Stadtmobiliar: die G+L im Dezember 2020

Stadtplatz mit Menschen. Der Platz ist möbliert mit blauen Tischen und roten Quadern

Wie können Planer*innen Außenräume mithilfe von Stadtmobiliar so gestalten, dass sich die Stadtbewohner*innen dort wie zu Hause führen? Welche Aufgaben müssen Stadtmöbel übernehmen? Wie schafft man mit ihnen diverse Räume, und wie können Planer*innen mit ihnen Nutzungskonflikte schlichten? Im Dezember gehen wir diesen und weiteren Fragen nach und stellen in einem umfassenden Branchenreport neuste Trends und Projekte vor. Redakteurin Theresa Ramisch stellt das Heft im Editorial vor.

Stadtmobiliar-Revolution?

„Im Sommer 2020 wurde München botanisiert. (…) Alte Konflikte im öffentlichen Raum lösten sich in einem verblüffend breiten Konsens unter Behörden, Anwohnern und Verkehrsteilnehmern auf. (…) Die neue Welt lud ein, sich in ihren temporären Landschaften zu verlaufen und entdeckt zu werden. Automobile Privilegien verschoben sich zu Gunsten der Menschen und ihren Grundbedürfnissen (Never forget: Paris ist eine Frau, München ist Bier)“, schreibt Alexander Fthenakis in seinem jüngst erschienenen Buch „Schanitown“, das insgesamt 144 Schanigärten abbildet, die im Zuge der Corona-Pandemie entstanden. Hier lesen Sie exklusiv das Vorwort von Schanitown.

„Paris ist eine Frau, München ist Bier“ ist ein Zitat vom russischen Fürsten Schtscherbatow, der damit in den 1820er-Jahren seine Wahrnehmung der bayerischen Landeshauptstadt beschreibt. Wer möchte, kann natürlich München so sehen. Für uns, als Redaktion mit Sitz in München steht die Stadt aber vor allem auch für: Autos, wenig kreativen Raum und eine never ending story von Nutzungskonflikten. Und diese aufzubrechen, das ist während der Corona-Pandemie gelungen. Nicht nur in München, in zahlreichen europäischen Städten.

Der öffentliche Raum hat durch die Pandemie neue Aufmerksamkeit erfahren. Der Coronavirus zwingt uns als Gesellschaft Entwicklungen voranzutreiben, bei denen es vorher gehakt hat. Wird aber die Corona-Pandemie den öffentlichen Raum revolutionieren? Nein. Das sagen zumindest die Geschäftsführer der Stadtmobiliarhersteller ELANCIA, Grijsen, NUSSER und Runge, mit denen wir uns für die vor­liegende Ausgabe unterhalten haben. Die Pandemie ist ein Katalysator, die Revolution sei aber schon länger voll im Gange.

Auswirkungen der alternden Gesellschaft

Das bestätigen auch die Stadtmobiliar-Innovationen und -Projekte, die wir uns für das vorliegende Heft angeschaut haben – wie zum Beispiel der CityTree von Green City Solutions, ein Stadt­möbel, das dem Sitzen dient und gleichzeitig die Luft von Feinstaub filtert. Oder auch die Out-of-Home-Flächen von Wall und Ströer, die inzwischen so viel mehr leisten als „nur“ reine Werbeflächen zu sein.

Gleichzeitig müssen wir uns aber gerade auch im öffentlichen Raum der demografischen Frage stellen. Im Jahr 2030 wird jede*r vierte Deutsche über 65 Jahre alt sein. Aus diesem Grund diskutieren wir das Projekt „UrbanLife+“, in dessen Rahmen Forscher*innen untersuchen, wie Senior*innen möglichst lang ein unabhängiges und selbstbestimmtes Leben im öffentlichen Raum führen können – und dafür entsprechende (Stadtmöbel-)Ideen entwickeln.

Die G+L 12/20 “Stadtmobiliar” können Sie hier erwerben.

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Wettbewerbsausschreibung für das ‘International Garden Festival 2019’

Jedes Jahr präsentiert das internationale Garten Festival in Quebec temporäre Gärten. Das International Garden Festival 2019 gilt als eines der Wichtigsten seiner Art in Nord Amerika. Zum 20. Jubiläum suchen die Veranstalter bis zum 20. Dezember Entwürfe, die das Festivalgelände ab Juni 2019 zeigen wird.

Das diesjährige Thema der Gärten ist „Terrain de Jeu“. Das Spielfeld oder Spielplatz soll Raum für Kreativität auf kompakten Grundstücken bieten. Innerhalb der vorgegebenen Parzellen, können sich die Teilnehmer Konzepte zu kreativem Spiel überlegen. Die Entwürfe sollen spielerisch sein, ohne dabei kindisch zu wirken, und abenteuerlich ohne dabei gefährlich zu sein. Teilnehmen können Landschaftsarchitekten, Architekten, Künstler oder interdisziplinäre Teams.

Dieses Jahr neu: Raum für junge Talente

Für die Jubiläumsausgabe des Festivals führen die Organisatoren ein Parallelprogramm für junge Designer ein. Den Sommer über bietet das Programm ein Sommercamp für experimentelle Landschaftsarchitektur. Dieser Wettbewerb ist offen für Studenten unterschiedlichster Fächer.

Interessenten haben bis zum 20. Dezember 2018 Zeit Ihre Entwürfe einreichen. Mehr Informationen zu den beiden Wettbewerben finden Sie hier.

 

Weißenhofsiedlung IBA’27 – 1. Platz gekürt

Der Lageplan der Weißenhofsiedlung zeigt die neue Platzsituation vor dem Empfangsgebäude anlässlich der IBA'27. (Entwurf: Schmutz & Partner mit Scala und Pfrommer + Roeder, alle Stuttgart)
Die Sieger*innen des Wettbewerbs zur Weissenhofsiedlung IBA27 stehen fest: Der erste Preis ging an die Arbeitsgemeinschaft Schmutz & Partner. Der Lageplan © (Entwurf: Schmutz & Partner mit Scala und Pfrommer + Roeder, alle Stuttgart)

Die Weißenhofsiedlung in Stuttgart feiert 2027 ihr 100-jähriges Jubiläum. Grund, für die Landeshauptstadt Stuttgart, das Land Baden-Württemberg sowie die IBA’27 Stuttgart einen offenen internationalen Ideenwettbewerb auszuloben. Die beste Antwort auf die Frage „Wie sieht das große Bild für die nächsten 100 Jahre aus?“ kam von der Arbeitsgemeinschaft Schmutz & Partner Freie Architekten Innenarchitekten PartG mbB mit Scala Freie Architekten Stadtplaner und Pfrommer + Roeder GbR. Wir verraten, was Sie über das Projekt der Erstplatzierten wissen sollten.

Wettbewerb Weißenhofsiedlung ist entschieden

Es ist eine namhafte Nachbarschaft, in welcher der Wettbewerb Weißenhof ausgetragen wurde. Das 1927 vom Deutschen Werkbund errichtete Areal erlangte weltweite Bekanntheit. Der Werkbund hatte durch sein Verständnis des Neuen Wohnens Maßstäbe gesetzt. Genau 100 Jahre später findet nun wieder die internationale Bauausstellung in Stuttgart statt – die IBA’27 Stuttgart. Folglich lobte die Stadt Anfang des Jahres den Weißenhofsiedlung Wettbewerb 2027 aus. Nun prämierte die Jury die besten Entwürfe. Dabei vergab das Preisgericht insgesamt fünf Preise. Weiterhin zwei Anerkennungen. Als Erstplatzierte konnte sich die Arbeitsgemeinschaft Schmutz & Partner Freie Architekten Innenarchitekten PartG mbB mit Scala Freie Architekten Stadtplaner und Pfrommer + Roeder GbR durchsetzen. Die Büros haben ihren Sitz in Stuttgart. Somit dürfte es eine besondere Ehre sein, an diesem bedeutsamen Ort der eigenen Stadt zu wirken. Ziel des Wettbewerbs war es, eine zeitgemäße städtebauliche Entwicklung für die Weißenhofsiedlung samt Umfeld zu finden. Zum Jubiläum sollen die Zukunftsvisionen realisiert werden.

Lageplan © Entwurf: Schmutz & Partner mit Scala und Pfrommer + Roeder, alle Stuttgart
Lageplan © Entwurf: Schmutz & Partner mit Scala und Pfrommer + Roeder, alle Stuttgart

Komplexe Wettbewerbsaufgabe im Bestand

Die Aufgabe ist dabei durchaus komplex. Das Ensemble ist denkmalgeschützt. Folglich dürfen die Bauten nicht verändert werden. Gleichzeitig ist die Siedlung dem erwarteten Besucher*innenansturm bei der IBA nicht gewachsen. Andreas Hofer, Intendant der IBA’27, spricht sowohl von logistischen als auch baukulturellen Herausforderungen. Weiterhin betont er, dass die Entwicklung des Weissenhof-Areals für alle Beteiligten eine Herzensangelegenheit sei. Der Wettbewerb wurde international ausgelobt. Tatsächlich schafften es aber vor allem lokale Planungsbüros in die engere Auswahl. Allen voran Schmutz & Partner und Co. Denn ihnen gelang es, die kleinteiligen Strukturen der Weißenhofsiedlung mit einer großzügigen Empfangssituation zusammen zu bringen. Dabei spielte der Einbezug des Umfeldes eine wesentliche Rolle. Für die angrenzende Akademie der Bildenden Künste ist eine Erweiterung durch ein Empfangs- sowie Besucher*innenzentrum vorgesehen. So wird ein neuer Ankunftspunkt Orientierung am Killesberg schaffen. Durch diesen Ansatz überzeugte der Entwurf. 

Mehr zur Werkbundsiedlung, ihrer Geschichte dem Ideenkonzept sowie den 17 Architekten erfahren Sie bei unseren Kolleg*innen des BAUMEISTER: Weißenhofsiedlung Stuttgart.

Visualisierung des Empfangs- und Besucherzentrums © Entwurf: Schmutz & Partner mit Scala und Pfrommer + Roeder, alle Stuttgart
Visualisierung des Empfangs- und Besucherzentrums © Entwurf: Schmutz & Partner mit Scala und Pfrommer + Roeder, alle Stuttgart

Entwicklung im Sinne des Genius loci der Weissenhofsiedlung

Nach der Prämierung stehen nun weitere Debatten an. Andreas Hofer hält den prämierten Entwurf für eine gute Basis. An die Jury-Entscheidung werden freiräumliche, ökologische, vernehmliche sowie denkmalpflegerische Diskussionen anschließen. So soll aus dem historischen Bestand und den neuen Bausteinen ein sinniges Gefüge entstehen. Prof. Kai Fischer, Leiter der Abteilung Vermögen und Hochbau im Ministerium für Finanzen Baden-Württemberg, spricht von einer Fortschreibung des genius loci. Auch Peter Pätzold, Bürgermeister für Städtebau, Wohnen und Umwelt bei der Landeshauptstadt Stuttgart, ist überzeugt, mit dem erstplatzierten Entwurf die passende Vision gefunden zu haben. Insbesondere der öffentliche Raum wird zukünftig eine wesentliche Rolle spielen. Durch die Einführung einer Anlieger*innen-Regelung an der südlichen Zufahrt Am Weißenhof, kann sich ein Platzcharakter etablieren. Ein angrenzender Boulevard gibt überdies spannungsvolle Blicke in den Talkessel frei. Auch innerhalb der Bestandssiedlung werden neue Sichtbeziehungen inszeniert. Eine Wegeverbindung an der Nordseite des LeCorbusier-Doppelhauses generiert spannende Blickbezüge. 

Empfangsgebäude als Gelenkpunkt

Durch die Reduzierung des Straßenquerschnitts ergeben sich boulevardhafte Erweiterungen im Stadtraum. Weiterhin entsteht vor der Brenzkirche ein ausgeweiteter Vorplatz. Die größte Baumaßnahme des Projektes stellt der Neubau an der Nordwestecke des Akademiegeländes dar. Ein Gebäuderiegel entlang der Altbauerweiterung wird den bisherigen Keramik- und Bildhauerbau ersetzen. Darüberhinaus dienen mit Glas überdachte Zwischenbereiche als Kommunikationsorte.

Auch der sechsgeschossige Neubau für die Fachgruppe Wissenschaft spielt mit der Kombination aus geschlossen und offenen Räumen. So erhält der Komplex öffentliche sowie halböffentliche Bereiche. Als wichtigstes Gelenk zwischen Stadt, Siedlung und Akademie wird das Empfangsgebäude fungieren. Dafür entsteht ein stufenförmiger, überdachter Eingangsbereich, der zur Stadt hin als Attraktor lockt. Das Gebäude selbst wird mit transparenten Fassaden gestaltet. So wirkt die Weißenhofsiedlung in den Innenraum ein. Vier Aussichtsplateaus dienen zum Aufenthalt und können überdies als Experiemtierflächen genutzt werden. Das Empfangsgebäude dient als offene Anlaufstelle für Besucher*innen, besonders anlässlich der IBA’27. Gleichzeitig gelingt damit ein sanfter Übergang zum intimeren Akademiebereich. 

Schnitt: Empfangsgebäude - Platz Campus - Atrium Neubau © Entwurf: Schmutz & Partner mit Scala und Pfrommer + Roeder, alle Stuttgart
Schnitt: Empfangsgebäude – Platz Campus – Atrium Neubau © Entwurf: Schmutz & Partner mit Scala und Pfrommer + Roeder, alle Stuttgart

Spannender Prozess zur IBA’27 steht an

Die Aufgabenstellung des Wettbewerbs war keine einfache. Denn ein respektvoller Umgang mit dem Bestand der Weißenhofsiedlung war gefordert. Darüberhinaus galt es, einen zukunftsweisenden, innovativen Funken zu entfachen. 35 Teams aus acht Ländern stellten sich schließlich der Herausforderung. Folglich hatte das Preisgericht unter Vorsitz von Prof. Dörte Gatermann eine Vielfalt an Arbeiten zu bewerten. Der Entwurf von Schmutz & Partner und Co. reagierte auf die heterogene Bestandssituation selbstbewusst, aber angemessen. Der Arbeitsgemeinschaft gelang es laut Jury, an den richtigen Orten bauliche Akzente zu setzen. Auch die Aufwertung des öffentlichen Raumes durch neue Platzbereiche, inszenierte Aussichtspunkte, Stadtbalkone, Bänke sowie Baumgruppen überzeugte.

Durch den Ideenwettbewerb ist nun die städtebauliche Grundlage für nachfolgende Bauvorhaben geschaffen. 100 Jahre nach Errichtung der Weißenhofsiedlung Stuttgart wird sich diese durch das Wettbewerbsergebnis weiterentwickeln. Als Orientierung dient der historische Geist von damals. Die Implementierung der neuen Ideen stößt einen spannenden Prozess an. 

Ein weiteres IBA’27 Projekt ist übrigens das Postareal Böblingen. Alles was Sie zum Siegerentwurf vom Büro Gutiérrez aus Madrid in Zusammenarbeit mit UTA Architekten und Stadtplaner aus Stuttgart wissen müssen, erfahren Sie hier.