Das Eisfjordzentrum bietet Schutz vor der arktischen Wildnis.

Das Eisfjordzentrum bietet Schutz vor der arktischen Wildnis. Foto: Adam Mørk

In der Stadt Ilulissat in Grönland hat seit Kurzem ein Eisfjord-Informationszentrum seine Tore geöffnet. Entworfen hat es die dänische Architektin Dorte Mandrup. Ganz am Rand der Unesco-geschützten arktischen Wildnis zelebriert die Architektur den weiten Blick über den Fjord mit einem transparenten, geschwungenen Baukörper. Doch muss man ein Gebäude am Rande der „unberührten Natur“ bauen, um auf die dramatischen Folgen des Klimawandels hinzuweisen?

 

 

Der spektakuläre Ilulissat-Eisfjord liegt direkt vor der Stadt gleichen Namens an der Westküste Grönlands, etwa 250 Kilometer nördlich des Polarkreises. Nun hat dort, ganz am Rand der Unesco-geschützten arktischen Wildnis ein Informations- und Gemeindezentrum eröffnet. Die Architektur zelebriert den weiten Blick über den Fjord mit einem transparenten, geschwungenen Baukörper.

Der Eisfjord gehört zu den „Big Arctic Five“, den touristisch vermarkteten Höhepunkten eines jeden Grönlandsurlaubs. Das sind neben der Kultur der Inuit, neben Hundeschlitten, Nordlichtern und Walen eben Schnee und Eis. Einerseits soll das Informationszentrum Tourist*innen anlocken und mit Ausstellungen über den Klimawandel informieren. Andererseits soll den Einheimischen als Veranstaltungsort dienen. Außerdem soll es Klimaforscher*innen rund um das Jahr offenstehen.

 

 

Grönland hat die Einnahmen aus dem Tourismus bitter nötig. Denn es herrscht viel Armut – Alkoholsucht und Depressionen sind häufig, hohe Suizidraten eine der größten Sorgen des Landes. Gründe dafür gibt es viele, darunter Schlafstörungen, ausgelöst durch den ununterbrochenen Sonnenschein, vor allem aber das Aufeinanderprallen der traditionellen Kultur mit der modernen westlichen Lebensweise. 88 Prozent der grönländischen Bevölkerung sind heute Inuit oder dänisch-inuit-gemischter Herkunft, man spricht grönländisch und dänisch. Zudem ist es mühsam, von einer Stadt in die andere zu gelangen. Landstraßen gibt es nicht, man reist per Flugzeug, Hubschrauber, Schneemobil oder Hundeschlitten. Bis heute gilt das Boot immer noch als populärstes Transportmittel.

 

Eingriff in Grönlands Natur?

 

Doch muss man ein Gebäude am Rande der Wildnis bauen, um auf die dramatischen Folgen des Klimawandels hinzuweisen? Warum gerade hier, am Rand der „unberührten Natur“ von Grönland bauen? Mit den Mehreinnahmen für die Stadt Ilulissat ist die Frage schnell beantwortet. Dorte Mandrup selbst sagt, ihr Entwurf sollte vor allem leicht wirken – wie der „Flügel einer Schnee-Eule“. Das Gebäude ruht auf Stützen, es wirkt wie vorübergehend abgestellt und scheint über dem zerklüfteten Terrain fast zu schweben. Die Flügelform rahmt einerseits den Ausblick auf den Fjord, schirmt aber andererseits auch Schnee und den eisigen Wind ab. „Das Eisfjordzentrum bietet Schutz in dieser dramatischen Landschaft und soll einen natürlichen Anlaufpunkt bilden, von dem aus man die endlosen, menschenfeindlichen Dimensionen der arktischen Wildnis, die Mitternachtssonne und das Nordlicht erleben kann“, erklärt Dorte Mandrup. Das Tragwerk besteht aus einer geschwungenen Reihe von 52 dreieckigen Stahlrahmen, die Verwendung von Beton hat sie minimiert.

 

 

Hauptattraktion des Gebäudes aber ist sein Dach, denn es ist begehbar, ist direkt an einen Wanderweg auf dem Terrain angeschlossen und führt diesen weiter. Von hier aus lassen sich nicht nur die beeindruckenden Eisberge in der Bucht, sondern auch die Stadt zu überblicken. So bildet diese öffentliche Institution eine Art Schwelle zwischen Zivilisation und Wildnis.

Die Räume des Zentrums sollen Bewohner*innen und Besucher*innen das ganze Jahr offenstehen, sie können aber auch von Unternehmen und Politiker*innen für Veranstaltungen genutzt werden. Hauptanziehungspunkt hier ist die Ausstellung mit drei zentralen Themen: „Der Lebenszyklus des Eises“, „Das Leben am Eisfjord“ und „Klimaveränderungen“. Sie wird gefördert von der dänischen philantropischen Gesellschaft Realdania sowie der Regierung von Grönland und zeigt, wie die verschiedenen Inuitkulturen unter diesen harschen Bedingungen gelebt haben und wie sich der Klimawandel vor Ort in der arktischen Landschaft auswirkt. So sind zum Beispiel Eisbohrkerne zu besichtigen, von denen sich das Klima von 124 000 Jahren vor Christus bis heute ablesen lässt.

 

Einblicke in die grönländische Kultur

 

Die Ausstellung beschäftigt sich auch mit der Kulturgeschichte der Einwohner*innen. Wie Historiker*innen nachweisen konnten, kamen die ersten Menschen um etwa 2 500 v. Chr. nach Grönland. So gibt es im Kinosaal Filme über die lange Kulturgeschichte zu sehen, dazu auch Interviews mit den Bewohner*innen Ilulissats, die über ihr alltägliches Leben sprechen und wie sie mit den Klimaveränderungen umgehen. Das Gebäude verfügt darüber hinaus über ein Café, einen Laden sowie Forschungs- und Seminarräume. In den Ausstellungsräumen kann man sich übrigens rundum auch auf Bänken ausruhen und mit Hilfe von Virtual-Reality-Brillen eine Reise zur grönländischen Forschungsstation EGRIP unternehmen.

 

 

Nicht zuletzt soll dieser Ort der Gemeinde als Festsaal dienen. So wird zum Beispiel traditionell gefeiert, wenn im Januar nach sechs Wochen Dunkelheit die Sonne auf- und dann 40 Minuten später auch gleich wieder untergeht. Dieser Anblick lässt sich auch von den Sitzplätzen auf einer der offenen Terrassen jeweils am Ende des Gebäudes genießen. Und auch sonst spüren Besucher den Einfluss lokaler Gepflogenheiten; so sollten sie nicht überrascht sein, wenn sie am Eingang gebeten werden, die Schuhe auszuziehen. Auch das basiert auf einer alten Tradition in Grönland und stärkt angeblich auch das sinnliche Erlebnis der Ausstellung.

Das Eisfjord-Center wurde im Juli 2021 eröffnet.

Im Hafen von Rotterdam entsteht eine neue architektonische Ikone. Erfahren Sie hier mehr über das de Wheel Projekt!

 

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Mit Grønningen-Bispeparken setzt Kopenhagen neue Maßstäbe für Klimaresilienz, Biodiversität und soziale Freiräume. Ein wegweisendes Projekt der Landschaftsarchitekten von SLA. Foto: SLA via v2com
Mit Grønningen-Bispeparken setzt Kopenhagen neue Maßstäbe für Klimaresilienz, Biodiversität und soziale Freiräume. Ein wegweisendes Projekt der Landschaftsarchitekten von SLA. Foto: SLA via v2com

Klimawandel, Starkregenereignisse und der Verlust biologischer Vielfalt stellen Städte weltweit vor neue Herausforderungen. Wie innovative Landschaftsarchitektur diesen Entwicklungen begegnen kann, zeigt der neue Klimapark Grønningen-Bispeparken in Kopenhagen eindrucksvoll. Auf einer Fläche von 20.000 Quadratmetern entstand im Stadtteil Nordvest ein öffentlicher Freiraum, der Regenwasser speichert, Biodiversität fördert und gleichzeitig ein lebendiger Treffpunkt für die Nachbarschaft ist.

Das international renommierte dänische Planungsbüro SLA verfolgt dabei einen konsequent naturbasierten Ansatz. Statt die Natur gestalterischen Vorgaben zu unterwerfen, folgt die Gestaltung den natürlichen Prozessen. Das Leitmotiv „Form follows Nature“ prägt jeden Bereich des Parks und macht ihn zu einem Vorzeigeprojekt moderner Klima- und Landschaftsarchitektur.

Vom Problemraum zum klimaresilienten Stadtpark

Die Freiflächen der in den 1950er-Jahren errichteten Wohnsiedlung Grønningen-Bispeparken waren über Jahrzehnte kaum genutzt. Große Rasenflächen ohne Aufenthaltsqualität, fehlende Spielmöglichkeiten sowie eine mangelhafte Regenwasserbewirtschaftung führten dazu, dass sich bei Starkregen regelrechte Wasserströme bildeten. Gleichzeitig boten die monotonen Grünflächen nur wenig Lebensraum für Pflanzen und Tiere.

Die Herausforderung bestand deshalb darin, die Freianlagen nicht nur gegen die Folgen extremer Wetterereignisse zu sichern, sondern gleichzeitig ihre ökologische und soziale Qualität grundlegend zu verbessern.

Schwammstadt-Prinzip konsequent umgesetzt

Herzstück des Projekts ist ein innovatives Regenwassermanagement nach dem Prinzip der Schwammstadt. Insgesamt 18 miteinander verbundene Bioswales – bepflanzte Mulden zur natürlichen Versickerung und Speicherung von Regenwasser – durchziehen den Park.

Diese naturnah gestalteten Retentionsflächen können mehr als 3.000 Kubikmeter Regenwasser aufnehmen, zwischenspeichern und langsam in den Boden ableiten. So wird nicht nur die Kanalisation entlastet, sondern gleichzeitig ein vielfältiger Lebensraum für Pflanzen und Tiere geschaffen.

Bemerkenswert ist dabei die doppelte Funktion der Bioswales. Sie dienen nicht ausschließlich dem Hochwasserschutz, sondern wurden bewusst als sogenannte „Social Swales“ gestaltet. Wege, Aufenthaltsbereiche und Spielräume integrieren sich harmonisch in die Regenwassermulden und machen sie zu attraktiven Begegnungsorten für die Bewohner.

Fünf Naturräume für Mensch und Biodiversität

Anstelle einer klassischen Parkgestaltung entwickelte SLA fünf unterschiedliche Landschaftstypologien, die jeweils spezifische ökologische und soziale Aufgaben übernehmen.

Die feuchten Bio-Oasen bieten geschützte Lebensräume für Flora und Fauna und stehen ganz im Zeichen der Biodiversität. Kleine trockene Biotope zwischen bestehenden Baumgruppen schaffen intime Rückzugsorte zum Spielen und Entspannen. Großzügige Gemeinschaftswiesen dienen als multifunktionale Flächen für Sport, Nachbarschaftsfeste oder Wochenmärkte. Ergänzt werden sie durch urbane Pocket-Plazas zwischen den Wohngebäuden sowie die sogenannten Bunker Hills, auf denen ehemalige Bunkeranlagen aus dem Kalten Krieg zu neuen Aufenthaltsorten umgestaltet wurden. Im Sommer entstehen hier sonnige Aussichtspunkte, im Winter verwandeln sich die modellierten Hügel in beliebte Rodel- und Spielflächen.

Dieses differenzierte Freiraumsystem schafft ganzjährig nutzbare Räume für unterschiedlichste Altersgruppen und Bedürfnisse.

Ein Weg, der der Natur folgt

Auch das Wegenetz verzichtet bewusst auf klassische Geradlinigkeit. Ein geschwungener Hauptweg aus wasserdurchlässigem Kies und gelben Klinkersteinen verbindet sämtliche Parkbereiche miteinander. Die Farbgebung nimmt Bezug auf die markante Grundtvig-Kirche, die das Stadtbild des Quartiers prägt.

An vielen Stellen scheint der Weg förmlich in der Vegetation zu verschwinden. Statt harter Grenzen entstehen fließende Übergänge zwischen gebautem Raum und Natur. Diese Gestaltung unterstützt nicht nur die ökologische Funktion des Parks, sondern lädt Besucher dazu ein, Landschaft bewusst zu erleben.

Mehr Biodiversität durch heimische Pflanzen

Ein zentrales Ziel des Projekts war die deutliche Steigerung der Artenvielfalt. Dafür wurden 149 neue Bäume aus 23 heimischen Arten gepflanzt. Ergänzend kamen mehr als vier Millionen Samen speziell entwickelter Saatgutmischungen zum Einsatz.

Die vorhandenen historischen Sanddornbestände blieben erhalten und wurden gezielt in die neue Vegetationsstruktur integriert. Ein dynamisches Pflegekonzept sorgt dafür, dass sich bewusst gestaltete Bereiche mit naturnahen Wildflächen abwechseln. So entstehen langfristig stabile Lebensräume für Insekten, Vögel und zahlreiche weitere Tierarten.

Kunst als Bestandteil der Landschaft

Ein besonderes Merkmal des Klimaparks ist die enge Verbindung von Landschaftsarchitektur, Kunst und Bürgerbeteiligung.

Im Auftrag des Dänischen Kunstrats entwickelte die Künstlerin Kerstin Bergendal über vier Jahre hinweg das Beteiligungsprojekt Concerning A Meadow. Gemeinsam mit dem Landschaftsstudio Efterland entstanden skulpturale Holzelemente, die sich selbstverständlich in die Parklandschaft einfügen.

Die Installationen dienen zugleich als Spielobjekte, Bewegungsangebote und Treffpunkte und fördern den informellen Austausch zwischen den Bewohnern.

Nachhaltigkeit bis ins Detail

Auch bei der Materialwahl setzte das Planungsteam konsequent auf Ressourcenschonung. Vorhandene Asphaltwege wurden entfernt und durch wasserdurchlässige Beläge ersetzt. Zahlreiche Baumaterialien stammen aus dem Materialbestand der Stadt Kopenhagen und wurden wiederverwendet oder hochwertig recycelt. Dadurch konnte der CO₂-Fußabdruck des Projekts erheblich reduziert werden.

Der Praxistest bestand bereits wenige Tage nach der Eröffnung

Die Wirksamkeit des Konzepts zeigte sich unmittelbar nach der offiziellen Eröffnung am 31. August 2024. Bereits fünf Tage später traf ein schweres Unwetter die dänische Hauptstadt. Während zahlreiche Straßen und Infrastrukturanlagen überflutet wurden, funktionierte Grønningen-Bispeparken exakt wie geplant.

Das Regenwasser wurde vollständig innerhalb des Parks aufgenommen und gespeichert. Statt Schäden verursachte der Niederschlag eine besonders eindrucksvolle Inszenierung der Landschaft – Wasser wurde nicht als Problem, sondern als gestaltendes Element sichtbar.

Ein internationales Vorbild für klimaresiliente Städte

Mit Grønningen-Bispeparken demonstriert Kopenhagen eindrucksvoll, wie zeitgemäße Landschaftsarchitektur ökologische Funktionen, soziale Aufenthaltsqualität und gestalterische Exzellenz miteinander verbinden kann.

Der Klimapark zeigt, dass urbane Freiräume künftig weit mehr leisten müssen als reine Erholung. Sie werden zu multifunktionalen Infrastrukturen, die Regenwasser speichern, Artenvielfalt fördern, das Mikroklima verbessern und gleichzeitig hochwertige öffentliche Räume schaffen.

Gerade vor dem Hintergrund zunehmender Extremwetterereignisse dürfte dieses Projekt weit über Dänemark hinaus als Referenz für zukünftige Stadtentwicklungen dienen. Grønningen-Bispeparken beweist eindrucksvoll, dass nachhaltige Klimaanpassung nicht mit Verzicht verbunden sein muss – sondern neue, lebenswerte Landschaften entstehen lässt, in denen Natur, Architektur und Gesellschaft gleichermaßen profitieren.