29.10.2022

Gesellschaft

Seeing Trees – Buchrezension

von Lumi Kirk
Seeing Trees, Cover: Yale University Press London
Seeing Trees, Cover: Yale University Press London

aus dem Englischen von Anna Arndt

Können Stadtbäume umstritten sein? In „Seeing Trees“, ausgezeichnet mit dem John Brinckerhoff Jackson Book Prize, ergründet die Professorin für Landschaftsgeschichte Sonja Dümpelmann die Geschichte der Bäume in New York City und Berlin im späten 19. und 20. Jahrhundert. Die Autorin beleuchtet ihre historische Funktion im städtischen Umfeld. In diesem Buch spielen Straßenbäume sowie unterschiedliche Interessengruppen eine zentrale Rolle.

Seeing Trees: Inhalt und Aufbau

Das Buch gliedert sich in zwei Hauptteile mit jeweils vier Kapiteln. Die Teile widmen sich den jeweiligen Metropolen und ihren Geschichten. In den Kapiteln über New York City wird aufgezeigt, wie der öffentliche und private Aktivismus die Stadtlandschaft verändern wollte. In der zweiten Hälfte werden die Berliner Bäume betrachtet. Der Schwerpunkt liegt dabei auf die Bemühungen zur „Wiederanpflanzung“ in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch ideologische Unterschiede zwischen den Planungsstrategien des Ost- und des Westsektors spielen eine Rolle.

Beiden Teilen gemeinsam ist die „Wiederentdeckung“ der Bäume durch die Gesellschaft. Die 318 Seiten des Buches decken ein breites Spektrum an Themen ab, wie zum Beispiel die Entstehung der städtischen Forstwirtschaft, die Anfänge systematischer Planungsprozesse und die aus ästhetischen Erwägungen und gesundheitspolitischen Bedenken resultierenden Lobbybewegungen.

Obwohl die Geschichten der beiden Städte sehr unterschiedlich sind, werden in dem Buch Gemeinsamkeiten hervorgehoben. Dabei geht es der Autorin weniger um einen Vergleich der beiden Städte. Vielmehr ist das Buch eine Gegenüberstellung der unterschiedlichen Ansätze und Fortschritte in Bezug auf den städtischen Baumbestand.

Mit historischen Plänen und Fotografien illustriert

Die Geschichten um die Bäume sind fesselnd. In ihnen stecken Hinweise auf die Identität einer Stadt. Die Lektüre von „Seeing Trees“ bedeutet in der Tat, in sehr detaillierte Berichte über öffentliches und privates Engagement einzutauchen, die nach und nach das Bewusstsein der Bürger*innen für Bäume geprägt haben. Das Buch ist weit davon entfernt, einen „bloßen“ Überblick zu geben. Stattdessen lässt es den*die Leser*in in die sich wandelnde Bedeutung von Bäumen im Laufe der letzten Jahrhunderte eintauchen und in die Feinheiten der verschiedenen Moden und Entwicklungen, die sich auf die städtischen Bäume ausgewirkt haben. Die sorgfältige Auswahl historischer Pläne, Fotografien und Illustrationen, die durch eine umfangreiche Bibliografie ergänzt werden, spiegeln die gründliche Arbeit der Autorin wider. Währenddessen ist der Schreibstil, wenn auch formal, klar und prägnant.

Das Buch bietet eine überzeugende Alternative zum traditionellen Ansatz der Dichotomie „Natur versus Kultur“. Stattdessen stellt Dümpelmann Straßenbäume als einen integralen Bestandteil des städtischen Gefüges dar. Fachleute aus den Bereichen Forstwirtschaft, Stadtentwicklung und Landschaftsarchitektur sowie Leser*innen mit einem ausgeprägten Interesse an der Geschichte der Stadtlandschaft werden dieses Buch aufschlussreich finden.

Der Text entstand in der „wissenschaftlichen Schreibwerkstatt Landschaftsarchitektur“ am TUM-Lehrstuhl Landschaftsarchitektur und Transformation bei Prof. Udo Weilacher. Im Rahmen des Seminars wählen Student*innen Fachliteratur aus und erarbeiten gemeinsam individuelle Buchrezensionen.

Ebenfalls interessant ist Dorothee Rummels Buch „Unbestimmte Räume in Städten“. Lesen Sie hier unsere Rezension.

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