12.10.2022

Gesellschaft

Porous City: From Metaphor to Urban Agenda – Buchrezension

von Vanessa Baltes
porous City, Cover: Birkhäuser
porous city Cover: Birkhäuser

Der Modernismus hat unsere Städte getötet. Er raubte den Räumen ihre Multifunktionalität und damit dem städtischen Leben eine entscheidende Qualität. Sophie Wolfrum, ehemalige Professorin für Stadtplanung, und ihre 66 Co-Autor*innen bezeichnen diese Qualität multifunktionaler Räume für freie und spontane Aneignung als Porosität. Nach Ansicht der Autor*innen ist das Verständnis dieses Konzepts notwendig, um eine fortschrittliche städtische Agenda zu erstellen.

Begriff der Porosität

Die Publikation bezieht sich auf einen Aufsatz von Walter Benjamin und Asja Lacis aus dem Jahr 1925. Dort entstand die Idee der porösen Stadt als literarische Metapher. Mit dem Begriff beschrieben die Autor*innen den lebendigen Charakter der Stadt Neapel. Dieser ergibt sich aus der Verschmelzung von sozialem und physischem Stadtraum. 2018 hat die Fakultät für Architektur der Technischen Universität München das Buch „Porous City: From Metapher to Urban Agenda“ von Wolfrum veröffentlicht. Auf 300 Seiten versucht die Sammlung von 62 Aufsätzen – zum Teil von Autorenteams verfasst – zu klären, was das Konstrukt der Porosität für die Stadtplanung bedeutet.

Autor*innen aus unterschiedlichen Berufsfeldern wie Städtebau, Architektur, Landschaftsarchitektur und Kunst vermitteln ihre Überlegungen zur Porosität. Gelegentlich werden die Themen mit Bildern, meist Fotografien, illustriert. Die Texte sind in sechs Kategorien gegliedert. Zunächst geht es um Überlegungen zum Begriff, die Themen Architektur und Städtebau, Raumproduktion und Handeln. Danach beschäftigen sich die Autor*innen mit städtischen Regelungen und Planung, städtischer Territorialität und Strategien und dem Erkennen von Porosität.

Das Buch erläutert nicht nur die Herkunft des Begriffs. Die Autor*innen setzen ihn auch in Beziehung zu Architektur und Stadtplanung. Dadurch ist er leichter zu verstehen. Die Aufsätze helfen, aus der ursprünglichen Metapher Typologien und eine Agenda für die städtische Praxis zu entwickeln. Das Werk überzeugt vor allem durch die sorgfältige Untersuchung, wie Porosität entsteht und wie sie im öffentlichen Stadtraum gefördert werden kann. Es beschreibt auch die damit verbundenen grundlegenden, unverzichtbaren Qualitäten für die Stadt.

Ziele des Buches

Eines der Ziele des Buches war es, das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten. Angesichts der unterschiedlichen Fachdisziplinen der Autor*innen ist dies auch gelungen. Dennoch hätte mehr als ein Text eines Soziologen den Diskurs noch mehr bereichert. Das Thema ist nämlich auch stark mit sozialen Prozessen verbunden. Bei einem Ausbildungshintergrund in der Landschaftsarchitektur scheint die Frage der Porosität eine Selbstverständlichkeit zu sein. Dies wird bei der Betrachtung der von Landschaftsarchitekt*innen verfassten Aufsätze deutlich. Dabei kommt die Frage auf, ob Porosität überhaupt ein wichtiger Begriff ist. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Buch hält, was es verspricht, und dabei eine Agenda für die poröse Stadt von Morgen vorschlägt.

Die Publikation bietet eine verständliche Auseinandersetzung mit dem Begriff der Porosität, seinen Ursprüngen und seiner Bedeutung für die heutige Stadtplanung. Aufgrund der Interdisziplinarität des Themas ist dieses Buch auch für alle beteiligten Berufsgruppen zu empfehlen. Es regt zum Nachdenken darüber an, was städtisches Leben ausmacht, wo seine Qualität liegt und wie die verschiedenen Berufsgruppen zusammenarbeiten müssen, um der Komplexität einer porösen Stadt gerecht zu werden.

Der Text entstand in der „wissenschaftlichen Schreibwerkstatt Landschaftsarchitektur“ am TUM-Lehrstuhl Landschaftsarchitektur und Transformation bei Prof. Udo Weilacher. Im Rahmen des Seminars wählen Student*innen Fachliteratur aus und erarbeiten gemeinsam individuelle Buchrezensionen.

Ebenfalls interessant: Das Buch „Stadtstrukturen im Stresstest“. Lesen Sie hier unsere Rezension.

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