Straße als Galerie

Leer, leerer, Freiimfelde: Das Gründerzeitviertel in Halle zählt zu den Orten mit der höchsten Leerstandsrate deutschlandweit. Das Stadtplanungsbüro Freiraumgalerie spielt mit dieser Leere und verwendet dabei ausgerechnet Graffiti. Es ist eine Kombination aus ästhetischer Kunst und Bürgerbeteiligung, die den Freiraum Straße neu erfindet und Freiimfelde in ein buntes und selbstbestimmtes Quartier verwandeln kann.

Ein Gang durch die Landsberger Straße in Halle war bis vor einigen Jahren eher ungemütlich. Viele Häuser standen leer, kein Licht fiel abends durch die Fenster auf die Gehwege. Seit der Wende kämpft der Stadtteil Freiimfelde mit Verfall; den Schlachthof, der damals Arbeit und Bewegung in das Viertel brachte, gibt es nicht mehr. Nach Angaben des Bundesamtes für Statistik war die Landsberger Straße im Jahr 2010 jene mit dem höchsten Leerstand deutschlandweit. Das ist heute anders: Große, bunte Wandbilder zieren die Brandwände der Häuser, Street Art setzt Akzente an Schornsteinen und Fenstersimsen. Es tut sich was.

Leerstand Kreativ nutzen

Dass hier etwas in Bewegung ist, sich etwas verändert, ist der Freiraumgalerie zuzuschreiben, einem Kollektiv für Raumentwicklung, 2012 gegründet. Einer der ersten Mitglieder im Kollektiv war der Stadtplaner Hendryk von Busse. In seiner Diplomarbeit verteidigte er die These, dass Graffiti, in leeren und schrumpfenden Städten positive Impulse setzen kann, um diese zu revitalisieren. Nach einigen Fallstudien stellte sich Freiimfelde als besonders geeignet dar, um, in seiner Rolle als vernachlässigter und von der Stadtregierung vergessener Stadtteil, als urbaner Spielplatz zu agieren. Der hohe Leerstand ging mit entsprechenden sozialen und städtebaulichen Problemen einher: hohe Arbeitslosigkeit, Kinderarmut, Kriminalität, fehlende Entwicklungsperspektiven. Eine verlorengeglaubte Großstadtinsel, deren Exotik nun durch die Freiraumgalerie ins Viertel getragen wird: „Mit unserem ersten Urban Art-Festival 2012 wollten wir aufzeigen, dass man diesen Leerstand nutzen könnte, um eine neue Stadtlebensqualität zu erzeugen“, so von Busse. Künstler und Bürger sollten diese ungenutzte Stadtsubstanz selbst bemalen.

Mehr als nur Farben an der Wand

Bei dem Projekt geht es um mehr als kunstvoll gestaltete Fassaden, denn die Malerei dient der Freiraumgalerie als kraftvolles Werkzeug in der Stadt- und Raumentwicklung. Was können bunte Malereien bewirken, außer ein ästhetischer Blickfang und Thema im Feuilleton zu sein? Die Antwort des halleschen Stadtplaners ist unprätentiös: „Kunst löst in erster Linie Aufmerksamkeit aus. Der einzige Effekt, den die Wandbilder erzielen, ist der, dass Leute hingehen, gucken, fotografieren.“ Das funktioniere aber gut, um Images zu kreieren, vor allem ein kreatives Image. Die Kunst sei also insofern zielführend, als dass sie eine planerische Perspektive ins Viertel trüge. „Durch das Anbringen von Farbe sind den Menschen weitere Möglichkeiten aufgefallen, ihr Umfeld mitzugestalten.“

Alle Bilder von der Freiraumgalerie

Den gesamten Artikel finden Sie in der Oktoberausgabe 2018 der Garten+Landschaft.