Neue Runde für Nationale Projekte des Städtebaus

Nationale Projekte des Städtebaus

Der Hansakai in Stralsunds. Die Sanierung dieses Kai-Bereichs ist 2019 ins Bundesprogramm Nationale Projekt des Städtebaus aufgenommen worden. Foto: Lars-Christian Uhlig

Das Bundesinnenministerium hat die nächste Förderrunde ausgerufen. Auch im Jahr 2022 werden wieder Nationale Projekte des Städtebaus finanziell unterstützt. Noch bis zum 14. Dezember 2021 können sich Städte und Gemeinden beim Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) für das Programm anmelden.

Fast zehn Jahre Nationale Projekte des Städtebaus

 

Nationale Projekte des Städtebau sind Vorhaben und Entwicklungsmaßnahmen, die von besonderer Qualität zeugen. Dabei ist nicht nur ihr städtebaulicher Ansatz vorbildlich. Die Projekte strahlen auch wichtige baukulturelle Impulse aus. Außerdem zeigen sie auf vorbildliche Weise, wie unterschiedliche Akteursgruppen beteiligt und in die Gestaltung der Stadt eingebunden werden können. Die Bundesregierung zeichnet seit 2014 herausragende Projekte als Nationale Projekte des Städtebau aus. Damit zollt sie ihnen Anerkennung und Aufmerksamkeit. Überdies demonstriert das Bundesinnenministerium mit den Projekten, wie und wo seine baupolitischen Ziele Realisierung finden.

Das Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat ruft aktuell eine neue Förderrunde für Nationale Projekte des Städtebaus aus. In diesem kommenden Zyklus stehen insgesamt 50 Millionen Euro zur Verfügung. Vor diesem Hintergrund sind die Kommunen bundesweit gefragt, vorbildliche Projekte aus ihrem Wirkungskreis zu nominieren. Bis zum 14. Dezember 2021 können Städte und Gemeinden also Kandidaten für Nationale Projekte des Städtebaus 2022 beim Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) anmelden. Mit diesem Aufruf geht das Förderprogramm in die neunte Runde. Bisher unterstützte das Programm bereits 193 Projekte. Das heißt, dass bisher annähernd 200 Projekte in ganz Deutschland Bundesmittel aus dem Topf Nationale Projekte des Städtebaus erhalten haben.

Impulse für Stadt, Region und Bund

 

Alle Projekte des Programms Nationale Projekte des Städtebaus gelten als vorbildlich. Sie alle dürfen und sollen national und international wahrgenommen werden. Darüber hinaus stehen alle ausgewählten Projekte sinnbildlich für die baupolitischen Ziele der Bundesregierung. Und der wiederum ist daran gelegen, das baukulturelle Erbe in Deutschland in Wert zu setzen, Quartiere und städtische Räume zu gestalten und für die Zukunft zu ertüchtigen. Damit auf diesem Weg, dieser Suche nach innovativen Lösungen, experimentiert werden kann, unterstützt das Förderprogramm vor allem große, baulich anspruchsvolle und experimentelle Vorhaben. Die seit 2014 geförderten Projekte umfassen also zukunftsweisende investive und konzeptionelle Vorhaben in Städtebau und Stadtentwicklung. Sie alle setzen wichtige Impulse für die jeweilige Gemeinde oder Stadt, für die Region oder die gesamte Stadtentwicklungspolitik in Deutschland.

Vielfalt der Nationalen Projekte des Städtebaus

 

Die Vielfalt der geförderten Projekte spiegelt die Bandbreite aktueller städtebaulicher Herausforderungen wider. Sie reichen von der Revitalisierung bedeutender Einzeldenkmäler über die qualitätvolle Entwicklung von Quartieren bis zu städtebaulichen Experimenten zur Lösung von Zukunftsaufgaben. Dabei liegen die Projekte genauso in Metropolen wie in kleineren Städten und Gemeinden. Insgesamt sind sie über das gesamte Bundesgebiet verteilt.

Im Förderzyklus 2021 erhielten drei Kommunen in Baden-Württemberg, fünf in Bayern, vier in Nordrhein-Westfalen, je eine in Hessen, Rheinland-Pfalz, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen sowie Berlin, Hamburg und Bremen Geld. Fördergeld hilft beispielsweise Straubing beim Wiederaufbau seines bei einem Brand zerstörten Rathauses. In Gelsenkirchen hingegen wird der Umbau der Kohlebunkeranlage der Zeche Nordstern in einen kulturellen Produktionsstandort gefördert. Der Umbau ist nicht nur Nationales Projekt des Städtebaus, sondern auch ein Schlüsselprojekt der IGA 2027 in der Metropole Ruhr. Im thüringischen Saalfeld profitiert die Revitalisierung des reformkünstlerischen Villenensembles Bergfried von dem Investitionsprogramm. In der Bundeshauptstadt fließen Gelder in das Haus der Statistik. Dort wird ein gemeinwohlorientierter Begegnungsort gestaltet. Schließlich darf das brandenburgische Erkner die denkmalgerechte Villa Lassen sanieren. Der einstige Wohnsitz des Dramatikers Gerhard Hauptmann ist heute ein Museum zu dessen Leben und Werk.

Nationale Projekte des Städtebaus in Zukunft

 

Auch im kommenden Jahr 2022 wird das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat bedeutende Projekte des Städtebaus fördern. Um dies zu ermöglichen, sind im ersten Regierungsentwurf für den Bundeshaushalt 2022 50 Millionen Euro reserviert. Nationale Projekte des Städtebaus sind in der Regel Vorhaben und Aufgaben großer finanzieller Dimension. Deshalb hat das Programm ein überdurchschnittlich hohes Fördervolumen. Das macht vor Ort jeweils eine schnelle und umfassende Problembearbeitung möglich. Insgesamt hat der Bund seit Beginn des Programms bereits 596 Millionen Euro investiert. Allein im Jahr 2021 erhielten 24 Projekte etwa 75 Millionen Euro Unterstützung. Auf welche und wie viele Vorhaben die Fördergelder im kommenden Jahr verteilt wird, bleibt abzuwarten.

Nun liegt der Ball bei den Kommunen. Sie sind aufgerufen geeignete Projekte beim Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) einzureichen. Die Vorhaben sollten die großen Herausforderungen repräsentieren, vor denen deutsche Städte derzeit stehen. Dazu zählen Aufgaben wie die Erhaltung von Bestand, die Konversion, nachhaltige Quartiersentwicklung und vor allem Klimaanpassung.

Das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat fördert auch das zusammenkommen von Digitalisierung und Stadtentwicklung. So wurden zum dritten Mal Modellprojekte für Smart Cities gesucht. Eine Stadt die dazu gehört: die Smart City Münster.

Interessiert an weiteren Projekten des Bundesprogramms „Nationale Projekte des Städtebaus“? Seit mehreren Jahren fördert dieses inzwischen die Sanierung und Revitalisierung vom Jugendstil-Volksbad am Plärrer in Nürnberg.

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Rückbau als Ressourcenschonung – wie Städte Schrumpfung als Stärke nutzen

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Stadtstraße mit starkem Verkehr und modernen Hochhäusern in urbaner Umgebung, fotografiert von Bin White

Schrumpfende Städte sind der neue Wachstumsmarkt – zumindest wenn man den Rückbau nicht als Makel, sondern als strategische Ressource begreift. Wer heute noch von Leerstand und Überalterung spricht, verschläft das größte Potenzial der nachhaltigen Stadtentwicklung: Rückbau als aktive Ressourcenschonung. Wie können Städte aus Schrumpfung Stärke machen? Die Antwort liegt zwischen cleverer Planung, zirkulärer Ökonomie und einer kräftigen Portion Mut zum Loslassen.

  • Einführung in das Thema Rückbau als ressourcenschonende Strategie im urbanen Kontext.
  • Analyse der Ursachen und Dynamiken städtischer Schrumpfungsprozesse in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
  • Vertiefung der Chancen, die gezielter Rückbau für nachhaltige Stadtentwicklung bietet.
  • Erläuterung innovativer Planungsansätze, wie Städte Schrumpfung produktiv wenden.
  • Praktische Beispiele für gelungene Rückbauprojekte und ressourcenschonende Umnutzung.
  • Klärung technischer, rechtlicher und gesellschaftlicher Herausforderungen.
  • Zirkuläre Stoffströme und Urban Mining als Schlüsselkonzepte für Ressourcengewinnung.
  • Rolle von Partizipation, Governance und kreativer Stadtgestaltung im Schrumpfungsprozess.
  • Ausblick auf künftige Trends und Anforderungen an Planer und Landschaftsarchitekten.

Schrumpfende Städte als Spielwiese der Zukunft – Rückbau neu denken

Im kollektiven Gedächtnis der Stadtplaner ist Schrumpfung noch immer das ungeliebte Stiefkind: Wer will schon leerstehende Wohnblöcke, verwaiste Supermärkte oder endlose Brachflächen verantworten? Doch der demographische Wandel, wirtschaftliche Umbrüche und die Verlagerung von Produktionsstätten haben in vielen Regionen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz längst Tatsachen geschaffen. Städte wie Gera, Salzgitter oder auch Leoben stehen exemplarisch für diese Entwicklung. Das eigentliche Drama ist jedoch nicht der Leerstand, sondern der verpasste Wandel. Wer Schrumpfung als Rückschritt begreift, wird ihre Chancen nie erkennen. Erst wer den Mut zum Rückbau aufbringt, kann aus dem scheinbaren Makel eine Stärke machen. Stadtplanung im 21. Jahrhundert heißt nicht, Wachstum um jeden Preis zu inszenieren, sondern klug mit Ressourcen und Potenzialen zu haushalten.

Rückbau ist dabei weit mehr als der Abriss von Gebäuden. Er ist ein kreativer Prozess der Transformation. Wo früher Wohnblöcke standen, entstehen heute grüne Freiräume, urbane Gärten, neue Biotope oder multifunktionale Flächen für Nachbarschaft und Kultur. Der Rückbau kann gezielt als Instrument eingesetzt werden, um Flächen zu entsiegeln, Biodiversität zu fördern und das Mikroklima in aufgeheizten Stadtquartieren zu verbessern. Besonders spannend: In Zeiten von Ressourcenknappheit und Klimakrise avanciert der Rückbau zur Goldgrube. Beton, Stahl, Holz und andere Baumaterialien werden aus alten Strukturen zurückgewonnen und wieder in den Kreislauf eingespeist – Urban Mining im besten Sinne.

Gleichzeitig eröffnet Schrumpfung neue Freiräume für partizipative Stadtgestaltung. Bürger werden zu Mitgestaltern, wenn es darum geht, Flächen neu zu denken. Leerstände werden zum Labor für temporäre Nutzungen, von Pop-up-Parks über Urban-Farming bis hin zu Kunstprojekten. In Städten wie Leipzig, Halle oder Basel sind diese Prozesse längst Alltag. Wer den Rückbau strategisch in seine Planung integriert, kann Stadt nicht nur nachhaltiger, sondern auch sozialer und kreativer machen.

Ein weiteres Argument für den aktiven Rückbau: Die Kostenexplosion im Bestandserhalt. Marode Infrastrukturen, energetisch ineffiziente Gebäude und überdimensionierte Versorgungssysteme sind nicht nur teuer, sondern auch ökologisch fragwürdig. Rückbau schafft die Möglichkeit, solche Altlasten gezielt zu beseitigen und Platz für zukunftsfähige Strukturen zu schaffen – sei es in Form von neuen Wohnkonzepten, grünen Korridoren oder urbanen Landwirtschaftsflächen.

Schließlich ist der Rückbau ein Statement gegen die Logik des Immer-Mehr. Er bricht mit der Vorstellung, dass Fortschritt nur in Quadratmetern, Einwohnerzahlen oder Wirtschaftswachstum zu messen ist. Wer Schrumpfung als Stärke nutzt, beweist Weitblick – und schafft eine Stadt, die mit weniger mehr kann.

Ursachen, Dynamiken und Potenziale: Warum Schrumpfung kein Makel ist

Städte schrumpfen nicht aus Jux und Tollerei. Hinter den Rückbauwellen der letzten Jahrzehnte stehen handfeste demographische und ökonomische Verschiebungen. Die sogenannten „alten Industrieregionen“ Ostdeutschlands, das Ruhrgebiet, aber auch Teile der Steiermark oder des Schweizer Mittellands haben den Aderlass von Arbeitsplätzen, die Abwanderung junger Menschen und sinkende Geburtenraten zu spüren bekommen. Was bleibt, sind überdimensionierte Infrastrukturen, leerstehende Gebäude und ein Überangebot an Flächen. Doch in dieser vermeintlichen Krise steckt enormes Potenzial: Schrumpfung entschleunigt, schafft Raum für Experimente und zwingt zu einer neuen Wertschätzung von Bestand und Ressourcen.

Der Rückbau wird so zum Katalysator für Innovationen. Wo Flächen frei werden, können neue Nutzungen entstehen, die vorher undenkbar waren. Brachliegende Bahnareale verwandeln sich in urbane Wälder, ehemalige Gewerbeflächen werden zu Wohnquartieren mit hoher Freiraumqualität. Städte wie Oberhausen oder Chemnitz zeigen, wie aus dem Rückbauprozess eine neue Urbanität erwachsen kann, die nicht auf Wachstum, sondern auf Lebensqualität und Nachhaltigkeit setzt. Die Reduktion von Siedlungsflächen bedeutet gleichzeitig die Chance, Natur in die Stadt zurückzuholen und die Resilienz gegenüber Klimafolgen zu stärken.

Ein entscheidender Aspekt des Rückbaus ist die Schonung von Ressourcen. In einer Welt, in der Sand, Kies, Stahl und andere Baustoffe knapp und teuer werden, ist die Wiederverwendung von Materialien ein Gebot der Stunde. Urban Mining – also das gezielte Bergen und Wiederaufbereiten von Baumaterialien aus dem Bestand – wird zum Schlüssel für die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen. Städte werden zu Rohstofflagern, in denen Gebäude nicht mehr als Endprodukte, sondern als temporäre Materialdepots betrachtet werden. Diese Sichtweise revolutioniert nicht nur das Planen, sondern auch das Bauen und Rückbauen.

Gleichzeitig verändert der Rückbau die soziale Dynamik in schrumpfenden Quartieren. Weniger Einwohner bedeuten nicht zwangsläufig weniger Lebensqualität. Im Gegenteil: Gelingt es, Leerstände zu nutzen, soziale Infrastruktur zu erhalten und die Bevölkerung aktiv einzubinden, entsteht eine neue Form von Nachbarschaft, die von Gemeinschaft und Engagement geprägt ist. Projekte wie die „Grüne Mitte“ in Halle oder das „Stadtteilmanagement“ in Duisburg zeigen, wie Rückbau sozial flankiert werden kann.

Schließlich bietet Schrumpfung die Möglichkeit, Fehler der Vergangenheit zu korrigieren. Überdimensionierte Verkehrsachsen, monotone Großsiedlungen oder umweltschädliche Industrieareale können rückgebaut und neu gestaltet werden. Der Rückbau wird so zum Instrument der Heilung – für das Stadtbild, das Klima und die Menschen.

Rückbau in der Praxis: Projekte, Prozesse und technische Herausforderungen

Wer Rückbau als Ressourcenschonung ernst meint, muss über Abrissbirnen und Bauzäune hinausdenken. Die Praxis zeigt: Erfolgreiche Rückbauprojekte beginnen lange vor der eigentlichen Demontage und enden nicht beim Abtransport der Bauschuttcontainer. Zunächst steht die Bestandsaufnahme – welche Gebäude, Infrastrukturen und Materialien sind überhaupt rückbaubar? Hier kommen digitale Tools wie Building Information Modeling (BIM) ins Spiel, die eine präzise Erfassung und Bewertung der verbauten Materialien ermöglichen. Nur so lässt sich das Urban Mining effizient organisieren und Ressourcen gezielt rückgewinnen.

Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Planung des Rückbaus im städtebaulichen Kontext. Rückbau darf nie isoliert betrachtet werden, sondern muss in die Gesamtstrategie der Stadtentwicklung eingebettet sein. Welche Flächen werden freigezogen, welche bleiben erhalten, welche werden umgenutzt? Hier sind interdisziplinäre Teams aus Stadtplanern, Landschaftsarchitekten, Ingenieuren und Sozialwissenschaftlern gefragt. Die Koordination solcher Prozesse ist komplex, bietet aber auch die Chance, innovative und multifunktionale Räume zu schaffen.

Technisch anspruchsvoll ist vor allem die selektive Demontage. Ziel ist es, möglichst viele Materialien sortenrein zu gewinnen und für die Wiederverwendung aufzubereiten. Das erfordert Know-how, spezialisiertes Gerät und eine enge Abstimmung mit Recyclingunternehmen. Gleichzeitig müssen Schadstoffe wie Asbest, PCB oder Schwermetalle sicher entfernt werden – ein Aspekt, der besonders bei Bestandsgebäuden aus den 1960er und 1970er Jahren relevant ist. Die technische Raffinesse des Rückbaus entscheidet letztlich über die Qualität und Quantität der zurückgewonnenen Ressourcen.

Auch rechtlich bringt der Rückbau einige Herausforderungen mit sich. Wer darf entscheiden, was zurückgebaut wird? Welche Genehmigungen braucht es? Wie werden Eigentumsverhältnisse und Haftungsfragen geregelt? In Deutschland, Österreich und der Schweiz sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen komplex und oft unterschiedlich. Hier ist Expertise in Baurecht, Umweltrecht und Vergabeverfahren gefragt. Wer den Rückbau nicht sauber plant, riskiert Verzögerungen und Kostenexplosionen.

Nicht zuletzt spielt die Kommunikation eine Schlüsselrolle. Rückbau ist oft mit Emotionen verbunden – schließlich geht es um den Abriss von Heimat, Geschichte und Identität. Städte, die den Prozess transparent gestalten, Bürger frühzeitig einbinden und neue Perspektiven aufzeigen, können Akzeptanz schaffen und Widerstände abbauen. Gute Rückbauprojekte sind immer auch Kommunikationsprojekte.

Stoffkreisläufe, Urban Mining und die Rolle der Planung

Rückbau als Ressourcenschonung ist ohne das Prinzip der zirkulären Stadt undenkbar. Die Vorstellung, dass Gebäude und Infrastrukturen nicht für die Ewigkeit, sondern für einen Lebenszyklus gebaut werden und danach in den Stoffkreislauf zurückgeführt werden, ist revolutionär – und doch überfällig. Urban Mining setzt genau hier an: Die Stadt wird zur „Materialbank“, in der jeder Rückbauvorgang zur Rohstoffgewinnung beiträgt. Das erfordert eine neue Planungshaltung: Schon beim Entwurf müssen Materialien, Verbindungen und Demontagemöglichkeiten mitgedacht werden. Modularität, sortenreine Trennbarkeit und die Dokumentation von Baustoffen werden zum Standard. Wer jetzt nicht umdenkt, baut die Probleme von morgen.

Die Steuerung von Stoffströmen im urbanen Kontext ist ein komplexes Unterfangen. Es geht nicht nur um Baumaterialien, sondern auch um Wasser, Energie und biologische Stoffe. Die intelligente Vernetzung von Rückbau, Recycling und Neubau schafft Synergien, die weit über den Einzelfall hinauswirken. Ein Beispiel: Der Rückbau eines alten Schulgebäudes liefert Materialien für den Bau eines neuen Nachbarschaftshauses, während die freiwerdende Fläche als Retentionsfläche für Starkregenereignisse genutzt wird. So entstehen geschlossene Kreisläufe, die Ressourcen schonen und gleichzeitig städtebaulichen Mehrwert schaffen.

Planer und Landschaftsarchitekten sind dabei die Architekten dieser neuen Kreislaufwirtschaft. Ihre Aufgabe besteht nicht nur darin, Rückbauprozesse zu initiieren und zu steuern, sondern auch die Potenziale für neue Nutzungen zu erkennen und zu fördern. Das erfordert Kreativität, technisches Verständnis und die Fähigkeit, komplexe Interessen zu moderieren. Gleichzeitig müssen sie als Vermittler zwischen Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft auftreten – denn ohne breite Unterstützung lassen sich Rückbauprojekte kaum realisieren.

Ein zentrales Werkzeug ist die Nutzung digitaler Plattformen und Datenbanken, die Informationen über Baustoffe, Mengen und Standorte bündeln. Sie ermöglichen es, Angebot und Nachfrage an rückgebauten Materialien effizient zu steuern, Transportwege zu minimieren und so den ökologischen Fußabdruck zu verkleinern. In der Schweiz und in Österreich entstehen bereits erste Materialbörsen, die diesen Ansatz vorantreiben. Die Zukunft der Stadt liegt im Stoffkreislauf – und der beginnt beim Rückbau.

Abschließend sei betont: Rückbau ist kein Selbstzweck, sondern ein Instrument für nachhaltige und resiliente Stadtentwicklung. Wer die Potenziale von Urban Mining, zirkulärer Planung und kreativer Neunutzung ausschöpft, macht Schrumpfung zur Stärke – und sorgt dafür, dass Ressourcen nicht vergeudet, sondern veredelt werden.

Perspektiven und Herausforderungen: Wie geht es weiter?

Die Transformation schrumpfender Städte ist ein Marathon, kein Sprint. Rückbau als Ressourcenschonung wird in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen – getrieben von Klimaschutz, Ressourcenverknappung und gesellschaftlichem Wandel. Doch der Weg ist steinig. Technologische Innovationen wie BIM, digitale Materialpässe oder KI-gestützte Bestandsanalysen machen Prozesse effizienter, stellen aber auch hohe Anforderungen an Know-how, Datenmanagement und Interoperabilität. Wer auf der Höhe der Zeit bleiben will, muss sich ständig weiterbilden und neue Kooperationen wagen.

Rechtlich und politisch braucht es klare Leitlinien, die Rückbau nicht als Ausnahme, sondern als selbstverständlichen Teil der Stadtentwicklung definieren. Förderprogramme, steuerliche Anreize und verbindliche Quoten für die Wiederverwendung von Baumaterialien können den Wandel beschleunigen. Gleichzeitig müssen Planer und Architekten ihre Rolle neu definieren – als Moderatoren, Ressourcenmanager und Innovationsmotoren.

Gesellschaftlich ist Akzeptanz der Schlüssel. Rückbauprojekte sind oft mit Ängsten, Unsicherheiten und Widerständen verbunden. Nur wer transparent kommuniziert, Beteiligung ermöglicht und neue Visionen für schrumpfende Quartiere entwickelt, wird die Menschen mitnehmen. Erfolgreiche Beispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigen: Wo Rückbau als gemeinschaftlicher Prozess verstanden wird, entstehen nicht nur neue Freiräume, sondern auch neue Formen von Identität und Zugehörigkeit.

Auch ökologisch ist der Rückbau ein Kraftakt. Die richtige Balance zwischen Rückbau, Renaturierung und Neunutzung zu finden, erfordert Fingerspitzengefühl und langfristige Planung. Biodiversität, Klimaresilienz und Flächenentsiegelung sind dabei ebenso wichtig wie die Wiederverwendung von Ressourcen. Städte, die diese Herausforderungen meistern, werden zu Vorreitern einer neuen urbanen Ökologie.

Die größte Herausforderung bleibt jedoch der kulturelle Wandel. Schrumpfung muss endlich aus der Schmuddelecke heraus – und als Chance für Innovation, Nachhaltigkeit und Lebensqualität begriffen werden. Wer jetzt Rückbau mutig, kreativ und strategisch angeht, macht aus dem Minus ein Plus. Und setzt Maßstäbe für die Stadt der Zukunft.

Fazit

Rückbau als Ressourcenschonung ist kein kurzfristiger Trend, sondern ein Paradigmenwechsel in der Stadtplanung und Landschaftsarchitektur. Schrumpfende Städte stehen nicht am Ende, sondern am Anfang einer neuen urbanen Epoche, in der weniger tatsächlich mehr sein kann. Wer Schrumpfung als Stärke nutzt, setzt auf zirkuläre Stoffströme, innovative Planung und partizipative Prozesse. Die Beispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigen, wie Rückbau zur Quelle für nachhaltige Stadtentwicklung und gesellschaftlichen Zusammenhalt werden kann. Die Herausforderungen sind vielfältig – von Technik und Recht bis zu Kommunikation und Kultur – aber die Potenziale sind enorm. Rückbau ist kein Abriss, sondern Aufbruch: Wer jetzt Ressourcen schont, schafft die Stadt von morgen. Und beweist, dass Schrumpfung nicht das Ende, sondern der Anfang einer besseren urbanen Zukunft sein kann.

Von Leerstand und Potenzialen

Advertorial Artikel Parallax Article

Das unabhängige Analyseunternehmen bulwiengesa stellte im Oktober mit seinen Partner*innen aus der Projektentwicklung Hamburg Team, Interboden, ehret + klein sowie der Bundesstiftung Baukultur die Studie „Erdgeschosszonen 4.0“  vor. Es handelt sich um eine Thematik, deren Relevanz von Jahr zu Jahr – und 2020 ganz besonders – steigt: Erdgeschosszonen im Stadtquartier sind immer schwieriger zu vermieten und stehen immer öfter leer. Wir stellen die Studie vor und stellen sie als PDF bereit.

Nicht nur Online-Handel ist schuld

Einen besseren Zeitpunkt, um sich diesem Thema anzunehmen, hätten die Projektpartner*innen nicht wählen können. Auch wenn sich die Erdgeschossproblematik bereits seit 2010 abzeichnet, hat die Corona-Krise die Situation zusätzlich beschleunigt und verschärft.

Das Hauptaugenmerk der Studie liegt auf Neubauquartieren in Stadtteillagen – ein sinnvoller, selbstauferlegter Fokus in einer sonst zu übermächtigen Thematik. Apropos Neubauquartier: Gerade die Erdgeschossnutzung war aus immobilienwirtschaftlicher Sicht häufig das Hauptmotiv für Neubau und Investment. Gleichzeitig erfüllen Erdgeschosszonen auch wichtige soziale Funktionen: Sie sind Bindeglied zwischen dem öffentlichen Raum und dem privaten darüber, fungieren als Treffpunkte und ermöglichen Interaktion zwischen den Bewohner*innen. Und allem voran sind sie ein Identifikationsmerkmal. Viele Aufgaben also, die dieser Raum erfüllen muss und bei Leerstand ein Neubauquartier und seine Bewohner*innen vor viele Herausforderungen gleichzeitig stellt.

Die Studie identifiziert denn auch die Auslöser für den langsamen Untergang der Erdgeschosszonen: Rückgang von inhaber*innengeführten Läden, baurechtliche Auflagen, eine alternde Gesellschaft mit spezifischen Bedürfnissen, der Optimierungszwang aufgrund schnell steigender Bau- und Grundstückskosten sowie ganz allgemein den Online-Handel.

Beispiele und Handlungsempfehlungen für Erdgeschosszonen

Natürlich belässt es die Studie aber nicht bei einer Problemskizze: Sie zeigt auch Best-Practice-Beispiele auf und gibt Handlungsempfehlungen für Projektentwickler*innen, Stadtplaner*innen und Investor*innen. All das praxisnah und hochaktuell. Vielleicht nur ein kleiner (Forschungs-)Schritt, aber kein unwesentlicher für die Zukunft unserer Städte.

Sämtliche Auslöser, Best-Practice-Beispiele und Handlungsempfehlungen finden Sie in der Studie “Erdgeschosszonen 4.0”. Hier finden Sie die ganze Studie als PDF zum Download.