„Die Stadt hat lange Zeit nur reaktiv gehandelt“

Luzern hat alles, was sich Touristen – insbesondere asiatische Reisegruppen – wünschen: Einen großen See, schneebedeckte Berge, bekannte Sehenswürdigkeiten und teure Uhren. Die Stadt in der Zentralschweiz schmückt sich mit Besucherrekorden. Derweil stößt vor allem die Innenstadt an ihre Grenzen. Wir haben mit Tourismusexperte Jürg Stettler von der Hochschule Luzern über die Tourismusstrategien Luzerns und die stets präsente Reisebus-Problematik gesprochen.

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Jürg Stettler leitet das Institut für Tourismuswirtschaft an der Hochschule Luzern.

 

Der Schwanenplatz, einer der Tourismus-Hotspots Luzerns, muss aufgrund der Besuchermengen während der Hauptverkehrszeiten vom Cartourismus entlastet werden. Der Stadtrat überlegt sich, Gebühren für Reisecars einzuführen. Hat Luzern ein Tourismus-Problem?

So kann man das nicht sagen. Luzern ist schon lang eine beliebte Reisedestination, in den letzten Jahren hat sich dies aber noch gesteigert. Als Folge davon gibt es vor allem auf dem Schwanenplatz und in der Altstadt rund um die Sehenswürdigkeiten sehr viele Touristen. Für einige Luzerner sind das zu viele. Für andere ist es noch kein Problem. Das Thema „overtourism“, das gerade in aller Munde ist, wird in der Schweiz medial gerne mit Luzern in Verbindung gebracht, was nur teilweise zutreffend ist.

 

„Zustände wie in Venedig oder Barcelona herrschen in Luzern im Moment noch nicht.“

 

Die Zahlen sagen etwas anderes. Die Stadt Luzern beherbergte letztes Jahr so viele Übernachtungsgäste wie nie zuvor: knapp 1,4 Millionen. Die Tagesgäste nicht mit einberechnet.

Hier muss man zwischen Tages- und Übernachtungsgästen unterscheiden. Die Stadt kann die Anzahl Übernachtungen verfolgen – sie steigt stetig an. Bei den Tagesgästen verfügt sie hingegen nur über grobe Schätzungen und keine genauen Zahlen. Luzern ist nicht sehr groß und die Sehenswürdigkeiten konzentrieren sich auf bestimmte Gebiete. Bezogen auf den Tagestourismus hat die Stadt deshalb mit gewissen Herausforderungen zu kämpfen. Individuell reisende Übernachtungsgäste haben ein anderes Verhalten als Gruppenreisende und sind daher weniger problematisch. Sie verteilen sich räumlich und zeitlich viel besser.

Was tragen Tagesgäste dazu bei, dass Luzerns Innenstadt an ihre Grenzen stößt?

Sie visieren innerhalb eines kurzen Zeitraums alle die gleichen Ziele an. Hinzu kommt, dass Tagesgäste, besonders aus dem asiatischen Raum, größtenteils in Reisebussen anreisen. Das hat zusätzliche Auswirkungen auf den Verkehr und die Ein-/Ausladeplätze in der Innenstadt. Diesen Herausforderungen begegnet Luzern mit den angesprochenen Maßnahmen für die Entlastung der Innenstadt zu Hauptverkehrszeiten oder den geplanten Gebühren für Reisebusse, die aktuell diskutiert werden. Dennoch: Zustände wie in Venedig oder Barcelona herrschen in Luzern im Moment noch nicht. Zudem sind Vergleiche mit diesen Städten aufgrund der Unterschiedlichkeit der Städte und Probleme nur bedingt möglich.

 

„Der Gedanke ist nicht, noch mehr Gruppentouristen in die Stadt zu locken.“

 

Einerseits soll die Innenstadt durch die Einschränkungen für Reisebusse entlastet werden. Andererseits wird momentan geprüft, ob die Ladenöffnungszeiten für Touristen in Kerngebieten verlängert werden könnten. Wie passt das zusammen?

Das eine hat mit dem anderen nur zum Teil etwas zu tun. Am Schwanenplatz, der mit seiner Dichte an Uhren- und Souvenirgeschäften ein Hauptziel der asiatischen Touristen darstellt, profitieren die Geschäfte bereits von gesonderten Öffnungszeiten: Es ist also keine gänzlich neue Idee. Die Reisebusse, die Tagestouristen in die Innenstadt bringen, tun dies zu den allgemeinen Ladenöffnungszeiten. Vor allem die Übernachtungsgäste, aber auch die Luzerner werden von geänderten Öffnungszeiten profitieren. Der Gedanke dahinter ist, die Attraktivität der Stadt im Allgemeinen zu steigern, auch gegenüber dem zunehmenden Online-Handel – und nicht noch mehr Gruppentouristen in die Stadt zu locken.

Gibt es weitere Strategien der Stadt, um Touristen zu lenken und zu vermeiden, dass die Innenstadt überfüllt ist?

Neben den Schritten, die die Stadt unternimmt, um die Reisebusse zu lenken, ist geplant, eine Tourismus-Vision für 2030 zu entwickeln. Angestoßen von einem Antrag der Grünen Partei Luzern, soll unter Einbezug der Bevölkerung diskutiert werden, wie sich der Tourismus und die Stadt als Wirtschafts- und Lebensraum künftig entwickeln sollen. Abhängig von dieser Vision ergeben sich dann weitere Maßnahmen. Eine mögliche Option könnte sein, den Tourismus auch in Zukunft stark auf die heutige Tourismuszone in der Innenstadt zu konzentrieren. Eine Alternative wäre, die Besucherströme räumlich besser über die Stadt zu verteilen: Im Rahmen eines vom Bund geförderten Projekts werden chinesische Individualreisende, deren Motive und Verhalten untersucht. Mithilfe dieser Informationen möchte man Angebote entwickeln, die das Reiseverhalten dieser Zielgruppe gezielt beeinflussen und ihre Wege leiten können.

„Das Wachstum dürfte weiter anhalten und die damit verbundenen Probleme weiter zunehmen.“

 

Wo sehen Sie noch Handlungsbedarf?

In den letzten Jahren haben sich die Touristenzahlen in Luzern konstant gesteigert. Daraus ergeben sich einige Probleme, unter anderem was Verkehrssicherheit und das Besucheraufkommen in der Innenstadt angeht. Das hatte zur Folge, dass die Tourismusentwicklung in Luzern indirekt über die Reisebus-Problematik diskutiert wurde: Es waren die Reisebusse, welche die großen Touistengruppen in die Stadt brachten und damit Probleme verursachten. Also erstellte die Stadt verschiedene Einschränkungen für die Reisebusse. Andere Formen des Tourismus wurden lang nicht in die Diskussion miteinbezogen.

Auch hat die Stadt lange Zeit nur reaktiv gehandelt – mit kurzfristigen Maßnahmen. Inzwischen hat sich das geändert: Das Thema wird umfassender, integraler und proaktiver angegangen. Das ist sehr zu begrüßen.

Welche Herausforderungen werden in Zukunft auf die Stadt Luzern zukommen?

Das Wachstum dürfte anhalten und die damit verbundenen Probleme weiter zunehmen. Die Stadt muss nun die notwendigen Voraussetzungen schaffen, um den Tourismus gezielt steuern zu können, indem sie die geplante „Vision Tourismus 2030“ ausarbeitet und die erforderlichen Datengrundlagen bereitstellt. Basierend darauf kann die Stadt dann die entsprechenden Ziele und Maßnahmen ableiten und umsetzen. Dieser partizipative Prozess benötigt viel Zeit. Aufgrund der dynamischen Entwicklung braucht es aber gegebenenfalls konkrete Mittel. Die Balance zu finden wird nicht einfach.

 

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen des Themas „Tourismus“ der Garten+Landschaft 05/2019. 

Das Tourismus-Heft gehört zur Mini-Serie „Städte für Morgen“, die sich an Kommunen richtet.