Nachruf Wilm Weppelmann

Der Künstler Wilm Weppelmann hatte sich ganz dem Garten verschrieben. Mit seinen Veranstaltungen und Performances ist er in unterschiedlichster Art im Stadtbild von Münster aufgetaucht und wieder verschwunden. Nach seinem Tod im November 2021 lebt er aber nicht nur in Erinnerungen weiter.

Am 12. November 2021 begleiteten mehrere hundert Menschen einen Künstler zu Grabe, den man in Münster nicht so schnell vergessen wird, obwohl er keine Bilder, Skulpturen oder andere physisch greifbaren Kunstwerke hinterlässt. Wilm Weppelmann hatte Germanistik und Pädagogik studiert, danach am Theater, als freier Journalist und im Verlagsmanagement gearbeitet, an seinem 40. Geburtstag 1997 einen Herzstillstand erlitten und entschieden, aus dem ersten Leben auszusteigen und ein zweites zu beginnen. Er wurde Künstler. Seine Kunst: Fotografie, Lyrik, Aktionskunst.

Alle Bilder: Archiv Weppelmann/Mayer

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Wilm Weppelmann – ein Künstler im Garten, kein Gartenkünstler

Aus der Todeserfahrung erwuchs die Fokussierung auf das Wesentliche im Leben. Neben temporären Fotoausstellungen, Rauminstallationen und Performance-Kunst in der Stadt wurde das Thema Garten durch Weppelmann dauerhaft auf die Münsteraner Agenda und städtische Berichterstattung gesetzt. Anfang der 2000er-Jahre pachtete er zentrumsnah einen Kleingarten und dort reifte die Idee, auf seiner Parzelle Kulturangebote zu machen. Im Sommer 2006 öffnete zum ersten Mal die „Freie Gartenakademie“ mit sechs Veranstaltungen. Im Laufe der Jahre wuchs die Anzahl der Vorträge, Lesungen, Musikveranstaltungen pro Jahr auf 15 und mehr an. Die Referent*innen kamen aus ganz Deutschland, aus den Niederlanden, ja aus Cornwall flogen zwei Herren vom Eden Project ein oder Richard Reynolds, der berühmt gewordene Guerilla-Gärtner, kam aus London angereist. Sie alle fanden es interessant oder sogar witzig, in einer Schrebergartenanlage unter freiem, oft bedecktem, manchmal regnendem Himmel über ihr Tun zu berichten oder ihr Tagewerk an jenem Abend aktiv zu verrichten.

Auf der Suche nach dem Ausgefallenen

Viel konnte Wilm Weppelmann nie zahlen, mancher Referent spendete seinen Auftritt. Der Eintritt zu dieser Veranstaltung blieb immer frei. Zu jeder Veranstaltung bat der Veranstalter um eine Spende. Bis zu seinem seligen Ende hatte er Geldnöte und dachte doch nie ans Aufhören. Die Themenpalette ließ Wilm Weppelmann über die reine Konzentration auf den Garten hinauswachsen. In mehr als 250 Abenden blieb die Akademie immer abwechslungsreich, oft experimentell und mutig. Wilm Weppelmann suchte das Ausgefallene, nahm aber auch das Alltägliche auf. So gab es schwer verdauliche Musik vom Zeremonienmeister des japanischen Kaisers, in einem anderen Jahr posaunten Blechbläser gängige Rhythmen aus Kürbisranken hervor. Mal wurde nüchtern über Pflanzensammler*innen oder den Kartoffelanbau referiert. Dann lockte jemand mittels ausgeklügelter Verdrahtung aus Kartoffeln zarte Töne hervor.

Wilm Weppelmann änderte den Blick der Menschen

Selbst bei strömendem Regen waren die 50 Stühle, die auf den Rasen passten, besetzt. Und es kamen Menschen in den Kleingarten, die sonst nie einen Fuß hinein gesetzt hätten. Die meisten von ihnen änderten ihren Blick auf die wohl abwechslungsreichsten Grünflächen einer Stadt. Sie sahen Menschen beim Ackern und Ernten und in glückliche Gesichter. Aus dem Land der Biedermeier und Gartenzwerge wurde ein Ort der Kultur und Begegnung, Lebensraum für Mensch, Tier, Pflanze. Reine Vermutung ist, dass bei so manchen Besucher*innen hier der Wunsch nach einem eigenen Garten geweckt wurde.

Rund 250 Abende im Schrebergarten

Vom Tod gezeichnet blieb ihm im August 2021 ein großer Wunsch versagt. Er hatte es geschafft, von der großen Schriftstellerin Ulla Hahn eine Zusage zu bekommen. Aus ihrem „Epikurs Garten“ wollte sie vorlesen, doch Corona machte Wilm Weppelmann einen Strich durch die Rechnung. Eine Infizierung stellte für Hahns 93-jährigen Ehemann ein zu hohes Risiko dar. Als die letzte Vorstellung in seinem Kleingarten gegeben war, hatte der Krebs Wilm Weppelmanns Kräfte verzehrt. Es ging rapide bergab. Wie die ein oder andere der insgesamt rund 250 Abende in seinem Schrebergarten wird Wilm Weppelmann mit anderen Aktionen in Erinnerung bleiben.

Wilm Weppelmann und die Komposttoilette

Bleiben wir aber bei der Fokussierung auf das Wesentliche. Das Wesentliche – Wasser, Erde, Luft, ohne die kein Pflanzenwachstum und damit kein Mensch lebensfähig ist – war omnipräsent. So verlegte er im September 2014 seinen Wohnsitz 30 Tage lang auf eine selbstgezimmerte Insel im städtischen Aasee. Auf der rechteckigen Insel hatte er Gemüse angebaut, in der vier Quadratmeter großen Hütte aß er seine Vorräte, schlief, schrieb er, dort dachte er nach. Dort ging er auf die Komposttoilette. Vom Hüttendach rief er allmorgendlich mit einer Blechtüte bewaffnet Gedanken zum Performance-Thema „Was ich brauche“ ans Ufer. Für den Mann, dem der Austausch mit Menschen Lebenselixier war und der unter Platzangst litt, war dieser Monat bis zum Beginn seiner Erkrankung vermutlich der härteste seines Lebens.

Plakate als Teil seiner Kunst

Als bewurzelter Gefährte seines Tuns wählte er sich irgendwann den Rotkohl. Eine Palette junger Kohlpflänzchen ging mit auf Reisen nach London, wo er Richard Reynolds traf und das junge Gemüse in der trubeligen Stadt verschenkte, Gespräche entfachte, Menschen auf humorvolle Weise zum Denken brachte. Zum Umdenken? Das weiß niemand. Auf Verbandskongressen war er mit einem Stand präsent, mit dabei Rotkohlpflänzchen in Multitopfplatten. Für das Gartenakademieplakat 2017 ließ er sich aus Rotkohlblättern einen Umhang nähen. Er stellte sich derart bekleidet in einen Rotkohlacker im Münsterland. Großartig. Die Plakate waren Teil seiner Kunst. Noch bevor er das Akademie-Programm geschmiedet hatte, war das Plakatmotiv immer schon fertig. Höchst beeindruckend war auch die Idee von 2019, sich für das Thema „Nachbars Garten – Die Niederlande“ mit einer orangefarbigen Flüssigkeit begießen zu lassen – seine Lebensgefährtin setzte aus gesundheitlichen Gründen Möhrensaft durch, Möhrensaft aus der Gießkanne.

Über die Grenzen des eigenen Körper hinaus

Bei der Vernissage zu seinem letzten Kunstwerk bekamen es die meisten Besucher*innen dann mit der Angst. Im März 2021 eröffnete Wilm Weppelmann am Kunsthaus Kloster Gravenhorst nördlich von Münster sein Kunstwerk „Die Arche ist klein“. Dieses bestand aus einem von Zimmerleuten gebauten Boot mit einem Olivenbaum darin, einem kenternden Holzhaus in der Klostergräfte und einem Erdhügel, in dem ein Apfelbaum zu pflanzen war. Bei eisigem Wind, die Besucher*innen eingepackt in Mänteln, Mützen, Schals, kroch der Künstler leicht bekleidet in das Loch des Erdhügels und rezitierte aus dem Buch Hiob, Worte, die der Wind nur bruchstückhaft zu den Ohren der Zuhörer durchließ. Wilm Weppelmann hatte sein durch Chemos stark ramponiertes Immunsystem ignoriert – und doch keinen Schnupfen davon getragen. Was er machte, tat er vielfach über das körperliche Empfinden oder Missempfinden hinweg. Ganz oder gar nicht. Diese Veranstaltung überlebte er ein knappes Dreivierteljahr, das Kunstwerk steht noch dort.

Geschickt – auch im Umgang mit Corona-Maßnahmen

Weiterleben wird Wilm Weppelmann aller Voraussicht nach im sogenannten WIEGA-Garten, einem 1 000 Quadratmeter großen Waldgarten am Rande der Kernstadt. Sein Traum, ein Stück Land zu haben, wo er Kindern den Zugang zur Natur und die Grundlagen des Gemüseanbaus spielerisch näher bringen konnte, hatte er vor wenigen Jahren realisieren können. Corona und die Kontaktbeschränkungen setzten ihm Grenzen. Sie setzten ihm zu, aber er fand doch Wege, zusammenzukommen, so wie er seine Gartenakademie trotz Coronamaßnahmen geschickt fortzusetzen verstand, indem er die Besucher*innen hinter die Hecke auf den Hauptweg platzierte, mit Abstand zueinander.

Wilm Weppelmanns Hauptwerk: die Freie Gartenakademie

Glücklicherweise bettete Weppelmann all seine Aktivitäten, von denen hier noch einige zu nennen wären, in die Organisationsform des Vereins Kulturgrün e.V. ein. Deren Mitglieder wollen sich um den Erhalt des WIEGA-Gartens kümmern und um die Fortentwicklung des Kinderprogramms. Darin lebt der Künstler dann weiter. Die Freie Gartenakademie, sein „Hauptwerk“, bleibt in Erinnerung, auch als eine Initiative, die nur jemand mit der Energie, der Hartnäckigkeit, der Kreativität und der finanziellen Bescheidenheit wie Wilm Weppelmann auf die Beine stellen kann. Davon gibt es in Münster wohl sonst niemanden.

Weitere Nachrufe: Neben Wilm Weppelmann mussten wir uns 2021 von weiteren großen Persönlichkeiten der Landschaftsarchitektur und Stadtplanung verabschieden. So verstarb unter anderem Cornelia Hahn Oberländer. Anfang Juni 2021 nahmen zudem WES Abschied von ihrem geschäftsführenden Gesellschafter Peter Schatz. Außerdem verstarb der große Gottfried Böhm und damit eine der prägenden Figuren der deutschen Nachkriegsarchitektur.