02.07.2022

Event

MCBW-Talk: Kein Blabla! Über kreative Stadtentwicklung

von Redaktion G+L
Die Gesprächsrunde fand im „Komitee“ statt, eine Kneipe in der Münchner Maxvorstadt. Foto: Baumeister / Jessica Mankel
Foto: Baumeister / Jessica Mankel

Am 20. Mai veranstalteten unsere Kolleg*innen von Baumeister gemeinsam mit dem jungen Architektennetzwerk NXT A einen Talk über kreative Stadtentwicklung. Die Gesprächspartner Tina Zoch von der Münchner Gesellschaft für Stadterneuerung mbH (MGS) sowie Alexander Deubl und Konstantin Landuris, beide freischaffende Künstler und Mitgründer des Kollektivs Studio+, diskutierten über Leerstand, Zwischennutzung, hohe Mieten und komplizierte Fördertöpfe.

Bei „Beer & Architecture“ Talk-Thema vertiefen

Vom 14. bis 22. Mai fand die Munich Creative Business Week (MCBW) unter dem Motto „Moving Horizons“ in München statt. Die MCBW richtet sich an Designer*innen und Designinteressierte und ist zugleich eine Plattform der bayerischen Kreativwirtschaft. An neun Tagen konnte man in der Münchner Maxvorstadt zahlreiche Ausstellungen, Vorträge, Gesprächsrunden und Diskussionen besuchen.

Der Baumeister und das junge Architektennetzwerk NXT A luden als Partner der MCBW zu dem Talk „Kein Blabla! Über kreative Stadtentwicklung“ am Freitagnachmittag, den 20. Mai, ein. Im Anschluss gab es bei „Beer & Architecture“ Gelegenheit, das Talk-Thema zu vertiefen oder einfach Kontakte zu knüpfen. Kulisse der Veranstaltung war das „Komitee“, eine entspannte, zur späten Stunde auch laute Kneipe in der Maxvorstadt.

Let’s Talk: Baumeister lud im Rahmen der MCBW zu einem Talk über kreative Stadtentwicklung und Zwischennutzung ein. Foto: Baumeister / Jessica Mankel
Let’s Talk: Unsere Kolleg*innen von Baumeister lud im Rahmen der MCBW zu einem Talk über kreative Stadtentwicklung und Zwischennutzung ein. Foto: Baumeister / Jessica Mankel

Dem Trading-Down-Effekt mit kreativer Stadtentwicklung entgegenwirken

Eine gute Stunde unterhielt sich unsere Kollegin Magdalena Schmidkunz mit Tina Zoch, Alexander Deubl und Konstantin Landuris über kreative beziehungsweise kulturelle Stadtentwicklung in München. Tina Zoch ist Projektleiterin bei der Münchner Gesellschaft für Stadterneuerung mbH (MGS), ein kommunales Unternehmen der Landeshauptstadt München, das im Bereich Stadtteilentwicklung tätig ist. Ein Projekt, das Tina Zoch unter anderem betreut, befindet sich im Münchner Osten, in Berg am Laim – einem Stadtteil, wo viele Läden schließen und sie Leerstände, Wettbüros oder Nagelstudios zurücklassen. Um dem Trading-Down-Effekt in Berg am Laim entgegenzuwirken, rief Tina Zoch und ihr Team das Projekt BAAAL ins Leben.

„Unfertige“ Viertel bieten mehr Platz für kreative Stadtentwicklung

BAAAL möchte Leerstände an Gewerbetreibende, Kreativschaffende und andere Engagierte für Zwischen- und Mehrfachnutzungen vermitteln. Das Ziel: das Stadtteilzentrum aufwerten und die Nutzungsdichte im Stadtteil erhöhen. Im Februar dieses Jahres startete BAAAL. Das erste Resümee? Es bleibt spannend. Laut Tina Zoch sind es dicke Bretter, die gebohrt werden müssen. Die Arbeit bestehe hauptsächlich darin, die Menschen vor Ort mitzunehmen und Vertrauen aufzubauen. Sie zeigen sich gegenüber kreativen Zwischen- und Mehrfachnutzungen oft skeptisch. Konzepte zu schreiben oder Kreative zu finden, die Lust auf die Bespielung von Räumen haben, stellen hingegen weniger ein Problem dar – auch wenn die meisten Künstler innerstädtische Quartiere erst einmal gegenüber dem Stadtteil Berg am Laim bevorzugen. In diesem Fall versucht Tina Zoch zu vermitteln: „In einem Viertel, das noch nicht ‚fertig‘ ist, kann man sich vielleicht besser ausleben und viel, viel mehr gestalten“, so Tina Zoch.

Blick auf leere Bänke und Sessel auf einem Teppich vor einer Betonwand. Die Gesprächsrunde über kreative Stadtentwicklung fand im „Komitee“ statt, eine Kneipe in der Münchner Maxvorstadt. Foto: Baumeister / Jessica Mankel
Die Gesprächsrunde fand im „Komitee“ statt, eine Kneipe in der Münchner Maxvorstadt. Foto: Baumeister / Jessica Mankel

Super+ mietet knapp 200 Ateliers in München

Zwischen der Arbeit von Tina Zoch und der von Alexander Deubl und Konstantin Landuris gibt es einige Parallelen: Auch Alexander Deubl und Konstantin Landuris leiten Zwischennutzungsprojekte in München. Sie gründeten gemeinsam mit Christian Muscheid im Jahr 2012 das Kollektiv Super+. Ihr erstes Projekt war eine leerstehende Tankstelle aus den 60er-Jahren, die Super+ ein Jahr lang mit Vernissagen, Modeschauen und Installationen bespielte. Kurz darauf mietete das Kollektiv sieben Ateliers zur Zwischennutzung in der Frauenhoferstraße. Nach einem Jahr mussten die Künstler allerdings die Räumlichkeiten verlassen. Seitdem vergrößerten sich die Zwischennutzungsprojekte nach und nach. Heute sind es knapp 200 Ateliers in der Landeshauptstadt, die Super+ mietet und verwaltet. Damit ist Super+ einer der größten Atelierbetreiber Münchens. Die Häuser befinden sich am Schwabinger Tor (@TROPICA und @schwabingertor), im Gesundheitshaus an der Dachauerstraße (@KUNSTLABOR 2) und in Moosach (@MichaelUnholzer).

Mit den vielen Projekten schuf sich Super+ einen Namen in München und Vertrauen bei privaten Eigentümern. „Inzwischen kennen uns manche Leute und fragen uns, ob wir nicht eine Zwischennutzung in Gebäude X planen möchten“, so Konstantin Landuris, ein Gründer von Super+ und freischaffender Innenarchitekt. Das ist jedoch nicht die Regel. Zu den meisten Immobilien gelangte Super+ auf „herkömmliche“ Weise. Die alte Trachtenfabrik in Moosach, das Atelierhaus @MichaelUnholzer, fanden die drei zum Beispiel über die Plattform ImmoScout.

Blick in die Gesprächsrunde über kreative Stadtentwicklung in einer Bar, mehrere Menschen sitzen im Kreis zusammen. Die Gesprächspartner waren Tina Zopf (MGS), Alexander Deubl und Konstantin Landuris (Super+). Foto: Baumeister / Jessica Mankel
Zwei der Gesprächspartner waren Tina Zoch (MGS) und Konstantin Landuris (Super+). Foto: Baumeister / Jessica Mankel

„Gebäude stehen lieber leer, bevor man sie vermietet“

Grundsätzlich sei es nicht einfach, Eigentümer von einer Zwischennutzung zu überzeugen, berichten Konstantin Landuris und Alexander Deubl. Meist haben Eigentümer Angst, dass genutzte Immobilien beim Verkauf zu Problemen führen; dass Kreativschaffende Räume beschädigen oder sich am Ende weigern, aus den Häusern zu ziehen.

Eine Lösung wäre, dass die Stadt leerstehende Räume selbst mietet und sie an Kreativschaffende und Gewerbetreibende untervermietet. Denn der Stadt oder einem städtischen Unternehmen wie der MGS vertrauen Eigentümer vielleicht eher als einem Zusammenschluss an Künstlern. Doch der MGS fehle hier leider der Spielraum, bedauert Tina Zoch. Und so bleiben Gebäude lieber leer stehen, bevor man sie vermietet.

„In der direkten Nachbarschaft ist man erstmal nicht so happy“

Eine absurde Realität: In einer Stadt wie München, in die jedes Jahr um die tausend Menschen ziehen und weitere tausend auf der Straße leben, stehen Gebäude leer. Die Frage, ob MGS als städtisches Unternehmen auf mehr Daten zurückgreifen kann, um Leerstände zu identifizieren und sie gegebenenfalls an Künstler zu vermitteln, verneint Tina Zoch. MGS könne Eigentümernamen abfragen, jedoch seien dort keine Kontaktdaten hinterlegt. Auch wisse die Stadt München nicht, welche Gebäude leer stehen. „Die Stadt versucht gerade, ein Leerstandskataster aufzubauen. Allerdings kann so ein Kataster nie die Gleichzeitigkeit in einem Stadtgebiet abbilden. Innerhalb weniger Tage können sich die Nutzungen verändern“, so Tina Zoch.

Doch auch wenn die Stadt wissen würde, wo sich die Leerstände befinden, und Eigentümer einer kreativen Nutzung gegenüber aufgeschlossen wären, dauert es, bis die Atelierhäuser von den Menschen vor Ort angenommen werden. „In der direkten Nachbarschaft ist man erstmal nicht so happy, weil man sich zum Beispiel von abendlichen Arbeiten und Feiern belästigt fühlt“, erzählt Alexander Deubl. Bei der Trachtenfabrik in Moosach nutzen inzwischen aber auch viele Moosacher die Ateliers und die Bäckerin von gegenüber kennt die Künstler als Stammgäste. Eine starke Vernetzung der Atelierhäuser mit den Stadtteilen finde aber eher weniger statt, so Konstantin Landuris. Das liegt auch daran, dass die Atelierhäuser nicht immer ein Café besitzen oder viele Events veranstalten.

Blick von der Terrasse in eine Bar, in der die Gesprächsrunde über kreative Stadtentwicklung stattfindet. Im Vordergrund liegt ein Hund. Die Gesprächspartner Tina Zopf (MGS), Alexander Deubl und Konstantin Landuris (Super+). Foto: Baumeister / Jessica Mankel
Dritter Gesprächspartner war Alexander Deubl von Super+. Foto: Baumeister / Jessica Mankel

Wie können Akteure der kreativen Stadtentwicklung diverser werden?

Auch Tina Zoch berichtet, dass man oft seine „Bubble hinter sich herziehe“ und es oft schwierig sei, Menschen vor Ort für wirklich neue Ansätze zu begeistern. „Ich habe wirklich das Gefühl, es funktioniert nur über den persönlichen Kontakt. Man muss die Leute richtig gut kennenlernen, damit sie bei Projekten mitmachen. Das ist sehr zeitaufwendig“, so Tina Zoch. Und trotzdem ist die Arbeit wichtig. Denn Räume oder Förderungen für kreative Nutzungen werden oft „immer an dieselben“ vergeben. Hier stellt sich die Frage: Wie können Akteure der (kreativen) Stadtentwicklung diverser werden?

„Besonders viel Spaß macht es, wenn man sieht, welche Perlen entstehen“

Die Stadt München startet derzeit unter Federführung des Kompetenzteams Kultur- und Kreativwirtschaft ein Pilotprojekt mit dem Namen „Munich Creative Heart Beat“ durch. Das Projekt beschränkt sich auf das Gebiet innerhalb des Altstadtrings und soll neue Vergabe- und Förderverfahren für Zwischennutzungen testen und so auch ganz neue Akteure ansprechen. Auch sollen Künstler Umbauförderung oder individuelle Projektkosten leichter erhalten. Denn aktuell verhindern strenge Förderungsvorgaben teils die Unterstützung von Kreativschaffenden. Zum Beispiel greife die Atelierförderung der Stadt München nicht, wenn der Quadratmeterpreis zu hoch oder die Dauer des Mietvertrags – oft sind Zwischennutzungsprojekte auf ein Jahr beschränkt – zu kurz sind, berichten Alexander Deubl und Konstantin Landuris. Was helfen würde, wäre ein Fördertopf, der – mehr nach Gießkannenprinzip – Künstlern schnelle Unterstützung bietet.

Förderungen organisieren, Mietverträge unterschreiben, mit Eigentümern und Nachbarn diskutieren … Die Arbeit von Tina Zoch, Alexander Deubl und Konstantin Landuris klingt auf dem ersten Blick nicht nach kreativer Entfaltung. Ein Großteil ihrer Arbeit besteht im Organisieren und Verwalten. Ist die kreative Stadtentwicklung überhaupt kreativ? „Jedes Stadtteil braucht eine eigene Strategie und individuelle Lösungen. Stadtteile lassen sich nicht am Reißbrett entwickeln. Aber genau das macht die Arbeit spannend und kreativ“, findet Tina Zoch. Auch Alexander Deubl empfindet die Arbeit als sehr kreativ. Besonders viel Spaß mache es, wenn man sieht, welche „Perlen“ entstehen.

Ebenfalls relevant für Stadtentwicklung: die Mobilität der Zukunft. Diesem Thema widmen wir dieses Jahr drei ganze Ausgaben. Worum es in der dritten und finalen Ausgabe geht, erfahren Sie im Editorial. Das Hefte der Serie zu Stadtmobilität erhalten Sie in unserem Shop.

 

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