Tank- und Rastanlage am Leubinger Fürstenhügel

Autobahnen und Autobahnraststätten — das sind für uns in erster Linie Orte der Effizienz: schnell und praktisch, komfortabel und charakterlos. Wie reine Transitorte erscheinen sie, entrückt vom Treiben in Dörfern und Städten. Doch selbstverständlich sind auch Verkehrsinfrastrukturen verwoben mit komplexen Kulturlandschaften, von denen wir jedoch viel zu selten etwas erfahren. Doch es gibt auch Ausnahmen, die Funktion mit Kulturgütern verbinden – wie die Tank- und Rastanlage am Leubinger Fürstenhügel, die Anfang Oktober 2021 feierlich in Gesamtbetrieb genommen wurde.

Alle Fotos: ©IBA Thüringen, Fotos: Thomas Müller

An der Autobahn 71 ist als Ergebnis einer Kooperation mehrerer Gestaltungdisziplinen ein Ort des Rastens geschaffen worden, der sowohl ästhetisch als auch horizonterweiternd auf die Reisenden einwirkt. Protagonist dieses eimaligen Ortes ist, wie der Name schon sagt, der frühbronzezeitliche Leubinger Fürstenhügel. Die Entstehungsgeschichte dieses Projekts muss daher — genau genommen — schon vor rund 4 000 Jahren angesetzt werden, als der Fürst, der in dem ursprünglich etwa zehn Meter hohen Grabhügel bestattet wurde, starb und die Hinterbliebene einen beispiellosen Aufwand unternahmen, um ihm ein Denkmal zu setzen. Der Archäologe Dr. Mario Küßner vom Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (TLDA) betont: „Das war eine Aufgabe, an der mehrere Dutzend, vermutlich eher Hunderte von Menschen über Monate, möglicherweise über Jahre hinweg beteiligt waren.“ Doch nicht nur die überwältigende Bauleistung erstaunt bei diesem Denkmal. Es sind die zahlreichen wertvollen Grabbeigaben, die in der Grabkammer neben den Überresten des Toten gefunden wurden: insgesamt ein halbes Pfund Goldschmuck, dazu Waffen sowie kostbare Alltagsgegenstände.

Tank- und Rastanlage am Leubinger Fürstenhügel – eine ungewöhnliche Zusammenarbeit

Von 2010 bis 2015 wurde im Umfeld des Grabhügels die Autobahn A71 neu gebaut — eine insbesondere für die Region sehr bedeutende Strecke, die heute von Schweinfurt über den Thüringer Wald und Erfurt bis nach Sangerhausen führt. Die mit Planung und Bau der Autobahn sowie der Tank- und Rastanlage am Leubinger Fürstenhügel vom Freistaat Thüringen beauftragte Projektmanagementgesellschaft DEGES Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH stand dabei von Beginn an in engem Austausch mit Dr. Mario Küßner von der Denkmalfachbehörde, dem Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie. „Es gab ein sehr großes Bewusstsein dafür, dass es sich hierbei um ein wichtiges Kulturdenkmal handelt, berichtet DEGES-Projektleiterin Britta Sauter, eine der zentralen Koordinatorinnen des gesamten Prozesses, „es war daher von Anfang an der Wunsch des Freistaates Thüringen, der Tank- und Rastanlage eine sogenannte ›thematische Prägung‹ durch den Fürstenhügel und das Thema der Archäologie zu geben“.

Die ungewöhnliche Entscheidung, die Tank- und Rastanlage am Leubinger Fürstenhügel mit dem Grabmonument zu verbinden, rief schließlich die Akteur*innen der IBA Thüringen auf den Plan. Wie IBA Projektleiterin Ulrike Rothe erläutert, erkannte man hier früh das enorme Potenzial eines ganzheitlich entwickelten Konzepts: „Für uns war der entscheidende Punkt, dass wir interdisziplinär denken müssen. Es müssen sowohl die Landschaftsarchitektur, die Architektur und das Kommunikationsdesign gemeinsam gedacht und ein Wettbewerb ausgelobt werden.“ So wurde nach Formulierung der komplexen Aufgabenstellung durch die DEGES mit Unterstützung durch das Weimarer Büro PAD in den Jahren 2014/2015 ein internationaler Wettbewerb ausgeschrieben, bei dem Teams aus jeweils einem Architektur-, einem Landschafts- und einem Kommunikationsdesignbüro Entwurfskonzepte vorlegten. Die IBA unterstützte hierbei mit ihrer fachlichen Expertise als Kooperationspartnerin in den gestalterischen Bereichen, insbesondere bei der Auswahl der Wettbewerbsjury.

Der passende Entwurf

Die Wettbewerbsjury wurde schließlich am meisten von dem Büro MONO Architekten, dem Landschaftsarchitekturbüro Planorama sowie dem Kommunikationsdesignbüro MUS (ehemals DAS MOMENT) — allesamt aus Berlin —überzeugt. Ihr gemeinschaftlich entwickeltes Entwurfskonzept war dabei bestechend klar und raffiniert zugleich: Der lang gezogene Baukörper des Rasthauses weist mit seiner verglasten Giebelseite auf den Leubinger Fürstenhügel, inszeniert ihn dabei und nimmt sich selbst optisch zurück. Eine vom Büro MUS konzipierte und vom TLDA fachlich begleitete, niedrigschwellige Ausstellung zur frühbronzezeitlichen Kultur im Inneren des Gebäudes setzt sich in den Außenanlagen als ›Zeitreiseweg‹ bis zum Hügel fort. Dieser soll mittels Informationstafeln ein schrittweises Eintauchen in die Vergangenheit der Region ermöglichen. Der Zeitreiseweg umrundet den Hügel und führt zu einer Aussichtsplattform auf der Hügelkuppe, von der aus sich den Besucher*innen ein beeindruckender Blick über das Thüringer Becken erschließt. Bis aber die Umsetzung des Projekts in Angriff genommen werden konnte, galt es, zunächst einen Betreiber — in der Fachsprache: einen Konzessionsnehmer — zu finden, der die Tank- und Rastanlage am Leubinger Fürstenhügel baut und über mehrere Jahrzehnte hinweg bewirtschaftet.

Alle Fotos: ©IBA Thüringen, Fotos: Thomas Müller

In einem europaweiten Vergabeverfahren setzte sich hierbei die Shell Deutschland GmbH durch, die sich, obwohl dies nicht verpflichtend war, auch für die Umsetzung des Siegerentwurfs aus dem Planungswettbewerb gewinnen ließ. Frank Warncke, Manager bei Shell Deutschland, würdigt dabei die Herangehensweise, die Besonderheit des Ortes zu inszenieren: „Die Region hat aus meiner Sicht die Chancen und Perspektiven des Standortes erkannt und optimal für die Gestaltung des Umfelds genutzt.“ Doch natürlich spielte auch die Wirtschaftlichkeit und Funktionalität des Gebäudeentwurfs eine entscheidende Rolle, die von den Wettbewerbssiegern gut mit der Gestaltung in Einklang gebracht wurde.

Dies betont insbesondere Projektleiterin Britta Sauter von der DEGES: „Begeistert hat mich das Verständnis bei den Wettbewerbsteilnehmern, sich wirklich an die funktionalen Vorgaben zu halten, um am Ende auch eine Aussicht auf Umsetzung zu haben.“ Bei der Gestaltung der mittlerweile fertiggestellten Tank- und Rastanlage am Leubinger Fürstenhügel diente der Fürstenhügel nicht nur bei der Gebäudeausrichtung als Impulsgeber. So berichtet Landschaftsarchitekt Ulf Schrader von Planorama: „Die neue Baumbepflanzung haben wir bewusst sehr artifiziell und in Kreisen angelegt, um die Form des Hügels aufzugreifen.“ Auch bei Form und Größe des Hauptbaukörpers orientierten sich die Architekten an der Archäologie: Namentlich am sogenannten Langhaus von Dermsdorf, einem frühbronzezeitlichen Versammlungsbau von etwa 44 mal 11 Metern, dessen Überreste in Sichtweite des Hügels vor einigen Jahren entdeckt wurden. „Diese Langhaus-Typologie haben wir als Inspiration mitgenommen und anschließend transformiert“, erläutert André Schmidt von MONO Architekten, der mit seinem Kollegen Jonas Greubel das Projekt betreut.

Alle Fotos: ©IBA Thüringen, Fotos: Thomas Müller

Während das Äußere des Baus von einer Metallfassade und dem Stahltragwerk bestimmt wird, überwiegt im Inneren des Gastraums eine Auskleidung aus Massivholz. „Es war eine Frage der Ruhe, des Rastens und der Kontemplation“, beschreibt Architekt Jonas Greubel die hier angestrebte Atmosphäre, „die Hoffnung ist, dass es hier einen überraschenden Moment für die klassischen Autoreisenden gibt, die erkennen, dass hier etwas anders ist, dass dies kein reiner Transitort ist, sondern wirklich ein Aufenthaltsort.“

Die Neugier der Reisenden, bei einem Spazier­gang auch den Hügel zu erkunden, soll durch die Blickbeziehung und die Ausstellung geweckt werden. Die hier integrierten Elemente enthalten Vitrinen mit Funden und Nachbildungen, ertast­bare Gegenstände, interaktive Karten sowie Hör­nischen. Dabei treten in der Vermittlung der his­torischen Inhalte auch Kontinuitäten bis ins Heute zutage, wie Kommunikationsdesigner Bram Loss von MUS verdeutlicht: „Diese Region konnte durch Handel und reisende Handwerker, die Tech­niken des Metallschmelzens hierherbrachten, be­sonders aufblühen und zu Wohlstand kommen — man kann durchaus Parallelen zwischen den damaligen Handels- und den heutigen Verkehrs­routen sehen.“

Ein StadtLandKnoten

In südlicher Richtung vom Leubinger Fürstenhü­gel ausgehend sind aufgrund des Autobahnbaus sogenannte Ausgleichsflächen geschaffen wor­den, in denen sich die Vegetation entfalten kann. Auch hierhin führt ein Weg, der schließlich in einer Art Landschaftsterrasse mitten im Grünen und mit Blick auf Architektur und Fürstenhügel mün­det. Die Reisenden können somit auf verschiede­nen Pfaden das eigentliche Raststättengelände verlassen, was in Deutschland im Übrigen unge­wöhnlich ist. „Von der Landschaftsterrasse und dem Hügel aus kann man in besonderer Weise die Kulturlandschaft wahrnehmen“, betont IBA Pro­jektleiterin Ulrike Rothe, „deswegen nehmen wir das Projekt sehr stark als StadtLandKnotenpunkt und als Schaufenster in die Region wahr.“ Diese Idee funktioniert dabei auch umgekehrt: Durch den nahe gelegenen Saale-Unstrut-Radweg sol­len auch Fahrradfahrende und Wandernde vom Fürstenhügel ausgehend den Zeitreiseweg zur Raststätte sowie die Gastronomie nutzen können.

Mit der Inbetriebnahme der Anlage Ende März 2021 und der eigentlichen Eröffnung im Oktober 2021 waren zahlreiche posi­tive Erwartungen verbunden: Neugier und Be­geisterung für die Archäologie sowie Interesse für die Landschaft und ihre Hintergründe zu we­cken. Mit der Aufwertung dieses ungewöhnlichen Ortes wird dabei das Potenzial von Architektur, Landschafts- und Kommunikationsgestaltung er­kennbar und somit veranschaulicht, dass Infra­strukturmaßnahmen nicht nur für die schnelle Be­friedigung der nötigsten Grundbedürfnisse von Reisenden, sondern durchaus für Aufenthaltsqua­lität und gesellschaftlichen Mehrwert stehen kön­nen.

Für die Projektakteur*innen hat sich zudem deutlich gezeigt, was eine intensive Zusammenarbeit vieler Disziplinen unter sorgsa­mer Koordination und guter Kommunikation her­vorzubringen vermag. „Beim Leubinger Fürstenhügel wurde durch die engagierte und kreative Arbeit einer Vielzahl von Menschen in Behörden, Unternehmen, in regionalen und lokalen Interes­sensgruppen die Chance genutzt, aus einer nor­malen Tank- und Rastanlage ein Highlight zu kre­ieren“, so fasst es Shell Deutschland Manager Frank Warncke zusammen. Hiermit kann der Prozess sicherlich für viele weitere Projekte in der Re­gion und bundesweit Modell stehen.

Übrigens: Die G+L 08/21 widmete sich komplett dem Bundesland Thüringen, das sich in den letzten Jahren zu so etwas wie einer Planungshochburg entwickelt hat. Das Heft ist hier im Shop erhältlich. Und das Editorial zur Thüringen-Ausgabe von Chefredakteurin Theresa Ramisch können Sie hier nachlesen.