Prag setzt in Stadtentwicklung auf private Immobilieninvestor*innen

Prag führt ein neues Finanzierungsmodell der Stadtentwicklung ein.

Prag führt ein neues Finanzierungsmodell der Stadtentwicklung ein. (Foto: Dmitry A. Mottl

Prag: eine neue Strategie für Immobilieninvestitionen

Der Magistrat in Prag will künftig mehr private Großinvestor*innen in Infrastrukturprojekte miteinbeziehen. Ein spezieller Fonds soll das möglich machen. Alles dazu hier.

Die tschechische Hauptstadt Prag experimentiert mit einer neuen Strategie für Immobilieninvestitionen. Der Magistrat der Stadt kündigte kürzlich einen speziellen Fonds an, der es privaten Investor*innen ermöglichen wird, Immobilien- und Infrastrukturprojekte mitzufinanzieren. Ein ähnliches Modell hat sich bereits in der tschechischen Stadt Brünn bewährt.

Bessere Finanzierung für öffentliche Projekte

Künftige Bauvorhaben in Prag sollen zunehmend von großen privaten Investor*innen unterstützt werden. Im Gegenzug zu dieser Möglichkeit werden die Investor*innen in einen neuen Fond einzahlen, der für öffentliche Infrastrukturprojekte verwendet wird. Das Prager Stadtparlament hat diese Immobilienstrategie Ende Januar beschlossen.

Beamte erklärten, dass Prag mittel- bis langfristig nicht über die Mittel für alle öffentlichen Projekte verfügt. Daher wird der neue Immobilieninvestitionsfonds eine zusätzliche Einnahmequelle schaffen, um dieser erwarteten Knappheit entgegenzuwirken. Öffentliche Projekte wie neue Schulen oder Infrastruktur werden durch die Renditen privater Investor*innen, die in den Fonds einzahlen, finanziert.

Prager Immobilieninvestor*innen werden in Zukunft die Möglichkeit haben, einen speziellen Vertrag mit der Stadt abzuschließen. Sie werden von Anfang an wissen, welche Projekte sie mit ihrer Einzahlung in den Stadtentwicklungsfonds unterstützen.

Prag: zwei Gebührenmodelle für Immobilieninvestitionen

Prags stellvertretender Bürgermeister Petr Hlaváček erklärte, dass dieses Finanzierungsmodell unter anderem dem Wohnungsmangel in der Stadt zugutekommen wird. Auch Parks, Schulen sowie das Straßenbahnnetz werden davon profitieren. Eine weitere Idee ist der Bau neuer Stadtteile, die den notwendigen Wohnraum bereitstellen.

Prag kämpft schon seit mehreren Jahren mit einer Wohnungskrise. Die Einwohner*innenzahl der Stadt von 1,3 Millionen Menschen wächst ständig, sowohl durch natürliches Wachstum als auch durch Zuwanderung aus dem In- und Ausland. Die Wirtschaft des Landes und insbesondere die Prager Wirtschaft nimmt an Fahrt auf – wenn auch noch nicht explosionsartig, so die Immobilienexpert*innen von Savills.

Der Magistrat der Stadt hat zwei Gebührenmodelle für die neue Immobilieninvestitionsstrategie beschlossen. Private Investor*innen zahlen eine Grundgebühr von 700 tschechischen Kronen (etwa 29 Euro) pro Quadratmeter eines jeden neuen Gebäudes. Wenn Investor*innen eine Änderung des Flächennutzungsplans zur Erweiterung ihrer Projekte beantragen, müssen sie 2 300 Kronen (circa 95 Euro) pro Quadratmeter zahlen.

Wichtig ist, dass der Immobilienfonds in Prag eine freiwillige Option für Bauträger*innen bleiben wird. Die lokalen Regierungsbeamt*innen sind optimistisch, dass es genügend Unterstützer*innen geben wird, da das Bauwesen in der tschechischen Stadt ein beliebter Investitionsbereich ist. Öffentliche Projekte, wie die Umwandlung des stillgelegten Güterbahnhofs Žižkov in einen neuen Stadtteil mit Wohnungen und Arbeitsplätzen für Zehntausende von Einwohner*innen, sind für Investor*innen attraktiv.

Der neue Fonds könnte rund 1,5 Milliarden Kronen (62 Millionen Euro) zu diesem Projekt beitragen. Laut Hlaváček könnten die ersten Verträge für diese Immobilieninvestition im Jahr 2022 abgeschlossen werden. „Diese Verträge werden eine Grundlage für weitere Verhandlungen sein. Sie sind bereits ein wichtiges Instrument der Stadtentwicklung“, erklärte er.

Private Investitionen als Instrument der Stadtplanung

Die tschechische Stadt Brünn hat bereits eine Version der Strategie für Immobilieninvestitionen umgesetzt, die Prag jetzt einführt. In Brünn wurden bis 2021 150 Millionen Kronen (6,2 Millionen Euro) über den Fonds aufgebracht. Der Magistrat hat 14 Verträge mit Investor*innen abgeschlossen, die sich bereit erklärt haben, eine Gebühr von 800 Kronen (33 Euro) pro Quadratmeter in den Fonds einzuzahlen.

Brünns Bürgermeisterin Markéta Vaňková erklärte: „Wir wollen nicht nur neue Gebäude schaffen, sondern auch Bauträger dazu einladen, mit der Stadt zusammenzuarbeiten und in die öffentliche Infrastruktur zu investieren. Bürgersteige, Straßen, Parkplätze, Parks und Grünflächen, aber auch Kindergärten sind für diese Art von Investitionen relevant.“

Die Methodik für diese Immobilieninvestitionsstrategie wurde von der Brünner Architekten- und Bauherrenvereinigung entwickelt. Deren Leiter, Market Vinter, stimmt zu, dass ein Fonds wie der Prager Immobilieninvestitionsfonds ein Schritt in die richtige Richtung ist. Darüber hinaus schafft diese Strategie auch für Bauherr*innen klarere Bedingungen. Letztendlich ist zu hoffen, dass die ganze Stadt davon profitiert.

Quellen und weiterführende Links:
Radio Prague International (2022): Stadtentwicklung in Prag: Investorenfonds soll Infrastruktur voranbringen.
Tim Gosling (2020): Poor suffer most as Czech housing crisis deepens. BalkanInsight. 
The Savills Blog (2020): No end in sight for Prague’s housing crisis. 

Mehr zur Wohnungspolitik in Berlin, Hamburg und München: Ihre Bürgermeister*innen möchten das Vorkaufsrecht in den Städten stärken. 

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Geodaten-Livefeeds für Einsatzplanung im Katastrophenfall

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Luftbild einer deutschen Stadt mit Fluss, fotografiert von Emmanuel Appiah

Im Katastrophenfall zählt jede Sekunde – und jeder Meter. Geodaten-Livefeeds revolutionieren die Einsatzplanung und machen aus groben Lagekarten hochpräzise, dynamische Werkzeuge für Rettungskräfte und Stadtplaner. Wie diese Technologie Städte rettet, warum sie neue Fragen zu Governance, Verantwortung und Datenethik aufwirft, und was Deutschland von internationalen Vorreitern lernen kann: Das erfahren Sie nur hier – bei G+L.

  • Klärung, was Geodaten-Livefeeds sind und wie sie in Katastrophenszenarien zur Anwendung kommen
  • Technische Grundlagen: Sensorik, Datenquellen, Übertragungswege und Integrationsplattformen
  • Anwendungsbeispiele: Hochwasser, Sturm, Feuer und großflächige Evakuierungen
  • Herausforderungen bei Datenqualität, Standardisierung und Echtzeitfähigkeit
  • Kooperation zwischen Einsatzkräften, Verwaltungen und Technikdienstleistern
  • Rechtliche und ethische Fragen zu Datennutzung, Souveränität und Transparenz
  • Innovationspotenzial: Wie Livefeeds die Resilienz von Städten und Regionen stärken
  • Grenzen der Technologie und Risiken durch algorithmische Verzerrungen
  • Deutschlands Stand im internationalen Vergleich – und was wir dringend aufholen müssen
  • Vision einer vernetzten, lernenden Katastrophenplanung für die Stadt von morgen

Geodaten-Livefeeds: Von der Karte zum Katastrophenradar

Die Zeiten, in denen Einsatzleitungen bei Flut, Sturm oder Großbrand auf statische Papierkarten und telefonische Lageberichte angewiesen waren, sind vorbei – zumindest in der Theorie. In der Praxis hält mit den sogenannten Geodaten-Livefeeds eine neue Ära in der Einsatzplanung Einzug. Doch was steckt eigentlich dahinter? Geodaten-Livefeeds sind kontinuierlich aktualisierte digitale Datenströme, die Positionen, Bewegungen, Zustände und Umweltparameter nahezu in Echtzeit bereitstellen. Sie stammen aus unterschiedlichsten Quellen: Von hochauflösenden Satellitenbildern über Sensoren in Flüssen, Verkehrsdetektoren, Drohnen bis hin zu Crowd-Sourcing-Apps. Die Kunst besteht darin, all diese Datenquellen zu einem verlässlichen, verständlichen Lagebild zu verschmelzen.

Im Katastrophenfall sind Informationsdefizite oft das größte Risiko. Überschwemmungen entwickeln sich binnen Minuten, Brände breiten sich unvorhersehbar aus, Evakuierungsrouten werden blockiert. Hier setzen Geodaten-Livefeeds an. Sie ermöglichen es Einsatzkräften, die aktuelle Situation nicht nur zu sehen, sondern sie zu begreifen – und zwar räumlich und zeitlich differenziert. Was bislang als träge Informationskette galt, wird durch digitale Livefeeds zu einer Art Katastrophenradar, das Veränderungen sofort sichtbar macht. Plötzliche Pegelanstiege, Verkehrsstaus oder die Ausbreitung von Schadstoffen lassen sich so erkennen, noch bevor Menschen sie bemerken.

Doch der eigentliche Clou liegt in der Integration. Moderne Einsatzleitstellen nutzen Geoinformationssysteme (GIS), die Livefeeds aus verschiedensten Quellen bündeln und visualisieren. Damit lassen sich Einsatzkräfte gezielt steuern, Gefahrenzonen dynamisch abgrenzen und Ressourcen optimal einsetzen. Wer etwa bei Hochwasser die aktuellen Wasserstände, Straßenüberflutungen und verfügbare Rettungsboote in einem einzigen Dashboard sieht, kann schneller und fundierter entscheiden. Die klassische Planungslogik – erst analysieren, dann entscheiden – wird durch eine permanente, datengetriebene Anpassung ersetzt.

Mit der Verfügbarkeit von Geodaten-Livefeeds wächst allerdings auch die Komplexität der Einsatzplanung. Es genügt nicht mehr, ein statisches Kataster zur Hand zu haben. Entscheider müssen lernen, mit Unsicherheiten, unvollständigen Daten und widersprüchlichen Signalen umzugehen. Die Technik liefert keine endgültigen Antworten, sondern wahrscheinlichkeitsgestützte Prognosen. Damit verschiebt sich die Rolle der Planer: Sie werden zu Interpreten in einem Konzert aus Daten, Algorithmen und menschlicher Erfahrung.

Was in internationalen Metropolen wie Tokio, New York oder Rotterdam längst Standard ist, steckt in deutschen Städten noch in den Kinderschuhen. Erste Pilotprojekte zeigen jedoch: Mit der richtigen Architektur und dem Willen zur Kooperation können Geodaten-Livefeeds das Rückgrat einer resilienten, adaptiven Katastrophenvorsorge werden. Die Zukunft liegt in der Verschmelzung von Raum, Zeit und Information – und dabei ist Schnelligkeit alles.

Technik hinter den Kulissen: Sensorik, Datenströme und Integrationsplattformen

Das Herzstück der Geodaten-Livefeeds ist ein feinmaschiges Netz aus Sensoren, Mobilitätsdaten, Wetterstationen und digitalen Plattformen. Doch wie funktioniert diese Infrastruktur konkret? Am Anfang stehen Sensoren, die Umweltparameter messen: Pegelstände, Bodenfeuchte, Windgeschwindigkeiten, Temperatur, Schadstoffkonzentrationen. Diese Sensoren sind heute klein, robust und kostengünstig – sie können an Brücken, Laternen, Gebäuden oder in Flüssen installiert werden. Ergänzt werden sie durch mobile Quellen wie Drohnen, die mit Wärmebildkameras oder Laserscannern ausgestattet sind, sowie durch Satelliten, die großflächige Veränderungen binnen Minuten erkennen.

Die Herausforderung besteht darin, diese heterogenen Datenströme in ein gemeinsames Format zu bringen. Hier kommen offene Schnittstellen und Datenstandards ins Spiel – etwa das SensorThings API oder OGC-konforme Formate wie WMS und WFS. Nur wenn Daten interoperabel und maschinenlesbar sind, lassen sie sich in Echtzeit auswerten und weiterverarbeiten. Moderne Geoinformationsplattformen setzen deshalb auf modulare Architekturen, die neue Sensoren und Datenquellen flexibel integrieren können.

Ein weiteres Schlüsselelement sind hochleistungsfähige Kommunikationsnetze. Gerade im Katastrophenfall, wenn Mobilfunkmasten ausfallen oder das Stromnetz instabil ist, müssen alternative Übertragungswege wie LoRaWAN, Satellitenlinks oder Mesh-Netzwerke einspringen. Die Robustheit der Datenübertragung entscheidet über die Zuverlässigkeit der Livefeeds. In einigen Regionen kommen sogar Notfall-Drohnen als fliegende Relaisstationen zum Einsatz, um auch abgeschnittene Gebiete zu erreichen.

Das eigentliche Rückgrat der Livefeed-Nutzung sind Integrationsplattformen, wie sie in einigen deutschen Städten pilotiert werden. Diese Plattformen bündeln nicht nur Daten, sondern stellen sie auch unterschiedlichen Nutzergruppen zur Verfügung. Einsatzleitungen, Stadtverwaltungen, Infrastrukturbetreiber und sogar Bürger können so in abgestufter Weise auf relevante Informationen zugreifen – selbstverständlich unter Berücksichtigung von Datenschutz und Sicherheit. Die Visualisierung erfolgt meist über Dashboards, die Gefahrenzonen, Verkehrsströme und Ressourcendisposition auf einen Blick erfassbar machen.

Ein zukunftsweisendes Beispiel findet sich in der Schweiz, wo das Bundesamt für Umwelt in Zusammenarbeit mit Kantonen und Gemeinden eine nationale Hochwasserplattform betreibt. Hier laufen Pegelstände, Niederschlagsdaten, Stauanlageninformationen und Prognosemodelle zusammen – live und gebietsgenau. In Deutschland arbeiten Städte wie Hamburg und Köln an vergleichbaren Lösungen, doch der Weg zu einer flächendeckenden, interoperablen Geodaten-Infrastruktur ist noch weit.

Anwendungsfälle: Hochwasser, Feuer, Sturm – und die Dynamik der Echtzeitplanung

Wie verändert der Einsatz von Geodaten-Livefeeds tatsächlich das Krisenmanagement? Schauen wir auf konkrete Szenarien: Bei Hochwasser etwa können Einsatzkräfte heute auf aktuelle Pegelstände, Niederschlagsprognosen und Straßensperrungen zugreifen. Mithilfe von digitalen Lagekarten ist es möglich, Evakuierungsrouten dynamisch anzupassen, gefährdete Quartiere frühzeitig zu warnen und Hilfsgüter gezielt zu verteilen. In Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen wurden solche Systeme nach der Flutkatastrophe 2021 in Rekordzeit aufgebaut – mit Erfolg: Die Zahl der Fehleinsätze und Doppelalarme sank signifikant.

Bei großflächigen Bränden spielen UAVs (unmanned aerial vehicles) mit Wärmebildkameras eine Schlüsselrolle. Sie liefern Livebilder aus dem Katastrophengebiet, identifizieren Glutnester und unterstützen die Einsatzleitung bei der Priorisierung von Löschzügen. Die Daten fließen direkt in das Geoinformationssystem, das eine laufend aktualisierte Übersicht der Brandherde, Windrichtung und verfügbaren Ressourcen bietet. Auch die Nachsorge profitiert: Schadensdokumentation, Wiederaufbauplanung und Präventionsmaßnahmen können datenbasiert gesteuert werden.

Sturmschäden sind ein weiteres Anwendungsfeld. Hier helfen Geodaten-Livefeeds, umgestürzte Bäume, blockierte Straßen und beschädigte Infrastruktur in Echtzeit zu erfassen und zu priorisieren. Behörden können so schneller entscheiden, welche Strecken geräumt, welche Leitungen repariert und welche Quartiere zuerst versorgt werden müssen. Die Kombination aus Satellitenbildern, Verkehrsdaten und Meldungen aus Social Media ergibt ein umfassendes Lagebild, das weit über klassische Informationswege hinausgeht.

Ein besonders spannender Bereich ist die großflächige Evakuierung, etwa bei Industrieunfällen oder Chemieunfällen. Hier müssen nicht nur Bewegungsströme der betroffenen Bevölkerung erfasst, sondern auch sichere Sammelpunkte und alternative Routen berechnet werden. Geodaten-Livefeeds ermöglichen es, die Dynamik der Menschenströme zu verfolgen und die Einsatzplanung laufend zu adaptieren. In Paris und Rotterdam wurden solche Systeme bereits erfolgreich getestet, in Deutschland laufen erste Pilotversuche.

All diese Beispiele zeigen: Echtzeitdaten machen die Einsatzplanung nicht nur schneller, sondern auch flexibler und robuster. Sie ermöglichen eine präzisere Ressourcenallokation, verringern Reaktionszeiten und helfen, Fehlerquellen zu minimieren. Doch sie verlangen auch neue Kompetenzen und eine neue Kultur des Planens – weg von der Einmalentscheidung, hin zu einer permanenten, datenbasierten Anpassung. Die Stadt der Zukunft wird nicht nur gebaut, sondern laufend gemessen, bewertet und gesteuert.

Governance, Datenethik und die Grenzen der digitalen Katastrophenvorsorge

Mit der Einführung von Geodaten-Livefeeds in der Einsatzplanung stellen sich nicht nur technische, sondern vor allem gesellschaftliche Fragen. Wer kontrolliert die Datenströme? Wer entscheidet, welche Informationen wem wann zur Verfügung stehen? Und wie lässt sich Missbrauch verhindern? Die Governance solcher Systeme ist ein ungelöstes Dilemma. In vielen Fällen werden Plattformen von kommunalen IT-Dienstleistern, Katastrophenschutzbehörden oder privaten Anbietern betrieben – mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen von Transparenz, Datensouveränität und öffentlicher Teilhabe.

Ein Grundproblem ist die Qualität und Herkunft der Daten. Sensoren können ausfallen, falsch kalibriert sein oder manipuliert werden. Crowd-Sourcing-Daten sind oft unscharf oder unvollständig. Und Algorithmen, die aus diesen Daten Prognosen ableiten, sind alles andere als neutral. Sie spiegeln Annahmen, Prioritäten und manchmal auch Vorurteile ihrer Entwickler wider. In kritischen Situationen kann das fatale Folgen haben – etwa wenn bestimmte Quartiere systematisch unterversorgt werden oder Fehleinschätzungen zu überhasteten Evakuierungen führen.

Der Datenschutz bleibt ein Dauerthema. Gerade bei personenbezogenen Mobilitätsdaten, etwa aus Mobilfunknetzen oder Social-Media-Posts, droht die Gefahr einer Überwachungsspirale. Was als kurzfristige Krisenmaßnahme gedacht ist, kann schnell zum Dauerzustand werden, wenn keine klaren Löschkonzepte und Zugriffsregelungen existieren. Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind in Deutschland weitgehend auf analoge Szenarien zugeschnitten – für den Umgang mit Livefeeds fehlen oft klare Regeln, Zuständigkeiten und Kontrollmechanismen.

Eine weitere Herausforderung ist die digitale Spaltung. Nicht alle Städte, Kommunen und Regionen verfügen über die nötigen Ressourcen, um moderne Geodaten-Infrastrukturen aufzubauen und zu betreiben. Hier droht eine neue Form der Ungleichheit: Während Metropolen mit hohem Digitalisierungsgrad von den Vorteilen profitieren, bleiben ländliche Räume und finanzschwache Gebiete abgehängt. Förderprogramme wie Smart City Modellprojekte sind ein Anfang, aber sie ersetzen keine flächendeckende Strategie.

Trotz aller Risiken bieten Geodaten-Livefeeds die Chance, Katastrophenschutz demokratischer, transparenter und partizipativer zu gestalten. Voraussetzung ist, dass Daten offen zugänglich, nachvollziehbar dokumentiert und kritisch hinterfragt werden. Nur so entsteht Vertrauen – und nur so können digitale Werkzeuge ihr volles Potenzial entfalten. Die Zukunft der Katastrophenvorsorge ist digital, aber sie darf nie unreflektiert technokratisch sein.

Perspektiven: Resilienz, Kooperation und die lernende Stadt

Was bedeuten Geodaten-Livefeeds für die Zukunft der Stadt- und Landschaftsplanung? Sie eröffnen die Möglichkeit, Resilienz nicht nur als bauliches, sondern als informatorisches Konzept zu denken. Städte, die in der Lage sind, Umweltveränderungen in Echtzeit zu erfassen und darauf zu reagieren, sind nicht nur besser geschützt – sie sind auch lernfähiger, adaptiver und inklusiver. Die Einsatzplanung im Katastrophenfall wird so zum Prototyp einer neuen, dynamischen Stadtplanung, die auf kontinuierlicher Beobachtung, Simulation und Anpassung beruht.

Eine zentrale Rolle spielt dabei die Kooperation. Katastrophen machen nicht an Gemeindegrenzen Halt, und das gilt auch für Datenströme. Erfolgreiche Modelle beruhen auf der Zusammenarbeit zwischen Kommunen, Landesbehörden, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Nur gemeinsam lassen sich Standards setzen, Plattformen betreiben und Kompetenzen aufbauen. Open-Source-Initiativen und europäische Projekte wie Copernicus oder INSPIRE zeigen, dass grenzüberschreitende Lösungen möglich sind – wenn der politische Wille da ist.

Für deutsche Städte und Regionen heißt das: Pilotprojekte und Insellösungen sind ein Anfang, aber sie dürfen nicht das Ende der Entwicklung sein. Es braucht eine nationale Strategie, verbindliche Standards und eine nachhaltige Finanzierung. Die Ausbildung von Fachkräften, die Digitalisierung der Verwaltung und die Einbindung der Bevölkerung sind dabei genauso wichtig wie technische Innovationen. Nur so kann die Stadt von morgen nicht nur auf Katastrophen reagieren, sondern ihnen aktiv begegnen – mit Intelligenz, Flexibilität und Gemeinsinn.

Ein oft unterschätzter Aspekt ist die Rolle der Landschaftsarchitektur. Sie kann dazu beitragen, Daten und Raum, Technik und Natur zu versöhnen. Grünflächen, Retentionsräume und multifunktionale Freiräume sind nicht nur passive Puffer, sondern können selbst zu aktiven Datenquellen werden – etwa durch integrierte Sensorik oder ökologische Monitoring-Systeme. So entstehen resiliente, lernende Landschaften, die digitale und analoge Resilienz verbinden.

Am Ende steht die Vision einer Stadt, die nicht nur aus Beton, Asphalt und Algorithmen besteht, sondern aus Beziehungen, Wissen und Erfahrung. Geodaten-Livefeeds sind dafür ein Werkzeug – vielleicht das entscheidende. Aber sie sind kein Allheilmittel. Entscheidend ist, dass wir sie klug, kritisch und verantwortungsvoll einsetzen. Dann werden sie zum Motor einer neuen, kooperativen Katastrophenplanung, die mehr kann als nur reagieren: Sie kann gestalten.

Fazit: Geodaten-Livefeeds sind dabei, die Einsatzplanung im Katastrophenfall grundlegend zu verändern. Sie machen aus statischen Karten dynamische Werkzeuge, ermöglichen präzise, flexible und schnelle Entscheidungen und stärken die Resilienz von Städten und Regionen. Doch der technologische Fortschritt bringt auch neue Herausforderungen in Sachen Governance, Datenschutz und Fairness mit sich. Nur wenn Städte, Behörden, Technikdienstleister und Bürger gemeinsam Verantwortung übernehmen, kann die digitale Katastrophenvorsorge ihr volles Potenzial entfalten. Die Zukunft gehört den lernenden, vernetzten Städten – und denen, die bereit sind, mit Daten zu denken, statt nur in Modellen zu planen. Wer jetzt investiert, gestaltet nicht nur die Katastrophenabwehr, sondern auch die Stadt von morgen. Und das ist alles andere als Science-Fiction.

Die Landesgartenschau beginnt am WasserGarten. Der Aueweiher ist bereits ein beliebtes Naherholungsziel. Foto: LGS Fulda
Die Landesgartenschau beginnt am WasserGarten. Der Aueweiher ist bereits ein beliebtes Naherholungsziel. Foto: LGS Fulda

Einen Sommer voller Vielfalt gefällig? Vom 27. April bis 8. Oktober 2023 heißt Sie die Landesgartenschau (LGS) Fulda willkommen. Was Besucher*innen dort erwartet und was sich die Stadt von der Landesgartenschau erhofft, ist hier zu lesen.

Die Landesgartenschau findet dieses Jahr vom 27. August bis 8. Oktober in Fulda statt. Bildquelle: LGS Fulda
Die Landesgartenschau findet dieses Jahr vom 27. August bis 8. Oktober in Fulda statt. Bildquelle: LGS Fulda

schaffen, verbinden und inspirieren

Die siebte Hessische Landesgartenschau findet dieses Jahr in Fulda statt. Die Vorbereitungen dafür sind bereits in vollem Gange. Die Landesgartenschau Fulda wird 165 Tage lang ein blühendes Spektakel bieten. Auf etwa 42 Hektar werden 4 000 Quadratmeter Wechselflor und über 1 500 Veranstaltungen sowie kulinarische Angebote geboten. Die Landesgartenschau setzt sich dabei aus vier Geländeteilen zusammen: WasserGarten, GenussGarten, KulturGarten und SonnenGarten. Das Tolle — alles erfolgt gemäß der Nachhaltigkeitsprinzipien. Den städtebaulichen Realisierungs- und Ideenwettbewerb für die Landesgartenschau gewann im Jahr 2018 das Büro A24 Landschaft Landschaftsarchitektur.

Katalysator der Stadtentwicklung

Auch bezweckt die Stadt mit der Gartenschau, eine zukunftsorientierte Stadtentwicklung anzukurbeln. Deswegen wird die Großveranstaltung von städtischen Begleitprojekten flankiert. Das Motto der Landesgartenschau Fulda lautet demnach „Fulda verbindet …“. Die vier Gärten greifen dies hierbei in je einem Schwerpunkt auf. Es werden Naherholungsgebiete, Parks sowie ganze Stadtteile zusammengeführt. Dafür werden neue grüne und graue Infrastrukturen geschaffen. Auch wird die gewerblich-industriell geprägte Kulturlandschaft der Fuldaaue nun mehr mit ihrer natürlichen Umgebung verwoben. Selbst auf einer abstrakteren Ebene werden Verbindungen geschaffen: zwischen den Besucher*innen, Bewohner*innen und Partnerstädten. 

Nicht nur für Besucher*innen ein Traum. Das Pflanzenreichtum erhöht die lokale Biodiversität. Bildquelle: LGS Fulda
Nicht nur für Besucher*innen ein Traum. Das Pflanzenreichtum erhöht die lokale Biodiversität. Bildquelle: LGS Fulda

Mehr als nur nett anzusehen – Akteur für mehr Nachhaltigkeit 

Die Landesgartenschau Fulda identifiziert sich mit der gegenwärtigen Herausforderung des Nachhaltigkeitsgedankens. So ist das zugrunde liegende Thema der Veranstaltung die Folgevermeidung des Klimawandels und die  Klimawandelanpassung. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf zwei Aspekten. Erstens, die Erhaltung und Förderung von Biodiversität. Zweitens, ein schonendes Ressourcenmanagement. Dabei wird sich das Ziel gesetzt, einen möglichst kleinen ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen. Die neuen Flächen sollen zudem möglichst lange fortbestehen und einen Mehrwert haben. 

Das Thema Nachhaltigkeit spiegelt sich zum einen in der Realisierung wider. Verantwortliche müssen somit nachhaltige Arbeitsweisen verfolgen. Auch werden lokale Materialien (wieder)verwendet. Zum anderen sensibilisiert die Ausstellung an sich die Besucher*innen für Nachhaltigkeit und Ökologie. Zum Beispiel rückt das Modellprojekt „Fulda Acker“ landwirtschaftliche Themen in den Vordergrund. Diese sind etwa die Lebensmittelproduktion unter dem Einfluss des Klimawandels. Natürlich werden auch Aspekte, wie Inklusion und Barrierefreiheit, in der Planung berücksichtigt. Schließlich sind 500 000 bis 600 000 Besucher*innen zu erwarten. 

Der WasserGarten

Der Haupteingang der Landesgartenschau Fulda befindet sich an der ehemaligen Segelhalle. Das Gelände um den Aueweiher ist bereits als beliebtes Naherholungsgebiet bekannt. Im Zuge der Großveranstaltung wird die Wasserqualität verbessert, Pflanzflächen ergänzt und Wege saniert beziehungsweise errichtet. Doch das war noch nicht alles. An der nördlichen Uferkante ist ein breites Holzdeck als „Uferbalkon“ geplant. Dahinter liegt eine zweigeteilte Platzfläche, die das Thema Wasser aufgreift. Im ersten Abschnitt fließt Wasser aus dem Überlauf des Weihers in Rinnsalen durch ein Kiesbett. Im zweiten Abschnitt folgen die Besucher*innen einem wassergebundenen Weg, der sich unter bestehenden wie auch neu gepflanzten Bäumen hindurchschlängelt. An den Seiten reihen sich dabei Hochbeete aus Treibholz. An den Nord- und Süd-Ufern werden zudem Aufenthalts- und Spielangebote gebündelt.

Der GenussGarten

Auf dem Weg zum nächsten Garten queren die Besucher*innen das Gelände der ersten Hessischen Landesgartenschau. Hier wurde also auch Vergangenes mit Zukünftigem verknüpft. Der darauf folgende GenussGarten ist das Herz der Landesgartenschau Fulda. Hier werden alle Sinne angesprochen: schauen, riechen, schmecken, (wohl)fühlen. Die hessische Kultur präsentiert sich mit vielen kulinarischen Angeboten aus der Region. Auch gibt es ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm. Die Parkbühne beheimatet Konzerte, Theater- und Tanzaufführungen sowie Comedy Shows und Lesungen. Darüber hinaus wird die Fantasie durch zwölf bis vierzehn Blumenschauen angeregt.

Der KulturGarten

Über einen mit Blumenbeeten und Staudenpflanzungen gesäumten Zickzackweg erreicht man den KulturGarten. Hier beeindrucken Schau-, Motto- und Partnerschaftsgärten. Des Weiteren gibt es einen Klimabaumpfad, einen Chinesischen Garten, einen Kletterpflanzengarten und einen Gärtnertreff. Die Sparkassen-Kulturbühne bietet zudem Veranstaltungen und die Showküche abwechslungsreiches für den Gaumen. 

Was auch geboten wird, ist die neue „Panoramabrücke überm Engelshaus“ mit dazugehörigem Parkteil. Die geschaffenen Strukturen verknüpfen nun den „Garten am Sprengelsrasen“ mit der Innenstadt. So wird eine durchgängige, barrierefreie Rad- sowie Fußwegeverbindung geschaffen. Auch eröffnet sich von der Landesgartenschau Fulda ein atemberaubender Blick auf die Barockstadt. 

Der "KulturGarten" bietet unter anderem spannende Spielplätze. Auch hier ist der Nachhaltigkeitsgedanke klar ablesbar. Bildquelle: KulturGarten Niedrigseilgarten
Der "KulturGarten" bietet unter anderem spannende Spielplätze. Auch hier ist der Nachhaltigkeitsgedanke klar ablesbar. Bildquelle: KulturGarten Niedrigseilgarten

Der SonnenGarten

Über die Panoramabrücke gelangen die Besucher*innen zum SonnenGarten. Hier zeigt sich wahrlich die Sonnenseite der Landesgartenschau Fulda: grüne Wiesen mit alten Obstbäumen, Spielflächen und Sitzgelegenheiten inmitten blühender Beete. Zusätzlich ermöglicht ein Beratungsgarten des Landes Hessen Hobbygärtner*innen, Informationen über Obst- und Gemüseanbau zu erhalten.

Der geplante „Garten am Sprengelsrasen“ schafft einen neuen Grünzug. Neben seiner Relevanz als klimatisch wertvoller Korridor, schließt der Grünzug die Lücke zwischen Alt und Neu sowie Stadt und Land. Er verknüpft den „Park an der Bastion“, eine Grünanlage im Stadtteil Galerie sowie den Tiergarten Fulda. Dies erfolgt durch ein 200 Meter langes Wiesen- und Aktionsband. Diese circa zwölf Meter breite Fläche fasst zudem Picknickplätze, Pflanzflächen und Spielangebote. 

Darüber hinaus ermöglicht die Neuplanung die Modernisierung des Tiergartens. Gehege werden vergrößert und dem heutigen Stand der Tierhaltung angepasst. Zudem gibt es ein neues Eingangsgebäude mit großem Spielplatz auf dem Vorplatz.

Die Neuplanung des Tiergartens beinhaltet mitunter ein neues Eingangsgebäude mit großem Spielplatz auf dem Vorplatz. Bildquelle: LGS Fulda
Die Neuplanung des Tiergartens beinhaltet mitunter ein neues Eingangsgebäude mit großem Spielplatz auf dem Vorplatz. Bildquelle: LGS Fulda

Tickets finden Sie auf der Webseite der Landesgartenschau Fulda.

Gut zu wissen: Die Landesgartenschau in Fulda ist nicht die einzige Gartenschau, die 2023 stattfindet. Hier geht’s zum Überblick.