04.06.2019

Gesellschaft

Allein auf hoher See? Subkultur in München


Alte Utting als Beispiel für Münchens Subkultur?

München und Subkultur, das ist so ein Thema. Bottom-up Kunst- und Kulturprojekte finden in der bayerischen Hauptstadt kaum Platz. Die große Hoffnung liegt auf dem Schlachthofviertel. Und auf Daniel Hahn. Der Münchner brachte das Ausflugsschiff MS Utting nach München und setzte es als Kulturzentrum auf eine stillgelegte Bahnbrücke. Kommt man nach München, sollte man der Alten Utting definitiv einen Besuch abstatten. Und der Gans am Wasser. Und der Minna Thiel. Und natürlich dem Bahnwärter Thiel. Denn irgendwie sind alle Projekte von Daniel Hahn und seinen Kolleg*innen toll. Findet zumindest wir und stellen sie hier vor. 

 

Die Alte Utting, Kunst- und Kulturzentrum, und der Bahnwärter Thiel, Techno-Club und alternatives Kulturzentrum – das sind die jüngsten (und bislang größten) Projekte von Daniel Hahn. Sie tragen maßgeblich dazu bei, dass sich der Münchner Schlachthof im letzten Jahr zu einem der interessantesten Quartiere der Stadt entwickelt hat. Hier scheint so etwas wie Subkultur in München noch möglich zu sein. Und dabei sind die Transformationsprozesse vor Ort voll im Gange. Unweit der Lagerhausstraße nimmt ein Krater von Baustelle das Viertel ein. Volkstheater und Wohnkomplexe (mit vermutlich vollkommen überteuerten Wohnungen) sollen hier entstehen. Das Dreimühlenviertel um die Ecke gilt seit Jahren als gentrifiziert. Um so interessanter, dass hier die MS Utting ihr neues Zuhause fand.

Inzwischen habe ich mich dran gewöhnt, aber zu Beginn war es seltsam. Ein Schiff auf einer Brücke. Da bleibt der Blick hängen. 1950 gebaut, tuckerte die MS Utting im Jahr 2016 ein letztes Mal über den Ammersee. Anfang 2017 sollte das historische Traditionsschiff verschrottet werden. Der Wannda e.V., 2012/2013 von Daniel Hahn gegründet, rettete es und brachte es auf eine stillgelegte Bahnbrücke in München. Eigentlich sollte die Utting im Sommer 2017 eröffnen. Doch die Arbeiten rund ums Schiff zogen sich, und die Taufe der nun „Alten Utting“ konnte erst ein Jahr später, im Juli 2018 stattfinden.

Seitdem ist die Alte Utting mein Lieblingsplatz in München. Besonders im Sommer. Auf den zwei Oberdecks (hier gibt’s Getränke) ist es oft ein wenig windig. Man hat dann das Gefühl tatsächlich mit dem Schiff unterwegs zu sein. Essen holt man sich unten, auf der Höhe des Maschinenraums (den man selbstverständlich begehen kann, und wo auch regelmäßig Konzerte etc. stattfinden), quasi zu Fuße des Schiffs. Alles Selbstbedienung mit unterschiedlichen Richtungen: Regional & deftig, kreativ & Fusion, Crêpes, Salate, Brotzeit, Fingerfood und auch Pizza. Da findet jeder etwas. Preise sind ein wenig höher, aber nicht unverschämt, München-Style halt. 

Außerdem finden auf der Alten Utting immer wieder Konzerte, Kinoabende und Lesungen statt. Zum Beispiel das Format „Reportagen live“, wo Redakteure des Schweizer Magazins Reportagen ihre Geschichten vorlesen. Sehr zu empfehlen.

Ob die Utting im Schlachthof ihren Heimathafen gefunden hat? Der Mietvertrag läuft derzeit nur bis 2022. Was danach passiert ist ungewiss. Daniel Hahn hofft, dass sie danach unter Denkmalschutz gestellt wird.

 

Gans am Wasser

Zu Fuß brauche ich von meiner Wohnung fünf Minuten zur Utting. Ich Glückspilz, denn sonst ist das Schlachthofviertel mit dem ÖPNV eher schlecht zu erreichen. Nur der 132er und 62er Bus fahren zur Lagerhausstraße. Daher empfehle ich ein Radl zu organisieren, beispielsweise über die MVG. Dann kann man auch gleich nach einem Kaffee auf der Alten Utting mit dem Fahrrad zu Gans am Wasser weiterdüsen (15 Minuten Fahrtzeit). Ein Outdoor-Café im Westpark, das Daniel Hahns jüngerer Bruder Julian ins Leben gerufen hat. Klingt nach etwas für dem Sommer? Nicht nur. Denn auch im Winter kann man sich, von Lagerfeuer, Decken und Glühwein gewärmt, in die experimentellen Möbel fallen lassen. Ich habe hier schon ganze Winternachmittage verbracht. 

 

Minna-Thiel und Bahnwärter Thiel

Ein weiteres Wannda-Projekt befindet sich in der Nähe des Königsplatzes, vor der Hochschule für Fernsehen und Film. Die Minna-Thiel, quasi das kleine Sommer-Pendant zum Bahnwärter Thiel. Ein ausrangierter Bahnwaggon, dessen direktes Umfeld zum Biergarten umgebaut wurde. Innen sitzt man auf U-Bahn-Sitzen, außen auf Bierbänken. Sympathisch unkompliziert. Und jede Woche gibt es hier kleine Akustikkonzerte. 

 

Wer eher auf Techno und Elektro steht, der sollte sich abends nochmal ins Schlachthofviertel begeben. Der alternative Musikclub Bahnwärter Thiel besteht aus einer Komposition aus Schiffscontainer und Bahnwaggons. Mein Highlight: Die Kabine einer Gondelbahn, die beim Hauptdancefloor schwebt und schwingt. Achja und am Wochenende gibt es beim Bahnwärter auch Flohmärkte. Tagsüber dann. Die sind mir persönlich jedoch zu überlaufen. Ich tanze lieber.

Ein weiteres spannendes Projekt im Münchner Schalchthofviertel ist die Piazza Zenetti in München. Mehr dazu lesen Sie hier.

Abseits des Schlachthofviertels empfehlen wir Ihnen die Reiseziele hier in München.

Außerdem auch sehenswert, der DAM-Preis-Gewinner 2021, das WERK 12 von MVRDV.

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