Das Gelände der zukünftigen Fabrik von Tesla in Brandenburg, Grünheide – bald mit eigenem Wasser? Bildquelle: Ralf Roletschek, CC BY-SA 1.0 FI , via Wikimedia Commons
Das Gelände der zukünftigen Tesla-Fabrik in Grünheide. Bildquelle: Ralf Roletschek, CC BY-SA 1.0 FI , via Wikimedia Commons

Wie an vielen Orten ging auch Grünheide Anfang des Jahres das Wasser aus. Ein Problem, das Elon Musk für seine entstehende Tesla Gigafactory kennt – und verschärfen könnte. Der Elektroautobauer Tesla will jetzt nach Wasser in Brandenburg pumpen. Alles dazu hier.

Pumpversuche in Fürstenwalde von Tesla

In der brandenburgischen Region Fürstenwalde finden Pumpversuche statt: Die Firma Tesla, die in der Nähe gerade die umstrittene Gigafactory baut, benötigt Grundwasservorräte. Die Fabrik in Grünheide soll künftig Tesla-Elektroautos herstellen. Dafür ist viel Wasser nötig. Die Pumpversuche in Fürstenwalde bezahlt Tesla laut eigenen Angaben selbst. Es handele sich um Kosten im siebenstelligen Bereich.

Allerdings ist das Wasser in der Region bereits knapp. Rund um die Fabrik ist der Verbrauch für Privathaushalte zum Teil gedeckelt. Tesla hat anscheinend nicht das Ziel, selbstständig Wasser zu fördern. Dies wäre rein rechtlich auch gar nicht möglich. Vielmehr unterstützt der E-Autobauer laut eigenen Angaben Kommunen und Wasserverbände dabei, eine bessere Datengrundlage zu Grundwasservorkommen zu erhalten. Denn die existierenden Daten stammen aus den 1970er Jahren.

Anfang Dezember 2022 wurde bekannt, dass Tesla gemeinsam mit Hydrogeolog*innen Pumpversuche vornehmen wird. Dafür fehlt noch die Genehmigung durch die Wasserbehörden in den Gebieten des Fürstenwalder Wasserverbandes. Der Anfrageprozess hat bereits begonnen. Dieser könnte darin resultieren, dass Tesla Brunnen bohrt und auf Grundstücken Wasser fördert, die dem Unternehmen in Brandenburg gehören. Zudem müsste Tesla eine Leitung zum Werk legen.

Der Status Quo der Gigafactory von Tesla im brandenburgischen Grünheide. Bildquelle: Albrecht Köhler, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons
Der Status Quo der Gigafactory von Tesla im brandenburgischen Grünheide. Bildquelle: Albrecht Köhler, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons

Kritik von Umweltverbänden

Die Eigeninitiative von Tesla ist bei Umweltverbänden wie etwa der Wassertafel Berlin-Brandenburg auf Kritik gestoßen. Die Bürgerinitiative vermutet, dass Tesla seinen weiteren Wasserbedarf für die nächste Ausbaustufe decken möchte. Der örtliche Wasserverband Strausberg-Erkner hatte dem Unternehmen von Elon Musik bisher nur Wasser für die erste Ausbaustufe zugesagt. Der dazugehörige Vertrag sieht eine Lieferung von jährlich 1,8 Millionen Liter Wasser an den E-Auto-Bauer vor.

Die Sorge besteht darin, dass selbst eine erfolgreiche Suche von Tesla nichts am Wassermangel der Region Spreeau und Fürstenwalde ändern würde. Vielmehr könnten die Aktionen von Tesla die Quantität und Qualität des vorhandenen Grundwassers negativ beeinflussen.

Der Naturschutzbund Umwelt drückte ebenfalls Sorge angesichts des Bestrebens von Tesla, selbst Grundwasserressourcen zu erschließen, aus. Dabei könne die Natur aufgrund der Wasserentnahmen leiden. Zudem werde dies die Trinkwasserversorgung für eine ganze Region gefährden. Die Umweltverbände haben bereits versichert, dass sie sich alle Planungen genau ansehen und juristische Schritte prüfen werden.

Am 13. Dezember sprach sich auch der Landrat des angrenzenden Landkreises Märkisch-Oderland gegen die Pumpversuche aus und rief die Landesregierung dazu auf, diese zu verbieten. „Es kann nicht sein, dass ein global agierender Großkonzern anfängt, in Brandenburg selbst nach Wasser zu suchen“, sagte Gernot Schmidt dem Tagesspiegel. Er sprach von einer Privatisierung durch die Hintertür, die sich bei einem wichtigen Thema wie Wasser verbiete.

Ausbau der Produktion in Brandenburg

Tesla bereitet derzeit die Ausbau der Produktion seiner Gigafactory in Grünheide vor. Dafür hat das US-Unternehmen bereits Ende Oktober 2022 mit der Rodung von 70 Hektar Kiefernwald begonnen. Es braucht um die 100 Hektar Fläche für die zusätzliche Bebauung. Schon jetzt liegt das Tesla-Areal zum Teil in einem Wasserschutzgebiet. Dennoch stimmte der Gemeinderat vergangene Woche für die Erweiterung, die das Unternehmen beantragt hat. Laut rbb rechnen Behörden damit, dass Tesla künftig mehr Wasser wiederverwendet.

Der brandenburgische Kiefernwald ist eine wichtige natürliche Ressource. Bildquelle: Mboesch, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons
Der brandenburgische Kiefernwald ist eine wichtige natürliche Ressource. Bildquelle: Mboesch, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons

Tesla in Brandenburg ohne eigenes Wasser

Derzeit arbeiten laut Angaben von Tesla etwa 7 000 Beschäftigte auf dem Tesla-Areal von 300 Hektar. Insgesamt strebt das Unternehmen 12 000 Mitarbeitende an diesem Standort an. So sollen bis zu 500 000 Elektrofahrzeuge pro Jahr entstehen.

Die Bürgerinitiative Grünheide setzt sich dafür ein, dass Tesla weder selbstständig Wasser fördert noch die Fabrik erweitert. Schätzungen gehen davon aus, dass das Tesla-Werk in Brandenburg in etwa so viel Wasser verbrauchen wird wie eine 40 000-Personen-Stadt. Diese sollen vor allem das Presswerk, die Lackiererei, die Batteriefertigung und die Löschwasservorräte versorgen. Ob die zusätzlich benötigte Wassermenge tatsächlich gefördert werden darf, muss ein Gericht entscheiden.

Auch das Brandenburger Umweltministerium sucht im Grünheider Ortsteil Hangelsberg nach möglichen Grundwasservorkommen. Dazu gibt es jedoch noch keine Ergebnisse.

Unruhe im Berliner Urstromtal

In Grünheide wohnen 9 000 Menschen, die seit dem Bau des europaweit ersten Autowerks von Elon Musk immer wieder in den Schlagzeilen sind. Die Gemeinde liegt im malerischen Berliner Urstromtal inmitten von Wäldern und Seen. Der Bau einer Autofabrik stört bereits viele Anwohnende, aber der Wassermangel bringt die Gemüter weiter zum Kochen. Geringer Wasserdruck, Rationierungen und fehlende Umweltprüfungen führen zur Sorge rund um die künftige Wasserversorgung. Wo Tesla in Brandenburg Wasser finden will, ist für viele eine wichtige Frage.

Kein Google in Neuenhagen

Die Gegend entlang der Spree rund um Grünheide gehört zu Deutschlands trockensten und wärmsten Regionen. Der Wassermangel schreckte bereits Google davon ab, sich in der nahe gelegenen Gemeinde Neuenhagen anzusiedeln. Nach Angaben des brandenburgischen Landkreises wollte das US-Tech-Unternehmen hier ein Rechenzentrum bauen. Dieses hätte einen jährlichen Wasserverbrauch von 1,4 Millionen Kubikmetern gehabt. Allerdings konnte der Wasserverband Strausberg-Erkner diese Wassermenge nicht bereitstellen, wodurch die Pläne platzten.

Lösungsvorschläge

Die strukturschwache Region ist jedoch davon abhängig, dass sich Unternehmen hier ansiedeln. Aktuell ist es jedoch nicht möglich, große Industriegebiete auszuweisen. Der Wassermangel macht somit dem wirtschaftlichen Wachstum einen Strich durch die Rechnung. Laut Deutschlandfunk Kultur gibt es Überlegungen zum Bau eines Wasserwerks in Oder-Nähe sowie zu einer Fernwasserleitung von der Ostsee. Andere Möglichkeiten, den Wassermangel in Grünheide zu entschärfen, könnte etwa die Injektion von Starkniederschlag in das Grundwasser sein. Auch die Wiederverwertung von Abwasser könnte Wasser in großen Mengen bereitstellen. Jedoch dauert es, bis derartige Ideen getestet und in die Tat umgesetzt werden. Und selbst wenn es gelingt, das Grundwasser in Grünheide zu vermehren, stellt sich die Frage, wer davon zuerst profitiert.

Übrigens: Mehr über die Kraft des Wassers lesen Sie hier.

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Slow Food Landscape bei Turin

Team 3)

Turin ist die Stadt des Slow Food. Alle zwei Jahre findet hier der Salone del Gusto statt, die weltweite Messe des Slow Food. In der Stadt gibt es zahlreiche Märkte und Läden mit einem Angebot handwerklich veredelter Lebensmittel, von der Schokolade bis zum Reismehl. Der Filialist „Eataly“ zeigt, wie sich auch aus traditionellen Produkten ein großes Geschäft machen lässt, mittlerweile nicht mehr nur in italienischen Großstädten, sondern auch in New York und Tokio.

Der Boom von „slow“ und „local“ ist mit traditionell ländlichen Bildern verbunden. Eine Verbindung zur Landwirtschaft wird jedoch nicht hergestellt. Die agrarisch geprägte Landschaft entlang des Po findet wenig Beachtung. Wie aus dieser diffusen Peripherie in Verbindung mit einer zukunftsfähigen Landwirtschaft ein anerkannter Teil der Stadtlandschaft werden kann, damit hat sich im April 2014 das Erasmus Intensive Programme CITYGREENING auseinandergesetzt. Beteiligt waren neben der organisierenden Politecnico di Torino (Architektur) der Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University (Architektur), die University of Brighton (Architektur), die Istanbul Technical University (Landschaftsarchitektur), die Tschechische technische Universität Prag (Architektur/Landschaftsarchitektur), die Université de Rennes (Geographie/Agronomie) und die UAECG Sofia (Stadtplanung). Sechs international und interdisziplinär gemischte Gruppen haben nach einer Einführung durch internationale Experten und lokale Akteure elf Tage intensiv an Konzepten für die stadtnahe Landwirtschaft im Süden von Turin gearbeitet.

 

Dort überlagert Verkehrsinfrastruktur die Agrarlandschaft im Überschwemmungsgebiet des Po. Kiesabbau und ein Heizkraftwerk haben Teile der großflächigen Landwirtschaft entlang des Flusses verdrängt. Auch historische Landmarken wie Wegetrassen, Wehrhöfe oder ehemalige Viehmarkthallen sind heute kaum noch in der Landschaft ablesbar. Zwar nimmt die Landwirtschaft nach wie vor einen Großteil der Fläche ein, ihre Anliegen finden jedoch die geringste Anerkennung im Wettstreit der sektoralen Planungen.

Um diese Situation zu überwinden, spielten in den Überlegungen der Workshopteilnehmer vor allem die Zugänglichkeit, die Identität, die Wirtschaftlichkeit und die Kommunikation eine Rolle. Viele der beteiligten Architekten, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten setzten vor allem auf die Lesbarkeit und Erlebbarkeit der Landschaft. Neue Wegeverbindungen sollen die Entdeckung der Landwirtschaft vor den Toren der Stadt ermöglichen, historische Strukturen als Leitlinien und Attraktionen dienen, auf denen sich eine neue Identität aufbauen lässt.

 

In Zusammenarbeit mit Geographen und Agronomen konnten diese räumlichen Strategien auch ökonomisch hinterlegt werden. Die Entwicklung von Wertschöpfungsketten für die Landwirtschaft spielt eine wichtige Rolle, um Landnutzung am Stadtrand zu stabilisieren. Mehrere Workshopteams entwickelten Modelle, wie Landwirte untereinander und mit stadtgesellschaftlichen Akteuren kooperieren könnten.
Die Konzepte des Workshops wurden an der RWTH Aachen vertieft. 13 Studierende der Lehrstühle für Gebäudelehre und Landschaftsarchitektur entwickelten in ihrer Bachelorarbeit einen Gebäude- und Freiraumentwurf, der die Ziele der Verknüpfung von Stadt und Landwirtschaft unter dem Titel casa / agricoltura aufgreifen sollte.

 

Helena Rafalsky ließ sich für ihre Arbeit „SaftMühle“ von den Produkten der Region Piemont und den privaten und kleingewerblichen Aktivitäten des Anbauens und Veredelns landwirtschaftlicher Produkte am Stadtrand inspirieren. Mit ihrem Gebäude schafft sie einen neuen Ort in der Zwischenstadt, an dem Menschen zusammenkommen können, um ihre Nahrungsmittel gemeinsam zu verarbeiten und zu genießen.

 

Friederike Henne nutzt als Standort für ihre casa agricoltura den bestehenden Parco Le Vallere am Po, dessen extensiv gepflegter Landschaftspark bisher kaum mit den benachbarten Landwirtschaftsflächen in Verbindung steht. In die Baumhecke, die eine verbindende Struktur zwischen Parkeingang am historischen Hof Le Vallere und dem Fluss, aber auch die Trennung zwischen Park und Landwirtschaft darstellt, integriert sie ein offenes Gebäude für die pädagogische Arbeit mit Kindern. Das Gebäude und eine neue Wegeverbindung stellt die Anbindung des Landschaftsparks an Felderlandschaft her.

 

Den auf den freien Feldern vor der Stadt gelegenen Weiler Barauda hat Fabian Klemp für sein Zentrum für Gartentherapie ausgewählt. Psychisch Erkrankte erhalten hier die Gelegenheit, sich im Kontakt mit der Natur und in strukturierten Abläufen den Weg zu einer geregelten Lebensweise zu erarbeiten. Der Aufbau der Wohneinheiten ergibt sich aus den Maßen der Gartenbeete, die den Wohnungen direkt zugeordnet sind.
Alle drei Entwürfe zeigen, wie sich Gebäude sowohl formal als auch funktional aus der Landschaft und ihrer landwirtschaftlichen Nutzung entwickeln lassen. Sie sind damit ein Beispiel, wie sich das Wissen und die Herangehensweisen von Architekten und Landschaftsarchitekten, hier in der Betreuung durch die beiden Lehrstühle der RWTH, in einer gemeinsamen Arbeit miteinander verschränken lassen.

Erasmus IP und Bachelorarbeit sind ein Versuch, einem neuen Konsumverhalten Orte zu geben. Mehr als jedes Bio-Siegel oder jede Herkunftsbezeichnung können diese Orte den Kontakt zu Landwirten, ihren Produkten und deren Verarbeitung herstellen und damit den Nachweis von Qualität erbringen. Slow Food bleibt nicht ein Schlagwort und Label, sondern wird in der Landschaft verankert.

Weitere Informationen: http://areeweb.polito.it/erasmus-ip-citygreening

Der Autor ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University.

Kinder gehören auf den Spielplatz – oder doch in den gesamten städtischen Raum? Wir sprachen mit Dirk Schelhorn, Landschaftsarchitekt und Experte für kindgerechte Gestaltung, und Dr. Renate Zimmer, Expertin für kindliche Bewegungsforschung, wie öffentlicher Raum gestaltet sein muss, damit sich dort auch Kinder wohlfühlen.

Was braucht es, um wirklich gute Räume für Kinder zu planen?

DS: Planer müssen wissen, wie die Kindheitsentwicklung funktioniert und was Kinder wirklich brauchen, um gesund und sicher aufzuwachsen. Das ist Grundwissen. Und dieses Grundwissen muss vernetzt werden. Es reicht nicht wenn der Landschaftsarchitekt das weiß, und es reicht nicht, wenn das Gartenamt das weiß. Die wesentlichen Entscheidungen zu einem gestalteten Raum, werden auf einer anderen Ebene getroffen. Auf der Ebene der Politik und Stadtplanung.

RZ: Für den Planungsprozess wäre es wichtig verschiedene Spezialisten direkt in die Kreation von Projekt mit einzubeziehen. Das gäbe zusätzliche Inspiration und direkte Rückmeldungen, ob Planungsideen Sinn machen und umsetzbar sind.

 

Frau Zimmer, hatten Sie schon einmal das Vergnügen bei einem interdisziplinär besetzten Projekt mitarbeiten zu dürfen?

RZ: Bei größeren bisher noch nicht. Momentan bin ich aber bei der Konzeption eines Spielraums für eine Behinderteneinrichtung in Südkorea dabei. Mit der Einrichtung hatte ich bisher über Fortbildungen zusammengearbeitet und nun bauen wir einen Fußballplatz in einen neuen Spielbereich um.

 

Spielplätze gibt es viele – und die sehen alle gleich aus. Woran liegt das?

RZ: Also entweder liegt es an den finanziellen Verhältnissen der Kommunen, dass sie sich nur einfallslose Spielplätze für Kinder leisten können oder es liegt daran, dass Firmen mit ihren Spielgeräten so unkreativ sind. Es gibt viele Initiativen, die versuchen auch den Raum außerhalb des Spielplatzes zu gestalten, aber da würde ich mir wünschen, dass ein bisschen kreativer mit Bewegungsideen umgegangen wird.

DS: Abprüfbare Qualitäten, wie wir sie bereits in der Spielleitplanung definiert haben, würden helfen. Kinderfreundlich ist eine Gemeinde nicht, wenn sie 13 Kindergärten hat. Das ist elternfreundlich. Kinderfreundlich ist aus der Perspektive der Kinder zu denken.

 

Wie müssten Städte gestaltet sein, damit sie auch Kinder ansprechen?

DS: Kinder sind in ihrem Tagesablauf wesentlich mehr auf Wegen unterwegs als auf Spielplätzen, etwa der Weg zur Schule oder zum Einkaufen. Wenn wir den öffentlichen Raum mal nach Qualitäten für Kinder abprüfen, dann fangen wir bei Wegesystemen und Plätzen zum Verweilen an. Warum gestaltet man den Raum nicht so, dass Kinder auch ihre Freude haben. Ich stelle mir eine Stadt, ein Quartier vor, wo Kinder nicht auf Spielplätzen sondern überall Dinge vorfinden, an denen sie sich betätigen können. Ein Raum muss ausstrahlen: Benutz mich!

RZ: Ich würde mir einen öffentlichen Raum mit sehr differenzierten Anspruchsformen vorstellen. Er muss Selbstständigkeit fördern und ganz unterschiedliche Schwierigkeitsstufen anbieten. Es muss anspruchsvolles geben, weil sich auch Zehnjährige richtig messen wollen, das Angebot darf aber auch ein dreijähriges Kind nicht total überfordern.

 

Nicht alle Städte haben Nachholbedarf in der kindgerechten Gestaltung ihres öffentlichen Raums. Welche Städte sehen sie als positive Vorreiter?

DS: Basel zum Beispiel. Basel hat eine Innenstadt mit ganz vielen Brunnen. Sobald es richtig warm ist, spielen die Kinder am und im Brunnen. Reutlingen ist auch ein gutes Beispiel. Dort werden wir auf einem Kulturplatz, eine ganze Bankreihe durch Schaukeln ersetzen – wo drei Leute nebeneinander sitzen können. Schaukeln ist immer Treffpunkt. Warum muss eine Schaukel immer nur auf einem Spielplatz stehen? Planer sollten Mut haben auch mal witzige Dinge zu tun.

RZ: Es gibt schon gute Beispiele, aber viele Räume könnte noch ein bisschen aufgepeppt und interessanter gestaltet werden, damit alle Altersstufen sich gemeinsam betätigen können.

DS: Ein weiteres Vorzeigeprojekt ist „alla hopp!“. Die Stiftung des SAP-Gründers Dietmar Hopp hat im Rahmen dieser Aktion 19 Kommunen in der Metropolregion Rhein-Neckar Bewegungsparks gestiftet. In enger Zusammenarbeit mit drei weiteren Büros setzen wir diese nun Schritt für Schritt um. Vier konnten wir auch schon fertig stellen.

 

Herr Schelhorn, Sie sagten, es sollte Richtwerte geben. Was genau würden Sie sich wünschen?

DS: In der Spielleitplanung haben wir bereits vor 15 Jahren verbindliche Qualitäten einer Raumgestaltung und Stadtentwicklung zu Gunsten von Kindern definiert. Die DIN 18034 spiegelt das auch wider. Sie hat den gleichen Wert wie die Gerätenorm, die DIN 1176. Aber wenn eine Sicherheitsüberprüfungen vor Ort gemachen wird, dann nimmt jeder die Gerätenorm, aber keiner überprüft den Stadtteil nach der DIN 18034.

 

Was steht in der DIN 18034?

DS: Sie spricht von einem kalkulierbaren Risiko. Da steht drin, dass wir bei der Planung für Kinder verpflichtet sind, kalkulierbares Risiko anzubieten – zur Förderung.

RZ: Gefahren müssen für Kinder erkennbar und einsehbar sein. Aber sie sind nötig, damit ein Gefahrenbewusstsein und eine Risikokompetenz aufgebaut und geübt werden kann.

DS: Die Norm findet aber leider wenig Anwendung und ist am Rahmen der Stadtgestaltung wenig bekannt. Bei der Stadtplanung ist sie eigentlich auf keinem Schreibtisch.

 

Wie kommt das?

DS: Keine Ahnung. Vollzugsdefizit, kein Wissen in der Ausbildung, nicht bekannt gegeben. Das Bundesland Vorarlberg in Österreich ist da momentan am vorbildlichsten. Dort gibt es ein Spielraumgesetz, an dem wir vor Jahren mitgewirkt haben. Mit Beratung aber auch konkreten Projekten.

 

Wenn Städte mehr in kindgerechten Raum investieren würden, welche Chancen würden sich bieten?

DS: Die Chancen sind natürlich riesig: Wir würden wesentlich mehr gesunde Kinder haben. Wir würden aber auch wesentlich weniger Geld in Bildung aus zweiter Hand ausgeben müssen, weil Kinder durch ihr Spielen – elf bis zwölf ist hier die Grenze – ganzheitlich gebildet werden. Die interessantesten, die abenteuerlichsten Dinge, die lernt man auf der Straße, im Wald und oft da, wo Erwachsen nicht davon ausgehen, dass man sie dort lernen kann. Die Chance einer kindgerechten Gestaltung hat aber auch einen generationsübergreifenden Effekt.

 

Wir müssen also für Kinder und Erwachsene planen?

RZ: Ja, über die Interaktion von Eltern und Kindern im öffentlichen Raum bahnt sich auch so was wie ein aktiver Lebensstil an, der sich auf die Kinder überträgt. Kinder sehen wie Eltern mit dem öffentlichen Raum umgehen. Ob sie hasten, um zum nächsten Termin zu kommen, oder ob sie sich auch mal Zeit nehmen.

DS: In einer kindgerechten Gestaltung haben auch Erwachsene ihren Platz. Der generationsübergreifende Aspekt hat nichts damit zu tun, dass Mutti irgendwas auf dem Walker macht und das Kind 20 Meter weiter im Sandkasten spielt. Sondern eine kindgerechte Gestaltung hat auch immer Platz für beobachtende Erwachsene – für teilnehmende Erwachsene. Sich freuen zu können am Kinderlachen, das ist vor allem für alte Leute sehr wichtig. Oder Kinder können mal Erwachsene beobachten. Wenn Kinder an einer Baustelle stehen bleiben, weil da drei Bagger fahren, dann ist das schon generationsübergreifende Teilhabe.

RZ: Ich würde sogar noch weiter gehen – Spielplätze für Ältere. Das ist ein Thema, das überhaupt noch nicht richtig weiter gedacht wurde.

 

Mit dem Thema „kindgerechte Gestaltung des öffentlichen Raums“ beschäftigen wir uns auch in Garten + Landschaft 05/2016 – der Platz, das Gefühl und wir.