Quelle: Unsplash
Leerstand - Verwahrlosung - Hoffnung? Foto: Unsplash

Ein interdisziplinäres Forschungsteam unter Leitung der Universität Kassel beschäftigte sich von 2020 bis 2023 mit obsoleten Flächen in deutschen Großstädten. Die Studie „Obsolete Stadt — Raumpotentiale für eine gemeinwohlorientierte, klimagerechte und koproduktive Stadtentwicklungspraxis in wachsenden Großstädten“ zeigt auf, dass es davon sehr viele gibt. Ließe sich hier nicht ein Großteil dringlicher Nutzungen, wie Wohnbebauung, decken?

Studie zu Städten mit Risiko zu Leerstand

Die Studie wurde von der Robert Bosch Stiftung initiiert und gefördert. Das neunköpfige Forschungsteam untersuchte darin die Auswirkungen von Megatrends und Störungen auf wachsende deutsche Großstädte. Dafür analysierte man, welche Typologien einem Risiko von Obsoleszenz ausgesetzt sind und welche Anpassungsmaßnahmen möglich wären. Daraus entwickelte man schließlich nachhaltige Transformationsansätze für eine obsolete Stadt.

Die Obsolete Stadt ist kaum erforscht

Bislang sind die Ursachen für urbane Obsoleszenz nicht systematisch erforscht. Was aber sicher ist — heutzutage beeinflussen vorherrschend Megatrends unsere urbanen Typologien. Viele Gebäudetypen und -flächen geraten also unter Druck, da sie wechselnden Nutzungsansprüchen gerecht werden müssen. Man kann dies aber auch als wichtige Ressource für die Innenentwicklung wachsender Großstädte interpretieren.

Go with the flow - es braucht Umnutzungen. Foto: Unsplash
Go with the flow – es braucht Umnutzungen. Foto: Unsplash

Aus Megatrends ergeben sich vier Handlungsfelder

Megatrends sind langanhaltende und grundlegende gesellschaftliche Entwicklungen, die sich unmittelbar auf die Raumnutzung auswirken. Sie sind mitverantwortlich, wenn Gebäude und Stadträume brach fallen. In den vergangenen Jahrzehnten waren Obsoleszenzen vorwiegend eine Begleiterscheinung der Globalisierung. Jetzt kommen neue Megatrends hinzu: Klimawandel, Digitalisierung, Energie- und Verkehrswende sowie Religiositätswandel. Dabei wird der Großteil freiwerdender Flächen der Digitalisierung zugeschrieben. Es wird demnach ein entscheidenderer Aspekt der Stadtplanung sein, solche Trends vorausschauend zu identifizieren und mit ihnen zukunftsgerichtet umzugehen. Das Forschungsprojekt „Obsolete Stadt“ identifiziert hierzu vier Handlungsfelder: Handel, Arbeit, Mobilität und Religiosität.

Leerstand aufleben lassen. Foto: Unsplash
Leerstand aufleben lassen. Foto: Unsplash

Ressourcen für die Innenentwicklung der Städte

Was lässt sich also in der Stadt verändern? Der Bund reagiert auf Megatrends zum Beispiel mit dem Förderprogramm „Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren“. Es ließen sich unter anderem große Flächen im Bereich ruhender Verkehr finden. Hier weist das Fallbeispiel Hamburg über 700 Hektar ebenerdige Parkplatzflächen auf, die nur teilweise genutzt werden. Auch das 49-Euro-Ticket zeigt bereits Entlastungen auf Deutschlands Straßen. Zudem eröffnet der Religiositätswandel neue Möglichkeiten. So könnten nach einer Pietätsfrist Friedhöfe als andere Freiflächentypen umgenutzt werden. Gleichzeitig starten unsere Städte immer mehr Experimente —  ob Pop-Up-Radwege, intensiveres Grün oder Verkehrsberuhigungen. Das Forschungsteam schlägt in diesem Sinne vor, die obsolete Stadt als Chance zu begreifen. Denn es scheint problematisch, diese Flächen einfach der Spekulation zu überlassen. 

Obsolete Räume sind Potenzialräume

„Die Transformation der Obsoleten Stadt ist also in vollem Gange“. Die Studie zeigt, dass die Fachwelt wie auch die Öffentlichkeit insbesondere an einer Stellschraube drehen sollten: an ihrem Bewusstsein zum Thema. Die Transformation zur obsoleten Stadt passiert vor einem systemischen Hintergrund. Auch gibt es Stadtteile und Quartiere, in denen sich urbane Obsoleszenzen häufen. Das macht sie aber nicht zu Problemquartieren, sondern vielmehr zu Potenzialräumen. Hier ließe sich doch gut mit zukunftsgerichteter Planung experimentieren. Stadtteile müssen ohnehin klimaangepasster werden und mehr gemeinwohlorientierte Nutzungen beinhalten. Auch der Energie- und Verkehrswende muss man begegnen. Hierfür entwickelte die Studie Instrumente für eine konkrete Umsetzung. Und sie hat ein weiteres Appell: Die Bundespolitik soll das Sanierungsrecht als „Städtebauliche Sanierungs- und Transformationsmaßnahme“ fortschreiben.

Mehr zu der Studie erfahren Sie hier.

Ebenfalls Interessant: Die Hochhausstudie München 2023, eine Diskussion über hohe Gebäude.

Das könnte Sie auch interessieren
Spatial-Planning-Matters Cover © vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich
Spatial Planning Matters! – Buchrezension
Blauer Himmel mit "CO₂" in Wolken als Symbol für kommunale CO₂-Zertifikate und Stadtplanung als Handel.
Kommunale CO₂-Zertifikate – kann Stadtplanung zum Handel werden?
Straße als Galerie
Städte für Morgen 2020
eine-stadtstrasse-voller-verkehr-neben-hohen-gebauden-L7RbsRIG7DQ
Stadtplanung als Schulfach? – Bildungspolitik trifft Baukultur
Morgenstadt Werkstatt
luftaufnahme-einer-stadt-durch-die-ein-fluss-fliesst-P2d8SKdbjEE
KI-unterstützte Quartiersvergleiche – welche Parameter zählen wirklich?
Pinker Radweg für Auckland
Illustration eines Gehirns mit neuronalen Strukturen – Symbol für künstliche Intelligenz und das Training neuronaler Netze.
Was ist eine Trainings- und Validierungsstrategie bei KI?
Deutschlands größtes Holzgebäude
ADEPT baut Deutschlands größtes Holzgebäude

Neue Konzepte um Friedhöfe zu retten, sind notwendig. Dabei wichtig: Raum, der Trauer ermöglicht. Der Kölner Zukunftskongress „Heilsame Abschiede“ am 25. Oktober 2019 versammelte avantgardistische Referenten aus Soziologie, Psychologie, Philosophie, Theologie – und Landschaftsarchitektur. Die Landschaftsarchitekten Constanze Petrow und Bart Brands stellten Lösungsansätze, Leuchtturmprojekte und Erkenntnisse vor.

Friedhof noch nicht neu erfunden

In einer erzkatholischen Location, dem Tagungszentrum des Erzbistums Köln ging es unter der Moderation des Zukunftsforschers Matthias Horx eher säkular zu bei der Aufarbeitung des Themas „Vom Wandel der Trauerkultur im Zeitalter der Individualität“. Horx, dessen Zukunftsinstitut den Kongress „Heilsame Abschiede“ am 25. Oktober 2019 – der unter ideeller Trägerschaft der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e.V. stand – kuratiert hatte, diskutierte mit einem illustren Kreis avantgardistischer Referenten aus Soziologie, Psychologie, Philosophie, Theologie und eben auch Landschaftsarchitektur. Es ging um die Realitäten von Trauern, Friedhof und Abschied nehmen sowie über „die neue Trauer in ihren Aspekten“.

Mit dabei – als Vertreter des Themas aus landschaftsarchitektonischer Sicht: die Landschaftsarchitektin Constanze Petrow und der holländische Landschaftsarchitekt Bart Brands. Die beiden stellten Lösungsansätze, Leuchtturmprojekte und Erkenntnisse aus der Arbeit mit ihren Studenten sowie Ideen für künftige Planungen und Vorgehensweisen vor.

Dass Friedhöfe sich öffnen müssen für neue Konzepte, darüber waren sich alle Teilnehmer einig. Constanze Petrow etwa forderte den gerade auch kulturhistorisch so wertvollen Friedhof zu retten. „Es ist unsere Aufgabe“ so die Professorin für Freiraumplanung an der Hochschule Geisenheim, „hier Neues zu wagen und auszuprobieren. Noch haben wir ihn nicht neu erfunden.“
Wie dies beispielsweise aussehen kann, zeigte Bart Brands mit seiner Revitalisierung des Amsterdamer Friedhofes „De Nieuwe Ooster“, den er wie Barcode-Streifen in Parzellen mit unterschiedlichen Regeln unterteilt hat. Sein Credo lautet: „Alles muss möglich sein, aber nicht alles überall“. Constanze Petrow präsentierte darüber hinaus aktuelle studentische Strategien zur Weiterentwicklung des Friedhofs. Und sie stellte den soeben gestarteten Wettbewerb „Raum für Trauer – Ideen für den Friedhof der Zukunft“ für Nachwuchsplaner vor, im Rahmen dessen geeignete Orte auch als räumliche Situationen auf dem weltgrößten Parkfriedhof in Hamburg-Ohlsdorf gestaltet werden sollen, die individuelle oder gemeinschaftliche Rituale und Handlungen des Abschiednehmens ermöglichen.

Begegnung respektvoll ermöglichen

Petrow hatte in einem Forschungsprojekt herausgefunden, dass sich im Spannungsfeld des Friedhofes zwischen privatem Raum am Grab und dem öffentlichen Raum eine lose Gemeinschaft an formellen und informell genutzten Begegnungsräumen wie etwa den Wasserstellen bildet, die bis heute überhaupt nicht bedient werde. Diese räumlich ungelöste Situation gilt es ihrer Meinung nach zu überwinden um soziales Miteinander zu fördern, beispielsweise mit begegnungsfähig angeordneten Sitzgelegenheiten. Wichtig sei dabei allerdings, die unterschiedlichen emotionalen Zustände der Friedhofsbesucher zu respektieren und in der architektonischen Umsetzung zu berücksichtigen.

Offene Themen

Obgleich der Zukunftskongress bereits thematisch überfrachtet von einem Themenfeld zum nächsten schwappte, fehlten doch wichtige Facetten wie etwa die Sichtweisen der verschiedenen auf dem Friedhof beschäftigten Gewerke sowie der Blick auf die massiv zunehmenden Begräbnisse von Menschen aus anderen Kulturräumen, insbesondere des islamischen Glaubens. Ließen diese – ebenso wie die aus Ost- und Südosteuropa stammenden Christen – ihre Toten früher zu etwa 70 Prozent in der ehemaligen Heimat und nur zu 30 Prozent in Deutschland bestatten, so hat sich dieses Verhältnis mittlerweile umgekehrt.

Natur für ein Naturmuseum ist ähnlich herausfordernd, wie eine Architektur für die Präsentation von Architektur zu entwerfen. Wie stellt man sich also der Aufgabe, eine Landschaftsarchitektur für ein Museum zu schaffen, das zum Ziel hat, die Vielfalt der Naturgeschichte darzustellen und die Zusammenhänge zu erklären? Ein Annäherungsversuch am Beispiel des Parks für das Naturmuseum St. Gallen von Studio Vulkan Landschaftsarchitektur.

Bereits im 2009 ausgelobten Wettbewerb für den Neubau eines Naturmuseums, der von der Arbeitsgemeinschaft Armon Semadeni Architekten GmbH mit Michael Meier, Marius Hug Architekten AG umgesetzt wurde, war die Landschaftsarchitektur Teil des Wettbewerbsbeitrags. Es ist per se ein Paradoxon, Architektur oder in diesem Fall Natur ausstellen zu wollen. Denn was wir als Landschaft wahrnehmen, besteht in Wahrheit aus einer komplexen Überlagerung von verschiedenen Ebenen, sei es die Natur an sich, die funktionale und kulturgeschichtliche Prägung oder die eigene Interpretation. Wo die Einordnung in klare Begrifflichkeiten durch das Fehlen eindeutiger Grenzen im Zusammenwachsen von Stadt und Land schwierig wird, bewegen wir uns zunehmend in einer Übergangsphase zwischen Natur, natürlicher Künstlichkeit und künstlicher Natürlichkeit. Der Standort offenbart ein zusätzliches, typisches Paradoxon der Schweizer Landschaft: Infrastrukturen und Stadtraum verweben sich auf engstem Raum. Somit findet die Bauaufgabe, die Gestaltung eines Parks, direkt über einem Autobahntunnel, umgeben von heterogenem Zwischenstadtraum statt. Wie kann also Natur an einem solchen Ort aussehen? Bestimmt nicht wie ein museumspädagogisch linear verlaufender didaktischer Lehrpfad …

Dialog zwischen den Welten

Als Abschirmung zum gewachsenen Umfeld, aber auch als Synonym zum schnelllebigen Alltag wird eine natürliche Sichtbarriere als eine Art Filterzone zwischen den Welten mit einheimischen Pflanzen – Hainbuchen, Farnen und Stauden – geschaffen. 75 Prozent der Bepflanzung stammt aus heimischen Gewächsen. Für die restlichen 25 Prozent fiel die Wahl zum Beispiel auf exotische Hortensien. Irgendwann könnten die aufgrund des Klimawandels auch in hiesigen Klimazonen heimisch werden. Auch die Nachbarschaft eines Ginkgobaums zu einer Lärche gehört zu den Rätseln der Natur. Die Pfarrkirche St. Maria Neudorf setzt einen städtebaulichen Akzent, auf den sowohl die Architektur als auch die Landschaftsgestaltung Bezug nimmt. Weniger in der Festlegung von Bezugskanten, sondern auf einer philosophischen Ebene: Der Dialog zwischen den zwei Theorien zur Entstehung der Welt wird auf einer poetisch-sakralen und wissenschaftlichen Ebene geführt und funktioniert über Trittsteine, die zugleich als Informationsträger der weltlichen und religiösen Zitate dienen.

Katalysator für die Vorstellungskraft

Unabhängig von der Materialität der Fassade des Naturmuseums wurde auch im zugehörigen Park der Werkstoff Beton eingesetzt. Als artifizielles Produkt steht der Beton in gewolltem Kontrast zu dem für die Ostschweiz bekannten Naturwerkstein Nagelfluh. Die Trittsteine wirken als Katalysator für die Vorstellungskraft. Sie sind mit Artefakten aus der Naturgeschichte bis zu Bearbeitungsspuren von Menschen mit Mustern von Jute, Dränplatten oder Dachlatten versehen. Und noch einmal werden Sehgewohnheiten auf die Probe gestellt: Anstelle elegant an der Fassade von Kirchen oder Sehenswürdigkeiten zu wirken, findet sich der grünliche Ostschweizer Sandstein grob geschottert wieder. Da es keine Wegeführung gibt, ist man frei, sich seinen eigenen Zugang zum Ort, aber auch zur Gedankenwelt zu suchen. Damit schließt sich der Kreis zum Naturmuseum wieder.

Ein Interview mit Lukas Schweingruber vom Studie Vulkan finden Sie in der Dezemberausgabe 2018 der G+L.