MCBW-Talk: Kein Blabla! Über kreative Stadtentwicklung

Die Gesprächsrunde fand im „Komitee“ statt, eine Kneipe in der Münchner Maxvorstadt. Foto: Baumeister / Jessica Mankel
Foto: Baumeister / Jessica Mankel

Am 20. Mai veranstalteten unsere Kolleg*innen von Baumeister gemeinsam mit dem jungen Architektennetzwerk NXT A einen Talk über kreative Stadtentwicklung. Die Gesprächspartner Tina Zoch von der Münchner Gesellschaft für Stadterneuerung mbH (MGS) sowie Alexander Deubl und Konstantin Landuris, beide freischaffende Künstler und Mitgründer des Kollektivs Studio+, diskutierten über Leerstand, Zwischennutzung, hohe Mieten und komplizierte Fördertöpfe.

Bei „Beer & Architecture“ Talk-Thema vertiefen

Vom 14. bis 22. Mai fand die Munich Creative Business Week (MCBW) unter dem Motto „Moving Horizons“ in München statt. Die MCBW richtet sich an Designer*innen und Designinteressierte und ist zugleich eine Plattform der bayerischen Kreativwirtschaft. An neun Tagen konnte man in der Münchner Maxvorstadt zahlreiche Ausstellungen, Vorträge, Gesprächsrunden und Diskussionen besuchen.

Der Baumeister und das junge Architektennetzwerk NXT A luden als Partner der MCBW zu dem Talk „Kein Blabla! Über kreative Stadtentwicklung“ am Freitagnachmittag, den 20. Mai, ein. Im Anschluss gab es bei „Beer & Architecture“ Gelegenheit, das Talk-Thema zu vertiefen oder einfach Kontakte zu knüpfen. Kulisse der Veranstaltung war das „Komitee“, eine entspannte, zur späten Stunde auch laute Kneipe in der Maxvorstadt.

Let’s Talk: Unsere Kolleg*innen von Baumeister lud im Rahmen der MCBW zu einem Talk über kreative Stadtentwicklung und Zwischennutzung ein. Foto: Baumeister / Jessica Mankel
Let’s Talk: Unsere Kolleg*innen von Baumeister lud im Rahmen der MCBW zu einem Talk über kreative Stadtentwicklung und Zwischennutzung ein. Foto: Baumeister / Jessica Mankel

Dem Trading-Down-Effekt mit kreativer Stadtentwicklung entgegenwirken

Eine gute Stunde unterhielt sich unsere Kollegin Magdalena Schmidkunz mit Tina Zoch, Alexander Deubl und Konstantin Landuris über kreative beziehungsweise kulturelle Stadtentwicklung in München. Tina Zoch ist Projektleiterin bei der Münchner Gesellschaft für Stadterneuerung mbH (MGS), ein kommunales Unternehmen der Landeshauptstadt München, das im Bereich Stadtteilentwicklung tätig ist. Ein Projekt, das Tina Zoch unter anderem betreut, befindet sich im Münchner Osten, in Berg am Laim – einem Stadtteil, wo viele Läden schließen und sie Leerstände, Wettbüros oder Nagelstudios zurücklassen. Um dem Trading-Down-Effekt in Berg am Laim entgegenzuwirken, rief Tina Zoch und ihr Team das Projekt BAAAL ins Leben.

„Unfertige“ Viertel bieten mehr Platz für kreative Stadtentwicklung

BAAAL möchte Leerstände an Gewerbetreibende, Kreativschaffende und andere Engagierte für Zwischen- und Mehrfachnutzungen vermitteln. Das Ziel: das Stadtteilzentrum aufwerten und die Nutzungsdichte im Stadtteil erhöhen. Im Februar dieses Jahres startete BAAAL. Das erste Resümee? Es bleibt spannend. Laut Tina Zoch sind es dicke Bretter, die gebohrt werden müssen. Die Arbeit bestehe hauptsächlich darin, die Menschen vor Ort mitzunehmen und Vertrauen aufzubauen. Sie zeigen sich gegenüber kreativen Zwischen- und Mehrfachnutzungen oft skeptisch. Konzepte zu schreiben oder Kreative zu finden, die Lust auf die Bespielung von Räumen haben, stellen hingegen weniger ein Problem dar – auch wenn die meisten Künstler innerstädtische Quartiere erst einmal gegenüber dem Stadtteil Berg am Laim bevorzugen. In diesem Fall versucht Tina Zoch zu vermitteln: „In einem Viertel, das noch nicht ‚fertig‘ ist, kann man sich vielleicht besser ausleben und viel, viel mehr gestalten“, so Tina Zoch.

Die Gesprächsrunde fand im „Komitee“ statt, eine Kneipe in der Münchner Maxvorstadt. Foto: Baumeister / Jessica Mankel
Die Gesprächsrunde fand im „Komitee“ statt, eine Kneipe in der Münchner Maxvorstadt. Foto: Baumeister / Jessica Mankel

Super+ mietet knapp 200 Ateliers in München

Zwischen der Arbeit von Tina Zoch und der von Alexander Deubl und Konstantin Landuris gibt es einige Parallelen: Auch Alexander Deubl und Konstantin Landuris leiten Zwischennutzungsprojekte in München. Sie gründeten gemeinsam mit Christian Muscheid im Jahr 2012 das Kollektiv Super+. Ihr erstes Projekt war eine leerstehende Tankstelle aus den 60er-Jahren, die Super+ ein Jahr lang mit Vernissagen, Modeschauen und Installationen bespielte. Kurz darauf mietete das Kollektiv sieben Ateliers zur Zwischennutzung in der Frauenhoferstraße. Nach einem Jahr mussten die Künstler allerdings die Räumlichkeiten verlassen. Seitdem vergrößerten sich die Zwischennutzungsprojekte nach und nach. Heute sind es knapp 200 Ateliers in der Landeshauptstadt, die Super+ mietet und verwaltet. Damit ist Super+ einer der größten Atelierbetreiber Münchens. Die Häuser befinden sich am Schwabinger Tor (@TROPICA und @schwabingertor), im Gesundheitshaus an der Dachauerstraße (@KUNSTLABOR 2) und in Moosach (@MichaelUnholzer).

Mit den vielen Projekten schuf sich Super+ einen Namen in München und Vertrauen bei privaten Eigentümern. „Inzwischen kennen uns manche Leute und fragen uns, ob wir nicht eine Zwischennutzung in Gebäude X planen möchten“, so Konstantin Landuris, ein Gründer von Super+ und freischaffender Innenarchitekt. Das ist jedoch nicht die Regel. Zu den meisten Immobilien gelangte Super+ auf „herkömmliche“ Weise. Die alte Trachtenfabrik in Moosach, das Atelierhaus @MichaelUnholzer, fanden die drei zum Beispiel über die Plattform ImmoScout.

Zwei der Gesprächspartner waren Tina Zoch (MGS) und Konstantin Landuris (Super+). Foto: Baumeister / Jessica Mankel
Zwei der Gesprächspartner waren Tina Zoch (MGS) und Konstantin Landuris (Super+). Foto: Baumeister / Jessica Mankel

„Gebäude stehen lieber leer, bevor man sie vermietet“

Grundsätzlich sei es nicht einfach, Eigentümer von einer Zwischennutzung zu überzeugen, berichten Konstantin Landuris und Alexander Deubl. Meist haben Eigentümer Angst, dass genutzte Immobilien beim Verkauf zu Problemen führen; dass Kreativschaffende Räume beschädigen oder sich am Ende weigern, aus den Häusern zu ziehen.

Eine Lösung wäre, dass die Stadt leerstehende Räume selbst mietet und sie an Kreativschaffende und Gewerbetreibende untervermietet. Denn der Stadt oder einem städtischen Unternehmen wie der MGS vertrauen Eigentümer vielleicht eher als einem Zusammenschluss an Künstlern. Doch der MGS fehle hier leider der Spielraum, bedauert Tina Zoch. Und so bleiben Gebäude lieber leer stehen, bevor man sie vermietet.

„In der direkten Nachbarschaft ist man erstmal nicht so happy“

Eine absurde Realität: In einer Stadt wie München, in die jedes Jahr um die tausend Menschen ziehen und weitere tausend auf der Straße leben, stehen Gebäude leer. Die Frage, ob MGS als städtisches Unternehmen auf mehr Daten zurückgreifen kann, um Leerstände zu identifizieren und sie gegebenenfalls an Künstler zu vermitteln, verneint Tina Zoch. MGS könne Eigentümernamen abfragen, jedoch seien dort keine Kontaktdaten hinterlegt. Auch wisse die Stadt München nicht, welche Gebäude leer stehen. „Die Stadt versucht gerade, ein Leerstandskataster aufzubauen. Allerdings kann so ein Kataster nie die Gleichzeitigkeit in einem Stadtgebiet abbilden. Innerhalb weniger Tage können sich die Nutzungen verändern“, so Tina Zoch.

Doch auch wenn die Stadt wissen würde, wo sich die Leerstände befinden, und Eigentümer einer kreativen Nutzung gegenüber aufgeschlossen wären, dauert es, bis die Atelierhäuser von den Menschen vor Ort angenommen werden. „In der direkten Nachbarschaft ist man erstmal nicht so happy, weil man sich zum Beispiel von abendlichen Arbeiten und Feiern belästigt fühlt“, erzählt Alexander Deubl. Bei der Trachtenfabrik in Moosach nutzen inzwischen aber auch viele Moosacher die Ateliers und die Bäckerin von gegenüber kennt die Künstler als Stammgäste. Eine starke Vernetzung der Atelierhäuser mit den Stadtteilen finde aber eher weniger statt, so Konstantin Landuris. Das liegt auch daran, dass die Atelierhäuser nicht immer ein Café besitzen oder viele Events veranstalten.

Dritter Gesprächspartner war Alexander Deubl von Super+. Foto: Baumeister / Jessica Mankel
Dritter Gesprächspartner war Alexander Deubl von Super+. Foto: Baumeister / Jessica Mankel

Wie können Akteure der kreativen Stadtentwicklung diverser werden?

Auch Tina Zoch berichtet, dass man oft seine „Bubble hinter sich herziehe“ und es oft schwierig sei, Menschen vor Ort für wirklich neue Ansätze zu begeistern. „Ich habe wirklich das Gefühl, es funktioniert nur über den persönlichen Kontakt. Man muss die Leute richtig gut kennenlernen, damit sie bei Projekten mitmachen. Das ist sehr zeitaufwendig“, so Tina Zoch. Und trotzdem ist die Arbeit wichtig. Denn Räume oder Förderungen für kreative Nutzungen werden oft „immer an dieselben“ vergeben. Hier stellt sich die Frage: Wie können Akteure der (kreativen) Stadtentwicklung diverser werden?

„Besonders viel Spaß macht es, wenn man sieht, welche Perlen entstehen“

Die Stadt München startet derzeit unter Federführung des Kompetenzteams Kultur- und Kreativwirtschaft ein Pilotprojekt mit dem Namen „Munich Creative Heart Beat“ durch. Das Projekt beschränkt sich auf das Gebiet innerhalb des Altstadtrings und soll neue Vergabe- und Förderverfahren für Zwischennutzungen testen und so auch ganz neue Akteure ansprechen. Auch sollen Künstler Umbauförderung oder individuelle Projektkosten leichter erhalten. Denn aktuell verhindern strenge Förderungsvorgaben teils die Unterstützung von Kreativschaffenden. Zum Beispiel greife die Atelierförderung der Stadt München nicht, wenn der Quadratmeterpreis zu hoch oder die Dauer des Mietvertrags – oft sind Zwischennutzungsprojekte auf ein Jahr beschränkt – zu kurz sind, berichten Alexander Deubl und Konstantin Landuris. Was helfen würde, wäre ein Fördertopf, der – mehr nach Gießkannenprinzip – Künstlern schnelle Unterstützung bietet.

Förderungen organisieren, Mietverträge unterschreiben, mit Eigentümern und Nachbarn diskutieren … Die Arbeit von Tina Zoch, Alexander Deubl und Konstantin Landuris klingt auf dem ersten Blick nicht nach kreativer Entfaltung. Ein Großteil ihrer Arbeit besteht im Organisieren und Verwalten. Ist die kreative Stadtentwicklung überhaupt kreativ? „Jedes Stadtteil braucht eine eigene Strategie und individuelle Lösungen. Stadtteile lassen sich nicht am Reißbrett entwickeln. Aber genau das macht die Arbeit spannend und kreativ“, findet Tina Zoch. Auch Alexander Deubl empfindet die Arbeit als sehr kreativ. Besonders viel Spaß mache es, wenn man sieht, welche „Perlen“ entstehen.

Ebenfalls relevant für Stadtentwicklung: die Mobilität der Zukunft. Diesem Thema widmen wir dieses Jahr drei ganze Ausgaben. Worum es in der dritten und finalen Ausgabe geht, erfahren Sie im Editorial. Das Hefte der Serie zu Stadtmobilität erhalten Sie in unserem Shop.

 

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Postkoloniale Stadtplanung in Accra – Raumgerechtigkeit und Enteignung neu gedacht

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Wer Accra nur als bunte Metropole voller Märkte, Küstenwind und improvisierter Urbanität kennt, hat die eigentliche Bühne postkolonialer Stadtplanung noch nicht betreten. Hier, wo Enteignung nicht nur Geschichte, sondern bis heute gelebte Gegenwart ist, wird Raumgerechtigkeit zum Prüfstein einer neuen urbanen Ethik. Was bedeutet Planung, wenn koloniale Spuren tief im Stoff der Stadt liegen? Wie können Planer, Architekten und Stadtverwaltungen in Accra eine gerechtere Zukunft gestalten – und was lernen wir daraus für die Debatten um Eigentum, Teilhabe und städtischen Wandel in Deutschland, Österreich und der Schweiz?

  • Einführung in die postkoloniale Stadtplanung in Accra und ihre Bedeutung für Raumgerechtigkeit.
  • Historische Perspektive auf Enteignung, Urbanisierung und koloniale Machtverhältnisse in Ghanas Hauptstadt.
  • Erklärung zentraler Konzepte wie Raumgerechtigkeit, Urban Commons und partizipative Planung.
  • Analyse aktueller stadtplanerischer Herausforderungen: informelle Siedlungen, Bodenpolitik und soziale Segregation.
  • Konkrete Fallstudien und Projekte, die neue Ansätze in der Enteignung und Flächenvergabe zeigen.
  • Vergleich der Entwicklungen in Accra mit den Debatten um Gerechtigkeit und Enteignung in deutschen Städten.
  • Kritische Reflexion über Macht, Beteiligung und die Rolle von Planern in postkolonialen Kontexten.
  • Strategien für nachhaltige, faire Stadtentwicklung: Von partizipativer Planung über Community Land Trusts bis zu digitaler Kartierung.
  • Ethische und politische Herausforderungen sowie Chancen für transnationale Lernprozesse.
  • Abschließende Bewertung und Ausblick: Was bedeutet eine postkoloniale Perspektive für die Zukunft der Stadtplanung?

Postkoloniale Stadtplanung in Accra: Geschichte, Gegenwart und die Suche nach Gerechtigkeit

Accra, die Hauptstadt Ghanas, steht exemplarisch für die Herausforderungen und Potenziale postkolonialer Stadtplanung im globalen Süden. Mit ihren rund fünf Millionen Einwohnern, einer explosiven Urbanisierungsrate und einer tief verwurzelten kolonialen Vergangenheit ist Accra ein urbanes Labor, das Planer und Theoretiker weltweit fasziniert. Die Stadt wurde im Zuge britischer Kolonialherrschaft gezielt fragmentiert: Europäische Siedlungen, indigene Viertel, Märkte und Regierungsareale entstanden nebeneinander, jedoch selten miteinander. Diese räumliche Ordnung war kein Zufall, sondern Teil einer Herrschaftsstrategie, die bis heute nachwirkt.

Die Geschichte der Enteignung in Accra ist eng mit der britischen Landpolitik verknüpft. Unter kolonialer Verwaltung wurden große Flächen zwangsweise von lokalen Gemeinschaften enteignet, um Infrastrukturprojekte, Verwaltungssitze und europäische Wohnviertel zu ermöglichen. Die Folgen dieser Politik sind bis heute sichtbar: Ungleichheiten beim Zugang zu Land, informelle Siedlungen an den Rändern der Stadt und eine ständige Unsicherheit über Eigentumsrechte prägen das Stadtbild. Wer in Accra plant, muss diese historischen Brüche verstehen, um zukunftsfähige Lösungen zu entwickeln.

Doch was bedeutet das für professionelle Planer aus Europa? Die Debatte um Raumgerechtigkeit – also die faire Verteilung und Gestaltung von städtischem Raum – wird in Accra nicht akademisch geführt, sondern täglich ausgehandelt. Informelle Siedlungen wie Old Fadama stehen im Zentrum eines permanenten Konflikts zwischen staatlichen Interessen, privaten Investoren und den Bedürfnissen der Bewohner. Enteignung ist hier kein Relikt, sondern ein Werkzeug der Stadtentwicklung, das immer wieder neue Kontroversen auslöst.

In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich eine neue Generation ghanaischer Stadtplaner herausgebildet, die postkoloniale Perspektiven explizit in ihre Arbeit integriert. Sie hinterfragen traditionelle Eigentumsmodelle, setzen auf partizipative Verfahren und versuchen, lokale Wissenssysteme in die Planung einzubeziehen. Dabei geraten sie oft zwischen die Fronten: Einerseits fordern internationale Geldgeber moderne Infrastrukturprojekte und eine „Ordnung“ der Stadt, andererseits wehren sich lokale Gemeinschaften gegen weitere Enteignungen und Vertreibungen.

Diese Gemengelage macht Accra zu einem einzigartigen Referenzfall für die internationale Diskussion um gerechte Stadtplanung. Die Frage, wie koloniale Altlasten überwunden und neue Formen städtischer Teilhabe geschaffen werden können, ist nicht nur für Ghana relevant. Auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern, in denen Enteignung und Flächengerechtigkeit wieder heiß diskutiert werden, lohnt sich der Blick auf Accra und seine postkolonialen Stadtplaner.

Raumgerechtigkeit und Urban Commons: Theoretische Konzepte und lokale Praktiken

Raumgerechtigkeit ist weit mehr als die gleichmäßige Verteilung von Quadratmetern. Sie beschreibt die Fähigkeit aller Stadtbewohner, unabhängig von Herkunft, Einkommen oder Status, Zugang zu Infrastruktur, öffentlichem Raum und Entscheidungsmacht zu erlangen. In Accra ist dieses Ideal eine tägliche Herausforderung. Informelle Siedlungen wachsen rasant, oft ohne grundlegende Versorgung und ohne rechtliche Sicherheit. Die klassischen Werkzeuge der europäischen Stadtplanung – etwa Flächennutzungspläne, Bodenrichtwerte, Enteignungsrecht – greifen in diesem Kontext meist ins Leere oder erzeugen neue Ungleichheiten.

Die Diskussion um Urban Commons, also gemeinschaftlich genutzte Ressourcen wie öffentliche Plätze, Wasserstellen oder Märkte, hat in Accra eine besondere Brisanz. Während der Kolonialzeit wurde gemeinschaftlicher Besitz systematisch aufgelöst oder privatisiert. Heute kämpfen viele Communities darum, verloren gegangene Rechte zurückzuerlangen oder neue Modelle kollektiven Eigentums zu etablieren. Community Land Trusts, in denen Land gemeinschaftlich verwaltet und vor Spekulation geschützt wird, gewinnen an Bedeutung. Sie bieten einen Gegenentwurf zur Logik des Marktes und der staatlichen Kontrolle.

Partizipative Planung ist in diesem Umfeld kein Luxus, sondern Überlebensstrategie. Projekte wie die partizipative Umgestaltung von Nima, einem der ältesten Viertel Accras, zeigen, wie lokale Akteure, NGOs und Planer gemeinsam Lösungen erarbeiten. Hier werden nicht nur Pläne gezeichnet, sondern auch soziale Netzwerke gestärkt, Wissen geteilt und neue Formen des Miteigentums erprobt. Transparenz und Inklusion sind zentrale Prinzipien – auch als Antwort auf das Misstrauen gegenüber staatlichen Enteignungsmaßnahmen.

Allerdings ist partizipative Planung kein Allheilmittel. Sie stößt schnell an Grenzen, wenn Machtasymmetrien bestehen oder politische Interessen dominieren. In Accra zeigt sich, dass erfolgreiche Projekte oft von der Fähigkeit abhängen, verschiedene Akteursgruppen zu moderieren und Konflikte produktiv zu machen. Das erfordert Fingerspitzengefühl, Geduld und ein tiefes Verständnis der lokalen Dynamiken. Europäische Planer können hier viel lernen – etwa, dass Planung immer auch ein Aushandlungsprozess ist, in dem soziale Gerechtigkeit und städtische Entwicklung Hand in Hand gehen sollten.

Die theoretische Debatte um Raumgerechtigkeit, Enteignung und Urban Commons ist in Accra keine akademische Übung, sondern urbaner Alltag. Wer hier plant, muss nicht nur das Regelwerk kennen, sondern auch den Mut haben, neue Wege zu gehen. Dabei entstehen Innovationen, die auch für die postkoloniale Stadtplanung in Mitteleuropa von Bedeutung sein können – etwa die Kombination aus kollektiven Landfonds, digitalen Kartierungswerkzeugen und sozialer Mobilisierung.

Enteignung in Accra: Zwischen Zwang, Innovation und neuer Teilhabe

Enteignung ist in Accra ein hochumstrittenes Instrument, das im Spannungsfeld zwischen öffentlichem Interesse, privatem Profit und dem Schutz vulnerabler Gruppen steht. Während die Stadtverwaltung argumentiert, dass Enteignungen notwendig sind, um Straßen, Märkte oder Wohnraum zu schaffen, erleben viele Bewohner sie als Fortsetzung kolonialer Willkür. Besonders betroffen sind informelle Siedlungen, die auf staatlichem Land errichtet wurden, aber oft seit Jahrzehnten bestehen und komplexe soziale Gefüge aufweisen.

Ein besonders aufschlussreiches Beispiel ist der Fall Old Fadama. Hier leben zehntausende Menschen in einer der größten informellen Siedlungen Westafrikas – auf Land, das offiziell dem Staat gehört. Immer wieder gab es Räumungsdrohungen, angeblich im Namen der „Stadtentwicklung“. Doch Widerstand und internationale Aufmerksamkeit führten dazu, dass Enteignung und Umsiedlung neu verhandelt wurden. Heute setzen NGOs und lokale Gruppen auf partizipative Ansätze: Statt Zwangsumsiedlungen werden Infrastrukturverbesserungen, rechtliche Beratung und kollektive Landrechte gefördert.

Innovative Projekte wie die „Accra Urban Land Assembly“ versuchen, neue Modelle der Landvergabe zu etablieren. Hier werden Flächen an Kollektive vergeben, die sich verpflichten, sozialen Wohnraum oder öffentliche Infrastruktur zu schaffen. Damit verschiebt sich der Fokus von individueller Enteignung hin zu gemeinschaftlichem Nutzen. Diese Ansätze sind nicht konfliktfrei, doch sie zeigen, dass Stadtentwicklung auch ohne massenhaften Landverlust für die Schwächsten möglich ist.

Ein weiteres zentrales Thema ist die Digitalisierung der Bodenpolitik. Digitale Kataster und partizipative Mapping-Plattformen können dazu beitragen, Landansprüche transparent zu machen und Enteignungsprozesse nachvollziehbar zu gestalten. Dabei entstehen neue Schnittstellen zwischen staatlicher Planung, zivilgesellschaftlichem Engagement und technischer Innovation. Die Frage ist jedoch, wie weit diese Instrumente wirklich zur Gerechtigkeit beitragen – oder ob sie nicht doch wieder bestehende Machtverhältnisse zementieren.

Die Diskussion um Enteignung in Accra macht deutlich, dass herkömmliche Planungsinstrumente an ihre Grenzen stoßen. Gefragt sind hybride Modelle, die staatliche Steuerung, kollektive Teilhabe und technologische Innovation verbinden. Für Planer in Europa eröffnet sich hier ein Spannungsfeld: Wo kann man von Accra lernen – und wo sind die Unterschiede so groß, dass eine direkte Übertragung unmöglich ist? Klar ist: Die Debatte um Enteignung muss neu geführt werden – mit Blick auf Raumgerechtigkeit, Teilhabe und die besonderen Herausforderungen postkolonialer Städte.

Vergleich und Ausblick: Was kann Europa von Accra lernen – und umgekehrt?

Die postkoloniale Stadtplanung in Accra liefert wertvolle Impulse für die Debatten um Raumgerechtigkeit, Enteignung und Partizipation in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Während in Mitteleuropa die Enteignung meist als letztes Mittel zur Durchsetzung von Infrastrukturprojekten betrachtet wird, steht sie in Accra im Zentrum eines vielschichtigen Aushandlungsprozesses. Hier wird deutlich, dass Gerechtigkeit nicht allein durch rechtliche Verfahren, sondern durch kontinuierliche Moderation sozialer Konflikte entsteht.

Ein wichtiger Unterschied liegt in der Rolle des Staates. Während in Europa die öffentliche Hand als Garant von Ausgleich und Gerechtigkeit gilt, wird sie in Accra oft als Akteur wahrgenommen, der alte Machtstrukturen fortschreibt. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, Planungsprozesse offener, partizipativer und transparenter zu gestalten. Die Erfahrungen mit Community Land Trusts, kollektiven Eigentumsmodellen und digitaler Kartierung zeigen, dass neue Wege möglich sind – auch jenseits klassischer Enteignungsverfahren.

Für europäische Planer stellt sich die Frage, wie postkoloniale Perspektiven in die eigene Praxis integriert werden können. Das beginnt mit einer kritischen Reflexion über die eigene Geschichte – etwa über koloniale Spuren in deutschen Städten – und reicht bis zur Entwicklung neuer Instrumente für gerechtere Stadtentwicklung. Die Debatte um Rückgabe kolonialer Kunstwerke, um Entschädigungen und um die Sichtbarkeit marginalisierter Gruppen ist dabei nur ein Anfang. Wesentlich ist, dass Planung als Prozess verstanden wird, der immer auch von Macht, Konflikt und Aushandlung geprägt ist.

Umgekehrt kann Accra von europäischen Erfahrungen profitieren – etwa beim Aufbau von Infrastruktur, bei der Sicherung von Grundrechten oder bei der Entwicklung nachhaltiger Mobilitätskonzepte. Entscheidend ist jedoch, dass solche Impulse nicht als „Exportmodell“ verstanden werden. Vielmehr braucht es einen Dialog auf Augenhöhe, der lokale Kontexte respektiert und Zusammenarbeit auf Augenhöhe ermöglicht. Nur so entstehen Lösungen, die sowohl nachhaltig als auch gerecht sind.

Letztlich ist die postkoloniale Perspektive keine Nische, sondern ein notwendiger Korrektiv für die Planung im 21. Jahrhundert. Sie zwingt dazu, alte Gewissheiten zu hinterfragen, neue Bündnisse zu schmieden und mutig zu experimentieren. Accra zeigt, dass Urbanismus nie abgeschlossen ist – und dass Raumgerechtigkeit ein Ziel bleibt, für das es sich zu kämpfen lohnt. Für Planer, Architekten und Stadtverwaltungen in Europa liegt darin eine Chance: die eigenen Instrumente zu schärfen, ihre Grenzen zu erkennen – und von den Erfahrungen anderer Städte zu lernen.

Fazit: Raumgerechtigkeit als Kompass postkolonialer Stadtplanung

Die Stadtplanung in Accra steht stellvertretend für die Herausforderungen und Potenziale postkolonialer Urbanität. Zwischen kolonialen Altlasten, informellen Siedlungen und neuen Modellen kollektiven Eigentums wird hier täglich um Raumgerechtigkeit gerungen. Enteignung ist dabei nicht nur ein juristisches Werkzeug, sondern ein politisches und soziales Konfliktfeld – ein Spiegel globaler Ungleichheiten, aber auch ein Labor für innovative Lösungen.

Partizipative Ansätze, Community Land Trusts und digitale Plattformen zeigen, dass gerechte Stadtentwicklung möglich ist – wenn Planer bereit sind, alte Muster zu verlassen und neue Allianzen zu suchen. Die Erfahrungen aus Accra machen deutlich, dass Planung immer auch Moderation, Vermittlung und Empowerment ist. Wer Gerechtigkeit will, muss zuhören, vermitteln und bereit sein, Macht zu teilen.

Für die deutschsprachige Planungsdebatte bietet Accra ein wertvolles Korrektiv: Die Frage, wem die Stadt gehört, ist niemals endgültig geklärt. Sie wird täglich neu verhandelt – durch Planer, Bewohner, Behörden und zivilgesellschaftliche Akteure. Die postkoloniale Perspektive hilft, blinde Flecken zu erkennen und neue Wege zu gehen.

Stadtplanung ist nie neutral, sondern immer politisch. In Accra wird dies mit besonderer Schärfe deutlich – und damit auch die Verantwortung von Planern, Architekten und Verwaltungen, sich für eine gerechtere Stadt einzusetzen. Wer dies anerkennt, kann nicht nur in Afrika, sondern auch in Europa bessere Städte gestalten.

Accra zeigt: Raumgerechtigkeit ist kein ferner Idealzustand, sondern ein alltäglicher Kampf – und eine Einladung, Stadtplanung als Prozess der ständigen Erneuerung zu begreifen. Postkoloniale Perspektiven sind dabei kein exotischer Luxus, sondern ein Kompass für die Zukunft unserer Städte. Und vielleicht ist das die wichtigste Lektion: Stadt gehört allen – wenn wir es wollen.

Das Eisfjordzentrum bietet Schutz vor der arktischen Wildnis.

Das Eisfjordzentrum bietet Schutz vor der arktischen Wildnis. Foto: Adam Mørk

In der Stadt Ilulissat in Grönland hat seit Kurzem ein Eisfjord-Informationszentrum seine Tore geöffnet. Entworfen hat es die dänische Architektin Dorte Mandrup. Ganz am Rand der Unesco-geschützten arktischen Wildnis zelebriert die Architektur den weiten Blick über den Fjord mit einem transparenten, geschwungenen Baukörper. Doch muss man ein Gebäude am Rande der „unberührten Natur“ bauen, um auf die dramatischen Folgen des Klimawandels hinzuweisen?

 

 

Der spektakuläre Ilulissat-Eisfjord liegt direkt vor der Stadt gleichen Namens an der Westküste Grönlands, etwa 250 Kilometer nördlich des Polarkreises. Nun hat dort, ganz am Rand der Unesco-geschützten arktischen Wildnis ein Informations- und Gemeindezentrum eröffnet. Die Architektur zelebriert den weiten Blick über den Fjord mit einem transparenten, geschwungenen Baukörper.

Der Eisfjord gehört zu den „Big Arctic Five“, den touristisch vermarkteten Höhepunkten eines jeden Grönlandsurlaubs. Das sind neben der Kultur der Inuit, neben Hundeschlitten, Nordlichtern und Walen eben Schnee und Eis. Einerseits soll das Informationszentrum Tourist*innen anlocken und mit Ausstellungen über den Klimawandel informieren. Andererseits soll den Einheimischen als Veranstaltungsort dienen. Außerdem soll es Klimaforscher*innen rund um das Jahr offenstehen.

 

 

Grönland hat die Einnahmen aus dem Tourismus bitter nötig. Denn es herrscht viel Armut – Alkoholsucht und Depressionen sind häufig, hohe Suizidraten eine der größten Sorgen des Landes. Gründe dafür gibt es viele, darunter Schlafstörungen, ausgelöst durch den ununterbrochenen Sonnenschein, vor allem aber das Aufeinanderprallen der traditionellen Kultur mit der modernen westlichen Lebensweise. 88 Prozent der grönländischen Bevölkerung sind heute Inuit oder dänisch-inuit-gemischter Herkunft, man spricht grönländisch und dänisch. Zudem ist es mühsam, von einer Stadt in die andere zu gelangen. Landstraßen gibt es nicht, man reist per Flugzeug, Hubschrauber, Schneemobil oder Hundeschlitten. Bis heute gilt das Boot immer noch als populärstes Transportmittel.

 

Eingriff in Grönlands Natur?

 

Doch muss man ein Gebäude am Rande der Wildnis bauen, um auf die dramatischen Folgen des Klimawandels hinzuweisen? Warum gerade hier, am Rand der „unberührten Natur“ von Grönland bauen? Mit den Mehreinnahmen für die Stadt Ilulissat ist die Frage schnell beantwortet. Dorte Mandrup selbst sagt, ihr Entwurf sollte vor allem leicht wirken – wie der „Flügel einer Schnee-Eule“. Das Gebäude ruht auf Stützen, es wirkt wie vorübergehend abgestellt und scheint über dem zerklüfteten Terrain fast zu schweben. Die Flügelform rahmt einerseits den Ausblick auf den Fjord, schirmt aber andererseits auch Schnee und den eisigen Wind ab. „Das Eisfjordzentrum bietet Schutz in dieser dramatischen Landschaft und soll einen natürlichen Anlaufpunkt bilden, von dem aus man die endlosen, menschenfeindlichen Dimensionen der arktischen Wildnis, die Mitternachtssonne und das Nordlicht erleben kann“, erklärt Dorte Mandrup. Das Tragwerk besteht aus einer geschwungenen Reihe von 52 dreieckigen Stahlrahmen, die Verwendung von Beton hat sie minimiert.

 

 

Hauptattraktion des Gebäudes aber ist sein Dach, denn es ist begehbar, ist direkt an einen Wanderweg auf dem Terrain angeschlossen und führt diesen weiter. Von hier aus lassen sich nicht nur die beeindruckenden Eisberge in der Bucht, sondern auch die Stadt zu überblicken. So bildet diese öffentliche Institution eine Art Schwelle zwischen Zivilisation und Wildnis.

Die Räume des Zentrums sollen Bewohner*innen und Besucher*innen das ganze Jahr offenstehen, sie können aber auch von Unternehmen und Politiker*innen für Veranstaltungen genutzt werden. Hauptanziehungspunkt hier ist die Ausstellung mit drei zentralen Themen: „Der Lebenszyklus des Eises“, „Das Leben am Eisfjord“ und „Klimaveränderungen“. Sie wird gefördert von der dänischen philantropischen Gesellschaft Realdania sowie der Regierung von Grönland und zeigt, wie die verschiedenen Inuitkulturen unter diesen harschen Bedingungen gelebt haben und wie sich der Klimawandel vor Ort in der arktischen Landschaft auswirkt. So sind zum Beispiel Eisbohrkerne zu besichtigen, von denen sich das Klima von 124 000 Jahren vor Christus bis heute ablesen lässt.

 

Einblicke in die grönländische Kultur

 

Die Ausstellung beschäftigt sich auch mit der Kulturgeschichte der Einwohner*innen. Wie Historiker*innen nachweisen konnten, kamen die ersten Menschen um etwa 2 500 v. Chr. nach Grönland. So gibt es im Kinosaal Filme über die lange Kulturgeschichte zu sehen, dazu auch Interviews mit den Bewohner*innen Ilulissats, die über ihr alltägliches Leben sprechen und wie sie mit den Klimaveränderungen umgehen. Das Gebäude verfügt darüber hinaus über ein Café, einen Laden sowie Forschungs- und Seminarräume. In den Ausstellungsräumen kann man sich übrigens rundum auch auf Bänken ausruhen und mit Hilfe von Virtual-Reality-Brillen eine Reise zur grönländischen Forschungsstation EGRIP unternehmen.

 

 

Nicht zuletzt soll dieser Ort der Gemeinde als Festsaal dienen. So wird zum Beispiel traditionell gefeiert, wenn im Januar nach sechs Wochen Dunkelheit die Sonne auf- und dann 40 Minuten später auch gleich wieder untergeht. Dieser Anblick lässt sich auch von den Sitzplätzen auf einer der offenen Terrassen jeweils am Ende des Gebäudes genießen. Und auch sonst spüren Besucher den Einfluss lokaler Gepflogenheiten; so sollten sie nicht überrascht sein, wenn sie am Eingang gebeten werden, die Schuhe auszuziehen. Auch das basiert auf einer alten Tradition in Grönland und stärkt angeblich auch das sinnliche Erlebnis der Ausstellung.

Das Eisfjord-Center wurde im Juli 2021 eröffnet.

Im Hafen von Rotterdam entsteht eine neue architektonische Ikone. Erfahren Sie hier mehr über das de Wheel Projekt!