Wohnungen in Ebersberg: Mehrfachbeauftragung erteilt

Wohnungen Ebersberg

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Mehrfachbeauftragung für Baugebiet mit Wohnungen in Ebersberg

In Ebersberg sollen 80 neue Wohnungen entstehen: Der Stadtrat einigte sich auf die Entwürfe der Landschaftsarchitekten Brandhoff Voß mit dem Architekturbüro Zeitler + Blaimberger Architekten und Stadtplaner.

In Ebersberg herrscht Wohnungsmangel. In Planung sind deshalb bereits die beiden Baugebiete Doktorbankerl und Friedenseiche VIII. Nun soll in südwestlicher Richtung der Kreisstadt ein neues Wohngebiet entstehen. „Im Augrund“ sind auf einer Fläche von 9 500 Quadratmetern knapp 80 Wohnungen in Geschosswohnungsbau angedacht. Bisher ist das Areal landwirtschaftlich genutzt, der Flächennutzungsplan sieht jedoch Wohnungsbau an dieser Stelle vor. Um das Projekt zeitnah voranzutreiben hatte der Technische Ausschuss des Ebersberger Stadtrats eine Mehrfachbeauftragung beschlossen. Dabei waren fünf Arbeitsgemeinschaften aus Architekt*innen und Landschaftsarchitekt*innen eingeladen, ihre Vision für eine mögliche Entwicklung des Areals aufzuzeichnen. Gerd Otto, Stadtrat der Wählervereinigung Pro Ebersberg und Preisrichter im Verfahren, sieht im Standort eine große Herausforderung: „Das wird wahrscheinlich auf Jahrzehnte der Ortsrand von Ebersberg bleiben. Damit das auch wirklich schön wird, ist eine größere Bandbreite an Ideen in der Planungsphase unabdingbar“. Durch die Mehrfachbeauftragung will die Stadt aus Varianten die bestmögliche Lösung für den Ort wählen.

Zeitler + Blaimberger und Brandhoff Voß gewinnen 1. Preis

 

Nun hat die Jury ihr Urteil gefällt. Stimmen aus Politik und Planung waren sich gleichermaßen einig. Neben Bürgermeister Ulrich Proske, waren die Stadträte Martin Schechner (CSU), oben genannter Gerd Otter (Pro Ebersberg), Christoph Münch (SPD) und Jürgen Friedrichs (Grüne) vertreten. Weiterhin Rainer Bargenda als Vertreter des Investors, die Architekt*innen Melanie Wenderlein und Rainer Hofmann, sowie die Landschaftsarchitektin Elke Berger. Die Entscheidung fiel auf den Entwurf des Münchner Büros „Zeitler + Blaimberger Architekten und Stadtplaner“ in Zusammenarbeit mit den Münchner Landschaftsarchitekt*innen von „Brandhoff Voß“. Gewonnen hatten sie aufgrund einer unaufgeregten, aber dem Ort angemessenen Planung. In der Jurybegründung heißt es: „Die Arbeit besticht durch ihre Einfachheit.“ Diese sei für die Eingangssituation am Stadtrand genau das Richtige. Durch die Wohnungen Ebersberg könne eine beständige Struktur statt eines Spektakels entstehen. Die Arbeit war unter drei verbliebenen Favoriten als Gewinner hervorgegangen. Zwei Vorschläge fielen direkt zu Beginn der Sitzung aus dem Verfahren.

Häuserzeilen um kommunale Mitte

Der Entwurf von Zeitler + Blaimberger und Brandhoff Voß sieht sieben dreigeschossige Häuserzeilen vor. Sie sind als Holständerbauten geplant. Durch eine leichte Drehung der nördlich stehenden Häuser entsteht im Zwischenraum zu den südlichen Gebäuden ein aufgeweiteter, dreieckiger Freiraum. Die Wohngebäude werden jeweils über private Erschließungswege erreicht, die umgekehrt alle auf dem kommunalen Binnenraum enden. So entsteht eine gemeinschaftliche Fläche im Zentrum. Nach Westen öffnet sich diese und läuft auf ein rahmendes Gemeinschaftshaus zu. Von dort fließt die freie Landschaft in die Siedlung. Der Blick kann in die Ferne schweifen und gibt an klaren Tagen den Blick auf das Alpenpanorama frei. Die grundlegende Gebäudekonstellation und die Aufteilung der Außenanlagen konnten die Jury überzeugen. Trotzdem beinhaltete die Jurybegründung auch einige Kritikpunkte, an denen die Büros nun nachjustieren können. So müsse die grüne Mitte durch attraktive Nutzungsangebote aufgewertet werden. Außerdem sei die Bebauung auf der Nordseite in räumlicher und wirtschaftlicher Hinsicht noch optimierbar.

Wohnungen Ebersberg: Planungen laufen seit zwei Jahren

Mit der Vergabe des ersten Preises waren sich Jury und Technischer Ausschuss einig. Unter Berücksichtigung der Maßgaben werden die ausgewählten Büros den Entwurf überarbeiten. Bürgermeister Ulrich Poske ist optimistisch, dass bereits in einem Jahr der Prozess für die Wohnungen in Ebersberg abgeschlossen sein könnte. Nachdem die grundsätzliche Entwicklung als Bauland bereits vor zwei Jahren beschlossen worden war, wäre das für die Stadt eine begrüßenswerte Entwicklung. Das Verfahren verzögerte sich ursprünglich auch durch die Tatsache, dass der vom Investor eingereichte Entwurf in der Politik auf Bedenken gestoßen war. Entlang einer zentralen Erschließungsstraße sah die Planung neun dreigeschossige Gebäude vor. Die Ausschussmitglieder empfanden den Entwurf auf aufgrund der speziellen Lage am Stadtrand und nahe der Gleise als wenig durchdacht und attraktiv. Zeitler + Blaimberger Architekten und Stadtplaner und Brandhoff Voß haben nun gezeigt, dass auch mit einfachen Mitteln eine nachhaltige Siedlung gebaut werden kann. Auf unspektakuläre Weise, wie es die Jurybegründung formulierte.

Soziale Durchmischung im Quartier vorgesehen

Ebenfalls seit zwei Jahren diskutiert man den Umgang mit frei vermarktetet und geförderten Wohnungen. Ursprünglich war ein Drittel der Wohnungen als sozialer Wohnungsbau vorgesehen. Stadtrat Stefan Mühlfenzl (SPD) forderte, dass die Anzahl unbedingt eingehalten, wenn nicht gar erhöht werden müsse. Weiterhin sprach er sich bei der Vergabe für ein Modell wie den Ebersberger Kriterienkatalog aus. Dabei werden – ähnlich dem früheren „Einheimischenbauland“ – Familien mit Wohnsitz oder Arbeitsstätte in der Kreisstadt bevorzugt. Der prämierte Entwurf trennt die beiden Finanzierungsmodelle räumlich nicht voneinander. So ergibt sich die Chance der sozialen Durchmischung. Nach Überarbeitung des Entwurfs und erneuter Genehmigung desselbigen durch den Stadtrat, wird der Bebauungsplan aufgestellt. Neben der Wohnnutzung könnte er weitere Festsetzungen enthalten. Bereits 2020 hatte sich Stadtrat Stefan Mühlfenzl für eine Ergänzung durch ein kleines Kontingent an Einzelhandelsgeschäften ausgesprochen.

 Zweiter Bahnhof am Standort in Diskussion

Und ein weiteres Anliegen steht im Raum. Der Bau eines zweiten Bahnhofs. Bereits 1972 mit Eröffnung des S-Bahnverkehrs angestrebt, lagen Pläne dafür nun lange auf Eis. Im Zuge einer Planung für ein Ausweichgleis zwischen Ebersberg und Grafing-Stadt ist die Idee nun wieder in aller Munde. Christoph Münch von der SPD äußerte bereits mehrfach seine Zustimmung zum Vorhaben, am Stadtrand einen zweiten Bahnhof anzuvisieren. Wenn die Stadt derart wachse, könne dies eine relevante Thematik werden. Auch ein im Dezember vorgestelltes Gutachten der Bahn und des bayerischen Verkehrsministeriums hält einen Verkehrshalt im Bereich des neuen Wohngebiets für realistisch. Die Expansion im Ebersberger Süden wird in der Zukunft noch viele spannende Debatten bereithalten. Zu den jüngsten Entwicklungen können sich Interessierte nun im Rathaus informieren. Dort werden neben dem erstprämierten Entwurf auch die Arbeiten der anderen Büros öffentlich ausgestellt.

Auch in Friedlingen, einem Stadtteil von Weil am Rhein, entstehen auf 9 500 Quadratmeter Wohnungen. Hier erfahren Sie mehr zu den Entwürfen Friedlingen Weil am Rhein des Planungsteams von Steinhoff Haehnel Architekten und Koeber Landschaftsarchitekten.

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Wie Curitiba seit 30 Jahren die Verkehrswende lebt – Bus Rapid Transit als Rückgrat

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Ein roter Bus auf einer Schweizer Straße bei Tageslicht, eingefangen von Alin Andersen.

Curitiba, eine südamerikanische Millionenstadt, lebt seit über 30 Jahren eine Verkehrswende, von der viele deutsche Kommunen nur träumen: Das Bus Rapid Transit System bildet das Rückgrat einer stadtweiten Transformation, die Mobilität, Lebensqualität und Stadtstruktur radikal neu gedacht hat. Was können wir in Mitteleuropa von diesem urbanistischen Labor lernen? Und warum ist die Verkehrswende in Curitiba längst Alltag – während sie hierzulande noch als Utopie gilt?

  • Einführung in Curitibas Pionierrolle bei der Verkehrswende und die Bedeutung des Bus Rapid Transit (BRT) Systems.
  • Historische Entwicklung: Von der autogerechten Stadt zur nachhaltigen Mobilitätsstruktur.
  • Funktionsweise, technische Innovationen und organisatorische Besonderheiten des BRT-Systems.
  • Städtebauliche Verknüpfung von Mobilität und Stadtentwicklung – das Trinary Road System als Gamechanger.
  • Sozial-ökonomische und ökologische Effekte der Verkehrswende für Bevölkerung, Wirtschaft und Stadtklima.
  • Governance, Planungskultur und Beteiligung: Wie Curitiba Verwaltung, Politik und Bürgerschaft ins Boot holte.
  • Kritische Würdigung: Herausforderungen, Grenzen und Übertragbarkeit auf DACH-Kontexte.
  • Leitlinien und Inspiration für Planer, Kommunen und Entscheidungsträger im deutschsprachigen Raum.

Curitiba als Labor der Verkehrswende: Wie alles begann

Wer heute durch Curitiba fährt, erlebt eine südamerikanische Großstadt, die sich auf den ersten Blick kaum von anderen Metropolen Brasiliens unterscheidet. Doch der Schein trügt: Unter der Oberfläche pulsiert ein Mobilitätssystem, das weltweit immer wieder als Vorbild zitiert wird. Curitiba, Hauptstadt des Bundesstaates Paraná, war in den 1960er Jahren eine typische Boomtown – geprägt von raschem Bevölkerungswachstum, Zersiedelung und wachsendem Autoverkehr. In der europäischen Debatte über die Verkehrswende gilt Curitiba als eigentümlicher Leuchtturm, weil hier eine radikale Neuorientierung tatsächlich gelungen ist – und das ohne milliardenschwere U-Bahn-Projekte oder visionäre Hochtechnologie.

Der Wandel begann in den späten 1960er Jahren, als der junge Architekt Jaime Lerner zum Bürgermeister gewählt wurde. Seine Mission: Die Stadt vor dem Verkehrsinfarkt bewahren und gleichzeitig soziale wie ökologische Ziele verfolgen. Statt, wie andernorts, auf großflächigen Ausbau von Straßen und individuellem Autoverkehr zu setzen, entschied sich Curitiba für einen anderen Ansatz. Im Zentrum stand die Idee, öffentlichen Verkehr als stadtprägendes Rückgrat zu etablieren und mit der Stadtentwicklung zu verweben. Dies war weder ideologisch noch technokratisch motiviert, sondern eine pragmatische Antwort auf die Herausforderungen einer wachsenden Stadt.

Die zentrale Innovation: Das Bus Rapid Transit System, kurz BRT, das ab 1974 stufenweise eingeführt wurde. Das System wurde nicht einfach als technisches Upgrade bestehender Buslinien verstanden, sondern als umfassender Stadtentwicklungsplan. Die Buskorridore wurden gezielt entlang von Entwicklungsachsen angelegt, um Mobilität und Urbanität zu verzahnen. Die Trennung von Durchgangsverkehr, lokalem Verkehr und Fußgängerströmen war dabei genauso entscheidend wie die frühzeitige Integration von Grünflächen, Wohnungsbau und sozialer Infrastruktur.

Curitiba demonstrierte, dass Verkehrswende nicht zwangsläufig teuer oder utopisch sein muss. Mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln wurde ein System geschaffen, das massentauglich, effizient und skalierbar ist. Das BRT-Modell wurde schnell zum Exportschlager – von Bogotá bis Istanbul, von Guangzhou bis Los Angeles. Doch nur in Curitiba selbst blieb es so konsequent mit der Stadtstruktur und -politik verwoben. Diese Verwobenheit ist bis heute das eigentliche Erfolgsgeheimnis.

Die wichtigsten Lektionen aus dieser Anfangsphase: Mut zur klaren Priorisierung, Bereitschaft zur langfristigen Verbindlichkeit und die Fähigkeit, komplexe Systeme einfach zu halten. Während viele Städte heute auf Digitalisierung und neue Technologien schielen, zeigt das Beispiel Curitiba, dass der Schlüssel zur Verkehrswende häufig in der Organisationskultur, im Governance-Modell und in der intelligenten Verknüpfung von Raum und Mobilität liegt.

Bus Rapid Transit: Technik, Organisation und urbane Wirkung

Das Herzstück der Curitibanischen Verkehrswende ist und bleibt das Bus Rapid Transit System. Im Gegensatz zum klassischen Linienbusnetz basiert das BRT auf eigenen Fahrspuren, hoher Taktfrequenz und einer Infrastruktur, die von Anfang an auf Massenverkehr ausgelegt wurde. Die Buskorridore durchziehen die Stadt radial wie Adern, verknüpft durch ein ausgeklügeltes Netz aus Umsteigepunkten, Expressstrecken und ergänzenden Tangentiallinien. Was auf den ersten Blick wie ein simples Bussystem aussieht, ist in Wahrheit eine hochentwickelte Mobilitätsmaschine.

Technisch zeichnet sich das BRT durch mehrere Innovationen aus, die bis heute Maßstäbe setzen. Eigene Busspuren, sogenannte „Canaletas“, trennen den Busverkehr strikt vom Individualverkehr und sichern so Pünktlichkeit und Kapazität. Die Haltestellen – markant als futuristische „Tube Stations“ gestaltet – ermöglichen niveaugleichen Einstieg und Ticketkauf vor dem Einstieg, was die Haltezeiten dramatisch verkürzt. Die Fahrzeuge selbst sind Doppelgelenkbusse mit hoher Kapazität, deren Design und Wartung auf den Dauereinsatz im städtischen Kontext abgestimmt ist.

Organisatorisch setzt Curitiba auf ein konsistentes Betreiberkonzept: Die Stadt plant, steuert und kontrolliert das Netz, während private Unternehmen die Buslinien auf Basis klar definierter Standards betreiben. Subventionen werden gezielt eingesetzt, um das Angebot sozialverträglich zu gestalten – insbesondere für Schüler, Senioren und einkommensschwache Gruppen. Ein einheitliches Tarifsystem und die nahtlose Abstimmung von Fahrplänen sorgen für Übersichtlichkeit und Nutzerfreundlichkeit. Die Stadtverwaltung hat zudem früh auf Digitalisierung gesetzt: Schon in den 1990er Jahren wurden erste Echtzeitdaten für Fahrgastprognosen genutzt, heute ist die gesamte Flotte mit GPS ausgestattet und wird zentral überwacht.

Die Wirkung des BRT-Systems auf die Stadt ist tiefgreifend. Es hat die Pendlerströme kanalisiert, das Verkehrsaufkommen in den Wohnvierteln reduziert und den Flächenverbrauch für Straßen minimiert. Entscheidender aber ist die Wechselwirkung mit der Stadtentwicklung: Entlang der BRT-Korridore entstand eine dichte, gemischte Bebauung mit hoher Standortqualität. Der öffentliche Raum wurde aufgewertet, Flächen für Parks und soziale Infrastruktur freigespielt. Die Luftqualität verbesserte sich messbar, und die durchschnittlichen Wegezeiten sanken deutlich. Kurzum: Das BRT wurde zum Motor einer Urbanisierung, die Mobilität, Lebensqualität und Nachhaltigkeit in Einklang bringt.

Bemerkenswert ist, dass das System nie als abgeschlossen betrachtet wurde. Ständige Anpassung, Ausbau und Optimierung prägen das Bild bis heute. Neue Linien, verbesserte Busmodelle, digitale Services – Curitiba bleibt experimentierfreudig und offen für Innovationen. Diese Haltung ist mindestens so wichtig wie die technische Perfektion: Die Verkehrswende ist keine einmalige Maßnahme, sondern ein permanenter Prozess.

Stadtstruktur, soziale Integration und ökologische Effekte

Das BRT-System von Curitiba wäre nur halb so wirksam, hätte es nicht die Stadtstruktur und das Alltagsleben der Bevölkerung verändert. Die zentrale städtebauliche Innovation ist das sogenannte Trinary Road System: Entlang der Hauptachsen verlaufen drei parallele Verkehrsstränge – eine zentrale Busspur für den Schnellverkehr, flankiert von zwei Nebenstraßen für lokalen Autoverkehr, Radfahrer und Fußgänger. Diese klare Trennung ermöglicht effiziente Mobilität, ohne die Quartiere zu zerschneiden oder Anwohner vom öffentlichen Raum abzuschneiden.

Die Verdichtung entlang der BRT-Korridore ist kein Zufall, sondern Ergebnis gezielter Planung. Die Stadt förderte die Ansiedlung von Wohn- und Geschäftshäusern entlang der Strecken, koppelte Baugenehmigungen an die Erschließung durch den ÖPNV und schuf attraktive Standorte für Handel, Dienstleistungen und soziale Einrichtungen. So entstand eine polyzentrale Stadtstruktur, die kurze Wege und hohe Aufenthaltsqualität miteinander verbindet. Der Anteil des öffentlichen Verkehrs an den Gesamtwegen stieg auf über sechzig Prozent, während der Autoverkehr im Stadtzentrum deutlich zurückging.

Soziale Integration ist in Curitiba kein leeres Schlagwort, sondern gelebte Praxis. Das BRT-System wird gezielt so gestaltet, dass es auch benachteiligte Quartiere, informelle Siedlungen und periphere Stadtteile erschließt. Durch niedrige Fahrpreise, Sozialtickets und barrierefreie Gestaltung wird Mobilität zum Allgemeingut. Bemerkenswert ist, dass das System nicht nur dem Berufspendler dient, sondern auch Schüler, Senioren und Menschen mit geringen Einkommen mobil macht. Die Erreichbarkeit von Bildung, Arbeitsplätzen und Gesundheitsversorgung hat sich seit Einführung des BRT signifikant erhöht.

Ökologisch hat die Verkehrswende in Curitiba eine Vorbildfunktion. Der Anteil von Elektro- und Hybridbussen wird kontinuierlich erhöht, und die Stadt setzt konsequent auf umweltfreundliche Antriebstechnologien. Die Reduktion von Staus, Lärm und Emissionen ist messbar und trägt zur Verbesserung des lokalen Klimas bei. Gleichzeitig wird die Flächenersparnis für Grünräume und Parks genutzt, um das Mikroklima und die Biodiversität im Stadtgebiet zu stärken. Die Verknüpfung von Mobilität und Stadtgrün ist in Curitiba kein nachträglicher Trostpreis, sondern integraler Bestandteil der Planungskultur.

Das Zusammenspiel aus Technik, Stadtstruktur und sozialer Verantwortung macht Curitiba einzigartig. Die Stadt beweist, dass Verkehrswende mehr ist als die Summe einzelner Projekte – sie ist ein komplexes Geflecht aus Planung, Governance und gelebtem Alltag. Wer in Deutschland, Österreich oder der Schweiz nach Vorbildern sucht, findet hier ein urbanes Labor, das viele der aktuellen Herausforderungen längst vorweggenommen hat.

Governance, Beteiligung und die Übertragbarkeit auf Mitteleuropa

Ein oft unterschätzter Erfolgsfaktor der Curitibanischen Verkehrswende ist die Governance-Struktur. Von Anfang an setzte die Stadtspitze auf eine enge Verzahnung von Stadtplanung, Verkehrsmanagement und Sozialpolitik. Die Planungsinstrumente – vom Masterplan bis zur Bauleitplanung – wurden konsequent auf die Ziele des BRT-Systems ausgerichtet. Entscheidungsprozesse waren transparent, partizipativ und auf langfristige Verbindlichkeit angelegt. Dies ermöglichte eine Planungskultur, die auch in stürmischen Zeiten Kurs hielt.

Die Beteiligung der Bevölkerung erfolgte auf mehreren Ebenen: Über Bürgerforen, Informationskampagnen und kontinuierliche Evaluation wurde das System laufend angepasst. Die Verwaltung verstand sich nicht als Befehlsempfänger, sondern als Moderator und Innovator. Konflikte wurden nicht ausgesessen, sondern als Anlass für Verbesserung genutzt. Besonders bemerkenswert ist, dass die politische Unterstützung für das BRT parteiübergreifend war – ein seltenes Phänomen in der oft polarisierten Stadtentwicklungspolitik.

Die Frage, ob das Curitibanische Modell auf deutsche, österreichische oder Schweizer Städte übertragbar ist, wird häufig gestellt – und ebenso häufig vorschnell verneint. Richtig ist: Die Rahmenbedingungen unterscheiden sich. Die institutionellen, rechtlichen und kulturellen Voraussetzungen in Europa sind komplexer, die Planungshoheit stärker fragmentiert, und die finanziellen Spielräume oft enger. Doch das bedeutet nicht, dass die grundlegenden Prinzipien nicht adaptierbar wären. Im Gegenteil: Die konsequente Priorisierung des öffentlichen Verkehrs, die Verknüpfung von Stadtentwicklung und Mobilität, die kluge Governance-Struktur und die soziale Inklusion sind universelle Erfolgsrezepte.

Herausforderungen gibt es viele: Die Flächenknappheit in mitteleuropäischen Städten, die hohe Dichte bestehender Infrastrukturen, die politische Kurzfristigkeit und der kulturelle Widerstand gegen Veränderung. Dennoch zeigen Pilotprojekte – etwa in Nantes, Stockholm oder Zürich –, dass die Übertragung von BRT-Prinzipien durchaus möglich ist. Entscheidend ist der Mut, bestehende Strukturen zu hinterfragen, und die Bereitschaft, Mobilität als Querschnittsaufgabe zu begreifen.

Für Planer, Kommunen und Entscheidungsträger in Deutschland, Österreich und der Schweiz gilt: Es braucht nicht immer die große Revolution. Oft genügt es, die richtigen Hebel zu bewegen, Prioritäten zu setzen und aus den Erfahrungen anderer Städte zu lernen. Curitiba liefert hierfür ein reiches Arsenal an Ideen, Erfahrungen und – nicht zuletzt – die Ermutigung, die Verkehrswende als kontinuierlichen Prozess zu verstehen.

Fazit: Curitiba als Inspiration für die europäische Verkehrswende

Die Geschichte von Curitiba zeigt eindrucksvoll, dass die Verkehrswende machbar ist – und zwar ohne technokratischen Größenwahn oder teure Hochglanzprojekte. Das Rückgrat der Transformation war und ist ein intelligentes, flexibles und sozial verankertes Bus Rapid Transit System. Die eigentliche Innovation liegt jedoch in der Integration von Mobilität, Stadtstruktur und Governance. Curitiba hat vorgemacht, wie eine Stadt ihre Wachstumsdynamik, ihre soziale Verantwortung und ihre ökologischen Ziele in Einklang bringt. Und es hat bewiesen, dass Verkehrswende nicht auf Visionen und Lippenbekenntnisse beschränkt bleiben muss.

Für den deutschsprachigen Raum bietet Curitiba eine Fülle an Inspiration: den Mut zur klaren Priorisierung, die Bereitschaft zu langfristiger Planung und den Fokus auf soziale wie ökologische Nachhaltigkeit. Die technischen Lösungen sind adaptierbar, die organisatorischen Prinzipien universell. Entscheidend ist, dass Städte die Verkehrswende als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begreifen – und den öffentlichen Verkehr zum Motor der Stadtentwicklung machen. Wer sich darauf einlässt, kann Mobilität, Lebensqualität und Urbanität neu denken. Das Beispiel Curitiba zeigt: Es lohnt sich, den Wandel nicht nur zu fordern, sondern ihn zu leben – Tag für Tag, Bus für Bus, Stadt für Stadt.

Presseschau in G+L 06/21

Blumen im Eis, Blumen im Weltall

Die Printversion der G+L hat eine neue Rubrik: Seit Januar 2021 fassen wir jeden Monat in einer Presseschau die wichtigsten, interessantesten oder kuriosesten Neuigkeiten aus der Planung kurz und knapp zusammen. Lesen Sie hier, was es in die G+L 06/21 geschafft hat – inklusive Quellen und weiterführenden Links.

Deutscher Nachhaltigkeitspreis Architektur 2022. Zum neunten Mal prämiert der Preis dieses Jahr außergewöhnliche Leistungen der Architektur. Vergangenes Jahr gewann mitunter das im Rahmen der BUGA Heilbronn entstandene SKAIO-Gebäude. Alles zum Preis und der Bewerbung bis zum 15. Juni 2021 hier auf garten-landschaft.de.

Bundesinnenminister Seehofer froh über Mietendeckel-Aus. Der Berliner Senat hat im Zuge des Mietendeckel-Aus die „Sicher-Wohnen-Hilfe“ auf den Weg gebracht. Das Darlehen kann seit dieser Woche beantragt werden. Alles was Sie zum Mietendeckel wissen müssen, warum er scheiterte und warum Horst Seehofer froh darüber ist, lesen Sie hier.

Mietendeckel-Aus in Berlin. Im April wurde publik, dass das Bundesverfassungsgericht den Berliner Mietendeckel für verfassungswidrig erklärt hat. Seitdem drohen Zehntausenden Berliner Haushalten hohe Nachzahlungen. Der Senat bietet eine Überbrückungshilfe für Mieter*innen an. Alles zum Mienendeckel-Aus, den Hintergründen sowie den Reaktionen von Bundesinnenminister Horst Seehofer und Co. lesen Sie auf garten-landschaft.de.

Blumen im Eis, Blumen im Weltall. Der japanische Künstler Azuma Makoto hat für ein experimentelles Kunstprojekt Blumen bzw. Pflanzen an außergewöhnlichen Orten drapiert. Die beeindruckenden Bilder zeigen uns hier die Kolleg*innen von designboom.com.

Wels wird „Smart Sustainable City“

Junge Designerinnen setzen auf indigene Stadtplanung. Wie mehrere internationale, junge Designerinnen – darunter die Zukunftsforscherin Monika Bielskyte und die thailändische Landschaftsarchitektin Kotchakorn Voraakhom – mit indigenen Techniken moderne Städte lebenswerter und krisenfester machen wollen, dazu berichtet aktuell Spiegel-Online.

Allokationsbericht des Bundes für Grüne Bundeswertpapiere. Vergangene Woche veröffentlichte der Bund zum ersten Mal einen Allokationsbericht für die 2020 emittierten Grünen Bundeswertpapiere. Der „Green bond allocation report 2020“ informiert Investor*innen transparent und verbindlich über Ausgaben aus den Umwelt- und Klimaschutzprogrammen der Bundesregierung. Was Sie zum Bericht wissen müssen, das haben wir hier zusammengetragen.

Wels wird „Smart Sustainable City“. Singapur, Moskau, Montevideo und nun Wels. Als erste österreichische Stadt darf sich die Gemeinde Wels „Smart Sustainable City“ nennen – inklusive Zertifikat von der UNO-Organisation ITU und deren „United for Smart Sustainable Cities“-Programm (U4SSC). Mehr dazu bei den Kolleg*innen von a3bau.

Neue EU-Strategie für Menschen mit Behinderung

Städtebaupreis 2020. Vergangenen Freitag fand die Preisverleihung des Deutschen Städtebaupreis 2020 im Live-Stream statt. Auszeichnungen gab es unter anderem für das Projekt „Waller Sand“ von A24 Landschaft und „Stadtquartier Neckarbogen“ in Heilbronn. Der erste Preis ging nach Berlin. Um welches Projekt es sich hierbei handelt, lesen Sie hier.

MDR-Interview mit Cathrin Schmidt. Im Zuge der Pandemie fordert die Direktorin des Instituts für Landschaftsarchitektur der TU Dresden im Gespräch mit MDR Thüringen genauso viel Freiraum- wie Wohnraumfläche für Stadtbewohner. Welche Chancen Schmidt im Earth Overshoot Day sieht, lesen Sie hier.

Neue EU-Strategie für Menschen mit Behinderung. Anfang März legte die EU eine neue Strategie für die Rechte von Menschen mit Behinderungen (2021–2030) vor. Sie will damit die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen stärken und auf europäischer Ebene ausweiten. Alles zu den einzelnen Maßnahmen lesen Sie hier.

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