29.06.2022

raumzeug
Spezial | Parklets

Temporäres Stadtmobiliar: Die Verwaltung und ihr neues Spielzeug

von Theresa Ramisch
Blick auf einen Schanigarten aus Holz mit mehreren Tischen und Bänken, der in einer Straße in einer Stadt steht, ein Beispiel für temporäres Stadtmobiliar. In vielen Münchner Straßen finden sich inzwischen Schanigärten. Foto: Burkhard Mücke, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
In vielen Münchner Straßen finden sich inzwischen Schanigärten. Foto: Burkhard Mücke, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Barcelona und die Superblocks, Berlin und die Kiez-Parklets, Mailand und das Projekt Strade Aperte, München und der Schanigarten: Immer mehr kommunale Verwaltungen fördern und unterstützen aktiv temporäre Stadtmobiliarprojekte – und das oft mit viel Beteiligung. Klingt erst einmal super, ist es aber nicht per se. Stadträume könnten durch temporäres Stadtmobiliar bzw. dessen Förderung auch ihre Qualitäten verlieren.

Die Münchner Schanigärten durften nach dem entsprechenden Stadtratsbeschluss 2021 noch bis Ende November stehen bleiben. Gleichzeitig sollen die Gärten aber auch künftig – immer von April bis Oktober – fester Bestandteil des öffentlichen Straßenraums werden. Ein Novum: Die zusätzlichen Freischankflächen auf öffentlichem Grund waren eigentlich als Notlösung für die in der Corona-Pandemie in Mitleidenschaft gezogene Gastronomie gedacht. Inzwischen sind sie fester Bestandteil der Münchner Straßenzüge. Im Übrigen ganz zum Leidwesen vieler Parkplatzsuchenden: Der Schanigarten steht in der Regel auf Parkplatzflächen (und/oder Gehwegen) und nimmt damit den entsprechenden Parkraum weg. In München kein einfaches Thema.

Schanigärten in München: Nicht mehr kostenfrei

Der Begriff und die Idee des Schanigarten an sich kommt ursprünglich aus Österreich und wird in München neuerdings wie selbstverständlich benutzt. Nach München zogen andere Städte mit der Sonderlösung nach (darunter beispielsweise auch Berlin) und ermöglichten so die Nutzung öffentlicher Geh- und Parkflächen zur Außenbewirtung – vorerst ohne weitere Sondernutzungsgebühren. In München ist das Ganze inzwischen nicht mehr kostenfrei: Laut muenchen.de (Stand 2021) müssen Gewerbetreibende bei Ersterlass eines Bescheides eine Verwaltungsgebühr in Höhe von 180 Euro zahlen, die nur während aktiven Corona-Restriktionen wegfällt. Zusätzlich muss eine jährliche Sondernutzungsgebühr gezahlt werden. Diese richtet sich „nach der jeweiligen Straßengruppe“. Gastronom*innen zahlen dann zwischen 16 und 77 Euro pro Quadratmeter. Bei einer durchschnittlichen Schanigartengröße von zwei Parkplätzen in Längsaufstellung (zwei Meter mal 5,70 Meter), also 22,8 Quadratmetern, ergibt das folglich eine jährliche Sondernutzungsgebühr zwischen 364,80 und 1 755,60 Euro pro Schanigarten.

Mit dem Münchner Stadtratsbeschluss für die wiederkehrenden Schanigärten sind diese ein interessantes Beispiel der Post-Corona-Stadt – sofern man bereits von dieser sprechen kann. Aus einer aus der Corona-Not geborenen Maßnahme verändert sich der Münchner Stadtraum mithilfe eines Eingriffs, der aktiv von der grün-roten Münchner Rathaus-Regierung gefördert wird. Diese wiederum setzt hiermit nicht nur ein Zeichen im Sinne temporären Stadtmobiliars, sondern definiert zugleich einen Meilenstein im Umgang der Verwaltung mit öffentlichen Pkw-Flächen.

Im Vordergrund ein pinker Kasten aus Spanplatten, an dem ein Plakat hängt, daneben ein Verkehrsschild, im Hintergrund ein Ziegelbau. Die Piazza Zenetti in München besteht inzwischen im fünften Jahr. Foto: Andreas Bohnenstengel, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons
Die Piazza Zenetti in München besteht inzwischen im fünften Jahr. Foto: Andreas Bohnenstengel, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons

Temporäre Möblierung als neue Planungsmethode

Das urbane Phänomen des temporären Stadtmobiliars ist kein neues. Wir verstehen darunter sämtliche Möblierung im Stadtraum, die sich für einen befristeten Zeitraum auf privaten, halböffentlichen und öffentlichen Flächen befindet. Das Spannende: In der vergangenen Zeit hat sich der Umgang der verschiedenen Akteur*innen mit temporärem Stadtmobiliar massiv verändert. Wo früher in Eigenregie Privatpersonen oder Initiativen den Stadtraum veränderten, da greifen nun neue Mechanismen – angeführt mitunter durch die lokalen Planungsabteilungen. Schanigärten sind da nur ein Beispiel – ebenso wie die Parklets in Berlin, die Superblocks in Barcelona oder die Strade Aperte in Mailand. All diese Projekte verbindet, dass sie in ihrem Grundaufbau keine permanenten räumlichen Gestaltungen sind, theoretisch von heute auf morgen wieder abgebaut werden könnten und – eben – von der lokalen Planungsbehörde aktiv gefördert werden.

Felix Lüdicke vom Münchner Planungsbüro raumzeug bestätigt im Gespräch diesen Eindruck: „Temporäre Möblierung, die in Eigenregie aufgestellt wird – die gibt es schon immer. Aber neu ist, dass die öffentliche Hand temporäres Stadtmobiliar als Gestaltungsmittel bewusst einsetzt und explizit genehmigt.“ Viele Projekte dieser Art wären vorher unter dem Radar gelaufen und seien von den Bewohner*innen akzeptiert worden, so der Landschaftsarchitekt. „Projekte mit diesem Charakter fanden in Deutschland weniger in engen und dichten Städten statt, sondern vielmehr dort, wo Platz war – beispielsweise in ostdeutschen Städten mit mehreren Brachen. Die Idee, dass durch temporäre Möblierung Aneignung entsteht, die gibt es schon lange; dass sie aber als Planungsmethode eingesetzt wird, das ist neu“, so Lüdicke.

Piazza Zenetti: Vier Jahre Überzeugungsarbeit

Felix Lüdicke verantwortet gemeinsam mit seinem raumzeug-Kollegen Johann-Christian Hannemann seit 2018 das (semi-)temporäre Projekt der Piazza Zenetti im Münchner Schlachthofviertel. Sie entwickelten im Auftrag des Münchner Planungsreferats den Zenettiplatz vom trostlosen Parkplatz ohne Aufenthaltsqualität zu einer Mobilitätsstation samt temporärem Nachbarschaftstreff. Inzwischen besteht die Piazza Zenetti im fünften Jahr. Diese Zeit war auch nötig, um den lokalen Bezirksausschuss sowie viele Kritiker*innen von der Idee zu überzeugen. Hannemann und Lüdicke führten regelmäßig Gespräche darüber, ob der Platz überhaupt genutzt wird und zehn Parkplätze nicht sinnvoller wären. Gleichzeitig bekamen die Planer am Platz immer wieder „Gentrifizierungs“-Kritik zu hören, dass sie das Funktionieren der Piazza inszenieren würden und die Nachbar*innen den Platz gar nicht nutzten.

Kritische Stimmen gibt es weiterhin, gleichzeitig hat sich die Piazza Zenetti im direkten Umfeld des jüngst eröffneten Volkstheater München (mehr zu der Architektur von Lederer Ragnarsdóttir Oei bei unseren Kolleg*innen von Baumeister) aber auch als öffentlicher Freiraum etabliert. Neben den Schanigärten ist damit auch die Piazza Zenetti ein gutes Beispiel für die neue Offenheit der Münchner Verwaltung, temporäre Stadtmobiliarprojekte aktiv zu fördern, anzustoßen und deren Entwicklung sowohl den beauftragten Planer*innen als auch den lokalen Akteur*innen wie Bezirksausschuss und Anwohner*innenschaft zu überlassen.

Blick auf Parklets aus Holz und orange lackiertem Metall in einer Straße in einer Stadt. Ein weiteres Beispiel für temporäres Stadtmobiliar: die Parklets in der Bergmannstraße in Berlin. Foto: Fridolin freudenfett, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Ein weiteres Beispiel für temporäres Stadtmobiliar: die Parklets in der Bergmannstraße in Berlin. Foto: Fridolin freudenfett, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Verwaltungstechnisches Neuland

Auf die Frage, worauf die zunehmende Zahl temporärer Stadtmobiliarprojekte mit kommunaler Unterstützung zurückzuführen ist, sagt Felix Lüdicke: „Das ist eine Mischung aus mehreren Entwicklungen. Ich sehe den Ursprung der Projekte in der Kunst und Kultur. Der Installationsbegriff kommt aus der Kunst. In Land Art, Public Art, aber auch in der Street Art lassen sich viele Vorbilder für eine ausdrucksstarke, raumwirksame Herangehensweise finden: bunte, auffällige, knallende Werke. Die Idee der Zwischennutzung kommt wiederum aus der Kultur. Früh fand man hier innovative Ideen für Brachen und Leerstände. Aber nicht nur der Umgang mit Flächen, sondern auch die Entwicklungsprozesse wirkten sich auf die planenden Disziplinen und deren Umgang mit Projekten aus.“ Dieser sei heute damit wesentlich partizipativer.

Gerade in den Verwaltungen sei man mutiger geworden, so Lüdicke: „Temporäre Projekte brauchen mehr Mut, weil es hier keine etablierten Verfahren gibt. Man muss die starren Prinzipien von Wartung und Haftung verlassen und begibt sich auf verwaltungstechnisches Neuland.“ Das alles, kombiniert mit einem verstärkten Demokratisierungswunsch und den Möglichkeiten „etwas verändern zu können“ seitens der Bevölkerung, fördere die steigende Anzahl temporärer Projekte, so Lüdicke.

„Der öffentliche Raum ist zum Streiten da“

Aus Perspektive von Felix Lüdicke muss man bei temporären Stadtmobiliarprojekten zwischen zwei Formen unterscheiden: zwischen a) der temporären Bespielung eines fertigen Raums – wo Nutzungen ausprobiert werden – sowie b) einer tatsächlichen temporären Installation als raumbildendem Element, die neben neuen Nutzungen auch neue Raumzusammensetzungen zeigt. Ein Beispiel für die Form a) wäre eine klassische Zwischennutzung, während die Piazza Zenetti unter b) falle, weil sie den Raum aktiv verändert. Beide Formen seien Experimente; bei beiden müsse aber immer entschieden werden, ob sie dauerhaft oder temporär seien.

Eine temporäre Installation kann laut Lüdicke niemals eine langfristige Gestaltung ersetzen. Jedoch könne sie den Weg dorthin gestalten. Und das ist laut Felix Lüdicke auch die große Chance temporärer Projekte. Sie ermöglichen allen voran eine öffentliche Diskussion sowohl über als auch im öffentlichen Stadtraum und damit eine Weiterentwicklung bestehender Strukturen. Man kriege niemals alle Beteiligten von den neuen Ideen überzeugt; darum ginge es aber auch gar nicht, so Lüdicke. Man könne durch temporäre Raumgestaltungen neue Optionen aufzeigen. Der öffentliche Raum übernehme mithilfe der Projekte wieder seine ursprüngliche Funktion – die des Diskussionsraums. „Es ist eine unglaublich wichtige Aufgabe des öffentlichen Raums, einen Ort zum Streiten zu haben“, so Felix Lüdicke. Eine weitere wichtige Chance wäre zudem, dass bei temporären Projekten Maßnahmen – wie beispielsweise die Gestaltung und Pflege von Hochbeeten – unmittelbar möglich seien und engagierte Anwohner*innen nicht fünf bis zehn Jahre warten müssen, um den Raum aktiv zu nutzen.

Gefahr: Bürger*innen als Planer*innen

Die Frage, ob temporäre Projekte politischen Entscheidungsträger*innen Hintertürchen offenließe, weil sie sich weder für noch gegen eine Baumaßnahme entscheiden müssen, verneint Felix Lüdicke im Gespräch mit G+L. Politische Diskussionen würden seiner Erfahrung nach durch den Beschluss für temporäre Projekte nicht leichter. Sie würden vielleicht sogar noch komplizierter, weil der Weg zur finalen Entscheidung länger und partizipativer sei, so der Landschaftsarchitekt.

Was er wiederum kritisch an den Projekten sehe, sei, wie klassische Gestaltungsaufgaben, für die Planer*innen ausgebildet und geschult werden, von den Verwaltungen an bürgerliche Initiativen oder Privatpersonen outgesourct werden. Das Ziel dabei: Kosten sparen. „Für die Gestaltung und Planung eines temporären Projekts braucht es Profis. Die Projekte, die durch bürgerliche Initiativen betrieben werden, suggerieren leicht, dass das jeder machen kann. Das stimmt aber nicht. Hinter jedem dieser Projekte steckt ein enormer Aufwand, Anträge und Genehmigungen, die man managen muss, aber eben auch die gestalterische Denkarbeit“, so Lüdicke.

Er beobachte, dass mehr und mehr Entscheidungsträger*innen aus Politik und Verwaltung aus Kostengründen auf das bürgerliche Engagement anstatt der planerischen Expertise zurückgreifen. Das führe zu viel Frustration bei den Bürger*innen, aber auch nicht zu den gewünschten Ergebnissen. Ergo: Der Stadtraum leide, weil der planerische und gestalterische Ansatz nicht ausreiche. Wenn man ein Projekt will, dann müsse man auch die Mittel hierfür zur Verfügung stellen. Gleichzeitig seien die Planer*innen hier in der Pflicht, für ihre Berufsprofession einzutreten und ihre Kompetenzen entsprechend zu verteidigen.

Kommt jetzt die Wende der europäischen Planungskultur?

In unserer November-Ausgabe 2021 konzentrieren wir uns auf die Sitzbank als Gestaltungsmöglichkeit intelligenter Planung. Die im Heft vorgestellten Projekte von Franz Reschke (Überlingen), relais (Koblenz- Asterstein), INCH Furniture (Lausanne), SWUP (Travemünde) und Topotek 1 (Paris) sind allesamt permanente Gestaltungen, die auf unterschiedlichen Wegen entstanden sind und bei denen weitestgehend – schon allein aufgrund der Arealgrößen – temporäre Maßnahmen als Entwicklungsstrategien so nicht oder nur in Teilräumen möglich gewesen wären.

Gleichzeitig lässt die Entwicklung hin zur proaktiven Förderung von temporären Projekten eine Wende im Umgang der Verwaltungen mit der Entwicklung ihrer öffentlichen Freiflächen vermuten, die man weder negieren noch kleinreden sollte. Denn hier liegt die Kompetenz der Planer*innen, die – sollte Felix Lüdicke mit seiner Befürchtung recht haben – ihnen aus Kostengründen schnell aus der Hand genommen werden könnte. Zudem kündigt sich mit einer steigenden Anzahl temporärer Beteiligungsprojekte auch eine tatsächliche langfristige Veränderung der Planungskultur in Europa an, für die wiederum Planer*innen die entsprechenden Qualifikationen im Bereich der Moderation und Partizipation mitbringen müssten. Soll heißen: In dem G+L-Heft stellen wir allein permanente Projekte ohne größere, vorhergegangene Partizipationsprozesse vor. In zwei Jahren könnte das aber schon ganz anders aussehen, und hierauf sollten wir vorbereitet sein.

Felix Lüdicke, unser Gesprächspartner

Felix Lüdicke studierte an der TU München mit Gastsemestern in Berlin und Kopenhagen und gründete 2008 das Künstlerkollektiv raumzeug mit Korbinian Lechner. Seit 2010 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU München am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur und öffentlichen Raum, Schwerpunkt: Künstlerische Intervention und Partizipation.

Die G+L 11/21 ist dem Stadtmobiliar-Klassiker schlechthin gewidmet: der Sitzbank. Welche Projekte wir Ihnen im Heft vorstellen, lesen Sie im Editorial von Chefredakteurin Theresa RamischDie November-Ausgabe 2021 finden Sie in unserem Shop.

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