22.03.2022

Cities initiative

Beethoven: Zeit, den Müll rauszubringen

von Laura von Puttkamer
Foto: Daderot
Foto: Daderot

Beethoven: Ein musikalischer Aufruf zum Handeln

Wenn die Taiwanes*innen Beethovens „Für Elise“ oder „Maiden’s Prayer“ von Bądarzewska-Baranowska hören, ist es Zeit, den Müll rauszubringen. Denn dann kommen die Müllwagen in Taiwan und bringen den Hausmüll weg. Für die Menschen in Taiwan ist dies auch ein wichtiger Moment der sozialen Interaktion in der Nacht. Lesen Sie hier alles über das urbane Phänomen.

Klassische Melodien wie Beethovens „Für Elise“ und Bądarzewska-Baranowskas „Maiden Prayer“ sind in weiten Teilen der Welt allgegenwärtig, in Klavierstunden, Kinderspielzeug und Werbung. Doch in Taiwan ist der berühmte Jingle eine Aufforderung zum Handeln und ein Signal für das nächtliche Ritual der Müllabfuhr.

„Ich bringe gerne den Müll raus, weil ich dabei meine Freunde treffen kann“, sagte ein Einwohner Taipehs gegenüber Reporter*innen.

Taiwans Müllwagen sind kanariengelb, oft gefolgt von kleineren weißen Recyclingwagen. Sie kündigen ihre abendliche Anwesenheit mit fröhlichem Geklingel an und verwandeln ruhige Stadtteile sofort in eine Art Straßenfest. Anwohner*innen aller Altersgruppen verlassen ihre Häuser, um den Müll abzuholen zu lassen. Manche kommen mit dem Fahrrad oder Roller, andere nutzen die Gelegenheit, um ihr Haustier auszuführen.

Diese Strategie der Abfallentsorgung ist in Taiwan schon Jahrzehnte alt. Hier darf der Müll „nicht den Boden berühren“, um die Städte so sauber wie möglich zu halten. Daher müssen die Einwohner*innen ihren Müll von Hand zur Müllabfuhr bringen. Einst war Taiwan als „Müllinsel“ bekannt, doch jetzt ist es erstaunlich sauber.

Wie der Vorgang aussieht, sehen Sie hier im Video:

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Förderung der Gemeinschaft durch Müllabfuhr in Taiwan

Der einfache, aber effiziente Einsatz der Melodien von Beethoven und Bądarzewska-Baranowska hat nicht nur zu saubereren Straßen, sondern auch zu einem besseren Gemeinschaftsgefühl in vielen Vierteln geführt. Die Menschen warten auf das Glockenspiel und stehen dann sogar Schlange, um den Müll abholen zu lassen. Diese Zeit wird für Smalltalk genutzt, um neue Nachbar*innen kennen zu lernen oder in manchen Fällen sogar eine Liebesbeziehung einzugehen.

In gehobenen Vierteln kümmern sich in der Regel die Hausverwaltungen um die Müllabfuhr. Das bedeutet, dass die Verwalter*innen der benachbarten Gebäude die Möglichkeit haben, sich zu unterhalten und Klatsch und Tratsch auszutauschen – die Bewohner*innen, die nicht vorbeikommen, verpassen wohl einen wichtigen Teil des Abends.

Während der COVID-19-Pandemie waren die Nachbar*innen in Taiwan vorsichtiger, hielten in den Abholschlangen Abstand und tauschten sich weniger aus. Viele von ihnen freuten sich jedoch, anlässlich der abendlichen Müllsammlung vertraute Gesichter zu sehen, Geschenke auszutauschen oder einfach nur ein bisschen frische Luft zu schnappen.

Foto: Daderot
Müllabholung Taiwan, Foto: Daderot, CC0, via Wikimedia Commons

Von der Müllinsel zu sauberen Straßen

 

Taipeh, die Hauptstadt Taiwans, war früher für ihre mit Müll übersäten Straßen und überfüllten Mülldeponien bekannt. Besonders schlimm wurde die Situation in den 1990er Jahren, als viele verärgerte Einwohner*innen für eine bessere Müllabfuhr protestierten.

Dies führte dazu, dass die Regierung eine Überarbeitung des Abfallmanagements einleitete. Die Einwohner*innen mussten fortan blaue, von der Regierung ausgegebene Müllsäcke kaufen, eine Art Steuer auf die Müllproduktion und ein Anreiz, weniger wegzuwerfen. Dieses „Pay as You Throw“-System umfasste 4 000 Müllsammelstellen in der ganzen Stadt. Illegale Müllablagerungen wurden erschwert und die Bußgelder für illegale Abfallentsorgung erhöht.

Diese Maßnahmen haben gut funktioniert: Im Jahr 2017 hatte Taiwan die zweithöchste Recyclingquote der Welt. Das Land ist außerdem weltweit führend darin, so wenig Abfall wie möglich pro Person zu produzieren. Laut Nate Maynard, einem in Taipeh ansässigen Experten für Abfallwirtschaft, zwingt die persönliche Interaktion mit dem eigenen Müll die Einwohner*innen zu mehr Achtsamkeit.

In vielen anderen Ländern wissen die Menschen nicht einmal, wann der Abfall abgeholt wird oder wer sich darum kümmert. In Taiwan hingegen kündigt Beethovens Musik die Möglichkeit an, mit den Menschen in Kontakt zu treten und ihren Müll persönlich zu entsorgen. Viele Einwohner*innen kennen die LKW-Fahrer*innen persönlich und haben sich sogar mit ihnen angefreundet, so dass die normalerweise mühsame Aufgabe der Müllabfuhr Spaß macht.

Beethoven, © Karl Joseph Stieler, via Wikimedia Commons

Wer hat die Musik ausgewählt?

 

Es ist immer noch ein Rätsel, warum Beethovens „Für Elise“ und das „Jungfrauengebet“ die Lieder der Wahl sind, um die Müllabfuhr anzukündigen. Es kursieren verschiedene Gerüchte, etwa dass die Tochter eines Gesundheitsbeamten „Für Elise“ auf dem Klavier gelernt hat oder dass vorprogrammierte Jingles Teil der LKW-Technik sind.

Die New York Times nannte diese Jingles einen „pawlowschen Aufruf zum Handeln“ für die Taiwanes*innen. Wie die Geräusche der Eiswagen in anderen Städten sind Beethoven und Bądarzewska-Baranowska sicherlich Teil der Klanglandschaft in Taiwan geworden. Abweichungen wie andere Melodien oder englischer Sprachunterricht anstelle von Beethoven haben sich nicht bewährt. Als die südliche Stadt Tainan versuchte, Beethoven zu ersetzen, reagierte niemand.

Einige Nachbar*innen beschweren sich zwar darüber, dass die Musik zu laut ist, und andere ärgern sich darüber, dass sie ihren Alltag um die Zeit der Müllabfuhr herum organisieren müssen, aber das System wird beibehalten, so die Stadtverwaltung. Sie kann sich keinen besseren Weg vorstellen, um die Müllabfuhr effizient und sogar unterhaltsam zu gestalten.

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