Hertzallee Nord: Im Berliner Quartier geht es weiter

Forschperspektive entlang moderner Gebäudefassade gen Himmel

Unweit der Hertzallee Nord steht das Kalksteingebäude von Jan Kleihues. Es prägt die Skyline der City West (Foto: Ricardo Gomez Angel via Unsplash).

Inmitten von West-Berlin ist noch ein blinder Fleck. Dieser wird bald weichen. Das bekundete die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen in einer Absichtserklärung im Dezember 2021. Sie plant das Areal an der Hertzallee Nord mit Wohnungen, Universitätsnutzungen und Büros neu zu entwickeln. Die Ideen hierfür kommen von bgmr und Yellow Z. Die Projektsteuerung übernehmen Drees & Sommer.

Wichtige Akteur*innen in Berlin haben die Absicht kundgetan, das sogenannte Quartier Hertzallee Nord neu zu gestalten. Zu den Unterzeichner*innen der Erklärung gehört sowohl die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, die Berliner Verkehrsbetriebe als auch die Projekt Berlin Hertzallee GmbH. Eine wichtige Rolle wird auch das Büros Yellow Z und bgmr Landschaftsarchitekten spielen. Sie erarbeiteten gemeinsam den städtebaulichen Entwurf für das Areal unweit von Bahnhof Zoo, Ernst-Reuter-Platz und Zoologischem Garten. Ihr Beitrag zum Wettbewerb wird zur Basis der Entwicklung des Quartiers Hertzallee Nord in Berlin. Hier kommen zukünftig universitätsaffine Nutzungen, Büronutzungen und verschiedenen Wohnformen zusammen und bilden einen urbanen Campus.

Das Umfeld der Hertzallee Nord

Lange war das Berlin rund um Bahnhof Zoo, Gedächtniskirche und Ernst-Reuter-Platz die Mitte der westlichen Stadt. Noch heute ist das Areal von außergewöhnlicher Bedeutung für Berlin. Dennoch schlummern hier scheinbar vergessene Bereiche. Dazu gehören die untergenutzten Flächen zwischen Hardenberg-, Fasanen-, und Müller-Breslau-Straße. Zusammen mit dem Bahnviadukt bilden sie ein Scharnier zwischen der TU Berlin und der City West. Dieses Gelenk soll nun eine neue Gestalt, neue Nutzung und Bedeutung bekommen. Laut der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung wird das Gebiet, das lange im Dornröschenschlaf lag, nun in einem gemeinsamen Prozess kreativ und konstruktiv weiterentwickelt. In diesem kommen zahlreiche Methoden und Maßnahmen zusammen, die alle dazu beitragen, ein vitales und attraktiver Stadtquartier zu schaffen. Das trägt dann wiederum auch dazu bei, die City West von Berlin aufzuwerten.

Städtebaulicher Entwurf

Die Ideen für die Neugestaltung des Quartiers an der Hertzallee Nord entstanden in einem Ideenwettbewerb. Aus diesem ging das Büro Yellow Z gemeinsam mit den Landschaftsarchitekten von bgmr mit einem ersten Preis hervor. In der Beschreibung ihres Entwurfs betonen die Verfasser*innen, dass sie Universi­täten des 21. Jahr­hunderts sich nicht mehr als isolierte Inseln der Wissen­schaft verstehen. Sie sind vielmehr integrale Teile der Stadt, die sich gegenseitig bedingen und bereichern. Bisher erfüllen die Gebäude und Gelände der TU Berlin diesen Anspruch aber nicht. Das Areal an der Hertzallee Nord könnte entsprechend zum „missing link“ werden. Es könnte eine wichtige Brücke zwischen den Stadträumen an der City West und den Räumen am Über­gang zum Großen Tier­garten schlagen. Hier, an der Hertzallee Nord, könnte ein neuer Campus zum attraktiven Bestand­teil der Stadt werden.

Auch BVG fördert Hertzallee Nord

Im neu entstehenden Quartier Hertzallee Nord sollen neue Gebäude für die Technische Universität Berlin wachsen. Dazu gehören unter anderem der neue KI-Tower, Physiklabore und eine Science-Galerie. Darüber hinaus sollen auch Angebote wie studentisches Wohnen und Gästewohnungen entstehen. Außerdem dürfen auch moderne Büro- und Gewerbeflächen und Kitas kommen. Die werden von der Projekt Berlin Hertzallee GmbH realisiert. Das Land Berlin hingegen plant ein gemischt genutztes Hochhaus mit Wohnungen und Büroflächen. Auch die Berliner Verkehrsbetriebe sind in die Entwicklung der Hertzallee Nord involviert. Sie wollen ihrer Bus-Betriebshaltestelle ein neues und modernes Gesicht geben.

Ziel: ein gesundes Stadtklima

Da ein Areal nicht allein von Architekturen lebt, kommt der Qualität der Freiräume große Bedeutung zur. In hochwertiger Gestaltung entstehen Räume für den Fuß- und Radverkehr und zur Erholung. Darüber hinaus sind kleine Geschäfte, Cafés und öffentliche Nutzungen für die Erdgeschosse der Gebäude vorgesehen. Sie erhöhen insbesondere am zukünftigen Stadtplatz an der Hertzallee die Aufenthaltsqualität. Zu letzterer tragen auch vielfältige bauliche und freiraumplanerische Maßnahmen bei, die für ein gesundes Stadtklima sorgen.

Ganzheitliche Entwicklung

Die Planung und Entwicklung des neu entstehenden Quartiers Hertzallee Nord basiert auf der Zusammenarbeit mehrerer Partner*innen. Diese ermöglicht eine ganzheitliche Stadtentwicklung, die die Erweiterung des Universitäts-Campus zusammen mit der Entwicklung des gesamten Umfeldes denkt. Darüber hinaus soll das Vorhaben ein Pilotprojekt zur Klimaneutralität werden. Dabei liegt der Fokus auf Nachhaltigkeit beim Gebäudebetrieb, in der Gestaltung des Campus und in Forschung und Lehre. Denn im Quartier Hertzallee Nord werden unter anderem zukunftsweisende Forschungsbauten errichtet, die den Fachbereichen Künstliche Intelligenz und Experimentelle Physik dienen. Insgesamt wird das Areal die Berliner City West um ein lebendiges, urbanes Quartier mit verschiedenen Nutzungen bereichern, das auch die strategischen Zielen der TU Berlin zum Klimaschutz aufgreift. Zur Entwicklung des neuen Stück Stadt tragen aber auch die Berliner Verkehrsbetriebe bei. Sie wollen dort einen Ort schaffen, an dem sich die Fahrgäste wohl führen. Aber auch für die Angestellten im Fahrdienst entsteht etwas Neues: Sie bekommen moderne Aufenthaltsräume.

Weitere Aufwertungen

Nur bei der Entwicklung des Quartiers Hertzallee Nord wird es nicht bleiben. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen arbeitet mit den Bezirken Charlottenburg-Wilmersdorf und Mitte auch an einer städtebaulichen Neuordnung der Bereiche nördlich und südlich der Hertzallee. Diese Bemühungen beziehen sich auf auch den Hardenbergplatz, der verkehrlich und gestalterisch neu konzipiert werden wird.

Mehr aus Berlin’s Mitte: RMP Stephan Lenzen gewannen im Herbst 2021 den Freiraumwettbewerb Rathaus- und Marx-Engels-Forum in Berlin: Das Büro setzte sich gegen weitere 52 Arbeiten durch. Alles zum Projekt hier: Marx-Engels-Forum.

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Transformation und Mischung: Städtebau und Wandel – Buchrezension

Transformation und Mischung - Cover: Jovis
Transformation und Mischung - Cover: Jovis

Das Buch „Transformation und Mischung: Städtebau im Wandel“ präsentiert die Ideen und Konzepte von RHA REICHER HAASE ASSOZIIERTE zur Gestaltung des Strukturwandels auf verschiedenen Ebenen.

Worum es geht:

In einer kurzen Einleitung stellen die Autor*innen die Relevanz von Durchmischung im Stadtquartier heraus. Im Anschluss zeigen sie in einer Vielzahl an Projekten, die RHA in Zusammenarbeit mit weiteren Büros realisiert oder entworfen haben, wie gemischte Stadtplanung aussehen kann. Die Entwürfe sind nach Kategorien wie „Bestand weiterbauen“, „Bildung als Motor für Stadtentwicklung“, „Neue Gewerbestrukturen“, „Stadt neu erfinden“ und „Strategien zwischen Stadt und Region“ kategorisiert. In Kurztexten und Bildern geben RHA einen Einblick zu ihrem jeweiligen Arbeitsansatz und ihrem generellen Verständnis von Stadtplanung.

Was die Autor*innen auszeichnet:

Christa Reicher und Joachim Haase gründeten 1993 das Büro RHA REICHER HAASE Architekten, Stadtplaner und Ingenieure in Aachen. Heute ist das Büro RHA REICHER HAASE ASSOZIIERTE auch Standorte in Dortmund und Luxemburg und entwickelt national wie international Ideen. Seit Oktober 2020 ist Christa Reicher Professorin am Institut für Städtebau und Urbanistik an der RTWH Aachen. Joachim Haase verstarb 2020 nach Krankheit.

Das ist die beste Aussage:

„Das nutzungsgemischte Quartier ist kein Selbstzweck, sondern ein Element der baulich-räumlichen und funktionalen Organisation einer Stadt.“ S. 334

Das ist eine Aussage, die zum Nachdenken anregt:

„Wer sich als Stadtbewohner oder Stadtplaner, abwechslungsreiche Städte mit vielfältigen Nutzungen, Milieus und Settings – kurz mehr Urbanität – wünscht, wird mehr Toleranz – für Brüche, für Konflikte, für Zumutungen – aufbringen müssen.“ S. 338

Der Klappentext wird erfüllt:

Der Klappentext wird exakt erfüllt – das Buch ist eine Werksammlung aus Theorie und Praxis der letzten 25 Jahre.

Mehr Trend als Klassiker, weil:

…es einen Einblick in spezifische Projekte gibt. Der ausformulierte Anteil an allgemein gültiger Information beschränkt sich auf die Einleitung und das Schlusswort.

Haptik:

Das Buch liegt trotz Softcover stabil in der Hand. Die matten Seiten sind angenehm griffig.

Design:

Das Design ist übersichtlich aufgebaut, die gewählte Type ungewöhnlich groß gedruckt.

Lesefluss:

Die Sammlung kann nach Belieben durchblättert werden. Einleitung und Schluss lesen sich gut.

Bildsprache:

Das Buch gleicht einem Ausstellungskatalog. Die Projekte sind vielfach bebildert und lassen einen guten Eindruck vom jeweiligen Konzept entstehen.

Information:

Die thematisch diversen Briefe halten zu unterschiedlichen Bereichen spannende Informationen und Schlagwörter bereit, die einen zum Nachdenken und Nachforschen anregen.

Was sonst noch wichtig wäre:

Der inhaltliche Einstieg zur Relevant von Mischung und Transformation und Mischung ist spannend. Insgesamt ist das Buch jedoch vorrangig eine Projektsammlung. Die Vielzahl an Projekten gibt einen diversen Einblick, leider geht dabei die Möglichkeit zur tiefergehenden Auseinandersetzung mit den Inhalten verloren.

Das Buch gibt es hier bei Jovis.

Noch mehr interessanter Lesestoff: Unsere Buchrezension zu „Deutschland 2050“.

 

Links fließt der Fluss vorbei. Im Zentrum der neu gestaltete Stadtplatz mit verschiedenen grünen Inseln und Mobiliar. Unter anderem Spielgeräte und trichterförmige Schirme
Perspektive des neuen Waageplatzes in Göttingen. credits: QUERFELDEINS Landschaft I Städtebau I Architektur

Der freiraumplanerische Realisierungswettbewerb um den Waageplatz in Göttingen ist entschieden. Welcher Entwurf gewonnen hat und wie dieser aussieht, erfahren Sie hier. 

Realisierungswettbewerb

Der Waageplatz übernimmt in Göttingens Stadtgrundriss eine prominente Postion. Er liegt zwischen der Innenstadt und dem Masch-Straßen-Viertel. Direkt angrenzend fließt der Leinekanal vorbei. Die imposante Fassade des Gebäudes der Staatsanwaltschaft und die Wallanlagen bilden den Rahmen des Ortes. Durch einen Art nicht-offenen freiraumplanerischen Realisierungswettbewerb suchte die Stadt nach einer zukünftigen Vision für den Raum. Die Neugestaltung des Waageplatzes ist dabei auch Teil des Sanierungsgebiets Nördliche Innenstadt. Eine herausfordernde Aufgabe, der sich acht geladene Büros stellten.

QUERFELDEINS überzeugt mit Entwurf für den Waageplatz

Nun wurden die Gewinner*innen gekürt. Das Büro QUERFELDEINS aus Dresden konnte sich vor dem Berliner Büro GM013 Landschaftsarchitektur auf Platz zwei und dem Büro studio polymorph Landschaftsarchitekten, ebenfalls aus Berlin, auf Platz drei durchsetzen. Dabei überzeugten die Planer*innen nicht nur das Preisgericht, sondern auch die Bürger*innen vor Ort. Denn im Vorfeld der Jurysitzung hatte die Bevölkerung die Möglichkeit, alle eingegangenen Entwürfe in anonymisierter Form anzuschauen und der Jury dann schriftliche Kommentare und Hinweise zu hinterlassen. Die Bewertungen flossen in die Entscheidung des Preisgerichts mit ein. QUERFELDEINS überzeugte dabei mit einem Entwurf, der die Aufenthaltsqualität für ein diverses Spektrum an Nutzer*innen ebenso im Blick behält wie eine klimaangepasste Entwicklung des Platzes.

 

Diverse Ansprüche

Die heutige Gestaltung des Waageplatzes war nicht mehr zeitgemäß. In seiner bisherigen Ausformulierung wurde er eher als Durchgangsraum denn als Aufenthaltsort wahrgenommen. Die Stadt wünschte sich deshalb eine mutige Umgestaltung. Stadtbaurat Frithjof Look betont, dass diese mit dem Entwurf von QUERFELDEINS gefunden worden sei: „Es freut mich, dass Querfeldeins die verschiedenen Ansprüche sensibel abgewogen hat und so einen zeitgemäßen, multikodierten und klimaresilienten Stadtplatz mit Spielmöglichkeiten in der engen historischen Innenstadt schafft.“

Der Entwurf konnte durch seine Details und ökologischen Konzepte überzeugen. credits: QUERFELDEINS Landschaft I Städtebau I Architektur
Der Entwurf konnte durch seine Details und ökologischen Konzepte überzeugen. credits: QUERFELDEINS Landschaft I Städtebau I Architektur

Details des Entwurfs

Die Landschaftsarchitekt*innen plädieren für einen grünen und belebten Stadtplatz. Dabei wählen sie eine organische Formensprache, die sich aus den Verkehrsströmen der Passant*innen ergibt. So entstehen verschiedene Bereiche, gleichsam ermöglichen angepasste Wegverbreiterungen ein reibungsloses Passieren. Darüber hinaus gelingt durch das Motiv die Verzahnung zweier Gestaltungsansprüche. Denn zum Einen soll der Waageplatz auch zukünftig als befestigter und bespielbarer Stadtplatz fungieren, auf dem zum Beispiel Feste und Veranstaltungen stattfinden können. Zum Anderen wird er als Pocket-Park eine wichtige Erholungsfunktion übernehmen. Durch die Themensetzung „Feiern und Treffen“, „Spielen und Toben“ und „Grün und Nass“ versucht der Beitrag von QUERFELDEINS diese unterschiedlichen Ansprüche in Einklang zu bringen.

Die Planer*innen sehen ihren Entwurf selbst nicht als klassischen Stadtplatz, sondern als Hybrid an Orten. Der wohlüberlegte Materialkanon lässt dabei einen in sich stimmigen Ort entstehen, der jedoch gleichzeitig mit dem gegenüberliegenden Robert-Gernhardt-Platz in Verbindung tritt.

Besonders ist auch das durchdachte Regenwassermanagment. Über sogenannte Trichterschirme und offene Rinnen wird das anfallende Regenwasser auf dem Platz gesammelt und Richtung Leinekanal geleitet. Die historische Zaunanlage, die den Platz abschirmt, wird an einigen Stellen durch den Austausch von Sockelsteinen porös. So gelangt das Wasser aus den Rinnen auf eine Regentreppe hinter der Zaunanlage. Hier fließt das Wasser über mehrere Stufen und Waagschalen schrittweise zum Kanal. Der Weg des Wassers wird so für die Besucher*innen inszeniert.

Zukünftige Schritte

Grundlegend konnte die Idee die Jury überzeugen. Im weiteren Prozess soll der Entwurf aber noch bezüglich der sehr dominanten Radverkehrsführung und hinsichtlich der vorgesehenen Einbauten in den Leinekanal überarbeitet werden. Weiterhin sprach sich das Preisgericht für mehr Verschattungselemente für den Spielplatz aus. Diese Änderungen können im Rahmen der nun anstehenden weiteren Planungsschritte vorgenommen werden. Voraussichtlich noch bis Ende des Jahres 2023 soll die Beauftragung des siegreichen Planungsbüros erfolgen.

Mehr spannende Wettbewerbsnews: Der Naumburger Dom und sein Umfeld gelten als UNESCO Weltkulturerbe. Dieses Umfeld braucht nun eine würdige Aufwertung. Alles zu dem Realisierungswettbewerb hier.