröffnete Seoullo 7017 Skygarden von MVRDV.

Transformation einer Hochstraße zum Park

Freiräume sind in Seoul ein seltenes Gut. Die Bevölkerungsdichte ist rund viermal so hoch wie in Berlin und das Zentrum ist von versiegelten Verkehrsflächen geprägt. Nach der Umsetzung des städtischen Programms, wurde eine rund einen Kilometer lange Hochstraße vom Verkehr befreit. Die Architekten des niederländischen Büros MVRDV gewannen die Ausschreibung im Jahr 2015 und verwandelten die ehemalige Stadtautobahn in einen attraktiven städtischen Park. Das verästelte, geschwungene Brückenbauwerk stellt damit eine wichtige Fußgängerverbindung im unmittelbaren Umfeld des Hauptbahnhofs dar.

Pflanzenbibliothek aus 24 000 Pflanzen

Der Seoullo 7017 Skygarden zieht seine Besucher in erster Linie durch seine einzigartigen Blickbeziehungen aus 16 Metern Höhe an. 228 verschiedenen Pflanzenarten sind nach dem südkoreanischen Alphabet sortiert und verdeutlichen die Vielfalt heimischer Gewächse. Die insgesamt 24 000 Pflanzen sind in mehreren kleinen Gärten zusammengefasst, welche jeweils einen eigenen Charakter haben. Die Zahlenkombination „7017“ bezieht sich auf die Eröffnungsjahre der Stadtautobahn 1970 und des Parks 2017.

Am 18. September hat der Berliner Senat beschlossen, die Tempelhofer Parklandschaft nicht wie ursprünglich geplant zu verwirklichen. Eine fragwürdige Entscheidung, meint Nicole Uhrig. Ende September wurden die Pläne der schottischen Landschaftsarchitekten Gross.Max für die Tempelhofer Parklandschaft gekippt. Was war passiert? Durch das Berliner Flughafendesaster war die auf 61,5 Millionen Euro bezifferte Finanzierung für den Park nicht mehr möglich. Schon im Vorfeld war das Geld knapp. Es war eine politische Entscheidung, die bisherige Parkplanung zugunsten punktuell implantierter Sitzbänke, Bäume und Kinderspielflächen aufzugeben.

 

Die vordergründige Argumentation zu dieser Entscheidung beruft sich auf den Volkswillen und lautet, „der Park sei in dieser Form nicht erwünscht (ernsthaft strittig war jedoch nur der Kletterfelsen) und man reagiere auf die „Ergebnisse einer Umfrage unter den Besuchern der Grünfläche“ (siehe Artikel “Bäume und Bänke – kein Kletterfelsen” in der Berliner Morgenpost). Dabei war der Entwurf aus jahrelangen umfassenden Bürgerbefragungen hervorgegangen. Diese methodisch gesammelten Erkenntnisse einer einzelnen Umfrage unter Besuchern gegenüberzustellen, ist ohne Frage unzulässig.

Die Argumentation einer einzelnen Interessengruppe für sich zu instrumentalisieren zeugt zudem von einem deutlichen Missbrauch des Instruments „Bürgerbeteiligung“. Neben der zusätzlichen Diskreditierung eines ganzen Berufsstandes durch den amtierenden Bürgermeister, der sich klar gegen den Park ausspricht „’für den Landschaftsarchitekten Preise gewinnen’, der aber nicht das ’Wohlfühl-Gefühl’ der Menschen verbessere“, werden vor allem die großen und international verfolgten Bemühungen um ein umfassendes partizipatives, demokratisches Planungsmodell bei lebendigem Leibe erstickt und vor aller Augen ad absurdum geführt. Das ist ein Imageverlust für Berlin sondergleichen.

 

Ohne das finanzielle Desaster am neuen Berliner Flughafen hätte man die Planung einfach weiterentwickelt, wenn auch bei knapp bemessener Kasse. Der Rahmen war gesetzt und die Entwicklungsstrategie hatte Raum für Kursänderungen vorgesehen. Möglicherweise hätte die Initiative „100 % Tempelhofer Feld“ noch Änderungen herbeiführen können, doch zu einem „fast Erhalt“ des Status quo wäre es nicht gekommen, denn der Bedarf an breiter gefächerten Nutzungsmöglichkeiten besteht nach wie vor.

 

Jetzt wird der Verwertungsdruck auf die Freifläche wieder zunehmen. Insbesondere angesichts des innerstädtischen Wohnraummangels, der die Wohnungsmieten in Berlin derzeit um bis zu elf Prozent ansteigen lässt. Hier muss die Lobby des Freiraums unbedingt aktiv werden und neue, bessere politische Allianzen schmieden, um den Wert und das große Image- und Marketingpotenzial der Grünflächen herauszustellen und um einen gesunden Interessenausgleich zu finden. Oder um die Prioritäten in der Stadtentwicklung neu zu verhandeln – der Wiederaufbau Stadtschlosses soll vergleichsweise 590 Millionen Euro kosten.

Vor allem darf jedoch die Chance auf eine große Idee nicht verspielt werden. Sie ist unentbehrlich und immer noch möglich, wenn auch unter anderen Vorzeichen. Um die Tempelhofer Freiheit erhalten zu können, wird es zwar Zugeständnisse geben müssen, doch bleibt zu hoffen, dass zumindest eine mittelgroße Freiheit realisiert werden kann, die gleichsam überzeugend ist. Die einen Konsens innerhalb eines starken gestalterischen Leitrahmens repräsentiert, der in demokratischer Manier die Träume und Visionen möglichst vieler Wirklichkeit werden lässt.

Dieser Text ist eine gekürzte Fassung des Beitrags “Tempelhofer Freiheit oder Marketingobjekt: Aktuelle Parkpolitik in Berlin“ aus:
Stefanie Hennecke, Regine Keller, Juliane Schneegans (Hg.): “Demokratisches Grün – Olympiapark München”, 224 Seiten, 28 Euro, ISBN 978-3-86859-230-6.