Siedlung Ludwigsfeld: Wettbewerb zur Erweiterung entschieden

Quartiersplatz. Quelle: PALAIS MAI Gesellschaft von Architekten Stadtplanern mbH; grabner huber lipp landschaftsarchitekten und stadtplaner partnerschaft mbb
So soll der Quartiersplatz in der münchner Siedlung Ludwigsfeld aussehen. Quelle: PALAIS MAI Gesellschaft von Architekten Stadtplanern mbH; grabner huber lipp landschaftsarchitekten und stadtplaner partnerschaft mbb

Wohnraum ist in der bayerischen Landeshauptstadt bekanntermaßen Mangelware. Um die Lage zumindest im Nordwesten zu entspannen, sollen in der Siedlung Ludwigsfeld München etwa 1 800 bis 2 000 neue Wohnungen geschaffen werden. Hierzu wurde nun ein städtebaulicher und landschaftsplanerischer Wettbewerb entschieden. Der erste Preis ging an PALAIS MAI Gesellschaft von Architekten und Stadtplanern mbH, München in Zusammenarbeit mit grabner huber lipp Landschaftsarchitekten und Stadtplaner mbb, Freising. Den Gewinnerentwurf sehen Sie hier.

Ludwigsfeld München soll rücksichtsvoll wachsen

Die Siedlung Ludwigsfeld München liegt am Stadtrand im Bezirk Feldmoching-Hasenbergl. Sie ist umgeben von Feldern, aber auch Fabriken. Das rund zweiunddreißig Hektar große Planungsgebiet soll nun verantwortungsvoll nachverdichtet wie auch nach Osten und Süden erweitert werden. Neben den geplanten Wohnungen mit hohem Anteil an geförderten und bezahlbaren Einheiten ist die Versorgung mit sozialen Einrichtungen (Nachbarschaftstreff, Kindertagesstätten), Bildungs- und Sportinfrastruktur (Grundschule) sowie Nahversorgungsinfrastruktur zu verbessern. 

Stadtbaurätin Prof. Dr. Elisabeth Merk äußert sich wie folgt zu der Entscheidung: „Der Entwurf von PALAIS MAI überzeugt mich durch zwei besondere Qualitäten: Einmal durch die schöne Freiraumvernetzung, die respektvoll mit dem Bestand umgeht, und zum anderen die neue räumliche Gestaltung des erweiterten Stadtquartiers, das hohe Wohnqualitäten verspricht. Die Identität des Ortes in seiner Lage am Grüngürtel und mit seiner Geschichte als Erinnerungsort wird in dem Konzept gewürdigt.“ Laut dem Vorsitzenden des Preisgerichts, Prof. Markus Allmann, hat der Entwurf „(…) eine in sich stimmige, aber auch rücksichtsvolle Stadt entwickelt (…)“. 

Lageplan. Quelle: PALAIS MAI Gesellschaft von Architekten Stadtplanern mbH; grabner huber lipp landschaftsarchitekten und stadtplaner partnerschaft mbb
Lageplan. Quelle: PALAIS MAI Gesellschaft von Architekten Stadtplanern mbH; grabner huber lipp landschaftsarchitekten und stadtplaner partnerschaft mbb

Herausforderungen der Planungsaufgabe

  • Struktur

Der Entwurfssieger geht sensibel mit der bestehenden Identität der Siedlung um. Die Qualitäten von Ludwigsfeld München werden dementsprechend aufgegriffen und gestärkt. Das neue Planungsgebiet gliedert sich in überschaubare Einheiten. Hierdurch können die Bauabschnitte einzeln entwickelt werden. Das geschaffene Wohnungsangebot ist zugunsten einer ausgewogenen Bewohner*innenstruktur ausdifferenziert. 

Das Neubauquartier ist ein Ensemble aus sich in sich gedreht reihenden, im Mittel fünfgeschossigen Häusern mit freiräumlich offenen Passagen. Die Sportflächen sind im Norden zur Kulturlandschaft hin verortet. Südlich davon grenzt dann Grundschule und Kita an. An diesem Knotenpunkt werden zudem Standorte für Nahversorgung und Einzelhandel angeboten. Nach Süden nimmt die Wohnbebauung zu. 

  • Freiraum

Das Gewinnerteam schafft es, Bestand und Neues respektvoll zu verknüpfen und bestehende Freiraumqualitäten aufzugreifen. Es gelingt, den Baumbestand weitestgehend zu erhalten. Identitätsstiftende Freibereiche, wie die so genannte „Rollschuhplatte“, bleiben bestehen. Die heutigen Freiflächen werden zum gemeinschaftlich geteilten Grün mit den neuen Anwohner*innen. Als „Ringpark“ rahmen sie nun die Bestandssiedlung und bilden den Anknüpfungspunkt an das neue Ludwigsfeld München.

Die Dichte und bauliche Präsenz des Neubauquartiers ist im Vergleich zum Bestand deutlich erhöht. Der „Ringpark“ sorgt dabei für eine angemessene Distanz. Doch den starken Freiraumbezug der bestehenden Siedlung greift die Gebietserweiterung in nur reduzierter Weise auf.

Das Konzept sieht zudem zwei öffentliche Plätze vor. Beide sind Trittsteine in die Landschaft, zu den Wohnhöfen und zu dem „Ringpark“. Der sogenannte „Quartiersplatz“ spannt sich zwischen den öffentlichen Bausteinen auf. Über eine autofreie Gasse ist er nach Süden mit dem kleineren „Nachbarplatz“ verbunden. Hier befindet sich das Nachbarschaftszentrum und die künftige Straßenbahn-Haltestelle. Die an der Gasse und den Plätzen angrenzenden Erdgeschossnutzungen sind dabei vorwiegend öffentlich und gemeinschaftlich. Hier kritisch anzumerken ist jedoch der allgemein eher geringe Entsiegelungs- und Begrünungsgrad abseits des „Ringparks“.

Die Wohnhöfe öffnen sich an strategisch gesetzten Orten zueinander. Somit entsteht ein fließender Freiraum. Trotz der baulichen Dichte des neuen Ludwigsfeld München werden verschiedene Dimensionen – zwischen öffentlich zu privat wie auch zwischen dem Siedlungsinneren und der Umgebung – geschaffen.

Quartiersinnenbereich. Quelle: PALAIS MAI Gesellschaft von Architekten Stadtplanern mbH; grabner huber lipp landschaftsarchitekten und stadtplaner partnerschaft mbb
Quartiersinnenbereich. Quelle: PALAIS MAI Gesellschaft von Architekten Stadtplanern mbH; grabner huber lipp landschaftsarchitekten und stadtplaner partnerschaft mbb

Weitere Aspekte

  • Klima

Ludwigsfeld München wird klimaangepasst weiterentwickelt. Die Baukörper sind kompakt. Es wird in die Höhe gebaut. Eine freudige Entwicklung ist, dass auf viele Tiefgeschossflächen verzichtet wird. Denn diese nicht-unterbauten Freiflächen sind dadurch für die Pflanzung von Großbäumen und für Regenwasserversickerung nutzbar. Auch führt die bauliche Dichte zur Verschattung des Quartiers an Hitzetagen. Der „Ringpark“ liefert Frischluftschneisen. Das neue Quartier kreiert hierfür Zuströme. Im jetzigen Entwurf sind die Dach- und Fassadenflächen aber momentan noch zu klein, um CO2-Neutralität zu erreichen. 

  • Mobilität

Das geplante Wegenetz orientiert sich am Bestand. Die Verbindungen in Ost-West-Richtung werden dementsprechend verlängert. Auch teils informelle Pfade werden aufgewertet und gefasst. Die attraktiv gestalteten, autofreien Gassen motivieren, Wege des täglichen Bedarfs fußläufig oder mit dem Fahrrad zurückzulegen.

Das neue Ludwigsfeld München setzt stark auf eine künftige Anbindung an das ÖPNV Netz der Stadt. Hierfür wird eine Trasse für die Straßenbahn im Süden des Quartiers freigehalten. Parallel wird der MIV als Ringstraße am Siedlungsrand geführt und bietet zahlreiche Haltestellen.

Des Weiteren gibt es drei Mobilitätszentren. Dies sind zum einen Quartiersgaragen, welche die bestehenden Stellplatzdefizite ausgleichen und Platz für die Neubauten bieten. Zum anderen sollen hier Sharing-Angebote und Fahrradräume untergebracht werden. Die Mobilitätszentren sind als autonome Einheiten konzipiert und folglich rückbaubar.

Schwarz-Grün-Plan. Quelle: PALAIS MAI Gesellschaft von Architekten Stadtplanern mbH; grabner huber lipp landschaftsarchitekten und stadtplaner partnerschaft mbb
Schwarz-Grün-Plan. Quelle: PALAIS MAI Gesellschaft von Architekten Stadtplanern mbH; grabner huber lipp landschaftsarchitekten und stadtplaner partnerschaft mbb

Sehen Sie selbst

Die Wettbewerbsergebnisse können Sie zwischen den Oster- und Pfingstferien in der Siedlung Ludwigsfeld selbst besuchen (im Info-Laden am Onyxplatz 5, 80995 München).

Weiterlesen: Auch für das Urbanes Quartier um den Hauptgüterbahnhof in Braunschweig wurde ein Wettbewerb entschieden.

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Nachhaltige Kaufhaus-Umnutzung: Ehemalige Handelsgebäude werden zu lebendigen, multifunktionalen Zentren für Wohnen, Kultur und Begegnung. Grafik: via pixabay
Nachhaltige Kaufhaus-Umnutzung: Ehemalige Handelsgebäude werden zu lebendigen, multifunktionalen Zentren für Wohnen, Kultur und Begegnung. Grafik: via pixabay

Geschlossene Kaufhäuser prägen zunehmend das Bild vieler Innenstädte. Dennoch bieten gerade diese Immobilien mit den richtigen Konzepten eine seltene Gelegenheit, um Nachhaltigkeit und innovative Stadtplanung miteinander zu verbinden.

Kaufhäuser, einst die Magneten des innerstädtischen Einzelhandels, verlieren durch den Boom des Onlinehandels und verändertes Einkaufsverhalten zunehmend ihre Bedeutung. Doch anstatt diese Gebäude ihrem Schicksal zu überlassen, könnten sie mit kreativen Lösungen zu zentralen Orten der Stadtentwicklung werden. So eröffnen sie Perspektiven, die sowohl ökologische als auch soziale Vorteile bieten.

Wandel und Leerstand

Die Schließung von Kaufhäusern ist keine plötzliche Erscheinung, sondern eine direkte Folge des Strukturwandels im Einzelhandel. Schon seit den 1990er-Jahren wurden hunderte Standorte geschlossen, während sich gleichzeitig der Fokus immer stärker auf den Onlinehandel verlagerte. Besonders betroffen sind Mittelstädte, aber auch in Großstädten nimmt der Leerstand spürbar zu. Diese Entwicklung belastet nicht nur das Stadtbild, sondern wirkt sich auch negativ auf die Attraktivität und Funktionalität der Innenstädte aus.

Chancen der Kaufhaus-Umnutzung

Statt Abriss und Neubau, die erhebliche Ressourcen verschlingen, bietet die Umnutzung von Kaufhäusern eine umweltfreundliche Alternative. Diese Gebäude binden durch ihren soliden Bestand graue Energie und integrieren gleichzeitig neue Nutzungsformen. Dadurch profitieren Umwelt, Baukultur und die Städte, da multifunktionale Konzepte verschiedene Zielgruppen anziehen und die Lebendigkeit fördern.

Erfolgreiche Beispiele

Es gibt zahlreiche gelungene Beispiele, die zeigen, wie Kaufhäuser kreativ und sinnvoll umgenutzt werden können:

  • Kultur und Kreativität: So wurden etwa ehemalige Kaufhäuser wie das „Soho House“ in Berlin in Hotels oder Kreativzentren umgewandelt.
  • Bildung und Soziales: In Lübeck wird ein Karstadt-Gebäude zum „Haus der Bildung“ umgestaltet, das vielfältige Bildungsangebote vereint.
  • Mixed-Use-Konzepte: Noch vielseitiger sind Konzepte, die Wohnen, Gastronomie und Büroflächen kombinieren. Diese schaffen nicht nur Synergien, sondern sie sprechen auch unterschiedliche Zielgruppen an und verlängern die Nutzungszeiten.

Herausforderungen

Trotz aller Chancen sind Umnutzungen keine leichte Aufgabe. Oft stehen strenge baurechtliche Vorgaben, hohe Umbaukosten oder komplexe Eigentumsverhältnisse einer schnellen Umsetzung im Weg. Zudem erfordert die Transformation nicht nur technisches Know-how, sondern auch eine enge Zusammenarbeit zwischen Kommunen, Investoren und Architekten. Nur wenn diese Akteure gut kooperieren, lassen sich tragfähige und langfristige Lösungen finden.

Perspektiven für die Stadtentwicklung

Die Kaufhaus-Umnutzung definiert Innenstädte völlig neu. Multifunktionale Konzepte, die Handel, Kultur, Wohnen und Freizeitangebote kombinieren, beseitigen Leerstände und sorgen langfristig für ein lebendiges und vielfältiges Stadtbild. Solche Ansätze fördern soziale Begegnungen und gewinnen Innenstädte als attraktive Lebensräume zurück.

Kaufhäuser als urbane Impulsgeber

Leerstehende Kaufhäuser sind mehr als nur ein Symbol für den Wandel im Einzelhandel – sie sind eine Chance. Denn mit der richtigen Planung und kreativen Ansätzen können diese Immobilien zu lebendigen Ankerpunkten in Innenstädten werden. Statt Verfall und Abriss können nachhaltige Lösungen geschaffen werden, die bestehende Ressourcen nutzen und das Stadtbild aufwerten.

Die Umsetzung solcher Projekte erfordert jedoch Engagement und Zusammenarbeit zwischen Kommunen, Planern, Investoren und der Bevölkerung. Wenn es gelingt, die vielfältigen Herausforderungen zu meistern, können multifunktionale Zentren entstehen, die Handel, Kultur, Wohnen und Begegnung verbinden. Auf diese Weise tragen sie nicht nur zur Belebung der Innenstädte bei, sondern schaffen auch Orte mit neuer Identität und Strahlkraft.

 

 

Erfahren Sie mehr über die Studie „Obsolete Stadt“ und das Potenzial leerstehender Flächen für Wohnbebauung in unserem Artikel hier.

Bezahlbar Wohnen in Deutschland

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Mit fast zehn Sozialwohnungen pro 1 000 Einwohner*innen steht Hamburg im bundesweiten Vergleich von 26 Städten laut einer Studie von Bulwiengesa ganz vorn da. Doch Sozialwohnungen werden in Deutschland trotzdem in erstaunlicher Geschwindigkeit knapper und immer weniger Menschen können sich Wohnraum in Ballungsgebieten leisten. So hat sich sozialer Wohnungsbau in Deutschland verändert.

Sozialer Wohnungsbau: frühes Vorbild Deutschland

 

2002 lag die Zahl der Sozialwohnungen in Deutschland ungefähr bei 2,6 Millionen. 2018 waren es nur noch etwa 1,2 Millionen, also weniger als die Hälfte. Das hat der GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen in einer Auswertung 2019 festgestellt.

Mit anderen Worten: Zwischen 2002 und 2018 verloren jeden Tag durchschnittlich rund 230 Wohnungen ihren Status als Sozialwohnung. Netto, trotz Neubauten. Ihre Vermieter*innen unterliegen dann nicht mehr der Bindung an staatlich vorgeschriebene Mietpreise und lassen sich mit Mieterhöhungen – verständlicherweise – nicht lange bitten. Unterm Strich geht es mit Deutschlands Sozialwohnungen also abwärts. Nicht gerade rühmlich, wenn man bedenkt, das Deutschland früher als internationaler Spitzenreiter sozialen Wohnungsbaus galt.

Vor etwa 100 Jahren befand sich Deutschland in der Zeit der Novemberrevolution. Der erste Weltkrieg neigte sich dem Ende, die Deutschen stürzten ihre Monarchie und riefen die Republik aus. Auf ihre schlechte Wohnsituation versuchten sie schon in der Kaiserzeit, mitunter in Krawallen auswachsend, aufmerksam zu machen. Doch erstmals in der Zeit der Weimarer Republik fanden die Stimmen der Arbeiterbewegung das Gehör und die Bereitschaft vor, jenen mit kleinen Einkommen bezahlbaren und lebenswürdigen Wohnraum zu schaffen.

Die Berliner Hufeisensiedlung ging als vielleicht bekanntestes Beispiel aus dieser Epoche hervor. Sie ist heute UNESCO-Welterbe und architektonische Ikone. Allein im damaligen Groß-Berlin entstanden in den 20er-Jahren insgesamt 17 solcher verdichteter Sozialwohnsiedlungen, die optisch nicht alle so herausragen mögen wie die Hufeisensiedlung, aber ein gemeinsames Ziel verfolgten: leistbaren Wohnraum guter Qualität zu schaffen.

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs sorgten in Schutt liegende Städte und die zurückkehrenden Heimatvertriebenen für eine grassierende Wohnungsnot, auf den in sowohl in Ost als auch in West mit dem Bau staatlich finanzierter Wohnungen begegnet wurde. Der Trend zum öffentlichen Wohnungsbau fand schließlich ab den 80er-Jahren seine Wende, als der Staat sich aus dessen Finanzierung zurückzog und immer mehr Kommunen aus Geldmangel damit begannen, ihre geförderten Wohnflächen zu privatisieren.

Sozialer Wohnungsbau seit den 80ern privatisiert

Die neuen Eigentümer*innen wurden in Verträgen von üblicherweise 30 Jahren Dauer dazu verpflichtet, die Wohnungen als Sozialwohnungen für berechtigte Interessent*innen bereitzustellen und dafür vom Staat finanziell entschädigt. Nach diesen 30 Jahren entfällt dann die sogenannte Sozialbindung und die Eigentümer*innen dürfen die Wohnungen wieder am freien Markt anbieten. Die Renditen, die dort mittlerweile zu erzielen sind, lässt sich kaum jemand entgehen, der Wohnraum anzubieten hat. Wer sich heute eine Wohnung in Ballungsgebieten leisten will, muss häufig entweder weit über dem Durchschnitt verdienen, sich mit sehr wenig Platz zufriedengeben oder aber einen ungesunden Anteil des Haushaltseinkommens für die Wohnkosten einplanen.

Dennoch, das zeigt wie groß die Wohnungsnot anscheinend wieder geworden ist, finden sich heute in deutschen Großstädten schon mal 50 Bewerber*innen zur Massenbesichtigung des sanierungsbedürftigen Wohnklos ein und eine*r von ihnen darf sich anschließend der Ehren einer gepickten Rosine erfreuen.

Der jahrelang vernachlässigte soziale Wohnungsbau wird sich nicht schnell beheben lassen. Das liegt schon an der Gestaltung von Baugenehmigungsverfahren, die regelmäßig ein Vielfaches der reinen Bauzeit eines Objekts in Anspruch nehmen. Was heute angestoßen wird, kann, auch aufgrund des Mangels an Personal, das Bauverfahren in den Kommunen zu bearbeiten in der Lage ist, erst in Jahren zum ersten Spatenstich gelangen. Dazu kommt, dass erst einmal Baugrund vorhanden sein muss, und der wurde an vielen Orten während der Privatisierung verkauft.

Dass Hamburg jetzt statistisch gut dasteht im Bereich sozialer Wohnungsbau ist eine schöne Nachricht, aber die Tatsache, dass sich insgesamt viel zu wenig beim Thema tut, transportiert sie nicht. Immer noch, selbst einschließlich der geplanten Neubauten in den Bundesländern, werden Sozialwohnungen in den nächsten Jahren effektiv weniger werden und solange es sich für Investor*innen nicht lohnt, sie zu bauen, wird sich daran von selbst auch nichts ändern.

Mehr Initiative gefordert

Deutschland ist spät dran ist mit der Thematik, da hilft auch Meckern nichts mehr. Staat und Länder müssen jetzt aber weitaus unternehmen, als bisher. Das Hannoveraner pestel-Institut kam in einer Kurzstudie 2019 zum Fazit, dass der Bestand an Sozialwohnungen als „Minimalziel“ zur Entspannung deutscher Wohnungsmärkte bis 2030 wieder auf zwei Millionen angehoben werden sollte. Um das zu erreichen, schätzt das Institut einen Finanzbedarf von jährlich über sechs Milliarden Euro über mehr als zehn Jahre.

Das sind weit mehr, als die 2,4 Milliarden, die laut der Studie 2018 für den sozialen Wohnungsbau in den Haushalten des Bundes und der Länder bereitgestellt wurden. Auch die Finanzhilfen des Bundes für den sozialen Wohnungsbau, die 2020 mit einem Volumen von einer Milliarde Euro bis 2024 beschlossen wurden, sehen da eher aus wie ein Tropfen auf den heißen Stein.

Vorschläge zur Bekämpfung der Wohnungskrise gibt es. Bundeseigene Liegenschaften wie Parkplätze an Bahnhöfen beispielsweise könnten den Baugrund für neuen Wohnraum darstellen. Auf Stelzen gebaut, wie nach einer Idee eines Bad Aiblinger Architekten, würden sie mit den parkenden Autos nicht einmal um den begehrten Platz konkurrieren. Um schneller auf den Bedarf reagieren zu können, wäre es aber auch nötig, das Baurecht zu verschlanken, und sozialen Wohnungsbauer*innen nicht noch zusätzliche Verwaltungsarbeit aufzubürden.

Über sozialen Wohnungsbau und über den Flächendruck in Berlin ganz allgemein sprachen wir mit Berlins Bausenator Sebastian Scheel im Interview.

Und alles zum Mietendeckel Berlin lesen Sie hier.