Quartier Pankower Tor in Berlin – Wettbewerb entschieden

Quartier Pankower Tor in Berlin

Perspektive vom Platz am Pankower Tor

Am Ende eines kooperativen Verfahrens steht nun ein Sieger fest. Durch viele Anregungen von Berliner Bürger*innen hat sich der Entwurf des Siegerteams verändert. Er wird nun die Zukunft am Pankower Tor in Berlin bestimmen. Nach seinen Ideen wächst dort demnächst ein neues Stück Stadt mit 2 000 Wohnungen.

Mitten in Berlin, zwischen dem S- und U-Bahnhof Pankow und Prenzlauer Promenade, soll ein neues Stadtquartier wachsen. Wo früher Züge rangierten, wird demnächst gewohnt und gelebt. An die 2 000 Wohnungen sollen hier entstehen. Das hat der Berliner Senat bereits im Frühjahr 2018 beschlossen. In einem mehrstufigen Workshopverfahren wurde daraufhin die beste Gestaltung für das Areal erarbeitet. Die Sieger dieses Verfahren stehen nun fest. Das neue Quartier Pankower Tor wird nach den Entwürfen eines Teams aus Nöfer Architekten, Christoph Kohl Stadtplaner und Architekten, Fugmann Janotta LandschaftsarchitektenStadt+Verkehr Ingenieurbüro Terfort sowie BuroHappold geplant.

 

Gemeinsame Entwicklung der Ideen

 

Auf dem Gelände des ehemaligen Rangierbahnhofs in Pankow kann ein neues Quartier wachsen. Diese Entscheidung haben der Bezirk Pankow, die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen des Landes Berlin und die Krieger Handel SE als Investor gemeinsam getroffen. Der Anfang vom neuen Pankower Tor war damit bereits 2018 geboren. Das zu bebauende Areal liegt nicht nur direkt am S- und U-Bahnhof Pankow, sondern erstreckt sich auch entlang der Bahntrasse. Insgesamt  reicht es von der Mühlenstraße im Westen bis zum S-Bahnhof Pankow-Heinersdorf und der Prenzlauer Promenade im Osten. Die Basis für die Gestaltung des alten Rangierbahnhofs schafft nun ein Masterplan. Dessen Entstehung ist von mehreren Phasen der Bürgerbeteiligung geprägt. In der ersten Phase wurden zunächst allgemeine Erwartungen und Anregungen für die Entwicklung des Quartiers zusammengetragen. Diese flossen in das nachfolgende, städtebaulich-architektonische Workshopverfahren Pankower Tor ein.

Workshopverfahren

Bereits im Dezember vergangenen Jahres startete das Workshopverfahren für das Pankower Tor. An diesem Verfahren nahmen sechs Planungsteams teil. Sie entwickeln im Wettstreit städtebauliche Entwürfe für das Gelände des alten Rangierbahnhofs. Die Aufgabenstellung des Workshops enthielt bereits verbindliche Vorgaben zu den Nutzungen. Die wiederum gingen auf die zahlreich eingebrachten Wünsche der Bürger*innen zurück. In einem ersten Zwischenkolloquium präsentierten die Teams ihre Ideen. Parallel veröffentlichte eine Webseite die Entwürfe für das Pankower Tor. Dort bekam die interessierte Bürgerschaft die Gelegenheit Kommentare und Anregungen zu äußern.

Mit diesen Rückmeldungen sowie den Hinweisen der Jury starteten die Teams in die zweite Phase des Workshopverfahrens. Darin entwickelten sie ihre Entwürfe weiter und vertieften einzelne Bereiche. Das Rennen um die beste städtebauliche Lösung für das Pankower Tor machte schließlich das Architekturbüro Nöfer zusammen mit Christoph Kohl Stadtplaner und Architekten und Fugmann Janotta Landschaftsarchitekten. Der Entwurf dieses Teams überzeugte die Jury durch ein besonders robustes, städtebauliches Gerüst.

 

Urbanität durch Vielfalt

 

Das Konzept für das Quartier Pankower Tor sieht vor, dass entlang der Bahnlinie in Pankow Urbanität durch Vielfalt wächst. Der Entwurf des Siegerteams zeigt sowohl vielfältige Nutzungen als auch unterschiedliche Wohnformen. Beides vereint sich zu höchster städtebaulicher Qualität; beides ist menschenfreundlich gestaltet. Der öffentliche Raum des neuen Quartiers lebt von drei neugestalteten Plätzen. Ebenso sieht das Konzept des Siegerteams drei neue Parks vor. Das Herzstück des neuen Quartiers Pankower Tor ist ein Stadtplatz am Bahnhof. Er wird zum zentralen Treffpunkt und Bindeglied zwischen zwei, bisher getrennten Teilen Pankows. Darüber hinaus schafft der sogenannte Panke-Trail neue Verbindungen. Er überspannt folglich den neuen Stadtplatz und kreiert eine Fahrradverbindung zwischen Ost und West. Der Stadtplatz am Bahnhof ist auch Ort für einen städtebaulichen und architektonischen Hochpunkt. Ein hoher, die anderen Gebäude sichtbar überragender, Solitär markiert den Stadtplatz räumlich.

Kleinteilige Quartiersstruktur

In den östlich anschließenden Bereichen des neuen Stadtquartiers Pankower Tor dominiert eine kleinteiligere Struktur. Ihre einzelnen Komponenten werden durch den Panke-Trail im Norden und die neue Pankower Promenade miteinander verbunden. Während die Promenade mitten durch das Quartier läuft, schafft die Granitzstraße eine Verbindung am südlichen Rand des Areals. Darüber hinaus entstehen neue Verbindungen und Querungen in Nord-Süd-Richtung. Zum einen kann der an das Quartier grenzende Bahndamm durch eine Unterführung gequert werden. Zum anderen überwindet eine neue Brücke die bisherige Barriere Bahn. Die Stadt- und Grünräume des neuen Quartiers Pankower Tor sind nicht nur für die zukünftigen Bewohner*innen konzipiert. Sie bieten auch allen Anwohner*innen der umliegenden Quartiere neue Frei- und Erholungsräume.

 

Stimmen aus Jury und Senatsverwaltung

 

Aus den Reihen der Jury ist zu hören, dass der Entwurf des Siegerteams für das Pankower Tor im Laufe des Verfahrens eine besondere Metamorphose durchlaufen hat. Am Ende überzeugte er durch ein besonders robustes, städtebauliches Gerüst. Auch aus der Senatsverwaltung ist zu hören, dass der Entwurf einen Gewinn für ganz Berlin darstellt. Dem Siegerteam sei es gelungen, eine eigene Identität und qualitätsvolle Wohn- und Lebensatmosphäre zu schaffen. Mit dem städtebaulichen Entwurf ist die Transformation des ehemaligen Rangierbahnhofs in ein neues Stadtquartier eingeleitet. Bald kann in die seit vielen Jahren brachliegende Fläche neues Leben einziehen. Und demnächst können hier viele Berliner*innen ein neues Zuhause finden. Mit der Auswahl des Siegerentwurfs ist die Arbeit jedoch noch nicht abgeschlossen. Jetzt geht es also an die Feinarbeit.

Die Architekten von CKSA gemeinsam mit den Landschaftsarchitekten Fugmann Janotta überzeugten nicht nur in Berlin sondern auch vor kurzem in Duisburg. Dort gewannen sie den 1. Preis des Wettbewerbs „Stadtquartier am alten Güterbahnhof”.

Das könnte Sie auch interessieren
Die 175 Mitgliedsstaaten haben beschlossen, die internationale Schifffahrt bis 2050 klimaneutral zu machen. Bildquelle: Unsplash
Schifffahrt: Bis 2050 klimaneutral
Der Parco Portello in Mailand
eine-baumreihe-mitten-in-einem-park--3LoPEhxONM
Stadtbäume als Infrastruktur – ökologische Leistung und Planungsrecht
Eine lebendige städtebauliche Szene zum Thema Bebauungsplan Englisch
Bebauungsplan Englisch: Prinzip und Bedeutung einfach erklärt
porous City, Cover: Birkhäuser
Porous City: From Metaphor to Urban Agenda – Buchrezension
Neue Meile in Böblingen
Todesfalle Böschungsmatte
Münchner Architekt will Nord Stream 2 Röhren zu Gebäude umfunktionieren
eine-stadtstrasse-voller-verkehr-neben-hohen-gebauden-L7RbsRIG7DQ
Recht auf Stadt trifft Raumordnung – wie kompatibel ist das?
ein-gelber-bus-auf-der-strasse-SFGPIyVaH20
Micromobility Forecasting mit urbanem Data Warehouse

Münchens Kampf gegen Hochhäuser

München diskutiert, wie hoch Neubauten in der Stadt sein dürfen – höher als die Frauenkirche mit ihren beiden 99 Meter hohen Türmen? Bildquelle: Pixabay

Ein geplantes Hochhausprojekt führt in München zu Konflikten: Eine Initiative um CSU-Politiker Robert Brannekämper sammelt schon seit zwei Jahren Unterschriften, um einen Bürgerentscheid gegen zwei 155 Meter hohe Türme an der Paketposthalle zu erwirken. Doch bisher ist noch kein Durchbruch gelungen.

Der Investor Ralf Büschl hat vor, an der Münchener Paketposthalle zwei jeweils 155 Meter hohe Türme zu bauen. Die Pläne von Herzog de Meuron zeigen neue Hochhäuser für München, die ein neues Stadtviertel rund um das derzeitige Industriegebiet der Paketposthalle entstehen lassen sollen.

Aber die Initiative „Hochhaus Stop: München den Menschen, Hochhäuser begrenzen“ setzt sich vehement gegen dieses Bauvorhaben ein. Er sorgt sich um die Sichtlinien in der Stadt sowie um die sozialen Auswirkungen einer investorgeführten Entwicklung.

Kultur- und Unterhaltungszentrum sowie 1.100 Wohnungen

Die Münchner Paketposthalle, erbaut 1965 bis 1969 von der Deutschen Post, ist eine frühere Gleishalle des Paketpostamtes. Sie besteht aus flachen Kreissegment-Bögen, die eine freitragende Betonfertigteilhalle entstehen lassen. Mit einer Spannweite von fast 147 Metern und einer Höhe von 27 Metern war die Paketposthalle früher die größte ihrer Art. Seit 1996 ist sie denkmalgeschützt. Im Jahr 2018 verkaufte die Deutsche Post das Gebäude mitsamt dem etwa 100.000 Quadratmeter großen Grundstück an die Büschl Unternehmensgruppe.

Rund um die Paketposthalle in München-Neuhausen befindet sich derzeit ein Industrie- und Gewerbegebiet. Laut den Plänen des Investors Ralf Büschl soll sich das ändern: Er hat den Plan, die Halle zu sanieren und nebenan zwei große, jeweils 155 Meter hohe Hochhäuser zu errichten. Den dazugehörigen Wettbewerb hat die in der Schweiz basierte Architekturgruppe Herzog & de Meuron gewonnen.

Das frühere Paketverarbeitungszentrum soll zu einem Kultur- und Unterhaltungszentrum im Privatbesitz werden. In den zwei Hochhäusern sind insgesamt 1.100 Wohnungen geplant, wovon die Hälfte laut Bauunternehmer unter dem Marktpreis verkauft oder vermietet wird. Auch Büros, Einzelhandelsgeschäfte, medizinische und Kinderbetreuungseinrichtungen sowie ein Panoramabiergarten sind geplant.

Genehmigung könnte einen Präzedenzfall darstellen

Angesichts der Wohnungsknappheit hat die Stadt München das seit 2004 geltende Moratorium für Bauwerke, die höher als 2004 sind, in manchen Gebieten gelockert. Die Hochhausstudie 2023 erklärte, dass höhere Gebäude unter strengen Auflagen möglich sein könnten. Dabei ist es nach wie vor schwierig, Hochhäuser mit über 80 Metern Höhe zu bauen. Denn die beiden 99 Meter hohen Türme der Frauenkirche sollen nach Möglichkeit nicht überragt werden, obwohl einige Gebäude dies bereits tun.

Mehr über die Hochhausstudie 2023

Das Projekt an der Paketposthalle befindet sich nicht im Stadtzentrum und würde die Sicht auf die Frauenkirche kaum beeinträchtigen. Dennoch haben sich Konflikte in der Stadt ergeben. Zum einen geht es um die Sanierung der Halle, für die noch Finanzen fehlen. Der Investor ist auf der Suche nach Lösungen, etwa die Nutzung der Paketposthalle als Interimsspielstätte der Bayerischen Staatsoper. Derzeit gestaltet sich dies jedoch noch schwierig.

Proteste aus der Bevölkerung richten sich gegen die private Sanierung eines ganzen Areals sowie gegen weitere Hochhäuser in München. Die Initiative Hochhaus Stop, angeleitet von CSU-Politiker Robert Brannekämper, verlangt ein Bürgerbegehren gegen weitere Hochhäuser in der Stadt. Sie nennen vor allem ästhetische Argumente zur „Münchner“ Linie, dem Stadtbild mit Sichtachsen. Die geplanten Türme würden die Sicht vom barocken Schloss Nymphenburg auf die Innenstadt stören. Die Initiative sorgt sich darum, dass die Genehmigung der 155 Meter hohen Türme einen Präzedenzfall darstellen könnten, der den Weg für weitere hohe Gebäude in München ebnet. Unter dem Motto „Wehret den Anfängen“ zeigt sie mit Bezug auf die Hochhausstudie, wie die Stadt aussehen würde, wenn alle möglichen Hochhäuser gebaut würden.

Wie wichtig sind hohe Türme für eine moderne Stadt?

Nachdem es bisher nicht genug Unterschriften für das Bürgerbegehren gibt, weitet die Initiative ihre Argumente aus. Sie erinnert an den hohen Energie- und Flächenverbrauch von Hochhäusern sowie an die Priorität des bezahlbaren Wohnraums mit ausreichend Infrastruktur.

Die Debatte in München geht also tiefer als das Bauprojekt von Herzog & de Meuron: Kritiker*innen fragen, ob private Investoren ganze Stadtteile sanieren können, ohne dabei den Richtlinien der Stadtentwicklung zu folgen. Und zugleich fragt Hochhaus Stop, ob höhere Wohnhäuser dabei helfen, den Wohnungsmangel zu bekämpfen – oder ob sie vielmehr das Wesen der Stadt bedrohen und etwa ein Finanz- und Businesszentrum wie in Frankfurt am Main entstehen lassen.

Auch in anderen Großstädten gibt es Aufregung über Hochhäuser. In Paris war ein regelrechter Aufschrei zu hören, als im Jahr 1973 der 210 Meter hohe Tour Montparnasse eröffnete. Seitdem gilt ein Verbot für alle Hochhäuser innerhalb der historischen Stadtgrenzen. Und in London dominieren einige Gebäude die Skyline, die weithin unbeliebt sind, während andere Gebäude aufgrund festgelegter Sichtlinien gestoppt werden. In New York City verdecken neue „Supertalls“ den Blick auf bekannte Wahrzeichen wie das Empire State Building.

München spricht sich schon lange gegen Hochhäuser aus, weshalb das Projekt von Herzog & de Meuron aktuell schweres Spiel hat. Obwohl die Türme nicht übermäßig hoch sind, kommen sie in der niedrig bebauten Stadt nicht gut an. Ihr Schicksal ist in der Schwebe, während München diskutiert, wie viel Spielraum es gibt – und wie wichtig hohe Türme für eine moderne Großstadt sind.

Gründächer, helle Fassaden und schattenspendende Elemente: Passive Kühlung senkt die Hitzebelastung in Städten nachhaltig und energieeffizient. Foto von abodi vesakaran via unsplash
Gründächer, helle Fassaden und schattenspendende Elemente: Passive Kühlung senkt die Hitzebelastung in Städten nachhaltig und energieeffizient. Foto von abodi vesakaran via unsplash

Die Sommer werden heißer, die Nächte wärmer, die Städte dichter – mit der fortschreitenden Klimaerwärmung stehen urbane Räume vor einer wachsenden Herausforderung: der städtischen Hitzebelastung. Während konventionelle Klimatisierung auf aktive Systeme wie Klimaanlagen setzt – oft teuer, energieintensiv und emissionsreich – rückt ein alternatives Konzept zunehmend in den Fokus von Architekt:innen, Stadtplaner:innen und Klimaforscher:innen: Passive Kühlung.

Was ist passive Kühlung?

Der Begriff „Passive Kühlung“ beschreibt Maßnahmen, die ohne aktive Energiezufuhr – also ohne elektrische Kühlgeräte – Räume, Gebäude oder sogar ganze Stadtquartiere abkühlen. Im Gegensatz zur aktiven Kühlung nutzt die passive Variante natürliche physikalische Prozesse wie Verdunstung, Wärmestrahlung oder Luftzirkulation.

Ziel ist es, Hitze aufzuhalten, bevor sie eindringt, beziehungsweise sie effizient abzuleiten. Dabei stehen drei Prinzipien im Mittelpunkt:

  • Sonnenschutz und Verschattung

  • Wärmedämmung und Reflexion

  • Verdunstungskühlung und Luftaustausch

Gerade in dicht bebauten Innenstädten, wo der sogenannte „Urban Heat Island“-Effekt auftritt – also eine deutlich höhere Temperatur im Vergleich zum Umland –, können diese Methoden den Unterschied zwischen einer unerträglichen und einer erträglichen Sommernacht ausmachen.

Methoden der passiven Kühlung

 Verschattung und Reduktion solarer Einstrahlung

Sonneneinstrahlung ist eine der Hauptquellen für die Erwärmung von Gebäuden und Asphaltflächen. Effektiver Sonnenschutz reduziert die aufgenommene Wärme erheblich.

  • Dach- und Fassadenbegrünung: Pflanzen absorbieren Sonnenlicht und kühlen durch Verdunstung. Eine extensive Begrünung senkt die Oberflächentemperatur eines Dachs um bis zu 40 °C.

  • Sonnenschutzlamellen und Vordächer: Architektonische Elemente wie Lamellen, Balkone oder auskragende Dachflächen spenden Schatten und reduzieren die direkte Einstrahlung.

  • Textile Verschattungen: Urbanes Mobiliar, Sonnensegel und textile Überdachungen über Straßen oder Plätzen können Mikroklimata gezielt beeinflussen.

Reflektierende Materialien und helle Oberflächen

Dunkle Oberflächen absorbieren bis zu 90 % der Sonnenstrahlung, helle hingegen reflektieren sie zu einem großen Teil. Der sogenannte „Albedo-Effekt“ spielt dabei eine zentrale Rolle.

  • Cool Roofs: Spezielle Dachbeschichtungen mit hoher Reflexionsfähigkeit (z. B. Titandioxid-basiert) reduzieren die Dachtemperatur und damit die Innenraumerwärmung.

  • Helle Straßenbeläge: Statt schwarzem Asphalt werden zunehmend helle oder sogar kühlende Pflasterungen eingesetzt, die das Stadtklima nachweislich entlasten.

 Verdunstung und Wasser als Kühlmedium

Wasserflächen und feucht gehaltene Oberflächen erzeugen durch Verdunstungskälte spürbare Abkühlung – ein Prinzip, das seit der Antike Anwendung findet.

  • Wasserinstallationen im öffentlichen Raum: Brunnen, Nebeldüsen und Wasserläufe erhöhen die Luftfeuchtigkeit lokal und senken die Umgebungstemperatur.

  • Permeable Böden: Materialien wie Rasengittersteine oder offenporige Pflaster lassen Wasser versickern und fördern die Bodenverdunstung.

  • Blau-grüne Infrastruktur: Die Kombination aus Begrünung und Wassermanagement – etwa über Retentionsdächer oder bepflanzte Versickerungsmulden – kühlt mehrfach: durch Verdunstung, Verschattung und Reduktion versiegelter Flächen.

 Natürliche Belüftung und thermische Trennung

Durchdachte Architektur kann natürliche Luftströmungen nutzen und Hitzestau vermeiden.

  • Kamineffekt und Querlüftung: In Gebäuden mit Öffnungen auf mehreren Seiten kann durch Druckunterschiede Luft zirkulieren. Der sogenannte „Stack-Effekt“ nutzt die Tatsache, dass warme Luft aufsteigt.

  • Innenhöfe und Lüftungsschächte: Historisch bewährte Bauformen wie Riads oder Atrien fördern die Luftzirkulation und schaffen schattige, kühle Zonen.

  • Thermische Zonierung: Durch gezielte Trennung wärmeexponierter Bereiche von kühlen Rückzugsorten kann das Innenraumklima optimiert werden.

Materialien für passive Kühlung

Nicht nur die Methode, auch die Materialwahl entscheidet über die Effektivität passiver Kühlung. Einige Schlüsselmaterialien:

  • Lehm und Ton: Sie speichern Feuchtigkeit und geben diese langsam wieder ab, ideal für Verdunstungskühlung.

  • Keramische Fassadenplatten: Sie reflektieren Sonnenstrahlung und halten thermische Belastungen stand.

  • Photokatalytische Oberflächen: Neue Entwicklungen setzen auf Materialien, die nicht nur kühlend wirken, sondern auch Luftschadstoffe abbauen (z. B. mit Titandioxid).

  • Phase-Change-Materials (PCM): Diese innovativen Werkstoffe speichern überschüssige Wärme und geben sie verzögert wieder ab – ideal für Tag-Nacht-Temperaturausgleich.

Praxisbeispiele weltweit

Barcelona: Superblocks und kühlende Infrastruktur

In Barcelonas „Superblocks“ wird der Autoverkehr massiv eingeschränkt, Asphalt durch helle Beläge ersetzt und der öffentliche Raum begrünt. Wassernebelanlagen an zentralen Plätzen tragen zur passiven Kühlung bei.

Singapur: Blau-grüne Vorzeigestadt

Singapur verbindet konsequent Stadtentwicklung mit Ökosystemen: Skygardens, bepflanzte Fassaden, künstliche Seen und smarte Wasserwiederverwendung sorgen für ein kühlendes Mikroklima – trotz tropischer Temperaturen.

Wien: „Cool Streets“ und mobile Verdunstungselemente

In der österreichischen Hauptstadt werden temporäre „Cool Streets“ eingerichtet: mit Sprühnebelanlagen, schattenspendenden Elementen und entsiegelten Flächen als Testlabore für dauerhafte Maßnahmen.

Herausforderungen und Potenziale

Trotz nachweisbarer Wirksamkeit wird die passive Kühlung in vielen Städten noch zu wenig genutzt. Gründe sind:

  • Investitionskosten und Förderlücken: Obwohl sich passive Maßnahmen langfristig rechnen, schrecken viele Akteur:innen vor den initialen Kosten zurück.

  • Mangelndes Bewusstsein: Oft fehlt das Wissen über einfache, effektive Maßnahmen, sowohl bei Bauherr:innen als auch in der Verwaltung.

  • Baurechtliche Hürden: In dichten Innenstädten sind Begrünungen oder Veränderungen der Dachlandschaft oft genehmigungspflichtig.

Gleichzeitig liegt in der passiven Kühlung enormes Potenzial – sowohl für den Klimaschutz als auch für die soziale Resilienz. Denn gerade vulnerable Gruppen leiden besonders unter der urbanen Hitze. Maßnahmen zur passiven Kühlung verbessern nicht nur das Stadtklima, sondern auch die Lebensqualität, Gesundheit und soziale Gerechtigkeit.

Passive Kühlung als urbane Notwendigkeit

Passive Kühlung ist weit mehr als ein architektonischer Trend. Sie ist eine strategische Antwort auf die größte Herausforderung städtischer Räume im 21. Jahrhundert: die zunehmende Hitzebelastung. Städte, die heute in klimagerechte, passive Kühlstrategien investieren, sichern sich nicht nur einen Vorsprung in Sachen Nachhaltigkeit – sie sichern auch das Wohlbefinden ihrer Bürger:innen.

Ob durch begrünte Dächer, kühlende Wassernebel oder reflektierende Materialien – die Lösungen liegen längst bereit. Was fehlt, ist der konsequente politische Wille, diese auch flächendeckend umzusetzen.

Denn die Zukunft der Stadt ist nicht nur eine Frage des Wachstums. Sie ist eine Frage der Kühlung.

Mehr zu Beat the Heat erfahren Sie hier.