Telefonzelle in Deutschland: Eine Ära geht zu Ende

Seit November ist die Münzzahlung in deutschen Telefonzellen nicht mehr möglich. Foto: succo via Pixabay
Seit November ist die Münzzahlung in deutschen Telefonzellen nicht mehr möglich. Foto: succo via Pixabay

Vor wenigen Tagen wurde die Münzzahlung in Telefonzellen bundesweit deaktiviert. Damit geht ein Stück deutsche Geschichte zu Ende. Für viele war sie vor Smartphone-Zeiten ein wichtiger Bestandteil des Alltags – egal ob urban oder suburban. Alles zur Existenzzeit der Telefonzelle und wie sie in jüngster Vergangenheit überflüssig wurde.

Die Abschaltung der deutschen Telefonzellen

Noch gibt es in Deutschland 12 000 Telefonzellen. Seit dem 21. November 2022 funktioniert jedoch die Münzzahlung nicht mehr: Sie wurde bundesweit deaktiviert. Ab Ende Januar 2023 folgt die Abschaltung der Telefonkartenfunktion. Damit wird es nicht mehr möglich sein, öffentliche Telefonzellen oder -säulen zu nutzen. Laut Angaben der Telekom wird der Rückbau der Telefonzellen voraussichtlich bis 2025 dauern.

So endet nach 142 Jahren eine Ära. 160 000 öffentliche Telefone waren früher in Deutschland vorhanden. Die öffentlichen Münzfernsprecher prägten das Bild deutscher Städte über Jahrzehnte. Lange handelte es sich um massive gelbe Kästen, die dann den kleinen silbernen Säulen mit dem Logo der Telekom wichen. In Orten mit hohem Publikumsverkehr wie etwa Flughäfen, Bahnhöfen und Einkaufsstraßen ist bis heute eine Nachfrage für Telefonzellen vorhanden.

Eine große Überraschung ist die Abschaltung der deutschen Telefonzellen nicht. In den letzten drei Jahren ist ihre Zahl bereits deutlich gesunken: So waren 2019 noch etwa 17 000 Telefonzellen am Netz, während im Januar 2022 nur noch 14 200, also fast 16 Prozent weniger, vorhanden waren. Die Telekom nannte die weiter zunehmende Nutzung von Mobiltelefonen als Grund für das Ende der Telefonzellen. Der klare Schlussstrich kam dennoch überraschend, denn bisher handelte es sich um ein schleichendes Ende.

Die klassischen gelben Telefonzellen in Deutschland sind schon länger abgeschaltet. Bildquelle: Juergen Rosskamp, CC BY-SA 2.0 DE <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/de/deed.en>, via Wikimedia Commons
Die klassischen gelben Telefonzellen in Deutschland sind schon länger abgeschaltet. Bildquelle: Juergen Rosskamp, CC BY-SA 2.0 DE <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/de/deed.en>, via Wikimedia Commons

Telefonzellen lohnen sich nicht mehr

Schon im April 2019 wurde die letzte klassische gelbe Telefonzelle angebaut. Damals erklärte Telekom-Projektleiter Günter Nerlinger, dass der Abbau Telefonzellen beträfe, deren Umsatz dauerhaft unter 50 Euro pro Monat läge. Denn die Wartungskosten seien deutlich höher. Hinzu kommen außerdem Reinigungs- und Stromkosten.

Nach der Einführung des Euro im Jahr 2002 war die Telefonzellennutzung in Deutschland noch einmal angestiegen. Durch die Währungsunion war es vor allem für Reisende einfacher, die öffentlichen Fernsprecher zu nutzen. Aber spätestens mit Abschaffung der Roaming-Gebühren im EU-Raum war es nicht mehr zu leugnen, dass die Telefonhäuschen kaum noch genutzt wurden.

Anfang 2022 hatte die Telekom angegeben, dass zumindest einige Telefonzellen bestehen bleiben sollten. Allerdings hat sich das Unternehmen nun dagegen entschieden. Die öffentlichen Telefonzellen sind laut Angaben der Telekom einfach nicht mehr wirtschaftlich. Für Kund*innen sind sie außerdem unattraktiv, weil die Gesprächspreise deutlich höher sind als die von Mobilfunkverträgen.

„Fasse dich kurz“

Das Ende der Telefonzellen-Ära führt zu viel Nostalgie. Obwohl die meisten Telefonzellen nicht gut rochen, ein zerfleddertes Telefonbuch hatten und zudem teuer waren, geschah viel in der 1,80 Meter hohen Box. Sie war sowohl in der Stadt als auch auf dem Land zu finden, sowohl in der Fußgängerzone als auch in Hotels, am Waldesrand oder neben der Kirche.

Die Bezahlung per Schein war nicht möglich, daher brauchte man für Telefonzellen stets Münzen. Die Anlage wollte stets weiter gefüttert werden und das Schild mahnte, sich kurz zu halten. Oft war die Auskunft besetzt, dem Telefonbuch fehlte die gewünschte Seite, oder die Verbindung war nicht gut. Aber wenn alles klappte, stellte der öffentliche Fernsprecher die dringend benötigte Verbindung in die Welt dar.

Auch in der Popkultur spielt die Telefonzelle seit jeher eine große Rolle. Ob als Vehikel für Zeitreisen im Film „Bill & Teds verrückte Reise durch die Zeit“ (1989), als Haupt-Ort im Film „Nicht auflegen!“ (2002), der fast nur in der Telefonzelle spielte, oder als Eingang in das Britische Zaubereiministerium in den Harry-Potter-Filmen, der öffentliche Fernsprecher regt die Fantasie an und bringt einen Hauch Nostalgie und Magie mit sich.

Die Evolution der Telefonzelle

Die deutsche Telefonzelle hat sich im Laufe der Jahre deutlich verwandelt. Ab 1953 waren immer mehr der Telefonhäuschen auf den Straßen zu finden. Sie waren gelb und schmucklos. Ihre Form war eckig, die Fenster und Türen waren aus großflächigem Glas, und das Design des FeH53-Typen war vor allem praktisch.

Ab den späten 1970er Jahren folgte das berühmte TelH78-Modell, das ebenfalls gelb war. Es hatte abgerundete Kanten und kleinere Fenster, sodass etwas mehr Privatsphäre möglich war. Bis heute ist diese Form der Telefonzelle legendär, obwohl es inzwischen keine funktionierenden gelben Telefonhäuschen in Deutschland mehr gibt. Manche von ihnen wurden umfunktioniert, etwa zu einer öffentlichen Tausch-Bücherei.

Das neue Design der Telekom-Telefonzellen ab der Jahrtausendwende. Bildquelle: Wissen, CC BY-SA 3.0 <http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/>, via Wikimedia Commons
Das neue Design der Telekom-Telefonzellen ab der Jahrtausendwende. Bildquelle: Wissen, CC BY-SA 3.0 <http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/>, via Wikimedia Commons

Ein großer Wandel in der Gestaltung von Fernsprecher kam ab 1990: Die neu gegründete Deutsche Telekom ließ moderne Telefonzellen in einer Kombination aus Grau, Weiß und Magenta aufstellen. Die Form war eckig und die Fensterfront wieder größer. Mit der Jahrtausendwende wurden aus vielen Telefonzellen offene Stationen in den Telekomfarben, die teils nur aus einer Säule bestanden. Sie nahmen sowohl D-Mark- als auch Euromünzen an. Auch die Bezahlung per Telefonkarte, die sich in bestimmten Geschäften erwerben und aufladen ließ, war üblich.

Ein Fall von Altersdiskriminierung?

Das Ende der Telefonzellen in Deutschland war zwar erwartet, führt aber trotz der guten Gründe auch zu Schwierigkeiten. Ältere Menschen ohne Mobiltelefon haben nun keine Möglichkeit mehr, im öffentlichen Raum Anrufe zu tätigen.  Es gibt keine konkreten Zahlen über die Nutzung von Mobiltelefonen bei Menschen über 70. Eine Smartphone-Studie ergab jedoch, dass sich mehr und mehr Senior*innen von Smartphones überfordert fühlen.

Mit dem Ende der Telefonzelle wird Personen ohne Mobiltelefon künftig wenig anderes übrig bleiben als bei dringendem Bedarf fremde Menschen auf der Straße um Hilfe zu bitten oder wieder – wie ganz, ganz früher – von einem Lokal aus zu telefonieren. Für manch einen macht das Ende der Telefonzelle deswegen auch die Frage auf, inwiefern das Ende der  Telefonzelle ein Fall von Altersdiskriminierung ist.

Trotz der Abschaltung der Telefonzellen werden die ikonischen öffentlichen Fernsprecher nach wie vor im öffentlichen Raum zu sehen sein, ob als Kunstinstallation, als öffentliche Tauschstation, oder als Relikt. Ganz überflüssig sind sie immer noch nicht.

Übrigens: Heute dienen Smartphones nicht nur der Kommunikation und Navigation, sondern auch der Stadtplanung. Lesen Sie hier mehr über Münchens neue App zum Stadtgeschehen.

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Prof. Maren Brakebusch ist Gastdozentin für Garten- und Landschaftsarchitektur an der FH Potsdam. Foto: © Lidia Tirri
Prof. Maren Brakebusch ist Gastdozentin für Garten- und Landschaftsarchitektur an der FH Potsdam. Foto: © Lidia Tirri

Die Architektin, Büroleiterin und Präsidentin des Verwaltungsrates Maren Brakebusch ist seit 2022 nebenberuflich auch Professorin für Garten- und Landschaftsarchitektur an der FH Potsdam. Im Januar 2023 hielt sie ihre Antrittsvorlesung „Die Natur der Stadt“.

Prof. Maren Brakebusch stellt Fragen

Was ist die Stadt? Was macht Stadtlandschaft aus? Wie entsteht das soziale Gefüge in den Metropolen? Und welchen Beitrag leistet der Freiraum dazu? All das sind Fragen, denen Maren Brakebusch in ihrer Antrittsvorlesung an der FH Potsdam Anfang diesen Jahres nachging. Es sind Fragen, zu denen sie in ihrem bisherigen Werdegang eine Menge Antworten und vermutlich auch noch mehr Fragen sammeln konnte.

Werdegang zwischen Stadt und Landschaft

Geboren 1974, studierte Brakebusch zunächst an der Leibnitz Universität in Hannover Landschaftsarchitektur. Im Anschluss an das Studium war sie in diversen Büros und Städten praktisch tätig. So betreute sie beispielsweise als Projektleiterin im Berliner Büro Kamel Louafi unter anderem verschiedene Projekte im Rahmen der EXPO 2000. Im Anschluss zog es sie dann zum renommierten Büro VOGT. Dort war sie seit 2009 als Büroleiterin am Standort in Zürich im Einsatz.

Nur vier Jahre später schließlich übernahm Prof. Maren Brakebusch die Bürogesamtleitung aller Standorte und war damit fortan auch für die Studios in Berlin, London und Paris verantwortlich. Neben der Bürotätigkeit engagiert sie sich seit 2017 auch im Hochschulkontext. An der ETH Zürich betreut sie Studierende in ausgewählten Projekten. Bereits 2020 bot sie dort auch ein Lehrformat mit dem Titel „Neue Stadtlandschaften – Brennpunkte urbaner Verdichtung“ an. Die Landschaft und die Stadt sind Themen die in Brakebuschs Arbeit auf allen Ebenen eine Rolle spielen.

Berufung von Prof. Maren Brakebusch an die FH Potsdam

In Potsdam ist sie ebenfalls seit 2017 aktiv. Zunächst unterrichtete sie als Gastdozentin der Garten- und Landschaftsarchitektur an der FH Potsdam. In der öffentlichen Antrittsvorlesung zu ihrer Berufung als Professorin im Fachbereich STADT | BAU | KULTUR rückte sie nun die bedeutungsvolle Korrelation von Stadt und Natur ins Rampenlicht. Einerseits versuchte sie in ihrem Vortrag das Wesen der Stadt zu ergründen. Dieses vielschichtige Gebilde „Stadt“ zu beschreiben ist keine einfache Aufgabe. Sind es doch so viele Faktoren, die sie formen und Einfluss nehmen. Brakebusch widmete sich in ihrer Vorlesung deshalb der kulturellen und sozialen Dimension ebenso wie der baulichen Substanz. Und dem Dazwischen, womit sie beim wichtigen Begriff der „Landschaft in der Stadt“ angelangte. Eben deren Gestaltung ist es schließlich, welche die angehenden Architekt*innen der FH Potsdam verinnerlichen sollen.

Das Gefüge von Natur und Stadt

Prof. Maren Brakebusch machte deutlich, dass diese kein Restraum sein dürfe. Und dass sie nicht als bloße Dekoration des bereits Gebauten gelte. Sondern dass sie vielmehr bereits von Anfang an mit den Gebäuden gemeinsam gedacht werden müsse. Indem Brakebusch herauskehrte, dass der Raum im kulturellen Prozess entsteht, machte sie deutlich, dass auch die Bauaufgabe als solcher Akt verstanden werden muss. Was wiederum eine Auseinandersetzung mit den späteren Nutzer*innen und ihren Bedürfnissen voraussetzt. Nur durch ein radikales Umdenken im Entwerfen und Bauen können die großen globalen Herausforderungen unserer Zeit gelöst werden. Dazu rief Brakebusch in ihrem Einstandsplädoyer auf. Sie forderte einen Perspektivwechsel im Umgang mit dem urbanen Gewebe. Dabei gab sie auch Hoffnung. Wenn die Potentiale des unbebauten Raumes erkannt werden, kann dieses Wissen im Umgang mit dichter werdenden Stadtkörpern Einsatz finden. Um so die Stadt und die Landschaft nicht als Gegensätze, sondern als sinnhaftes Gefüge zu gestalten.

Die Antrittsrede dürfte Studierende und Kolleg*innen gleichermaßen inspirieren. Und darüber hinaus einen spannenden Ausblick auf Maren Brakebuschs weiteres Wirken als Professorin an der FH Potsdam geben.

Mehr zu ihrem Wirken im Büro VOGT finden Sie hier.