Riding the Hills – Entwurfsstudio „Into the Wild“

Perspektive, Grafik: Sabine Seemann
Perspektive, Grafik: Sabine Seemann
Schon heute fahren Mountainbiker*innen durch die Hügel des Berliner Volkspark Prenzlauer Berg. Mit ihrem Entwurf möchte Sabine Seemann diese Nutzung des Parks weiter stärken. Dabei sollen nicht nur die Fahrer*innen selbst, sondern auch andere Parkbesucher*innen in den Sport eintauchen können. Wie diese zwei Gruppen miteinander in Kontakt kommen, beschreibt Sabine Seemann im Folgenden selbst in ihrer Projektvorstellung. Die Arbeit entstand im Rahmen des Entwurfsstudios „Into the Wild“ an der TU Berlin.

Nicht nur in unserer Septemberausgabe 2023 machen wir Raum für Projekte aus dem Studium. Auch auf unserer Webseite stellen Studierende ihre eigenen Arbeiten selbst vor – zum Beispiel in diesem Beitrag. Die Projekte finden Sie alle auf unserer Themenseite „Studium“ und die Septemberausgabe gibt’s in unserem Shop.

Bike and Hike auf den Prenzlauer Bergen

Der Volkspark Prenzlauer Berg wird zum neuen Mountainbike-Hotspot in Berlin. Der mit Trümmern des Zweiten Weltkrieges aufgeschüttete Volkspark zeichnet sich insbesondere durch seine Topografie aus. Diese besondere Topografie wird heute schon von Mountainbikefahrer*innen genutzt und geschätzt.

Mit dem Entwurf soll die bereits vorhandene Nutzung des Mountainbikefahrens gefördert und im Einklang mit den Parkbesuchenden gebracht werden. Es werden Elemente entwickelt, um das Mountainbikefahren für die Spazierenden sichtbar, erlebbar und sicher zu machen. So entstehen interessante Kreuzungspunkte, in denen sich die verschiedenen Bewegungsströme der Mountainbikefahrer*innen sowie der Besuchenden auf unterschiedlichen Höhenniveaus begegnen können.

Neben den Kreuzungspunkten entstehen auch sogenannte Kontaktpunkte zwischen den beiden Nutzergruppen. An diesen Kontaktpunkten gibt es innerhalb des Parkes immer mal wieder die Möglichkeit, sich auf Augenhöhe zu begegnen. So sorgen zum Beispiel die Wallrides auf verschiedenen Höhenniveaus für dynamische Momente zwischen beiden Nutzergruppen.

Lageplan, Grafik: Sabine Seemann
Lageplan, Grafik: Sabine Seemann

Im südlichen Parkteil wird Mountainbiken zum Highlight

Einzelne Mountainbike-Elemente wie Doubles, Step Ups oder Step Downs sollen den Fahrer*innen auch auf den Strecken Herausforderung und Spaß am Sport bringen. Diese orientieren sich an den üblichen Elementen, die sich auf etablierten Mountainbike-Strecken befinden. Einzelne Mountainbike-Elemente werden dabei auch auf den Wegen für die Parkbesuchenden umgesetzt.

Wallwalks, Sticks and Stones sowie Ups and Downs bringen die gängigsten Herausforderungen zu den Besuchenden ohne Fahrrad. So befinden sich auf den Spazierwegen immer mal wieder einzelne Stationen, die zu Fuß bewältigt werden dürfen, ohne dabei die barrierefreie Erschließung zu zerschneiden. Im südlichen Teilbereich des Parks rund um das Hohe Plateau soll das Mountainbikefahren zum Highlight werden.

Einzelne Elemente von „Riding the Hills“, Grafik: Sabine Seemann
Einzelne Elemente von „Riding the Hills“, Grafik: Sabine Seemann

Nachempfinden, wie herausfordernd Mountainbiken sein kann

Mit dem sogenannten Towerride und der Northshore-Route (aufgeständerte Mountainbikeroute) auf dem vorhandenen Offenland-Biotop können Fahrer*innen ihr Training beginnen. Der Towerride auf dem Hohen Plateau stellt einen kreisförmigen Turm dar, der zunächst mit 20 Prozent Steigung auf eine Zwischenebene, die Aussichtsplattform, führt. Hier kommen Mountainbikerfahrer*innen auf einem einen Meter breiten Weg in die Höhe.

Außerdem führt wegebegleitend bis zur Plattform ebenfalls ein ein Meter breiter Asphaltweg hoch, der von den Parkbesuchenden genutzt werden kann. Hier können die Fußgänger*innen auf der steilen Rampe nachempfinden, wie herausfordernd der Mountainbikesport sein kann. Von der Aussichtsplattform erhalten die Parkbesuchenden einen tollen Ausblick auf die weiterführende Mountainbikestrecke über das Offenland-Biotop.

Der Entwurf entstand im Rahmen des Entwurfsstudios „Into the Wild“ an der TU Berlin. Mehr über die Hintergründe des Studios und den Volkspark Prenzlauer Berg lesen Sie hier, und weitere Entwürfe von Studierenden gibt’s hier zu entdecken.

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Neu-Hohenschönhausen – städtebaulicher Wettbewerb entschieden

Durch die Gestaltung von superwien urbanism (Wien) und studio boden Landscape Architecture + Urban Design (Graz) soll aus der Großwohnsiedlung Neu-Hohenschönhausen künftig ein urbanes Zentrum werden (Foto: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen Berlin

Durch die Gestaltung von superwien urbanism (Wien) und studio boden Landscape Architecture + Urban Design (Graz) soll aus der Großwohnsiedlung Neu-Hohenschönhausen künftig ein urbanes Zentrum werden (Foto: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen Berlin; superwien urbanism; studio boden Landscape Architecture + Urban Design)

Zusammen konnten die beiden österreichischen Büros superwien urbanism (Wien) und studio boden Landscape Architecture + Urban Design (Graz) beim Wettbewerbsverfahren überzeugen. Alles zu dem 6,5-Hektar-Projekt im Berliner Stadtteil Neu-Hohenschönhausen lesen Sie hier.

Im Mai 2021 lobte die Berliner Senatsverwaltung und das Bezirksamt Lichtenberg einen städtebaulichen Ideen- und Realisierungswettbewerb für den Stadtteil Neu-Hohenschönhausen aus. Mehr als 56 000 Menschen leben in der Großwohnsiedlung, deren Zentrum der Prerower Platz darstellt. Zwar profitiert das Gebiet von einer ausgezeichneten Anbindung an den ÖPNV, weist einen zentrenrelevanten Branchenmix im Einzelhandel auf und bietet darüber hinaus auch kulturelle Einrichtungen. Trotzdem sah die Senatsverwaltung „seit vielen Jahren gravierende städteräumliche Defizite“ und eine erhebliche Unternutzung des Prerower Platzes in Neu-Hohenschönhausen. Dazu kommen die Falkenberger Chaussee als überdimensionierte Verkehrstrasse und zahlreiche Brachflächen, zum großen Teil in Landeshand befindlich.

Neu-Hohenschönhausen soll zum urbanen Zentrum werden

Aus der Großwohnsiedlung soll nun ein urbanes Zentrum werden. In einem offenen zweiphasigen Wettbewerb versuchten sich insgesamt 26 Teams an der Aufgabe Neu-Hohenschönhausen auf 6,5 Hektar städteräumlich zu komplettieren und dem Stadtteil ein neues Gesicht zu geben. Die Bürger*innen konnten während dieses Prozesses Kommentare zu den Entwürfen an die Jury übermitteln.
Das Wiener Büro superwien urbanism erarbeitete zusammen mit studio Boden Landscape Architecture + Urban Design aus Graz den Entwurf, den die Jury schließlich am meisten überzeugte. Das Zentrum von Neu-Hohenschönhausen wird demnach zum autofreien Boulevard, der von unterschiedlich hohen Bauvolumina eingefasst ist. Die ersten drei Geschosse sind dabei teilweise als Sockelbauten ausgeführt, aus denen die Hochpunkte entwachsen. Über 500 neue Wohnungen entstehen hier künftig neben Büro-, Gewerbe- und Gastronomieflächen.

„Qualitätsvolle Freiraumgestaltung“

Als „spannungsreich und interessant“ bezeichnete die Preisgerichtsvorsitzende Architektin Ulrike Lauber die Setzung der Baukörper und bescheinigte ihnen ein hohes Identitätspotenzial. Großen Anklang fand beim Preisgericht auch die „Qualitätsvolle Freiraumgestaltung“, bei der unter anderem der Grünraum entlang der Falkenberger Chaussee eine deutliche Aufwertung erfährt. Den zweiten Platz konnten Studio Schultz Granberg und bbz Landschaftsarchitekten aus Berlin für sich behaupten. Darüber hinaus wurden drei Anerkennungen verliehen. Alle eingereichten Wettbewerbsbeiträge werden hier digital ausgestellt.

Auch interessant: Nicht nur in der Berliner Großwohnsiedlung Neu-Hohenschönhausen soll etwas passieren. Die Berliner Senatsverwaltung hat 2021 ein ganzes Förderprogramm ins Leben gerufen, das in 24 Großsiedlungen Anstoß für mehr Nachbarschaftshilfe sein soll. Mehr dazu hier: Großsiedlungen Berlin.

Wie GIS-Systeme die grüne Infrastruktur sichtbar machen

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Scenic-Aufnahme einer vom Klimawandel betroffenen Stadtlandschaft mit Bergen im Hintergrund. Foto von Anmol Rattan.

Grüne Infrastruktur ist das schlagende Herz nachhaltiger Städte – doch wer sie wirklich sieht, gewinnt. GIS-Systeme machen das Unsichtbare sichtbar, verknüpfen Parks, Alleen und Flüsse zu digitalen Netzwerken und ermöglichen eine Planung, die urbanes Grün nicht nur zählt, sondern versteht. Wie gelingt der Sprung vom statischen Lageplan zum lebendigen, datengestützten Ökosystemmanagement? Und was bedeutet das für Planer, Städte und Landschaftsarchitekten im deutschsprachigen Raum?

  • Definition und Bedeutung von grüner Infrastruktur in der Stadtplanung
  • Funktionsweise moderner GIS-Systeme und ihre Rolle in der Analyse urbaner Grünräume
  • Anwendungsbeispiele: Wie GIS grüne Infrastruktur sichtbar, bewertbar und planbar macht
  • Vernetzung ökologischer, sozialer und klimatischer Daten in GIS-Plattformen
  • Digitale Zwillinge und GIS: Das Zusammenspiel für Szenarien, Simulationen und Resilienz
  • Praxisbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz
  • Herausforderungen: Datenqualität, Standardisierung, Governance und Datenschutz
  • Potenziale und Grenzen von GIS in der nachhaltigen Stadt- und Landschaftsentwicklung
  • Zukunftsausblick: Smarte Planung, partizipative Tools und die Evolution urbaner Grünsysteme

Grüne Infrastruktur – Rückgrat der nachhaltigen Stadt

Grüne Infrastruktur ist weit mehr als ein hübsches Stück Rasen zwischen Straßen und Häusern. Sie ist das verwobene System aus Parks, Wäldern, Alleen, Gründächern, Flussufern, urbanen Gärten und sogar Friedhöfen, das Städte lebenswert, gesund und klimarobust macht. In deutschen, österreichischen und Schweizer Metropolen ist der Begriff längst ein Leitmotiv für nachhaltige Stadtentwicklung und ein zentraler Aspekt in Flächennutzungs- und Landschaftsplänen. Doch was bedeutet das konkret für die Praxis der Planung? Grüne Infrastruktur ist dynamisch, sie wächst, schrumpft, vernetzt sich neu. Ihre Leistungen – von Klimaschutz über Biodiversität bis hin zu sozialer Integration – sind komplex, schwer greifbar und oft unsichtbar, zumindest für das bloße Auge.

Hier beginnt das Dilemma: Während die technische Infrastruktur einer Stadt – von Straßen bis Wasserleitungen – exakt kartiert, überwacht und verwaltet wird, fristen Grünflächensysteme häufig ein digitales Schattendasein. Ihre ökologischen und sozialen Leistungen werden selten systematisch erfasst, geschweige denn in Planungsprozesse integriert. Dabei ist gerade das Wissen um das „Wie“, „Wo“ und „Wieviel“ der grünen Infrastruktur entscheidend für klimaresiliente Städte. Spätestens seit den letzten Hitzesommern, Starkregenereignissen und Feinstaubdebatten ist klar: Stadtgrün ist kein Deko-Element, sondern strategische Infrastruktur.

Die Herausforderung: Wer grüne Infrastruktur erhalten und ausbauen will, muss sie zunächst sichtbar machen – in ihrer räumlichen, funktionalen und qualitativen Dimension. Das verlangt nach Werkzeugen, die über die klassische Kartografie weit hinausgehen. Es braucht Systeme, die Daten sammeln, verknüpfen, analysieren und visualisieren können. Und genau hier betreten GIS-Systeme die Bühne.

Geoinformationssysteme, kurz GIS, haben sich in den letzten Jahren von reinen Kartografie-Tools zu mächtigen Analyseplattformen entwickelt. Sie ermöglichen die Integration unterschiedlichster Datenquellen: von Baumkatastern über Luftbilder bis hin zu Klimasensoren und Verkehrsdaten. Damit sind sie das ideale Instrument, um grüne Infrastruktur nicht nur zu lokalisieren, sondern auch in Beziehung zu setzen – zu grauer Infrastruktur, zu Nutzergruppen, zu ökologischen Hotspots und zu den Risiken des Klimawandels.

Der Clou: GIS macht aus Daten Karten, aus Karten Wissen und aus Wissen Entscheidungsgrundlagen. Es befähigt Planer, Verwaltung und Politik, nicht nur punktuelle Maßnahmen zu treffen, sondern strategisch zu denken: Wo fehlen Grünverbindungen? Welche Quartiere sind unterversorgt? Wo entstehen urbane Hitzeinseln? Wer diese Fragen datenbasiert beantworten kann, plant Zukunft – und nicht nur Gegenwart.

GIS-Systeme: Digitale Werkzeuge für komplexe Stadtlandschaften

Ein Geoinformationssystem ist im Kern eine Datenbank mit räumlichem Bezug. Doch moderne GIS-Plattformen sind viel mehr als das: Sie sind Analyse- und Simulationswerkzeuge, Kommunikationsmedien und Entscheidungshilfen. Was sie so mächtig macht, ist ihre Fähigkeit, eine Vielzahl von Datenebenen – sogenannte Layer – übereinanderzulegen und zu verschneiden. So lassen sich Zusammenhänge erkennen, die sonst verborgen bleiben würden. Wer hat Zugang zu Parkanlagen? Wie verlaufen Biotopverbundachsen? Welche Flächen drohen durch Nachverdichtung verloren zu gehen? GIS liefert darauf Antworten in Echtzeit – vorausgesetzt, die Daten stimmen.

Für die grüne Infrastruktur bedeutet das: Parks, Bäume, Spielplätze, Wasserflächen, urbane Wälder, aber auch Dachbegrünungen und Fassadenbegrünungen werden in GIS als eigene Layer erfasst. Über Attribute wie Flächengröße, Baumart, Pflegezustand oder Nutzungsintensität lassen sich diese Objekte detailliert beschreiben. Noch spannender wird es, wenn externe Daten eingebunden werden: Klimamodelle, Bodenfeuchte, Luftreinheit, Lärmbelastung oder soziodemografische Daten können mit dem Grünflächennetz verschnitten werden – und eröffnen völlig neue Auswertungsmöglichkeiten.

Das ermöglicht es nicht nur, Defizite zu identifizieren, sondern gezielt nachzusteuern. Wo fehlen Grünflächen in fußläufiger Entfernung? Welche Straßen profitieren von Baumpflanzungen? Wo entstehen Kaltluftschneisen, die für die Durchlüftung im Sommer essenziell sind? Moderne GIS-Systeme wie ArcGIS, QGIS oder spezialisierte kommunale Plattformen liefern diese Informationen auf Knopfdruck – und das nicht mehr nur für Experten, sondern zunehmend auch für die breite Verwaltung und sogar für Bürger.

Eine Schlüsselrolle spielt dabei die Qualität und Aktualität der Daten. Während Baumkataster und Flächennutzungspläne oft gut gepflegt sind, gibt es bei anderen Elementen wie temporären Grünflächen, Gemeinschaftsgärten oder neuen Biodiversitätsflächen erhebliche Lücken. Hier kommen zunehmend automatisierte Verfahren ins Spiel: Drohnen, Satellitenbilder, IoT-Sensoren und Bürgerbeteiligung via Apps füllen die weißen Flecken auf der GIS-Karte. Die Integration dieser Datenquellen ist jedoch alles andere als trivial – sie erfordert offene Schnittstellen, Standards und ein gemeinsames Verständnis von Datenhoheit.

Über diese technischen Aspekte hinaus sind GIS-Systeme auch Treiber eines neuen Planungsverständnisses. Sie machen deutlich: Grüne Infrastruktur ist kein starres Inventar, sondern ein lebendiges Netzwerk, das sich ständig verändert und weiterentwickelt. Wer GIS als kontinuierliches Monitoring- und Steuerungstool versteht, kann dynamisch auf Herausforderungen reagieren – sei es bei Hitze, Starkregen, Luftverschmutzung oder dem Druck durch neue Bauvorhaben.

Anwendungsbeispiele: GIS macht das Unsichtbare sichtbar

Die Praxis zeigt, wie GIS die Planung und Entwicklung grüner Infrastruktur revolutioniert. In Berlin beispielsweise dient das stadtweite Grünflächen-Informationssystem nicht nur der Verwaltung von Parks und Bäumen, sondern auch der strategischen Entwicklung von Grünachsen. Durch die Verknüpfung von Baumkataster, Klimadaten und soziodemografischen Informationen lassen sich gezielt Quartiere identifizieren, die unterversorgt sind – und dort gezielte Maßnahmen einleiten. Das Ergebnis: ein Stadtgrün, das nicht nur schön, sondern auch gerecht verteilt ist.

Auch Zürich nutzt GIS, um das städtische Grün zu monitoren und weiterzuentwickeln. Dort werden nicht nur klassische Grünflächen, sondern auch private Gärten, Schulgärten und temporäre Nutzungen wie Urban Gardening in die Analysen einbezogen. Besonders spannend: Durch die Kombination von GIS mit partizipativen Tools können Bürger eigene Flächen melden, Vorschläge machen und sogar Pflegepatenschaften übernehmen. Das macht das System lebendig – und die Planung transparenter.

Ein weiteres Beispiel liefert Wien. Hier werden GIS-basierte Analysen genutzt, um die Wirksamkeit von Begrünungsmaßnahmen in Hitze-Hotspots zu simulieren. Welche Wirkung hat die neue Allee auf die Umgebungstemperatur? Wie verändert sich die Luftqualität durch Dachbegrünungen? Solche Szenarien lassen sich auf Basis von GIS-Daten durchspielen – und bieten eine objektive Grundlage für Investitionsentscheidungen.

In Hamburg wiederum kommt GIS bei der Planung von Biotopverbundsystemen zum Einsatz. Ziel ist es, ökologische Trittsteine und Korridore entlang von Flüssen, Bahnlinien und Parks zu schaffen, die Tier- und Pflanzenarten den Weg durch die Stadt ebnen. GIS dient hier nicht nur der Kartierung, sondern auch der Identifikation von Barrieren und der Simulation von Verbesserungsmaßnahmen. So wird aus der abstrakten Idee des Biotopverbunds ein konkretes, steuerbares Projekt.

Diese Beispiele zeigen: GIS macht grüne Infrastruktur sichtbar, bewertbar und steuerbar. Es ermöglicht eine Planung, die nicht bei Flächenzahlen stehen bleibt, sondern die Ökologie, das Klima, die soziale Nutzung und die Resilienz systematisch berücksichtigt. Und vor allem: Es eröffnet die Möglichkeit, Stadtgrün als strategisches Element der Stadtentwicklung zu begreifen – nicht als nettes Extra, sondern als unverzichtbare Infrastruktur.

GIS, Digitale Zwillinge und die Zukunft der grünen Stadt

Die nächste Evolutionsstufe der GIS-basierten Planung heißt: Digitale Zwillinge. Ein Digital Twin ist weit mehr als eine hübsche 3D-Visualisierung. Es handelt sich um ein dynamisches, datengestütztes Abbild der Stadt in Echtzeit. Sensoren, Satellitenbilder, Wetterdaten, Nutzungsanalysen und Bürgerfeedback fließen kontinuierlich ein und machen das Modell zu einer lebenden Plattform. Für die grüne Infrastruktur bedeutet das: Parks, Baumalleen, Dachgärten und Biotope werden nicht nur digital erfasst, sondern als Teil eines aktiven, vernetzten Systems verstanden.

Das Zusammenspiel von GIS und Digitalen Zwillingen eröffnet völlig neue Möglichkeiten. Szenarien wie Starkregenfälle, Hitzewellen oder Baumaßnahmen können simuliert und ihre Auswirkungen auf das Stadtgrün live bewertet werden. Wie verändert sich die Durchlüftung eines Quartiers, wenn ein Park zugebaut wird? Was passiert mit der Biodiversität, wenn Straßenbäume gefällt oder neue Grünflächen angelegt werden? Solche Fragen lassen sich nicht mehr nur theoretisch, sondern praktisch beantworten – und zwar bevor irreversible Entscheidungen getroffen werden.

Besonders relevant wird das für die Anpassung an den Klimawandel. Städte müssen schnell und flexibel auf neue Risiken reagieren. GIS-basierte Digitale Zwillinge erlauben ein Monitoring in Echtzeit, zeigen Schwachstellen auf und unterstützen bei der Priorisierung von Maßnahmen. Gleichzeitig fördern sie die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Fachämtern, Politik und Öffentlichkeit. Das Ergebnis: Eine integrierte, resiliente Stadtplanung, in der das grüne Netzwerk eine zentrale Rolle spielt.

Doch der Weg dorthin ist anspruchsvoll. Es braucht offene Datenplattformen, klare Governance-Strukturen und eine Kultur der Zusammenarbeit. Datenschutz, Interoperabilität und die digitale Souveränität der Städte sind zentrale Herausforderungen. Wer diese Aspekte nicht von Anfang an mitdenkt, riskiert, dass der Digitale Zwilling zur Black Box wird – und das Vertrauen der Öffentlichkeit verspielt.

Dennoch: Die Entwicklung zeigt, wohin die Reise geht. GIS und Digitale Zwillinge sind keine Spielzeuge, sondern Werkzeuge für eine smartere, gerechtere und nachhaltigere Stadt. Sie geben Planern, Verwaltung und Politik die Möglichkeit, grüne Infrastruktur nicht nur zu erhalten, sondern gezielt zu stärken – als Rückgrat der zukunftsfähigen Stadt.

Herausforderungen, Potenziale und der Weg nach vorn

Bei aller Begeisterung für GIS und Digitale Zwillinge darf man die Herausforderungen nicht unterschätzen. Die Qualität und Verfügbarkeit der Daten ist nach wie vor ein kritischer Punkt. Viele kleinere Kommunen verfügen nicht über aktuelle Baumkataster, digitale Flächennutzungspläne oder Sensornetzwerke. Hier droht eine digitale Kluft – zwischen innovativen Metropolen und abgehängten Mittelstädten. Förderprogramme, Kooperationen und Open-Source-Lösungen können helfen, diese Lücke zu schließen.

Auch die Standardisierung bleibt eine Mammutaufgabe. Unterschiedliche Softwarelösungen, proprietäre Datenformate und mangelnde Schnittstellen erschweren die Zusammenarbeit – sowohl innerhalb von Verwaltungen als auch zwischen Städten. Nationale und internationale Initiativen wie INSPIRE oder die Entwicklung von Urban Data Platforms sind wichtige Schritte, doch der Weg zur wirklich offenen, interoperablen GIS-Landschaft ist noch weit.

Governance und Datenschutz sind weitere Baustellen. Wer darf auf welche Daten zugreifen? Wer entscheidet über die Prioritäten in der grünen Infrastruktur? Wie lässt sich verhindern, dass kommerzielle Interessen die Planung dominieren oder sensible Daten missbraucht werden? Transparenz, klare Verantwortlichkeiten und eine breite Beteiligung aller Akteure sind hier unverzichtbar.

Gleichzeitig bieten GIS und Digitale Zwillinge enorme Potenziale, die weit über die klassische Planung hinausgehen. Sie ermöglichen eine partizipative Stadtentwicklung, in der Bürger informiert werden, eigene Beiträge leisten und die Entwicklung ihrer Stadt aktiv mitgestalten können. Sie schaffen eine neue Öffentlichkeit für das Thema grüne Infrastruktur – und machen sichtbar, was sonst im Verborgenen bleibt.

Die Zukunft der Stadtplanung ist datenbasiert, vernetzt und dynamisch. Wer GIS als kreatives, integratives Werkzeug begreift, kann die Herausforderungen des Klimawandels, der Urbanisierung und des gesellschaftlichen Wandels erfolgreich meistern. Grüne Infrastruktur wird damit zum Schlüsselfaktor für lebenswerte, resiliente und gerechte Städte im deutschsprachigen Raum.

Fazit: Sichtbarkeit schafft Zukunft – GIS als Gamechanger für die grüne Stadt

Grüne Infrastruktur ist das Wertvollste, was Städte besitzen – aber nur, wenn sie auch sichtbar und verstehbar wird. GIS-Systeme holen Parks, Alleen, Wälder und Biotope aus dem digitalen Schatten und machen sie zu strategischen Assets der Stadtentwicklung. Sie verknüpfen Daten, Menschen und Visionen, ermöglichen fundierte Entscheidungen und eröffnen neue Wege der Beteiligung. Ob als Basis für digitale Zwillinge, als Analysetool für Planer oder als Plattform für Bürgerdialoge: GIS ist der Schlüssel zu einer nachhaltigen, resilienten und lebenswerten Stadt.

Die Herausforderungen sind nicht klein: Datenqualität, Standardisierung und Governance sind Dauerbaustellen, die eine kontinuierliche Weiterentwicklung verlangen. Doch die Potenziale überwiegen. Wer GIS intelligent einsetzt, kann urbane Grünsysteme nicht nur schützen, sondern mutig gestalten – und so das Fundament für die Stadt von morgen legen. Die Expertise, die es dafür braucht, wächst in jedem Projekt, in jeder Analyse und in jedem Dialog. Und die Stadt? Sie wird grüner, smarter und gerechter – sichtbar gemacht durch die Kraft der Geoinformation.