Viva la Piazza Zenetti

Die Piazza Zenetti in München zeigt seit Sommer 2018 beispielhaft, wie ein Parkplatz neugedacht nachbarschaftliches Miteinander in einer Großstadt möglich machen kann. Trotzdem müssen die verantwortlichen Planer von raumzeug ihr Projekt immer wieder verteidigen. G+L Redakteurin Theresa Ramisch stellt hier das Projekt vor.

Ich dachte immer, die Wohnsituation in München hängt vom entsprechenden Kleingeld ab. Tatsächlich ist sie aber eine Frage des Glücks. Zumindest wenn man den Münchnern glaubt. Möchte man von diesen wissen, wo sie in der Landeshauptstadt wohnen, ist die klassische Antwort: „Ich hatte Glück.“ Erst nach einer bedeutungsschweren Pause wird aufgelöst, wo sich der konkrete Wohnort befindet. Der liegt dann in der Regel irgendwo innerhalb oder am Rand des Mittleren Rings. Naja, oder auch in Großhadern. Glück ist eben subjektiv.
Ja, um in München eine passende Wohnung zu finden, da gehört einiges dazu. Allein mit Geld kommt man nicht immer ans Ziel. Der Flächendruck ist enorm. Es ist also kein Wunder, dass gerade der finanzschwachen Kreativszene in der bayerischen Landeshauptstadt nur wenig Platz bleibt – zum Wohnen und Arbeiten. Aber auch um neue Projekte anzuschieben. Und das obwohl sie so viel Potenzial für eine langfristige Stadtentwicklung bietet, wie wir in der Oktoberausgabe 2019 der G+L diskutieren.

Aber trotz all dieser Widrigkeiten haben es die Kreativen der Stadt München geschafft, sich ein kleines innerstädtisches Areal zu erkämpfen, in dem kreative bottom-up-Prozesse wieder möglich sind. Das Münchner Schlachthofviertel. Hier beweisen Akteure wie der Verein Wanda e.V. mit der Alten Utting oder auch dem Bahnwärter Thiel, wie kreative Projekte eine Stadt wie München – die eh schon als höchst lebenswert gehandelt wird – noch attraktiver machen. Das Besondere am Schlachthofviertel ist allerdings, dass auch das Münchner Planungsreferat auf den Kreativzug aufspringt, der da aktuell durchs Viertel donnert. Und zwar mit der Piazza Zenetti.

Die Entstehung der Piazza Zenetti

Der Zenettiplatz fristete bis zum Sommer 2018 ein tristes Dasein. Von Aufenthaltsqualität konnte hier keine Rede sein. Parkplätze definierten den Platz. Hinsetzen und bleiben wollte niemand. Dann aber schrieb die Stadt im Rahmen des Projekts „City2share“ die Gestaltung des Zenettiplatzes zu einer Mobilitätsstation samt temporärem Nachbarschaftstreff aus. Den Projektzuschlag erhielt das Münchner Büro raumzeug und die Landschaftsarchitekten Johann-Christian Hannemann und Felix Lüdicke entwickelten eine zwei geteilte Platzgestaltung, die nun – mit weiteren Ergänzungen – im zweiten Jahr besteht.

Die Gestaltung

Der südliche Bereich fasst ein vielfältiges Mobilitätsangebot mit Carsharing-Stellplätzen, E-Ladesäulen und Rädern des öffentlichen Nahverkehrs. Den nördlichen Bereich, der Teil des Aufenthalts, der Kommunikation, entwickelten die Planer gemeinsam mit den Anwohnern in einer Bedarfsanalyse und einem Gestaltungskonzept. Das Ergebnis ist ein multifunktionaler, farbenfroher Platz, der rege von der Nachbarschaft angenommen wird.
Ein umlaufendes, farbiges Möbel – gebaut im Rahmen einer Mitmach-Baustelle – definiert die Raumgestaltung. Es umfasst die Platzfläche und setzt sich auf der anderen Straßenseite fort, verbindet Mobilität mit Aufenthalt. Für das Grün auf dem sonst sehr grauen Platz sind sechs Hochbeete, eine Topfpflanzensammlung und mehrere Wanderbäume zuständig.
Im Sommer 2019 kam außerdem noch ein Rasenteppich hinzu, der hier eigentlich nur für zwei Wochen liegen sollte. Doch drei engagierte Nachbarschaftskinder setzten sich für die Verlängerung des Rasenexperiments über den gesamten Sommer ein – und darüber hinaus. Aktuell überwintert der Rasen beim Nachbarn, dem Bahnwärter Thiel.

Die Nutzung

Ziel der Planer war es, dass vielseitige Nutzungen auf dem Platz möglich sind. Und das haben sie auch erreicht. Die umlaufende (aktuell grüne) Möblierung kann zum Sitzen, Arbeiten, aber auch zum Toben und Spielen genutzt werden. Es gibt eine Infotafel, die als schwarzes Brett über aktuelle Aktionen auf der Piazza berichtet ebenso wie ein Büchertauschregal, eine Pfandnische, ein Tauschbrett und abschließbare Boxen für Spielsachen und Werkzeuge. Simpel, robust und funktional – dieser Dreiklang beschreibt den Charakter der Piazza am besten.

Aber wären Parkplätze nicht sinnvoller?

Mit gemeinsamen Aktionen binden die Planer die Nachbarschaft aktiv ein. Eine solche Aktion war beispielsweise auch das Springbrunnenexperiment, das Mitte Juli 2019 auf der Piazza Zenetti statt fand. Schaut man sich die Bilder an, sieht das spaßig aus, oder? Und das war es auch. Das Traurige: Von dem Spaß sind immer noch nicht alle überzeugt. Auch nach zwei Jahren – auch kurz nach solch einem erfolgreichen Event – führen Johann-Christian Hannemann und Felix Lüdicke in der Isarvorstadt weiterhin Diskussionen, ob der Platz überhaupt genutzt wird und zehn Parkplätze nicht sinnvoller wären. Die Planer von raumzeug bekommen am Platz immer wieder „Gentrifizierungs“-Kritik zu hören: dass sie das Funktionieren der Piazza nur inszenieren und die Nachbarn den Platz gar nicht nutzen.
Haben die Kritiker recht? Meine Meinung: Nein. Erstens: Ein hundert Meter weiter, hinter der Unterführung auf der Tumblingerstraße, sind immer Parkplätze frei. Man müsste sie nur nutzen. Zweitens: sollten wir eh alle weniger Auto fahren. Drittens: blühen und wachsen die Hochbeete. Warum das ein Argument ist? Sie werden von einigen extrem engagierten Platz- und Beetpaten aus der Nachbarschaft gepflegt. Spricht das nicht schon alleine dafür, dass das Miteinander auf der Piazza Zenetti funktioniert? Ich meine, neben der Tatsache, dass hier eigentlich immer irgendwer sitzt? … Eben. Und viertens: War ich selten an einem Ort in München, wo nachbarschaftliches Miteinander so leicht entsteht, wie auf der Piazza Zenetti. Dass nachbarschaftliches Miteinander in einer Großstadt wie München rar ist und immer rarer wird, darüber müssen wir nicht groß diskutieren. Und auch nicht, dass wir Räume ohne Konsumzwang brauchen, die uns als Menschen, als Nachbarn näher zusammen bringen, die der zunehmenden Anonymität in der Großstadt etwas entgegensetzen und die ein Miteinander statt ein Nebeneinander aktivieren. Öffentliche Räume sollen einladen, nicht ausschließen. Und eben das leistet die Piazza. Dank der räumlichen Gestaltung von Johann-Christian Hannemann und Felix Lüdicke, aber auch durch das sozialer Engagement der Planer selber. Denn sie sind jeden Mittwoch ab 18 Uhr zum Nachbarschaftstreff „putz, plausch und plan“ auf der Piazza anzutreffen. Und dabei wohnen die zwei noch nicht mal im Viertel. Das nenn ich mal Engagement.

Auch interessant zu diesem Thema: Einen Kommentar dazu, warum gerade München kreative Projekte braucht, finden Sie in der Oktoberausgabe 2019 der G+L (Thema „Kreative Stadt“). Geschrieben von: Johann-Christian Hannemann und Felix Lüdicke. Einen Blick ins Heft gibt es hier.

Fotos: Johann-Christian Hanneman (raumzeug)

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Das diesjährige Greentech Festival fand vom 14.-16. Juli in Berlin statt. credits: Greentech Festival
Das diesjährige Greentech Festival fand vom 14.-16. Juli in Berlin statt. © Greentech Festival

Vom 14. bis 16. Juli fand in Berlin das Greentech Festival 2023 statt. Dort tauschen sich Akteur*innen aus der Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zu nachhaltigen Themen aus. Über eine Veranstaltung zwischen Innovation und Greenwashing.

Kurze Historie des Greentech Festival

Es war im Jahre 2018 als bei Ex-Rennfahrer und Formel 1 Weltmeister Nico Rosberg die Idee eines Greentech Festivals aufkam. Es sollte als Plattform dienen, um interdisziplinär Lösungen für eine nachhaltigere Zukunft zu ergründen. Dazu suchte sich Rosberg Gleichgesinnte und fand diese in den beiden Ingenieuren und Unternehmern Marco Voigt und Sven Krüger. Bereits ein Jahr später, 2019, veranstalteten sie in Berlin mit dem Greentech Festival Europas größtes Nachhaltigkeitsfestival. Akteur*innen aus der Wirtschaft, Politik und der Gesellschaft debattierten zu Themenbereichen wie Ernährung, Energie, Infrastruktur und Mobilität. 

Die letztgenannten dürften ein besonderer Anreiz für den Beitritt eines weiteren Aktionärs gewesen sein. Denn im Jahr 2020 stieg niemand geringerer als die Deutsche Bahn als zusätzlicher Unterstützer ein. Drei Jahre später ersetzte Serienunternehmer Tobias Assies das Gründungsmitglied Sven Krüger. Und damit stand das Team für das diesjährige Greentech Festival 2023 fest. Das Motto: Net Zero vor 2050. Um dieses Ziel zu erreichen, luden die Veranstalter erneut große Industrieunternehmen und kleine Start Ups nach Berlin ein um sich über Netto-Null-Strategien auszutauschen. Rund um die Talkrunden und Präsentationen bietet das Greentech Festival den Besucher*innen ein buntes Unterhaltungsprogramm. Bands und Künstler*innen steuerten musikalische Untermalung bei. Als weiteres Highlight gelten die Green Awards, bei denen Persönlichkeiten ausgezeichnet werden sollen, die sich in besonderer Weise für nachhaltige Themen stark machten. Darunter finden sich in der noch jungen Historie des Festivals illustre Namen wie Bob Geldof, Elon Musk, Robert Redford oder Vivienne Westwood. 

© Greentech Festival
© Greentech Festival

Programm des Greentech Festival 2023

Diesjährig setzte das Greentech Festival noch eine Schippe drauf und expandierte nach Singapur und Los Angeles. In Deutschland fand es vom 14. bis zum 16. Juni im ehemaligen Flughafen Berlin-Tegel TXL statt. Diesjährig fanden sich im Programm beispielsweise der Direktor des Potsdam-Insti­tuts für Klima­folgen­forschung, Johan Rock­ström. Er referierte in seinem Panel-Talk über das 1,5-Grad-Ziel. Weiterhin das Schweizer Start-up Planted, welches Fleischersatz-Produkte auf pflanzlicher Basis herstellt. Judith Wemmer, Head of Product Development des Unternehmens, ging in ihrem Vortrag der Frage nach, wie die Weltbevölkerung in Zukunft ernährt werden könne. Insgesamt spricht das Greentech Festival von über 150 Vortragenden und 190 Aussteller*innen innerhalb der drei Tage. Darüberhinaus verzeichneten sie rund 15 000 Besucher*innen.

Von innovativen Ansätzen…

Darunter diesjährig Beispielswiese erstmalig das Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz. Dieses stellte einen Photobioreaktor vor, um zu veranschaulichen, wie sich CO2 nutzen lässt, um Algen zu züchten, die das Treibhausgas wiederum binden können. Ebenso innovativ ist das Projekt des Diplom-Physikers Franz Philipps vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Er präsentierte den sogenannten Zedu-1. Das bis dato umweltfreundlichste E-Auto der Welt, welches mittels eigens entwickelter Filtertechnologie sowohl Mikroplastik durch Reifenabrieb als auch Feinstaub eliminiert.

…und Greenwashing

Die lange Liste an Partner*innen und Unternehmen stößt jedoch auch auf Kritik. Denn während Shell, E.ON, die Lufthansa oder Audi auf dem Greentech Festival zwar grüne Ansätze präsentierten, agieren sie in ihrem Unternehmensalltag nicht immer nach den Vorsätzen, die das Festival propagiert. Shell etwa bewarb Recharge-Ladestationen für E-Autos. Gleichzeitig lehnt Shell eine Emissionsreduktion ab, da dies angeblich gegen Aktionärsinteressen verstieße. Auch dass mit der Lufthansa eine der größten Fluggesellschaften der Welt über die Reduzierung von Plastikmüll und Klimaneutralität bis 2050 referiert, hat einen faden Beigeschmack. Das Tech-Portal „Basic Thinking“ resümiert das Greentech Festival mit den Worten: „Was nach dem Greentech-Festival 2023 bleibt, sind zwar einige nette Ideen, aber wenige innovative Konzepte und Aussteller. Dafür aber umso mehr Selfies, Greenwashing und Selbstbeweihräucherung unter dem Deckmantel „Mission to net Zero“.“

Auch andernorts feilt man an umstrittenen Strategien gegen die Klimakrise. Zum Beispiel mit genveränderten Bäumen. Mehr dazu und über das StartUp Living Carbon hier.

H. C. Andersen-Museum von Kengo Kuma eröffnet

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Im dänischen Odense eröffnete Ende Juni das Hans-Christian-Andersen-Haus. Der japanische Architekt Kengo Kuma entwarf das Museum, in dem Besucher*innen in eine traumschöne Märchenwelt abtauchen. Den Märchengarten rundum entwarf das Kopenhagener Landschaftsarchitekturbüro MASU Planning.

Nicht nur der Märchenonkel

Kennen Sie die Geschichte Des Kaisers neue Kleider von Hans Christian Andersen? Grob zusammengefasst geht sie so: Es war einmal ein modisch sehr versierter Kaiser, der die Aufmerksamkeit von zwei Betrügern auf sich zog. Diese gaben sich als Weber und Schneider aus und behaupteten, die luxuriösesten Stoffe herstellen zu können. Außerdem hätten die Stoffe eine wundersame Fähigkeit: Nur intelligente Menschen, die ihres Amtes würdig seien, könnten sie tatsächlich sehen.
Selbst wenn Sie das Märchen nicht kennen, wird Ihnen klar sein, wo die Geschichte hinführt: Die Betrüger steckten die teuren Rohstoffe in ihre Taschen, während sie Luft webten und schneiderten. Niemand traute sich, dem Kaiser das Offensichtliche zu sagen – alles Humbug! – aus Angst, sich als dumm und inkompetent zu outen. Schließlich paradierte der Herrscher nackt durch sein Volk, im Glauben prächtig gekleidet zu sein.

Während dieses Märchen und die Vorstellung des nackten Kaisers inmitten seiner Untergebenen bei Kindern bestimmt zu Belustigung führt, ist die Botschaft für Andersens erwachsene Leser*innen doch auch deutlich: Denkt kritisch und folgt nicht blind dem Konsensus. Hans Christian Andersen war nie der lustige Geschichtenerzähler, der mit seinen Erzählungen nur Kinder unterhalten wollte. Seine Geschichten enthielten oft scharfe Sozialkritik oder waren bissige Satiren seiner Umwelt.

Neuartiges Museum von Kengo Kuma

Obwohl Andersen auch Anderes schrieb, Reiseberichte etwa, waren es die Märchen, die seinen Ruhm begründeten. Die Prinzessin auf der Erbse, Das hässliche Entlein, Die kleine Meerjungfrau und Das Mädchen mit den Schwefelhölzern – ingesamt 156 Märchen verfasste Andersen.

H. C. Andersen kam 1805 im dänischen Odense zur Welt. In Odense ist man natürlich stolz auf den großen Sohn der Stadt: Sein Elternhaus wurde in ein Museum umgewandelt. Mehrere Statuen und ein großes Wandgemälde erinnern ebenso an ihn wie Skulpturen seiner Märchenfiguren, die sich über ganz Odense verteilt finden. Auch der örtliche Flughafen ist nach ihm benannt.

Jetzt hat Odense eine neue Andersen-Sehenswürdigkeit: Ende Juni 2021 eröffnete „H. C. Andersens Hus“. Das neue Museum will aber nicht in erster Linie Informationen über Andersen vermitteln. Stattdessen erlaubt es den Gästen, in seine Märchenwelt einzutauchen, seine Sichtweise einzunehmen.

Andersens Wahrnehmung von Natur

Das Museumgebäude, das der japanische Architekt Kengo Kuma dafür im Zentrum von Odense errichtet hat, stellt eine Hommage an den Schriftsteller dar. Beim seien Entwurf ging es Kuma darum, jene Gegensätzlichkeit der Welt zum Ausdruck zu bringen, die Andersen in seinem Werk stets hervorhob: Realität und Fantasie, Mensch und Tier, hell und dunkel. Kengo Kuma und sein Team hatten zum Ziel, mit dem Gebäude und dem umliegenden Freiraum einen neuartigen Museums-Typus zu schaffen.

Dafür verwob Kengo Kuma die Architektur des Museums eng mit der Landschaft. Zuerst fällt den Besucher*innen nämlich der 7 000 Quadratmeter große Garten rund um das H. C. Andersen-Haus auf, den MASU Planning aus Kopenhagen gestaltete. Kengo Kuma versenkte große Teile seines Museumsbaus – zwei Drittel der Fläche liegen unter der Erde – und erzielt so den Eindruck eines Parks, in dem eine reihe kreisrunder Pavillons aus Holz und Glas stehen, deren Dächer begrünt sind. Damit reagierte Kuma auf den Bauplatz, der auf der Schnittstelle zwischen einem kleinmaßstäblichen mittelalterlichen Stadtgrundriß und einer grobkörnigeren urbanen Struktur des 19. und 20. Jahrhunderts liegt. Mit dem Museumspark fügt er ein neues Strukturelement in den Stadtraum ein, das zwischen den unterschiedlichen Körnungen vermittelt. Gleichzeitig schafft die Durchwegung des Museumsgrundstücks auch ganz praktisch neue Verbindungen zwischen den angrenzenden Quartieren.

Die oberirdischen Teile des Andersen-Hauses nehmen fast ausschließlich die Bereiche auf, die nicht als Ausstellungssäle genutzt werden: Im Nordosten hat der Architekt den Museumseingang mit allen notwendigen Funktionen angeordnet, im Südwesten nehmen zwei Pavillons Gastronomie und Bookshop auf.  Zwischen den beiden Bautengruppen befindet sich ein großer abgesenkter Bereich: der Lichthof, der die Ausstellungsräume im Untergeschoss erhellt. Die übrigen unbebauten Flächen auf Straßenniveau hat MASU als öffentlichen Grünraum gestaltet. Intention der Landschaftsplaner*innen war es, Andersens Wahrnehmung von Natur in den Freiraum zu übertragen: Er soll als Inspirationsquelle fungieren, der Fantasie freien Lauf lassen und zugleich unberechenbar und wild sein.

Dualitäten in den Garten überführt

Die Verflechtung zwischen Architektur und Garten bilden die Hecken: Diese zeichnen die unterirdischen Räumlichkeiten des Museums über dem Boden nach. Als klassisches Element in der Gartenplanung fungieren sie als Raumgrenzen, aber in diesem Falle nicht nur. Stattdessen fügen sie sich labyrinthartig zusammen und erlauben den Besucher*innen, sich im Garten zu verlieren.

Auch im Innern des Museums spielen die Grünräume eine prägende Rolle: Der Ausstellungsparcours mäandert zwischen Sälen ohne Tageslichteinfall, dem großen Lichthof und drei kleineren begrünten Lichthöfen, so dass die Besucher*innen immer wieder neue Variationen des Themen innen und außen, hell und dunkel erleben. Dieses Spiel mit den Gegensätzen leitet der Architekt aus dem Werk Andersens ab, das er als bestimmt von Gegensätzlichkeiten begreift: wirklich und unwirklich, menschlich und tierisch, dunkel und hell.

Kengo Kuma will mit Museum H. C. Andersens Geist einfangen

Die Planer*innen von MASU Planning haben die Dualität hell ­– dunkel auch in den Museumsgarten überführt. Es gibt einen dunklen Gartenteil, in dem eng gepflanzte Kiefern das Licht blockieren und die weiter Bepflanzung soll unheimlich und düster wirken. Vom dunklen Garten geht es über in den hellen Garten, wo sich Räume auftun und weiße Blumen und Gräser die die Gäste empfangen. Der grüne Freiraum rund um das Museum wird der Öffentlichkeit zugänglich sein und soll zu einem Teil der Stadt werden.

Was den neues Museums-Typus ausmacht, ist die Art und Weise mit der Kengo Kuma und sein Team aus Garten, Architektur und Ausstellungsgestaltung ein Ganzes schaffen. Das war Kuma auch besonders wichtig: Diese drei Elemente sollten von Anfang an zusammen gedacht werden. Deshab wurde auch die Ausstellung von Anfang an mitkonzipiert: Künstler*innen gestalteten eigens dafür verschiedene Elemente. Darunter befinden sich etwa Filme, Illustrationen, Puppen und verschiedene Installationen. Dafür haben sie sich von den verschiedenen Märchen H. C. Andersens inspirieren lassen. So gibt es etwa eine Installation basierend auf der Schwalbe in Däumelinchen oder eine, die sich auf das Märchen Das Feuerzeug bezieht. Des Kaisers neue Kleider hingegen ist noch nicht vertreten. Aber davon gibt es in Odense immerhin bereits eine Statue – nur sechs Minuten Fußweg entfernt.

Sie mögen Märchen? Dann interessieren Sie sich vielleicht auch für den Brüder-Grimm-Platz von Club L94.