Margitta Buchert: Landschaftlichkeit als Architekturidee – Buchrezension

Eine mit hellen Betonplatten belegte Platzfläche erstreckt sich vor einem blaugrauen Himmel, einem kleinen See und bewaldeten Hügeln, die zum Wasser abfallen. Margitta Buchert, Landschaftlichkeit als Architekturidee. Cover ©JOVIS
Margitta Buchert, Landschaftlichkeit als Architekturidee. Cover © JOVIS

In ihrem Buch setzt sich Margitta Buchert, wie auch der Titel verrät, mit Landschaftlichkeit auseinander – was sie bedeuten und wie sie in der Architekturpraxis angewendet werden kann. Welche Architekt*innen sich bei den Beispielprojekten finden und welchen spannenden Fakt das Buch zu Singapur bereithält, erfahren Sie in unserer Rezension.

Worum es geht: 

Das Buch spürt der Frage nach, was Landschaftlichkeit bedeutet und wie sie als Konzept  in der Architekturpraxis Anwendung finden kann. Unter den Überbegriffen Urbane Dimensionen, Grüne Architektur: Grüne Stadt und Raumformation und Material beschreibt Margitta Buchert unterschiedliche Interpretationen von Landschaftlichkeit. Zu den Themenkomplexen sammelt sie herausragende Beispielprojekte namhafter Architekt*innen. Dabei sind MVRDV ebenso vertreten wie Stefano Boeri Architetti oder Peter Zumthor. Durch die Varianz an Projekten und Entwurfshaltungen wird deutlich, wie vielfältig das Verständnis von Landschaftlichkeit ist. Buchert gelingt es so, die Relevanz und das Potential des Konzeptes herauszukehren.

Was die Autorin auszeichnet:

Margitta Buchert wurde 2000 als Dozentin für Architektur und Kunst des 20./21. Jahrhunderts an die Fakultät für Architektur und Landschaft der Leibniz Universität Hannover berufen. Ihr Schwerpunkt liegt auf Inhalten zu Reflexivem Entwerfen, Urbaner Architektur sowie Ästhetik und Kontextualität von Architektur, Kunst, Stadt und Natur. Sie engagiert sich international, beispielsweise im Forschungsnetzwerk Communities of Tactit Knowledge.

Das ist eine tolle Aussage:

„So ist das Entwerfen vor Ort mit dem Wissen um viele andere Orte verbunden.“ (Seite 233)

Das ist eine Aussage, die nachhallt:

„Nicht skulpturale Objekthaftigkeit, vielmehr strukturell und materialästhetisch komplexe Relationen von Innen und Außen sowie unterschiedliche Grade von ‚zurückhaltender‘ Mannigfaltigkeit, Überschneidung und Intensivierung treten in den Vordergrund im Sinne von Raumformationen und Materialist, die den wahrnehmenden Menschen umgeben.“ (Seite 298)

Der Klappentext wird erfüllt, weil …

Der Klappentext verspricht eine umfassende Auseinandersetzung mit dem Konzept der Landschaftlichkeit durch diverse Projekte und Architekturverständnisse. Dies erfüllt das Buch.

Mit diesem Wissen aus dem Buch kann man angeben:

Ein spannender Fakt ist, dass in Singapur eine sogenannte Landscape Replacement Strategie besteht. Diese schreibt vor, dass bei einem Bauvorhaben 100 Prozent der Grundstücksfläche direkt durch Grün im Gebäudekontext zurückgegeben werden muss.

Mehr Klassiker als Trend, weil …

…es einen guten Überblick zur Thematik der Landschaftlichkeit gibt. Die Ausführungen zu den Aspekten Urbane Assemblage, Nachhaltigkeit und Biophilie und Topologie und Atmosphäre vermitteln ein grundlegendes Verständnis.

In Kürze

Haptik: Das Buch mit hellblauem Softcover-Einband liegt stabil in der Hand. Die höhere Papierstärke erzeugt einen hochwertigen Eindruck.

Design: Das Layout ist klar gegliedert, die Texte jeweils auf Englisch und Deutsch mit den ergänzenden Bildinhalten übersichtlich angeordnet.

Lesefluss: Margitta Buchert findet eine verständliche, zuweilen wissenschaftliche, zuweilen poetische Sprache. Die Abfolge aus Büro- und Projektbeschreibungen mit allgemeinen Konzepterklärungen ermöglichen ein kurzweiliges Leseerlebnis.

Bildsprache: Grafiken und Bilder illustrieren die Projekte reichhaltig. So werden die jeweils besprochenen Interpretationen der Landschaftlichkeit erkennbar.

Information: Die Projektbeschreibungen werden jeweils durch Einleitungen und Resümees zu jeweiligen Themenkomplex ergänzt. So wird eine umfassende Sichtweise auf die Thematik möglich.

Was sonst noch wichtig wäre:

Das Buch spricht sich für neue Herangehensweisen in der Gestaltungspraxis aus. Landschaftlichkeit ist dabei keine finale Theorie oder Allzwecklösung, sondern kann als Prozess dienen, mit den Herausforderungen der Zukunft kontextgerecht umzugehen. Margitta Buchert gelingt damit eine inspirierende Besprechung.

Mehr spannender Lesestoff: In seinem Buch „Zweifellos“ geht Ton Matton auf generelle Entwicklungen sowie eigene Erfahrungen bei Stadtplanungsprozessen ein. Die Rezension zu dem Buch finden Sie hier.

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Nidda Ufer: Wettbewerb entschieden

Der Siegervorschlag von Gerko Schröder sieht vor, die Nidda wieder zu den Bürger*innen der Stadt zu bringen. Bildquelle: Treibhaus Landschaftsarchitektur Hamburg
Der Siegervorschlag von Gerko Schröder sieht vor, das Nidda Ufer wieder zu den Bürger*innen der Stadt zu bringen. Bildquelle: Treibhaus Landschaftsarchitektur Hamburg

Der Wettbewerbssieger für die Neugestaltung des Nidda Ufers in der gleichnamigen hessischen Stadt ist entschieden: Der Entwurf von Gerko Schröder von Treibhaus Landschaftsarchitektur aus Hamburg hat gewonnen. Wie die Nidda wieder zu einem identitätsstiftenden, sichtbaren und zugänglichen Element im Stadtbild werden soll, lesen Sie hier.

Ein sichtbarer, erlebbarer Fluss

Fünf Büros haben am freiraumplanerischen Realisierungswettbewerb der Stadt Nidda teilgenommen und Vorschlage zur Integration der Gewässerflächen sowie zur Stärkung und Aufwertung des Naherholungsbereichs am Fluss gemacht. Am 27. Juni 2023 fand die Preisverleihung statt, bei der Gerko Schröder, Inhaber von Treibhaus Landschaftsarchitektur Hamburg, den ersten Preis für seinen Entwurf erhielt. Die Ergebnisse des Wettbewerbs sollen nun als Grundlage für die weiteren Planungsschritte dienen.

Das Ziel der Stadt Nidda besteht darin, den gleichnamigen Fluss in der Stadt wieder erlebbar zu machen, und zwar am besten schon zur Landesgartenschau. Diese ist für das Jahr 2027 in Oberhessen geplant. Aufgrund begrenzter Haushaltsmittel ist dafür ein abschnittsweises Vorgehen nötig.

Der Siegerentwurf wurde vom Preisgericht für seine gestalterische Umsetzung gelobt, zu der unter anderem eine Landschaftsbrücke mit Pergola, Sitzstufen am Wasser, eine Kneipp-Anlage, ein Café und ein Spielplatz gehören. Dadurch wird die Nidda wieder sichtbar und erlebbar. Club L94 Landschaftsarchitekten GmbH aus Köln und bierbaum aichele Landschaftsarchitekten Part.GmbB aus Mainz erhielten jeweils einen zweiten Preis. Insgesamt betrug das Preisgeld 45 000 Euro.

Visualisierung der Neugestaltung am Nidda-Ufer. Bildquelle: Treibhaus Landschaftsarchitektur Hamburg
Visualisierung der Neugestaltung am Nidda-Ufer. Bildquelle: Treibhaus Landschaftsarchitektur Hamburg

„Nidda an die Nidda“

Im Jahr 2019 erstellte die Stadt Nidda ein neues städtebauliches Entwicklungskonzept mit dem Leitbild „Nidda – Stadt am Fluß, Erschließung der Potenziale“. Darin geht es darum, die Stadt in baulicher, energetischer, funktionaler und gestalterischer Hinsicht an heutige und zukünftige Anforderungen anzupassen. Eine Aufwertung und Neugestaltung der Freiräume soll die Attraktivität der Region steigern und das Gewässer in das städtische Leben integrieren. Das Wettbewerbsgebiet umfasste daher etwa 2,8 Hektar, wobei es im städtebaulichen Teil insbesondere um mögliche Raumkanten ging.

Derzeit ist der Fluss, der die Stadt eigentlich prägt, durch Mauern und private Flächen sowie nicht zugängliche Uferbereiche geprägt. Nach dem Wettbewerb soll die Nidda künftig zwischen der Krötenburgstraße bis zur Höhe der Berufsschule anders aussehen. Unter dem Titel „Nidda an die Nidda“ schlägt Gerko Schröder vor, die Bürger*innen der Stadt ans Wasser zu holen. Dabei teilte er die Bereiche entlang des Flusses in die Abschnitte Park, urbaner Bereich und Landschaft ein.

Sitzstufen am Ufer sollen die Nidda wieder erlebbar machen. Bildquelle: Treibhaus Landschaftsarchitektur Hamburg
Sitzstufen am Ufer sollen die Nidda wieder erlebbar machen. Bildquelle: Treibhaus Landschaftsarchitektur Hamburg

Abwechslungsreiches Gegenüber der Nidda Ufer

Der Kernbereich vor der historischen Brücke am Eingang zur Altstadt ist heute vorwiegend ein Parkplatz. Sein Potenzial ist im Entwurf von Treibhaus Landschaftsarchitektur Hamburg realisiert, etwa mit Sitzstufen am Wasser, einer Landschaftsbrücke mit Pergola und einem Spielplatz. Ein Fitnessbereich für Erwachsene, eine Kneipp-Anlage und ein Café sowie eine neue Mühlterrasse mit Mühlenpanorama sollen den Park attraktiver machen. Dafür ist es nötig, weniger erhaltenswerte Gebäude abzureißen und eine neue städtebauliche Ordnung zu schaffen.

In Niddas Zentrum soll so ein lebendiger, öffentlicher Ort entstehen, der es möglich macht, den Flussbereich am Nidda Ufer in seiner ganzen Vielfalt zu erleben. Auch eine ökologische Aufwertung ist geplant. Zugleich soll Parkraum zurückgebaut werden, um das Verhältnis zwischen Autos und Fußgänger*innen neu zu ordnen. Laut Treibhaus Landschaftsarchitektur Hamburg soll die Neugestaltung des Flussufers zudem die deutsche Fachwerk- und die deutsche Alleenstraße mit der hessischen Apfelweinroute verknüpfen. Ebenso soll das abwechslungsreiche Gegenüber der beiden Flussufer durch attraktive Aufenthaltsräume erlebbar gemacht werden.

Apropos: Derzeit findet in Fulda die hessische Landesgartenschau 2023 statt.

Der Xiaoxita Forest Park in Yichang, China, verbindet nachhaltige Landschaftsarchitektur mit konsequentem Naturschutz: Alle bestehenden Bäume wurden erhalten und behutsam in die neue Parkgestaltung integriert. Foto: HID via v2com
Der Xiaoxita Forest Park in Yichang, China, verbindet nachhaltige Landschaftsarchitektur mit konsequentem Naturschutz: Alle bestehenden Bäume wurden erhalten und behutsam in die neue Parkgestaltung integriert. Foto: HID via v2com

Mit dem Xiaoxita Forest Park ist in der chinesischen Millionenstadt Yichang ein herausragendes Beispiel für zukunftsweisende Landschaftsarchitektur entstanden. Das vom Planungsbüro HID Landscape Architecture entwickelte Projekt zeigt eindrucksvoll, wie sich ein bestehender Stadtwald durch behutsame Eingriffe ökologisch aufwerten und zugleich als hochwertiger öffentlicher Freiraum neu erschließen lässt. Statt einer umfassenden Neugestaltung stand der respektvolle Umgang mit der vorhandenen Natur im Mittelpunkt – ein Ansatz, der international zunehmend als Vorbild für resiliente Stadtlandschaften gilt.

Stadtwald wird zum nachhaltigen Erholungsraum

Der rund 89 Hektar große Xiaoxita Forest Park liegt im Zentrum des Stadtteils Yiling in Yichang, entlang des Huangbai-Flusses. Über Jahre hinweg litt das Waldgebiet unter unübersichtlichen Wegen, veralteter Infrastruktur und einer zunehmenden Zerschneidung der Landschaft. Ziel der Neugestaltung war es daher, den Wald als wichtige ökologische Grünfläche zu erhalten und gleichzeitig seine Aufenthaltsqualität deutlich zu steigern.

Das Planungsteam folgte dabei konsequent der Leitidee Touching the Earth Lightly“ – die Landschaft sollte möglichst schonend weiterentwickelt werden, ohne ihre natürlichen Strukturen zu beeinträchtigen.

100 Prozent Baumerhalt als Planungsgrundsatz

Ein zentrales Merkmal des Projekts ist der vollständige Erhalt des vorhandenen Baumbestands. Sämtliche heimischen Bäume blieben während der Bauarbeiten erhalten. Neue Wege und Aufenthaltsbereiche wurden ausschließlich in bereits vorhandene Lichtungen integriert, wodurch umfangreiche Erdarbeiten vermieden werden konnten.

Auch bei den verwendeten Materialien setzte das Büro konsequent auf Nachhaltigkeit. Wasserdurchlässige Beläge aus regional gewonnenem Naturstein sowie begrünte Pflasterflächen ermöglichen die natürliche Versickerung von Regenwasser und unterstützen den lokalen Wasserkreislauf.

Renaturierung statt versiegelter Flächen

Ein wesentlicher Bestandteil der Umgestaltung war die ökologische Wiederherstellung zuvor technisch geprägter Bereiche. In enger Abstimmung mit den beteiligten Akteuren wurden ein stillgelegtes Pumpenhaus sowie kaum genutzte Parkplatzflächen zurückgebaut.

Dadurch konnten mehr als 1.200 Quadratmeter versiegelte Fläche wieder in durchlässige Grünflächen umgewandelt werden. Gleichzeitig entstand ein neuer Lebensraumkorridor für Tiere, während sich die Sichtbeziehungen zwischen Stadt und Wald deutlich verbesserten.

Architektur schont Wurzeln und Lebensräume

Auch die neu geschaffenen Bauwerke folgen dem Prinzip minimaler Eingriffe. Besonders markant ist die Mid-Hill Rest Stop, eine erhöhte Aussichtsplattform, die auf schlanken Punktfundamenten ruht. Dadurch werden Bodenverdichtungen vermieden und die empfindlichen Wurzelbereiche der Bäume dauerhaft geschützt.

Von der Plattform eröffnet sich den Besucherinnen und Besuchern ein weiter Blick über die bewaldete Tallandschaft. Selbst die Beleuchtung übernimmt mehrere Funktionen: Die Leuchten wurden zugleich als Nisthilfen für heimische Vogelarten gestaltet und fördern so die Artenvielfalt im Park.

Regionale Natursteine prägen darüber hinaus Wege, Sitzmauern und weitere Gestaltungselemente und stärken die Identität des Ortes.

Ein Park für Natur, Bildung und Gemeinschaft

Heute präsentiert sich der Xiaoxita Forest Park als vielschichtiger Landschaftsraum mit Uferpromenaden, Waldlichtungen und erhöhten Aussichtspunkten. Über 95 Prozent der Vegetation bestehen aus heimischen Pflanzenarten, wodurch die ökologische Qualität des Stadtwaldes langfristig gesichert wird.

Mit mehr als 2.000 Besucherinnen und Besuchern pro Tag erfüllt der Park zugleich wichtige soziale Funktionen. Spaziergänge, Freizeitaktivitäten und Naturerlebnisse finden hier ebenso Platz wie Umweltbildung. Informationstafeln wurden dezent in Natursteinmauern integriert und vermitteln Wissen über Flora, Fauna und ökologische Zusammenhänge, ohne das Landschaftsbild zu beeinträchtigen.

Modellprojekt für resiliente Stadtlandschaften

Der Xiaoxita Forest Park verdeutlicht, dass hochwertige Landschaftsarchitektur nicht zwangsläufig durch spektakuläre Neubauten entsteht. Vielmehr zeigt das Projekt, wie sich vorhandene Naturräume durch sensible Planung, minimale Eingriffe und konsequenten Ressourcenschutz nachhaltig weiterentwickeln lassen.

Mit seinem ganzheitlichen Ansatz verbindet der Park Biodiversität, Klimaanpassung und Aufenthaltsqualität auf beispielhafte Weise. Damit liefert HID Landscape Architecture ein überzeugendes Modell für die Zukunft urbaner Grünräume – eine Landschaft, in der menschliche Nutzung und ökologische Prozesse nicht im Widerspruch stehen, sondern sich gegenseitig stärken.