Marienplatz München: Schlafplatz statt Armlehne

Blick in einen röhrenartigen Gang, dessen Wände mit orangenen Paneelen verkleidet sind, er biegt nach rechts ab. Die Gänge des U-Bahnhofs am Münchner Marienplatz leuchten in markantem Orange. Der S-Bahnhof, an dem mehrere Aktivist*innen die Armlehnen von Sitzbänken abschraubten, liegt darüber. Foto: Nebojsa Pesic via Unsplash
Die Gänge des U-Bahnhofs am Münchner Marienplatz leuchten in markantem Orange. Der S-Bahnhof, an dem mehrere Aktivist*innen die Armlehnen von Sitzbänken abschraubten, liegt darüber. Foto: Nebojsa Pesic via Unsplash

Am S-Bahnhof Marienplatz München, den die Deutsche Bahn gegenwärtig modernisiert, sind bereits seit Längerem neue Sitzbänke für Wartende zu finden. Die Bänke – genauer gesagt die Armlehnen auf ihnen – nahm nun eine Gruppe von Aktivist*innen ins Visier. Diese wollen mit abgeschraubten Armlehnen auf defensive Architektur und den Umgang mit Obdachlosigkeit aufmerksam machen.

Am Dienstag, den 17. Januar 2023, hat eine Gruppe von Aktivist*innen am S-Bahnhof Marienplatz in München Armlehnen an mehreren Wartebänken abgeschraubt. Aus den in einzelne Plätze unterteilten Bänken wurden so längere Sitzflächen, die sich auch zum Liegen eignen. Mit der Aktion wollen die Aktivist*innen auf den Umgang mit Obdachlosigkeit aufmerksam machen. Über die Aktion berichteten Süddeutsche Zeitung, Merkur und Abendzeitung übereinstimmend.

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Selbst handeln statt warten

Die Medienhäuser zitieren in ihren Berichten aus einer wohl anonymen Mitteilung der Gruppe. Das Motto der Aktivist*innen: „Wir lassen uns nicht verdrängen“. Einer Partei oder Organisation ordneten diese sich selbst nicht zu; sie hätten sich spontan zusammengeschlossen. Auf 23 Bänken am S-Bahnhof Marienplatz München entstanden Schlafplätze. Einzelne Armlehnen blieben für Menschen, die diese benötigen, angeschraubt.

Die Armlehnen hätten die Aktivist*innen entfernt, „um auf die Verdrängung von obdachlosen Menschen aufmerksam zu machen“, zitieren AZ sowie Merkur aus dem Statement. Sie hätten beschlossen selbst zu handeln, statt auf eine Lösung der Probleme durch Parteien zu warten.

„Gezielt marginalisierte Gruppen verbannen“

Wie der Berichterstattung zu entnehmen ist, nahmen die Aktivist*innen die Armlehnen am Marienplatz wohl als Beispiele für „defensive Architektur“ wahr. Defensive oder feindliche Architektur, hostile design, Anti-Obdachlosen-Architektur – das meint bauliche Maßnahmen, die zum Beispiel im öffentlichen Raum oder öffentlichen Gebäuden bestimmte Handlungen unterbinden oder Personengruppen, die die Anbringenden als „unerwünscht“ wahrnehmen, fernhalten sollen. Elemente wie Pflastersteine unter Brücken, Zacken auf Flächen oder Armlehnen auf Bänken sollen etwa verhindern, dass obdachlose Menschen sich dort länger aufhalten können. Bei der Wahl zum Unwort des Jahres 2022 landete der Begriff defensive Architektur auf dem dritten Platz: Dabei kritisierte die Jury „die irreführende euphemistische Bezeichnung einer menschenverachtenden Bauweise, die gezielt marginalisierte Gruppen aus dem öffentlichen Raum verbannen möchte.“

Armlehnen an Bänken, wie hier vor dem Westbahnhof in Wien, können beim Aufstehen unterstützen – oder verhindern, dass man sich hinlegt. Foto: Herzi Pinki, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Armlehnen an Bänken, wie hier vor dem Westbahnhof in Wien, können beim Aufstehen unterstützen – oder verhindern, dass man sich hinlegt. Foto: Herzi Pinki, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Armlehnen sollen wieder angebracht werden

Die Deutsche Bahn modernisiert in München aktuell fünf unterirdische S-Bahnhöfe. Der Marienplatz ist ebenfalls einer davon. Dort gehörten zu den Maßnahmen neben neuen Verkleidungen von Säulen, Wänden und Decke auch die neue Möblierung. Im Februar 2020 berichtete die Abendzeitung bereits über Kritik an den neuen Bänken: Obdachlose könnten nicht auf den Bänken schlafen und für manche Menschen könnten die abgetrennten Sitzbereiche zu schmal sein. Aus dem Bericht geht nicht hervorgeht, wer die Kritik äußerte. Die Deutsche Bahn habe die Vorwürfe jedoch zurückgewiesen.

Auf Anfrage der G+L erklärte eine Sprecherin der Deutschen Bahn, dass die S-Bahnhöfe modernisiert würden, um allen einen angenehmen Aufenthalt zu ermöglichen. Man wolle Reisenden und Bahnhofsbesucher*innen attraktive Bahnhöfe bieten – „defensive Architektur oder exkludierende Strukturen passen nicht zu diesem Anspruch.“ Zu ihren Wartebänken führt die Deutsche Bahn an, dass man auf diesen gut sitzen können solle. Armlehnen ermöglichten, mit „angenehmem Abstand“ zu Fremden Platz zu nehmen, und seien Standard für Wartemöbel, so auch an vergleichbaren Orten wie Flughäfen. Personen mit Mobilitätseinschränkungen helfen sie beim Aufstehen oder Hinsetzen.

Schließlich verweist die Sprecherin darauf, dass die Obdachlosenhilfe der Deutschen Bahn ein wichtiges Anliegen sei: „So engagiert sich die von ihr finanzierte Deutsche Bahn Stiftung gemeinsam mit ihrem langjährigen Partner, der Bahnhofsmission, für Menschen in schwierigen Lebenslagen und hilft Menschen ohne festen Wohnsitz.“ Der SZ zufolge äußerte ein Sprecher der Deutschen Bahn zudem, dass man Anzeige wegen Sachbeschädigung erstatten werde. Die Armlehnen an den Bänken am Marienplatz München sollen wieder angebracht werden.

Stadtratsantrag gegen menschenfeindliche Architektur

In ihrem Statement sollen die Aktivist*innen auf eine Broschüre des Stadtmobiliar-Herstellers Metdra verwiesen haben. Der Hersteller schreibe in dieser: „Die optionalen Armlehnen ermöglichen ein leichtes Aufstehen und verhindern gleichzeitig den Missbrauch zum Liegen.“ Metdra gibt auf der eigenen Webseite an, Bahnsteigmobiliar für die Deutsche Bahn zu liefern. In einer nicht datierten Broschüre von Metdra zu „Mobiliar für den ÖPNV und die Deutsche Bahn AG“ sind dem obigen Zitat gleichende Aussagen – dass Armlehnen eine „unerwünschte Nutzung als Liegeplatz“ verhinderten – unter anderem in der Beschreibung zweier Bankmodelle für die Deutsche Bahn zu finden. Ob die Sitzbänke, von denen die Aktivist*innen am Marienplatz die Armlehnen abschraubten, ebenfalls von Metdra stammen, konnte nicht recherchiert werden. Auf eine Anfrage an den Hersteller erhielt G+L bislang keine Antwort.

Einen Tag nach der Aktion wandte sich die Stadtratsfraktion der Parteien Die Linke und Die Partei mit einem Antrag an den Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter. Die Anfrage initiierte Stadträtin Marie Burneleit, die für Die Partei im Stadtrat sitzt. Unter dem Betreff „Defensive Architektur verbieten – Keine menschenfeindliche Architektur in München“ fordert die Fraktion die Stadtverwaltung auf, umgesetzte oder geplante defensive Architektur aufzulisten. Zudem fragen sie nach Vorschlägen, wie diese entfernt oder menschenfreundlicher gestaltet und zukünftig im Stadtgebiet verboten werden könnte. Als Beispiele für defensive Architektur in München nennen sie unter anderem Rundbänke an Bahnhöfen, die Armlehnen unterteilen.

Nicht die Menschen sind das Problem

Die Aktion am Marienplatz München soll den Aktivist*innen zufolge über die Sitzbänke dort hinausweisen: „Bei unserer Aktion geht es nicht nur um die einzelnen Bänke. Es braucht ein Umdenken zur Frage, wie wir als Gesellschaft mit Obdachlosigkeit umgehen wollen. Wir denken, dass nicht die Menschen, welche durch diese Architektur verdrängt werden sollen, das Problem sind. Es sind die Zustände, in denen sie leben müssen, die falsch sind“, zitieren die Medienberichte aus dem Statement der Gruppe.

Was tut sich sonst noch so in München? Die Büros MLA+ und Lohrengel Landschaft gewannen im Herbst 2022 den städtebaulichen sowie landschaftsplanerischen Wettbewerb zu einem neuen Quartier. Lesen Sie hier mehr darüber, was geplant ist für den Münchner Dreilingsweg.

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Wie Basel grenzüberschreitend Klimaanpassung plant

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Modernes Hochhaus vor einer grünen Wiese im Tageslicht, fotografiert von Jack Dong

Klimaanpassung als grenzüberschreitende Teamleistung? Basel macht vor, was für viele Städte noch wie eine Vision klingt: Klimaanpassung funktioniert nicht an Stadtgrenzen – und schon gar nicht am Rheinufer. Die Region Basel setzt auf Kooperation, Datenintelligenz und mutige Planung über Ländergrenzen hinweg. Das Ergebnis: Ein Modellfall, der Stadtplaner, Landschaftsarchitekten und urbane Strategen im gesamten deutschsprachigen Raum inspiriert – und herausfordert.

  • Wie Basel Klimaanpassung als integrale, grenzüberschreitende Aufgabe neu denkt und organisiert.
  • Welche konkreten Projekte und Kooperationen im Dreiländereck umgesetzt werden – mit Fokus auf Resilienz, Wasser, Grünräume und Hitze.
  • Warum Governance, Datenmanagement und Beteiligung zentrale Stellschrauben für den Erfolg sind.
  • Wie technische Innovationen, digitale Werkzeuge und wissenschaftliche Expertise ineinandergreifen.
  • Welche Herausforderungen bei Recht, Finanzierung und Planungskultur auftreten – und wie Basel sie angeht.
  • Was andere Städte von Basels Ansatz lernen können und welche übertragbaren Modelle existieren.
  • Wie die Region Basel mit ambitionierten Zielen und pragmatischem Handeln eine Blaupause für eine klimaangepasste Stadtregion liefert.

Basel als Labor für grenzüberschreitende Klimaanpassung: Warum hier die Zukunft gebaut wird

Die Region Basel steht wie kaum eine andere für urbane Transformation unter besonderen Bedingungen. Einerseits die dichte Stadt mit ihrer historischen Altstadt, innovativen Bauten und weltbekannten Museen. Andererseits die Lage im Dreiländereck, wo Deutschland, Frankreich und die Schweiz aufeinandertreffen – und der Rhein als Lebensader, Verkehrsweg und Risikofaktor durch die Stadt mäandert. Gerade diese Konstellation macht Basel zu einem Hotspot der Klimaanpassung. Denn Klimarisiken wie Hitzewellen, Starkregen oder Trockenperioden halten sich bekanntermaßen nicht an administrative Linien. Und so ist Klimaanpassung in Basel per Definition eine grenzüberschreitende Aufgabe – räumlich, institutionell und kulturell.

Schon aus geografischer Notwendigkeit hat die Region früh begonnen, Klimaanpassung als gemeinsames Projekt zu begreifen. Die Stadt Basel, das Umland in Deutschland (Landkreis Lörrach) und Frankreich (Département Haut-Rhin) sowie zahlreiche Kommunen arbeiten seit Jahren in interkommunalen Netzwerken zusammen. Diese Kooperationen sind nicht nur Lippenbekenntnisse, sondern manifestieren sich in konkreten Programmen, gemeinsamen Strategien und abgestimmten Maßnahmen – von der Hochwasservorsorge bis zur Grünflächengestaltung. Die Metropolregion Basel versteht sich mittlerweile als Reallabor für eine neue Generation klimarobuster Städte, die Grenzen als Chance statt als Hürde begreifen.

Das Grundprinzip dieser Zusammenarbeit ist radikal einfach und doch selten: Probleme werden gemeinsam analysiert, Daten werden in bi- und trilateralen Teams geteilt, Lösungen werden abgestimmt entwickelt. Statt Kirchturmpolitik dominiert der Pragmatismus der Notwendigkeit. In der Praxis bedeutet das etwa, dass die Hochwassergefahr nicht nur auf Basler Stadtgebiet, sondern entlang des gesamten Rheinverlaufs betrachtet wird. Oder dass neue stadtnahe Parks so geplant werden, dass sie auch den Bewohnern von Weil am Rhein oder Saint-Louis zugutekommen. Klimaanpassung wird damit zur regionalen Gemeinschaftsaufgabe – und das mit einer Professionalität, die in Europa ihresgleichen sucht.

Doch Basel wäre nicht Basel, wenn es nur um pragmatische Zweckbündnisse ginge. Die Stadt ist auch ein Ort für Experimente und Innovationen. Sei es die Nutzung von Echtzeitdaten zur Steuerung von Wassermanagementsystemen, die Entwicklung digitaler Stadtmodelle für die Risikovorsorge oder die konsequente Einbindung universitärer Forschung in die Planungspraxis – Basel setzt auf einen Dreiklang aus Technik, Governance und Bürgerbeteiligung. Dadurch entsteht ein neues Selbstverständnis: Klimaanpassung ist kein punktuelles Projekt, sondern ein fortlaufender Prozess, der an vielen Stellen gleichzeitig ansetzt.

Die Ergebnisse sprechen für sich: Basel hat nicht nur einzelne Pilotprojekte vorzuweisen, sondern ein umfassendes, skalierbares System für Klimaanpassung etabliert. Das reicht von der Umgestaltung urbaner Plätze für mehr Verschattung und Wasserretention über die Vernetzung von Grünflächen bis hin zu grenzüberschreitenden Frühwarnsystemen. So wird Basel zum Vorbild für Städte, die sich nicht mit nationalen Grenzen aufhalten wollen, sondern die Herausforderungen des Klimawandels als gemeinsame Aufgabe annehmen.

Instrumente, Projekte und Partnerschaften: So arbeitet Basel an der Resilienz der Stadtregion

Klimaanpassung ist in Basel alles andere als ein Buzzword. Vielmehr ist sie zentraler Bestandteil der Stadt- und Regionalentwicklung – mit einem beeindruckenden Instrumentarium, das weit über klassische Planungsansätze hinausgeht. Im Zentrum steht der sogenannte „Klimaanpassungsplan Basel“, der gemeinsam mit Partnerkommunen und Experten aus Wissenschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft entwickelt wurde. Dieser Plan definiert Leitlinien, Ziele und konkrete Maßnahmen – von der Stärkung der Schwammstadtprinzipien bis zur Verbesserung des städtischen Mikroklimas.

Ein zentrales Element ist die Wassermanagement-Strategie. Basel liegt am Rhein, und der Fluss ist Segen und Risiko zugleich. Die Stadt setzt daher auf eine Kombination aus technischen Hochwasserschutzanlagen, ökologischer Flussraumgestaltung und digitaler Überwachung. Sensoren messen Pegelstände, Temperaturen und Durchflussmengen in Echtzeit und speisen diese Daten in ein grenzüberschreitendes Frühwarnsystem ein. So können Hochwassergefahren früh erkannt und abgestimmte Maßnahmen in allen beteiligten Kommunen ausgelöst werden. Das ist nicht nur effizient, sondern auch ein Musterbeispiel für datengetriebene, kooperative Resilienzplanung.

Auch die Hitzevorsorge wird konsequent angegangen. In enger Zusammenarbeit zwischen Landschaftsarchitekten, Stadtklimatologen und Planungsämtern werden urbane Hitzeinseln identifiziert und Gegenmaßnahmen entwickelt. Dazu gehören die Entsiegelung von Flächen, die Pflanzung hitzeresistenter Bäume und die Schaffung von kühlen Rückzugsorten im Stadtraum. Besonders spannend ist der Ansatz, diese Maßnahmen nicht nur auf Basler Stadtgebiet zu beschränken, sondern sie auch auf deutsche und französische Nachbargemeinden auszuweiten. So entsteht ein zusammenhängendes Netz aus grünen Korridoren und Frischluftschneisen, das über die Stadtgrenzen hinauswirkt.

Ein weiteres Highlight ist das Projekt „3Land“ – eine gemeinsame Entwicklungsinitiative von Basel, Weil am Rhein und Huningue. Ziel ist die Transformation des Rheinufers in einen attraktiven, klimaangepassten Landschaftsraum, der sowohl Aufenthaltsqualität als auch Hochwasserschutz bietet. Hier werden neue Parkanlagen, Uferpromenaden und Freizeitflächen geschaffen, die explizit auf die Bedürfnisse der Bevölkerung auf beiden Seiten des Rheins eingehen. Dabei werden Planungsprozesse, Bürgerbeteiligung und Finanzierung grenzüberschreitend organisiert – eine logistische und kommunikative Meisterleistung.

Nicht zuletzt setzt Basel auf eine enge Verzahnung mit der Wissenschaft. Die Universität Basel, das ETH-Netzwerk und zahlreiche Forschungsinstitute liefern die notwendigen Daten, Modelle und Methoden, um Klimaanpassung auf wissenschaftlich fundierte Beine zu stellen. Digitale Stadtmodelle, Klimasimulationen und Szenarienrechnungen werden in die Planung integriert und helfen, Risiken und Potenziale präzise zu bewerten. So wird Klimaanpassung von einer abstrakten Policy zur gelebten Praxis – nachvollziehbar, überprüfbar und fortlaufend optimierbar.

Governance, Daten und Partizipation: Die verborgenen Erfolgsfaktoren der Basler Klimastrategie

Die eigentliche Innovation Basels liegt weniger in einzelnen Projekten als vielmehr im Governance-Design. Klimaanpassung wird hier als Querschnittsaufgabe verstanden, die klassische Ressortgrenzen sprengt. Es gibt keine „Klimaanpassungsinsel“, sondern ein Netzwerk von Akteuren aus Stadt, Region, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Entscheidungsprozesse werden transparent gestaltet, Verantwortlichkeiten klar definiert, und die Umsetzung wird laufend überprüft. Gerade im Dreiländereck ist das eine enorme Herausforderung: Unterschiedliche Rechtssysteme, Planungsphilosophien und Verwaltungspraktiken müssen harmonisiert werden. Basel begegnet dieser Komplexität mit einer Mischung aus institutioneller Flexibilität und pragmatischer Zusammenarbeit.

Ein Schlüssel zum Erfolg sind die gemeinsamen Datenplattformen. Die Region Basel hat früh damit begonnen, Klimadaten, Geoinformationen und Umweltdaten zu standardisieren und über digitale Schnittstellen auszutauschen. So entsteht eine gemeinsame Wissensbasis, die für alle Partner zugänglich ist – von der Planungsbehörde bis zum engagierten Bürger. Diese Offenheit ist kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung für eine effektive, grenzüberschreitende Steuerung von Risiken und Ressourcen. Und sie ermöglicht es, Simulationen, Szenarien und Monitoring in Echtzeit zu betreiben – ein Quantensprung gegenüber klassischen Planungsverfahren.

Partizipation wird in Basel nicht als lästige Pflicht, sondern als strategischer Vorteil begriffen. Die Bevölkerung wird von Anfang an in die Entwicklung von Maßnahmen eingebunden – sei es über klassische Beteiligungsformate, digitale Plattformen oder temporäre Interventionen im Stadtraum. Das fördert Akzeptanz, bringt lokales Wissen ein und schafft eine breite Basis für die Umsetzung. Gerade bei grenzüberschreitenden Projekten ist diese Einbindung entscheidend, um kulturelle Unterschiede zu überbrücken und gemeinsame Ziele zu formulieren. Basel zeigt, dass Beteiligung und Professionalität keine Gegensätze sein müssen, sondern sich gegenseitig beflügeln.

Eine weitere Stärke der Basler Strategie ist die iterative Planungskultur. Klimaanpassung wird als lernendes System verstanden: Maßnahmen werden laufend evaluiert, Erfolge und Misserfolge transparent kommuniziert, und Strategien werden flexibel angepasst. Diese Offenheit für Fehler und Veränderung ist im deutschen Planungskontext noch immer selten – und gerade deshalb so wirkungsvoll. Sie sorgt dafür, dass Klimaanpassung in Basel nicht im Aktenordner verschwindet, sondern im Alltag der Stadt und Region lebt.

Schließlich ist die Finanzierung ein zentrales Thema. Klimaanpassung kostet – und gerade im grenzüberschreitenden Kontext ist die Mittelbeschaffung eine Herausforderung. Basel nutzt eine breite Mischung aus kommunalen Mitteln, nationalen Förderprogrammen, europäischen Fonds (wie Interreg) und privaten Partnerschaften. Entscheidend ist dabei die Fähigkeit, Projekte so aufzusetzen, dass sie für alle Partner einen Mehrwert bieten und als Gemeinschaftsaufgabe wahrgenommen werden. Diese Kunst der Kooperation ist vielleicht die wichtigste Ressource der Basler Klimaanpassung – und ein Vorbild für andere Städte.

Herausforderungen, Lehren und Potenziale: Was deutsche Städte von Basel übernehmen können

Basel hat beeindruckende Fortschritte gemacht, doch der Weg zur klimaresilienten Stadtregion ist auch hier kein Selbstläufer. Die Herausforderungen sind zahlreich – und viele davon kennen auch deutsche Städte nur allzu gut. Da ist zum einen die Komplexität der Zusammenarbeit über unterschiedliche Verwaltungsebenen hinweg. Unterschiedliche Gesetze, Planungsinstrumente und Prioritäten müssen in Einklang gebracht werden. Basel zeigt, dass dies mit klaren Strukturen, regelmäßigen Abstimmungen und einer gemeinsamen Vision gelingen kann – aber es braucht Geduld, Verhandlungsgeschick und den Willen, auch unbequeme Kompromisse einzugehen.

Ein weiteres Lernfeld ist das Datenmanagement. Der Aufbau gemeinsamer Plattformen und die Standardisierung von Datenformaten sind anspruchsvolle Aufgaben, die technisches Know-how und institutionelle Offenheit erfordern. Der Basler Weg zeigt: Ohne eine solide Datenbasis bleibt Klimaanpassung Stückwerk. Für deutsche Städte bedeutet das, frühzeitig in Dateninfrastruktur, Schnittstellen und Kompetenzen zu investieren – und den Mut zu haben, auch mit Nachbarstädten und Regionen zu kooperieren, selbst wenn die IT-Landschaften unterschiedlich sind.

Auch die Frage der Beteiligung ist übertragbar. Basel beweist, dass frühe, transparente und echte Einbindung der Bevölkerung nicht nur möglich, sondern erfolgskritisch ist. Die Erfahrung zeigt: Wer Bürger bei der Entwicklung und Umsetzung von Maßnahmen mitnimmt, kann auf breite Unterstützung bauen – und profitiert vom lokalen Wissen, das in keiner Expertenrunde zu finden ist. Deutsche Städte können hier von den vielfältigen Basler Beteiligungsformaten lernen und eigene, kontextspezifische Wege gehen.

Ein besonders relevantes Thema für viele Kommunen ist die Finanzierung. Basel nutzt geschickt nationale, europäische und private Mittel, um Projekte zu realisieren. Der Schlüssel liegt darin, Klimaanpassung als Querschnittsaufgabe zu definieren und Synergien mit anderen Politikfeldern zu nutzen – von der Stadtentwicklung über den Katastrophenschutz bis zur Biodiversitätsförderung. Für deutsche Städte bedeutet das, Fördermöglichkeiten kreativ zu kombinieren und Klimaanpassung als Bestandteil jeder Investition zu denken.

Nicht zuletzt ist die Planungskultur entscheidend. Basel lebt eine Kultur des Experimentierens, Lernens und Anpassens. Fehler werden nicht versteckt, sondern als Chance zur Verbesserung begriffen. Diese Offenheit ist im deutschen Kontext noch nicht flächendeckend angekommen, birgt aber enormes Potenzial für effektive Klimaanpassung. Die Lehre aus Basel: Mut zum Handeln, Offenheit für Kooperation und die Bereitschaft, eingefahrene Planungsprozesse zu hinterfragen, sind die wahren Treiber der Transformation.

Ausblick: Basel als Blaupause – und warum Klimaanpassung über Grenzen hinaus gedacht werden muss

Die Region Basel hat vorgemacht, wie Klimaanpassung in komplexen urbanen Räumen funktionieren kann – vorausgesetzt, man nimmt die Herausforderung ernst, denkt räumlich über Grenzen hinweg und schafft die institutionellen, technischen und sozialen Grundlagen für Kooperation. Was hier gelingt, ist kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis jahrelanger, zielgerichteter Arbeit an Schnittstellen. Basel beweist: Klimaanpassung ist keine rein technische Herausforderung, sondern eine Frage von Governance, Vertrauen und der Bereitschaft, neue Wege zu gehen.

Andere Städte und Regionen im deutschsprachigen Raum können und sollten von Basel lernen. Die Übertragbarkeit ist kein Selbstläufer, aber die Prinzipien – Kooperation, Datenintelligenz, Partizipation und iterative Planung – sind universell. Es geht darum, Klimaanpassung nicht als Zusatzaufgabe, sondern als integralen Bestandteil jeder Stadtentwicklung zu begreifen. Und es geht darum, die eigenen Stadtgrenzen nicht als Limit, sondern als Anstoß für Zusammenarbeit zu sehen.

Die Herausforderungen des Klimawandels machen vor administrativen Linien keinen Halt. Hochwasser, Hitze, Trockenheit und Biodiversitätsverlust sind regionale beziehungsweise globale Phänomene. Basel zeigt, wie man darauf professionell, innovativ und partizipativ reagieren kann – und liefert damit eine Blaupause für die klimaangepasste Stadtregion der Zukunft.

Für Planer, Landschaftsarchitekten und urbane Strategen im gesamten deutschsprachigen Raum ist Basel ein wertvoller Referenzfall. Die dort entwickelten Instrumente, Kooperationsformen und Projekte bieten eine reiche Quelle an Inspiration und Handlungsoptionen. Wer die Zukunft der Klimaanpassung gestalten will, muss nicht alles neu erfinden – aber bereit sein, von erfolgreichen Beispielen zu lernen und sie an den eigenen Kontext anzupassen.

Das Fazit: Klimaanpassung ist mehr als Technik und Maßnahmenkataloge. Sie ist ein Prozess des gemeinsamen Lernens, der Offenheit und der kreativen Kooperation. Basel hat vorgemacht, wie es geht – jetzt liegt es an anderen Städten, nachzuziehen. Denn der Klimawandel wartet nicht auf nationale Zuständigkeiten. Wer heute Grenzen überwindet, gestaltet die resiliente Stadtregion von morgen.

Zusammenfassend zeigt das Beispiel Basel eindrucksvoll, wie Klimaanpassung als grenzüberschreitende, integrative und lernende Aufgabe funktionieren kann. Die Region setzt Maßstäbe bei Kooperation, Datenmanagement, Partizipation und Planungskultur. Deutsche, österreichische und schweizerische Städte können aus dem Basler Modell wertvolle Impulse ziehen: Klimaanpassung verlangt neue Allianzen, Offenheit für Innovation – und vor allem den Mut, Stadtgrenzen als Einladung zur Zusammenarbeit zu begreifen. Das Ergebnis ist eine Stadtregion, die nicht nur auf den Klimawandel reagiert, sondern ihn aktiv gestaltet. Wer Zukunft will, muss jetzt über Grenzen denken – Basel hat vorgemacht, wie es geht.

Der Willy-Brandt-Platz München wird grüner: Die geplante Umgestaltung bringt mehr Natur, Schatten und Aufenthaltsqualität in die Messestadt Riem. Visualisierung: © Burger Landschaftsarchitekten Susanne Burger und Peter Kühn Partnerschaft
Der Willy-Brandt-Platz München wird grüner: Die geplante Umgestaltung bringt mehr Natur, Schatten und Aufenthaltsqualität in die Messestadt Riem. Visualisierung: © Burger Landschaftsarchitekten Susanne Burger und Peter Kühn Partnerschaft

Der Willy-Brandt-Platz in der Messestadt Riem steht vor einer umfassenden Neugestaltung, die seine Attraktivität und Aufenthaltsqualität erheblich steigern wird. Der Bauausschuss des Münchner Stadtrats hat diesem Vorhaben zugestimmt und dem Baureferat die Projektgenehmigung erteilt. Die Planungen basieren auf den Anregungen und Wünschen der lokalen Bevölkerung und zielen darauf ab, den Platz in einen lebendigen und einladenden Ort zu verwandeln.

Aktuelle Situation und Herausforderungen

Der etwa 14.000 Quadratmeter große Willy-Brandt-Platz präsentiert sich derzeit als weitläufige, versiegelte Fläche mit geringer Aufenthaltsqualität. Die dominante Betonlandschaft, der Mangel an Grünflächen und die fehlende Strukturierung tragen dazu bei, dass der Platz von den Anwohnern kaum genutzt wird. In den letzten zwei Jahrzehnten fanden hier nur selten Veranstaltungen statt, was die fehlende Akzeptanz und Belebung des Areals unterstreicht.

Geplante Umgestaltungsmaßnahmen

Die Neugestaltung des Willy-Brandt-Platzes verfolgt ein integratives Konzept, das Elemente eines Platzes, Parks und Biotops vereint. Ziel ist es, einen klimafreundlichen und naturnahen Raum zu schaffen, der sowohl den Bedürfnissen der Anwohner als auch der internationalen Bedeutung des Standorts gerecht wird.

Einführung von Grünflächen und Bepflanzung

Ein zentraler Bestandteil der Planung ist die Reduktion der versiegelten Flächen zugunsten großzügiger Grünbereiche. In der Platzmitte ist die Anlage einer blüten- und artenreichen Wiese vorgesehen, das sogenannte „Wildstaudenmeer“. Diese Fläche wird mit bis zu 75 verschiedenen Pflanzenarten gestaltet, die von Frühling bis Herbst blühen und somit nicht nur optisch ansprechend sind, sondern auch als Nahrungsquelle für Insekten dienen. Entlang der Wege werden zudem hohe Großsträucher gepflanzt, die Schatten spenden und zum Verweilen einladen.

Schaffung schattiger Aufenthaltsbereiche

Nördlich des Portikus wird eine waldartige Zone entstehen, die den Platz von der Willy-Brandt-Allee abschirmt. Dieser Bereich erstreckt sich über etwa 70 Meter in Ost-West-Richtung und bietet zahlreiche Sitzgelegenheiten unter Bäumen.Unterpflanzungen mit insektenfreundlichen Stauden, Gräsern und Kräutern erhöhen die ökologische Wertigkeit und Attraktivität des Areals. Insgesamt werden im Zuge der Umgestaltung rund 100 neue Bäume gepflanzt.

Integration von Bürgerideen

Im Bereich unter dem Portikus werden verschiedene von Bürgern vorgeschlagene Angebote realisiert. Dazu gehören Sportmöglichkeiten, Urban-Gardening-Flächen, Loungezonen sowie zwei Aussichtsplattformen mit Blickrichtungen nach Norden und Süden. Diese Maßnahmen fördern die aktive Nutzung des Platzes und stärken das Gemeinschaftsgefühl.

Wasser- und Veranstaltungsflächen

Östlich der zentralen Blütenwiese, in unmittelbarer Nähe zum U-Bahn-Zugang, ist eine bodenbündige Brunnenanlage mit rund 40 Wasserfontänen auf einer Fläche von über 750 Quadratmetern geplant. Diese kann bei Veranstaltungen und dem Wochenmarkt deaktiviert werden, um eine flexible Nutzung der Fläche zu gewährleisten. Die zukünftige Veranstaltungsfläche erstreckt sich vom Wildstaudenbeet im Westen bis zur Baumreihe im Osten und umfasst etwa 1.650 Quadratmeter.

Verbesserte Infrastruktur für Fußgänger und Radfahrer

Der bestehende Zweirichtungsradweg wird auf vier Meter Breite erweitert und erhält einen zusätzlichen Sicherheitstrennstreifen von 0,75 Metern. Parallel dazu entsteht ein drei Meter breiter Gehweg, der in Teilbereichen durch einen Grünstreifen mit Bäumen vom Radweg getrennt ist. Im Bereich des U-Bahn-Aufgangs Messestadt West werden 137 neue Fahrradabstellplätze installiert, um den Bedürfnissen der Radfahrer gerecht zu werden.

Blühende Vielfalt am Willy-Brandt-Platz München: Das geplante Wildstaudenmeer mit bis zu 75 Pflanzenarten schafft eine farbenfrohe Oase für Mensch und Natur. Visualisierung: © Burger Landschaftsarchitekten Susanne Burger und Peter Kühn Partnerschaft
Blühende Vielfalt am Willy-Brandt-Platz München: Das geplante Wildstaudenmeer mit bis zu 75 Pflanzenarten schafft eine farbenfrohe Oase für Mensch und Natur. Visualisierung: © Burger Landschaftsarchitekten Susanne Burger und Peter Kühn Partnerschaft

Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung

Ein besonderes Augenmerk liegt auf der nachhaltigen Gestaltung des Platzes. Der vorhandene Natursteinpflasterbelag wird schonend entfernt, wobei ein Großteil der Steine wiederverwendet werden soll. Diese Maßnahme trägt zur Ressourcenschonung bei und reduziert den Bedarf an neuen Materialien.

Zeitplan und Finanzierung

Die Hauptbauarbeiten sollen im Jahr 2026 beginnen, nachdem unterirdische Leitungsarbeiten abgeschlossen und die Winterperiode vorüber sind. Die wesentlichen Bauarbeiten werden voraussichtlich 2027 abgeschlossen sein. Die genehmigten Projektkosten belaufen sich auf 18,6 Millionen Euro, wobei Fördermittel aus der bayerischen Städtebauförderung und Bundesprogramme in Höhe von rund acht Millionen Euro in Aussicht gestellt wurden.

So wird der neue Willy-Brandt-Platz München aussehen: Moderne Grünflächen, eine große Brunnenanlage und schattige Sitzbereiche laden zum Verweilen ein. Visualisierung: © Burger Landschaftsarchitekten Susanne Burger und Peter Kühn Partnerschaft
So wird der neue Willy-Brandt-Platz München aussehen: Moderne Grünflächen, eine große Brunnenanlage und schattige Sitzbereiche laden zum Verweilen ein. Visualisierung: © Burger Landschaftsarchitekten Susanne Burger und Peter Kühn Partnerschaft

Bedeutung für die Messestadt Riem und München

Die Umgestaltung des Willy-Brandt-Platzes stellt einen bedeutenden Schritt zur Aufwertung der Messestadt Riem dar.Durch die Schaffung eines attraktiven, grünen und vielseitig nutzbaren Raums wird nicht nur die Lebensqualität der Anwohner erhöht, sondern auch ein positives Signal an Besucher der nahegelegenen Messe München gesendet. Der neue Platz wird somit sowohl den lokalen Gemeinschaften als auch der internationalen Bedeutung des Standorts gerecht.

Mit diesen umfassenden Maßnahmen wird der Willy-Brandt-Platz von einer ungenutzten Betonfläche zu einem lebendigen Zentrum der Begegnung und Erholung transformiert, das den Bedürfnissen der heutigen Zeit entspricht und einen nachhaltigen Mehrwert für die Stadt München bietet.